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Jen Turano: In Good Company

turano-in-good-companyMillie Longfellow ist in einem Waisenhaus aufgewachsen und deshalb liegen ihr Kinder besonders am Herzen. Daher hat sie beschlossen, die beste Nanny zu sein, die die wohlhabenden Familien an der amerikanischen Ostküste je gesehen haben. Doch leider stößt ihre unkonventionelle Art bei ihren bisherigen Arbeitgebern nicht gerade auf Begeisterung, was auch der Grund dafür ist, dass sie bislang nie eine Stelle lange gehalten hat.
Everett Mulberry ist Junggeselle, hat aber nach dem unerwarteten Tod eines guten Freundes und seiner Frau deren drei Kinder geerbt. Und diese drei sind so wild, dass alle Kindermädchen schon nach kurzer Zeit die Flucht ergreifen. Als er beschließt, den Sommer mit seiner standesgemäßen Freundin in Newport zu verbringen, ist er wieder einmal verzweifelt auf der Suche nach einer Nanny.
Everett und Millie sind beide mit ihrem Latein am Ende, als die Mitarbeiterin der Arbeitsagentur ihnen eine letzte Chance gibt: miteinander. Während Millie sich rasch in den jungen Mann verliebt, bemüht sich Everett darum, die Erwartungen der guten Gesellschaft zu erfüllen und eine Dame aus guter Familie zu ehelichen.
Doch als er Zeit mit Millie und den drei Kindern verbringt und den verdächtigen Tod ihrer Eltern untersucht, beginnt er zu ahnen, dass zu einem guten Leben mehr gehört als Geld, eine Vernunftehe und die Anerkennung der Gesellschaft.

„In Good Company“ ist der zweite Band in Jen Turanos Reihe „A Class of Their Own“, die die Abenteuer der drei Freundinnen Hannah, Millie und Lucetta schildert – oder vielmehr wie sie ihren Platz im Leben und ihren „Prince Charming“ finden. Buch 1 – „Braut auf Zeit“ – schilderte die Geschichte von Hannah und war ganz offensichtlich inspiriert von „Pretty Woman“, der Geschichte einer jungen Frau, die zu einer niedrigen Gesellschaftsschicht gehört, dann aber von einem reichen Mann engagiert wird, seine Verlobte zu spielen – und natürlich endet das Ganze mit einem Happyend. Dieses zweite Buch ist deutlich angelehnt an Jane Austens Klassiker „Stolz und Vorurteil“ und nimmt auch Anleihen bei „Mary Poppins“ und klassischen Märchenelementen. Es wird aus der Perspektive der beiden Protagonisten erzählt; die einzige Ausnahme bildet der Epilog, der aus der Sicht des Reverends geschrieben ist und als Aufhänger für den Abschlussband der Trilogie dient.
Millie ist witzig, nicht auf den Mund gefallen und liebt Kinder über alles. Sie will ihnen das geben, was sie nie hatte: ein Zuhause, in dem sie geliebt werden, in dem sie geborgen sind und wachsen und sich weiterentwickeln können. Das einzige Problem ist, dass sie eine sehr unkonventionelle Art hat und ihre Methoden leider bei den dazugehörigen Eltern – die zur Oberschicht gehören – auf wenig Begeisterung stoßen, was der Grund dafür ist, dass sie wieder und wieder ihre Anstellung verliert. Und das Beste: Sie ist ein echter Bücherwurm, der sich ständig weiterbildet. Als sie ihre Anstellung bei Everett antritt und zur Sommerfrische nach Long Island reist, werden ihre Prioritäten deutlich: Zuerst packt sie ihre Lieblingswörterbücher ein, dann einen Thesaurus, ihre Bibel, einige von Shakespeares Werken und dann noch zwei Bücher von Jane Austen; und in die restlichen Lücken in ihrem Koffer steckt sie dann noch ein bisschen Kleidung. Eine solche literarische Figur muss man doch lieben, oder? Allerdings ist Millie in gesellschaftlicher Hinsicht natürlich nicht standesgemäß, als sie sich in Everett verliebt, aber sie ist die Frau, die er rein menschlich braucht. Denn sie ist ein Gegenüber, das ihn nicht nur ungeachtet seiner gesellschaftlichen Position liebt (im Gegensatz zu seiner Freundin, für die er ausschließlich aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung von Interesse ist), sondern an dem er sich auch „reiben“ kann, weil sie ihn zum Nachdenken bringt. Bis Everett dies aber erkennt und akzeptiert, geht allerdings eine Weile ins Land.
Everett hat seine drei Kinder nach dem unerwarteten Tod eines befreundeten Ehepaar geerbt, hat aber als Junggeselle wenig Ahnung, wie man mit den drei kleinen Teufelskerlen umgeht. Was auch der Grund dafür ist, dass ihm die Kindermädchen davonlaufen und seine Verzweiflung schließlich so groß ist, dass er Millie einstellen muss, um seine Freundin (und potenzielle Zukünftige) zur Sommerfrische nach Long Island zu begleiten. Doch durch den Kontakt mit Millie, die ihm unerwartet nicht den Respekt erweist, wie er dies gewohnt ist, sondern ihm ihre Meinung geradeheraus kundtut und ihn dadurch zum Nachdenken bringt, erkennt er, dass er in seinem Leben die falschen Prioritäten setzt. Dass Dinge wie Familie und ein gutes Lebensfundament wichtiger sind als der soziale Status und die Meinung der Mitmenschen. Es war schön, miterleben zu dürfen, wie er sich als Mensch in dieser Zeit weiterentwickelt und wie er wächst und – um mit Jane Austen  und „Stolz und Vorurteil“ zu reden – wie er sich an die Werte erinnert, die man ihm früher mitgegeben hat, und sich von einem überheblichen Snob in einen wahren Gentleman verwandelt, den Millie bereit ist zu heiraten.
Und wie in „Stolz und Vorurteil“, so gibt es auch in „In Good Company“ eine Antagonistin namens Caroline (hier allerdings nicht Bingley, sondern Dixon), und man spürt, dass Turano viel Freude hatte, eine so unangenehme Zeitgenossin zu schreiben. Sie ist hochmütig, berechnend, herzlos … Es macht wirklich Spaß, ihre Szenen zu lesen, weil man nie weiß, was sie nun wieder ausheckt. Und das Gute an der Geschichte: Turano nimmt auch diese Figur so ernst, dass sie ihr kein plattes Ende à la „Sie ist die Gegenspielerin, also wird sie mit einem schrecklichen Schicksal ‚belohnt'“ schenkt, sondern sie einfach das Leben leben lässt, das sie sich erwünscht hat – ohne die „Segnungen“, die eine echte Partnerschaft mit sich bringt.

