Veröffentlicht in Belletristik

Jen McLaughlin: Between us

Mackenzie Forbes ist mit Anfang zwanzig eine erfolgreiche Countrysängerin, studiert nebenbei aber noch Psychologie. Sie hat schon viel erlebt in ihrem Leben: Mit 17 wurde sie berühmt, ihre Mutter hat einen Teil ihres Vermögens mit Drogen durchgebracht, was zu einer Scheidungsschlacht mit Macs Vater führte, der aber wenig später schon bei einem Unfall ums Leben kam.
Und weil sie bereits zwei schreckliche Erfahrungen mit (potenziellen) Freunden und Paparazzi hinter sich hat, will sie während des Spring Break unerkannt in Key West dafür sorgen, dass ihre Jungfräulichkeit Geschichte ist, ohne dass die Presse davon Wind bekommt.
Austin ist Mitte zwanzig und hat ebenfalls eine schreckliche Kindheit hinter sich: Sein Vater war Alkoholiker, misshandelte Frau und Kinder und war für den Tod der Mutter verantwortlich. Nun trägt Austin seit vielen Jahren die Verantwortung für seine jetzt 16-jährige Schwester. Als Barkeeper sorgt er für den Unterhalt seiner kleinen „Familie“.
Doch er kann es kaum glauben, als eines Tages die berühmte Sängerin Mackenzie Forbes vor ihm steht und ihm zu verstehen gibt, dass sie eine Nacht mit ihm verbringen will …

„Between us“ ist Band 1 einer Trilogie mit dem Titel „Sex on the Beach“ zu der drei unterschiedliche Autorinnen eigene Geschichte aus demselben „Universum“ beitragen: Jen McLaughlin (Band 1: Between us; 148 Seiten), Jennifer Probst (Band 2: Beyond me) und Jenna Bennett (Band 3: Before you). Die Kurzgeschichten erzählen die Love Storys dreier Freundinnen, die sich während des Spring Break in Florida amüsieren und unverbindlichen Sex haben wollen. Dass alle drei dabei die große Liebe finden, versteht sich an dieser Stelle von selbst und muss wohl nicht explizit erwähnt werden. Und dass die Figuren nur eindimensionale Schönheiten sind, vermutlich auch nicht.