Die Geschichte bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen humorvoll und irrwitzig und beschenkt den Leser mit vielen witzigen Dialogen und Szenen. Und da das Buch in einem konfessionellen Verlag erschienen ist, webt Jen Turano auch Glaubensdinge organisch in die Geschichte ein. Die Kinder und auch Millie beschäftigt die Frage, wie Gott den frühen Verlust ihrer Eltern zulassen konnte (die alte Frage „Wo ist Gott, wenn Menschen leiden?“), und vor allem Everett erfährt, welchen Unterschied ein Fundament des Glaubens in einer Ehe und in der Beziehung zu den (eigenen) Kindern macht, im Vergleich zu den Beziehungen, die er sonst in seinem gesellschaftlichen Umfeld sieht.

Mein Fazit: Ich habe das Buch mit großem Genuss gelesen und bin schon sehr gespannt, wie die Geschichte von Lucetta Plum, der letzten der drei Freundinnen, ausgehen wird!

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Melissa Jagears: Engaging the Competition

jagears-engaging-competitionKansas, 1901: Harrison Gray war bereits als Junge in Charlotte „Charlie“ Andrews verliebt. Doch da die Rancher-Tochter schon damals allen zu verstehen gab, dass sie durchaus in der Lage war, ihren „Mann“ zu stehen, beschloss er, dass sie wohl niemanden braucht. Schon gar nicht jemanden wie ihn, der aufgrund seiner starken Kurzsichtigkeit auf einer Farm sicher keine große Hilfe wäre.
Zehn Jahre sind seither vergangen, als Harrison nach seinem Studium als Lehrer in seine Heimatstadt zurückkehrt. Und wieder bewundert er Charlie aus der Ferne – bis ihm sein Pfarrer davon erzählt, dass das Mädchen in Kürze einen Nachbarn heiraten wird, dessen Brüder als Unruhestifter bekannt sind. Aus einem ihm unerfindlichen Grund fällt ihm die Aufgabe zu, Charlie von diesem Vorhaben abzubringen.
Unglücklicherweise findet dieses unangenehme Gespräch während eines Wirbelsturms statt, in dem Harrisons Brille zu Bruch geht. Charlie und der junge Lehrer sind sich in wenigen Dingen einig, dennoch erklärt sie sich bereit, ihm beim Unterrichten zur Seite zu stehen, bis seine neue Brille eintrifft. Doch in zwei Wochen kann viel passieren …

„Engaging the Competition“ ist, falls ich mich nicht irre, die erste Geschichte von Melissa Jagears, die ich gelesen habe, und sie war auch wirklich unterhaltsam und kurzweilig.
Charlie ist einerseits eine etwas nervtötende Frauenfigur: Sie ist die Tochter eines Ranchers und kann schon seit ihrer Kindheit reiten, schießen und mit den Nutztieren umgehen, und zwar nicht weniger gut als die Männer. Das führt dazu, dass alles für sie ein Wettbewerb ist, ein Wettbewerb, in dem sie immer gewinnen muss. Und dass sie besser ist, lässt sie auch alle spüren. Was wiederum dazu führt, dass sie keine Freunde hat und als Fünfundzwanzigjährige noch unverheiratet ist.
Andererseits ist sie auch sehr sympathisch. Vor einem Jahr ist ihr Vater verstorben und seither kümmert sie sich eigenverantwortlich um die Farm. Und das, obwohl ihre Mutter so sehr unter dem Verlust ihres Mannes leidet, dass sie sich weigert, dessen Tod überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Außerdem macht ihr ein Nachbar das Leben schwer, indem er ihr die Arbeitskräfte abspenstig macht und Vieh stiehlt. Daher beschließt sie, zu tun, was sie tun muss, um die Farm zu retten: Sie will einen Bruder des verhassten Nachbarn heiraten.
Doch dann kehrt nach jahrelanger Abwesenheit Harrison Gray in seine kleine Heimatstadt zurück, Harrison, in den sie schon während ihrer Schulzeit verliebt war, der jedoch nach einem verlorenen Schießkampf auf Distanz gegangen war. Harrison ist auch derjenige, aus dessen Perspektive die Geschichte hauptsächlich erzählt wird. Im Gegensatz zur „anpackenden“, bodenständigen Charlie ist er ein echter Bücherwurm, der stark kurzsichtig und ohne seine Brille aufgeschmissen ist. Er ist zwar keine Damsel in Distress (dazu gibt es zu wenig „distress“), aber das eine oder andere Mal hatte ich so meine Probleme, ihn ernst zu nehmen. Gewöhnlich begegnen uns in solchen historischen Liebesromanen ja „richtige“ Kerle, und diesem Bild entspricht Harrison definitiv nicht. Aber nichtsdestotrotz ist er ein sympathischer Held.
Großes Thema dieser Kurzgeschichte ist sicher „Kommunikation“ – wir haben hier zwei Protagonisten, die sich schon in ihrer Jugend überaus sympathisch waren, aber nie miteinander darüber gesprochen haben. Und weil sich auch Jahre später nichts daran geändert hat, kommt es zu einer Reihe von Missverständnissen. Nicht nur, dass sie so nichts von der Zuneigung des jeweils anderen erfahren. Sie erfahren auch nichts davon, dass ihr Gegenüber eben nicht nur ein Bücherwurm ist bzw. einen guten Grund hat, eine Vernunftehe einzugehen.

Fazit: Eine geradlinige Kurzgeschichte, die sich nicht in irgendwelchen Nebensächlichkeiten verliert. Mit Protagonisten, die genügend Mängel haben, um glaubwürdig zu sein.

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Colm Tóibín: Brooklyn

toibin-brooklynIrland um 1950: Die junge Eilis Lacey lebt mit ihrer verwitweten Mutter und ihrer großen Schwester Rose in Enniscorthy im Süden Irlands. Viele junge Iren zieht es aufgrund der schlechten Wirtschaftslage ins Ausland, so auch Eilis‘ drei Brüder, die in England leben. Die junge Frau arbeitet am Wochenende in einem örtlichen Geschäft und steuert so etwas zum Lebensunterhalt der Familie bei. Da eröffnet sich ihr durch die Vermittlung ihrer Schwester und eines katholischen Priesters die Möglichkeit, nach Amerika auszuwandern, um in Brooklyn eine Anstellung in einem großen Kaufhaus anzutreten.
Die Anpassung fällt ihr schwer, das Heimweh ist groß, und der Entschluss, in der Abendschule eine Ausbildung zur Buchhalterin zu machen, hilft ihr nur wenig darüber hinweg. Bis sie auf einem irischen Tanzabend Tony begegnet. Mit dem jungen Italiener an ihrer Seite lernt sie die Stadt kennen, erlebt Dinge, die sie vorher noch nicht erlebt hat, und plötzlich sieht ihre Zukunft gar nicht mehr so trüb aus.
Da ruft eine tragische Nachricht sie zu ihrer Mutter nach Südirland zurück. Und in der vertraut-fremden Heimat trifft sie Jim, der ihr eine Zukunft in Irland anbietet. Eilis muss sich entscheiden.