Band 1 handelt von Mackenzie Forbes, die nach dem Rosenkrieg ihrer Eltern und dem frühen Unfalltod ihres Vaters allein dasteht. Sie hat als Fünfzehnjähre die TV-Sendung Who Sings It Best gewonnen, ihre ersten Musikvideos mit 16 gemacht und ist seither ein erfolgreicher Countrystar – oder auch: America’s Sweetheart. Obwohl sie in ihren Videos nicht allzu zugeknöpft auftritt, ist sie mit 21 immer noch Jungfrau. Ihr Vater hat ihr schon früh eingebläut, wie wichtig ihr Image für das Musikbusiness ist: Never step out of line. Never get caught doing something bad. And never misbehave in public. Schon zweimal hat sie versucht, ihrer Jungfräulichkeit „abzuhelfen“, doch beide jungen Männer haben sie für Geld und Ruhm an die Presse verraten, sodass eigentlich niemand auf den Gedanken kommt, dass sie noch unberührt ist.
Doch jetzt hat sie beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Sie hat ihre zwei besten Freundinnen eingeladen, während des Spring Break mit ihr nach Florida zu reisen – und dort will sie sich (mit gefärbten Haaren, um unerkannt zu bleiben) für einen unverbindlichen One-Night-Stand einen gut aussehenden Mann suchen. Ihre Wahl fällt auf Austin Murphy, der – rein äußerlich – das genaue Gegenteil von ihr ist: groß, muskulös und tätowiert. Eben ein echter Badboy.
Doch Austin ist nicht nur Barkeeper, sondern auch Sänger, und natürlich erkennt er Mackenzie sofort, verrät ihr dies jedoch nicht. Wie sie hat auch er eine schwierige Kindheit und Jugend hinter sich – sogar noch schlimmer als Mackenzie: Sein Vater war ein Schläger und Säufer, der die Schuld am Tod der Mutter trägt. Als er nicht nur Austin verprügelte, sondern auch dessen jüngere Schwester Rachel, setzte dieser sich zur Wehr. Das Ganze eskalierte schließlich im Selbstmord des Vaters, der sich vor den Augen von Rachel eine Kugel in den Kopf gejagt hat – nicht ohne vorher auf sie zu schießen. Da sie damals erst 14 Jahre alt war, kümmert er sich seither um sie. Er hat die Schule abgebrochen, seinen Traum, Sänger zu werden, an den Nagel gehängt und jobbt als Barkeeper in Key West. Trotz all meiner Kritikpunkte an dieser Geschichte konnte ich Ashton durchaus auch sehr positive Seiten abgewinnen. Als es nämlich darum geht, ob er ein gemeinsames Leben mit Mackenzie in Betracht zieht, macht er ihr sofort deutlich, dass seine Schwester für ihn Priorität hat und dass er nicht bereit ist, sie (erneut) aus der gewohnten Umgebung zu reißen.
Als die berühmte Countrysängerin Mackenzie Forbes vor ihm steht und ihm Avancen macht, kann er dennoch sein Glück kaum fassen. Zwar kommt es zum obligatorischen Missverständnis, als sie erfährt, dass Austin ihre Verkleidung durchschaut hat, aber sie beschließt, ihm dennoch zu vertrauen – und ihre Jungfräulichkeit an ihn zu verlieren. In der ersten Nacht lehnt er ihr Angebot heldenhaft ab, denn sie hat schon ein paar Cocktails intus, und er will ihre Willigkeit nicht auszunutzen. In der zweiten Nacht geschieht es dann aber. Und natürlich ist der Sex weltbewegend, Sterne explodieren vor ihren Augen (nope, das habe ich mir nicht ausgedacht – steht so im Buch), und die Nacht ist viel zu kurz für all das, was die beiden alles tun wollen. 🙂 Weshalb sich der One-Night-Stand zu einer More-Nights-Einrichtung mit großartigem Sex und noch viel mehr Spaß und Kennen- bzw. Liebenlernen entwickelt, denn:

He kissed the tip of my nose, then sobered up. „You really love me?“
„I really do. I think I have since the first time you kissed me, but it took me this long to be sure. I didn’t want to rush into anything, or rush you into anything before you were ready.“

Mackenzie ist schon nach drei Tagen bereit, ihr Studium in Chicago und ihre Freunde hinter sich zu lassen, um mit Austin und seiner Schwester ein neues Leben zu beginnen. Höflich gesprochen war ich darüber etwas irritiert, bis mir klar wurde, dass wir es hier ja mit einer für ältere Teens verfassten Kurzgeschichte zu tun haben, und natürlich bricht dort die große Liebe schon beim ersten Blick aus und natürlich hält diese Liebe für alle Zeiten und natürlich zieht man mit Sack und Pack gleich beim Geliebten hat. Sorry, dass ich nicht gleich erkannt habe, dass nicht die Geschichte bzw. die handelnden Figuren ein Problem haben, sondern ich.
Und natürlich ist Austin ja nur rein äußerlich ein echter Badboy, aber in Wahrheit natürlich ein durch und durch vertrauenswürdiger, großherziger [insert noch viele andere positive Adjektive] Bruder, der nur für den Lebensunterhalt als Barkeeper arbeitet, aber in Wahrheit natürlich ein richtig guter Sänger ist, der gleich in Mackenzies Vorprogramm auftreten darf, und noch nie hat er sich einer Frau so geöffnet, wie er sich ihr in den wenigen Tagen öffnet. Was natürlich auf Gegenseitigkeit beruht: There was something in the way he made me feel, the way he treated me, that told me he wasn’t like any other man. He would be the guy I measured every other guy up against in the future, and they’d all be found lacking. Äh, ja, natürlich.