Auf den Roman des irischen Erfolgsautors Colm Tóibín bin ich über die gleichnamige Verfilmung nach einem Drehbuch von Nick Hornby gestolpert. Ich musste beim Lesen feststellen, dass sich beide wunderbar ergänzen – Passagen, bei denen ich im Buch das Gefühl hatte, dass der Autor (absichtlich?) Fragen offen lässt oder auf Erklärungen verzichtet, werden im Film durch ganz simple Dialoge oder Szenen beantwortet. Saoirse Ronan liefert dem Zuschauer im Film eine großartige Eilis, und Emory Cohen spielt den Italiener Tony so toll, dass er diesen zu einer meiner liebsten Protagonisten gemacht hat. Deshalb seht es mir nach, wenn im Folgenden Buch und Film vielleicht das eine oder andere Mal ineinanderfließen.
Der Roman besteht aus vier Teilen: Teil 1 schildert die Vorgeschichte in Enniscorthy bis zur Ankunft in Amerika. Teil 2 schildert, wie Eilis in der neuen Heimat ankommt und sich einlebt, ihr Lebensmittelpunkt ist aber weiterhin primär die irische Gemeinde. In Teil 3 wird Eilis zunehmend selbstbewusst und selbstbestimmt – und sie lernt Tony kennen und lieben. Teil 4 führt sie schließlich wieder nach Hause und stellt sie vor eine Entscheidung.

Die junge Eilis fühlt sich in ihrer irischen Heimat etwas einsam und fremd. Ihre Brüder sind zum Arbeiten nach England gegangen und schicken hin und wieder etwas Geld, und im Gegensatz zu ihr wird ihre etwa dreißigjährige Schwester Rose von allen geliebt; sie arbeitet recht erfolgreich in ihrem Beruf als Buchhalterin, ist eine ausgezeichnete Golfspielerin, ist wunderschön und versteht sich darauf, Menschen kennenzulernen. Eilis ist im Gegensatz dazu eher ein Mauerblümchen – ohne richtige Anstellung, mit nur zwei oder drei Freundinnen, ohne Freund. An den Wochenenden geht sie aus, am Sonntag in die Messe – aber ein Lebensziel hat sie nicht. Und es ist bezeichnend, dass nicht sie den Entschluss fällt, aus beruflichen Gründen nach Amerika zu gehen, sondern ihre Schwester Rose. Da Eilis sich aber im Stillen nach mehr sehnt, willigt sie ein, obwohl das in der damaligen Zeit bedeutet, dass ihre Schwester für immer unverheiratet bleiben und sich um ihre Mutter kümmern wird. Aber dass Rose bereit ist, dieses Opfer zu bringen, wird Eilis erst später klar.
Das Leben in Brooklyn soll nach Eilis‘ Willen so weitergehen wie ihr Leben in Irland: Sie arbeitet fleißig, geht zur Messe und hilft in der Gemeinde aus; den Mut, sich auf Neues einzulassen, hat sie zunächst nicht. Da sie ein stiller Mensch ist und niemanden an sich heranlässt, fällt sie in ein tiefes Loch und wird heimwehkrank. Und erneut kommt ihr der katholische Priester zu Hilfe, als er ihr die Möglichkeit eröffnet, zur Abendschule zu gehen und dort eine Ausbildung zur Buchhalterin zu machen. Dadurch wächst ihr Selbstbewusstsein, und spätestens als sie auf einem irischen Tanzabend den jungen Tony kennenlernt, beginnt ihre Integration wirklich.
Tony ist italienischer Abstammung; ein italienischer Einwanderer in zweiter Generation, der sich seinen Lebensunterhalt als Klempner verdient. Und eine unglaublich sympathische literarische Figur! Für Tony ist auf den ersten Blick klar, dass Eilis die Frau seines Lebens ist, und so tut er auf seine ganz feine Art alles, um um sie zu werben: Er holt sie von der Abendschule ab und bringt sie nach Hause, geht mit ihr tanzen, lädt sie ins Kino ein …

„Warten Sie mal. Er nimmt Sie nicht mit zu Trinkgelagen mit seinen Freunden und lässt Sie dann bei den Mädchen sitzen?“
„Nein.“
„Er redet nicht die ganze Zeit über sich selbst, wenn er Ihnen nicht gerade erzählt, wie großartig seine Mutter ist?“
„Nein.“
„Dann halten Sie ihn bloß fest, Schätzchen. Einen zweiten wie den finden Sie nicht. Vielleicht in Irland, aber nicht hier.“
(Seite 173)

Das rät Eilis zumindest ihre Vorgesetzte. Und tatsächlich gesteht Tony ihr auch wenig später seine Liebe. Eilis zögert allerdings. Wenn sie dieses Gefühl zulässt, bedeutet dies auch, dass sie bereit ist, ihre irische Heimat für immer hinter sich zu lassen. „Tony hat mir dabei geholfen, daran zu glauben, dass ich hier leben kann. Bevor ich ihn kennengelernt habe, konnte ich mir das nicht vorstellen. Mein Körper war hier, aber mein Leben war noch in Irland bei euch. Jetzt ist es schon halb über den Ozean. Das ist immerhin etwas, oder nicht?“, schreibt sie im Film an ihre Schwester Rose. Sie ist also dabei, sich endgültig von ihrer irischen Heimat „abzunabeln“.
Doch dann wird Eilis‘ Entscheidung für Amerika und für ihre Unabhängigkeit auf die Probe gestellt: Sie bekommt eine traurige Nachricht aus Enniscorthy und kehrt für einen Besuch dorthin zurück. Und die Vertrautheit und das Gefühl, daheim zu sein, ist gleich wieder da. Doch gleichzeitig ist vieles dort plötzlich ganz alles anders als früher. Sie ist nicht mehr dieselbe, die vor einem Jahr nach Brooklyn gegangen ist. Sie ist selbstbewusster, unabhängiger, reifer, offener – und das spüren die Menschen. Ihre Mutter beispielsweise, die möchte, dass Eilis in Irland bleibt, damit für sie – die Mutter – gesorgt ist. Ein örtlicher Arbeitgeber merkt dies und bietet ihre eine Anstellung an.
Und die Männer spüren es. Sie lernt Jim kennen, einen jungen Iren, der zu ihrem Freundeskreis gehört – und verliebt sich in ihn. Jetzt steht sie ein weiteres Mal vor einer Entscheidung: Wird sie die Vertrautheit wählen, die alte Heimat; wird sie das tun, was „man“ (ihre Familie, ihre Freunde, die Nachbarn) von ihr erwartet, weil es sicher und vorhersehbar ist? Oder wird sie sich für Tony entscheiden, für ihr neues Leben, für die andere Eilis, die unabhäniger ist, die bereit ist, das Abenteuer anzunehmen und in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen? Eine sehr unangenehme Begegnung mit ihrer ehemaligen Arbeitgeberin in Enniscorthy führt ihr vor Augen, was sie tun muss …
Doch die Entscheidung ist gar nicht so einfach. Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern und Filmen ist hier keiner der beiden Männer der Richtige oder der Falsche. Beide könnten der Richtige sein – denn sie stehen für zwei unterschiedliche Lebensentwürfe, zwischen denen Eilis sich entscheiden muss. Und wenn man erwachsen wird (werden will), dann gehört dazu die Erkenntnis, dass man im Leben Entscheidungen treffen muss, Entscheidungen, denen man treu bleiben muss. Und mit jeder Entscheidung für eine Richtung schließt sich die Tür zu einer anderen Richtung.
Wie sie sich entscheidet, werde ich natürlich nicht verraten, aber ich fand diesen Roman, die Geschichte von Eilis sehr lebensnah. Das eine oder andere Mal dachte ich beim Lesen: Das kenne ich! So geht es mir auch! Und es kommt mir so vor, als würde die Geschichte von Eilis auch dem Leser, der sich mit ihr identifizieren kann, dabei helfen, sich auf das Ungewisse einzulassen. „Brooklyn“ erzählt eine universelle Geschichte: dass man die (innere) Heimat verlassen muss, um die eigene (innere) Heimat zu finden. Auch der Leser kennt diese Sehnsucht nach mehr, nach einem erfüllten Leben, wie man es bei Eilis sehen kann. Und wie Eilis versucht man, diese Sehnsucht mit Erfolg im Job, einem Lebenspartner, dem Engagement für eine Organisation u. a. zu stillen. Und man ist immer wieder versucht, sich auf das Vertraute, Vorhersehbare zu beschränken, weil es eben sicher ist.

Mein Fazit: Lesen! Unbedingt! Und der Film ist sowieso Pflicht!