Mein Fazit: Ehrlich? Dazu muss ich jetzt noch was sagen? Wenn ihr 15 seid, findet ihr die Geschichte bestimmt wahnsinnig romantisch. Wenn ihr älter seid, wisst ihr, dass diese Anhäufung von positiven Stereotypen im wahren Leben nicht vorkommt. Und ich habe mich noch nicht einmal dazu geäußert, dass ich es nicht besonders verantwortungsvoll finde, wenn Autorinnen in Kurzgeschichten für (ältere) Teens anonymen Sex propagieren …

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Patrick Rothfuss: Der Name des Windes

Kvothe ist der Sohn fahrender Spielleute. Als er eines Tages – er ist gerade 12 Jahre alt – im Wald für seine Mutter Salbei pflückt und verspätet ins Lager zurückkehrt, findet er dieses verwüstet vor. Seine Eltern und die anderen tot, ermordet von den geheimnisvollen Chandrian. Um ihnen auf die Spur zu kommen, riskiert Kvothe alles. Er lebt drei Jahre als Straßenjunge in der Hafenstadt Tarbean, bis er den Entschluss fasst, um Aufnahme im Arkanum zu bitten, der Universität für hohe Sympathie (Magie). Von einem Namenszauber – dem Namen des Windes -, der ihn als Kind fast das Leben gekostet hätte, erhofft sich Kvothe die Macht, das Geheimnis der sagenumwobenen Dämonen aufzudecken und sich an diesen zu rächen …

„Der Name des Windes“, das Erstlingswerk des Amerikaners Patrick Rothfuss, stand schon seit sieben Jahren in meinem Bücherregal, und seit Jahren sagten mir alle Fantasyfans, dass ich dieses Buch unbedingt lesen müsse … Wahrscheinlich stand es deshalb so lange ungelesen herum, da ich zum einen Respekt vor diesem etwa 850 Seiten dicken Schmöker hatte, zum anderen hatte ich Angst, enttäuscht zu werden. Zu oft habe ich schon erlebt, dass mir jemand (oder mehrere Jemande) begeistert von einem Buch oder einer Reihe erzählt hat und ich dann mit der jeweiligen Geschichte doch nichts anfangen konnte. Schließlich habe ich das Buch von Rothfuss doch zur Hand genommen. Mein erster Gedanke nach den ersten Kapiteln war: Verflixt, ist das gut geschrieben! Der zweite: Verflixt, das ist ja nur der Auftaktband zu einer Trilogie!

Das Buch handelt von dem Musiker, Magier und (offenbar – da im ersten Buch noch nicht thematisiert) Königsmörder Kvothe, der die Geschichte seines Lebens einem Chronisten diktiert. Dies zieht sich augenscheinlich über drei Tage hin, wobei „Der Name des Windes“ den ersten Tag abdeckt. Tag 2 wird in dem Doppelband „Die Furcht des Weisen“ erzählt; Tag 3 ist noch nicht erschienen.
Kvothe ist Mitglied einer fahrenden Truppe, der Sprössling von Menschen, die es verstehen, Geschichten zu erzählen und so die Aufmerksamkeit der Zuhörer und Zuschauer zu fesseln. Und genau das gelingt Rothfuss auch. Sein Roman ist einerseits recht gradlinig erzählt. Damit meine ich, dass er sich nicht in irgendwelchen Nebensächlichkeiten oder Beschreibungen von Dingen verliert, um „mit aller (literarischen) Gewalt“ eine Atmosphäre zu erschaffen. Nur gelegentlich hatte ich das Gefühl, dass Worte verwendet werden bzw. dass es Aspekte gibt, die dieser eher mittelalterlichen Welt einfach nicht angemessen sind. Zum Beispiel die Drogenproblematik. Andererseits versteht Rothfuss es aber, Emotionen auf eine Weise zu beschreiben, dass man ihm nur mit offenem Mund folgen kann. Bestes Beispiel sind sicher die beiden Kapitel über die drei unterschiedlichen Arten von Stille (Prolog und Epilog): Die erste Stille ist die Stille, die entsteht, wenn kein Geräusch zu vernehmen ist. Der Wind weht nicht, es sind keine Menschen versammelt, die fröhlich miteinander plaudern oder Musik machen. Die zweite Stille beschreibt die Stille zwischen zwei Männern, die beisammensitzen, sich zwar unterhalten, aber über das Wesentliche bewusst schweigen, wodurch sie der Stille etwas Mürrisches geben. Die dritte Stille ist tiefer, schweigender, bedeutungsschwanger, aber nicht weniger greifbar; sie schweigt über das Entsetzliche, das geschehen ist, und ist eine Vorbotin des Todes.

Ebenfalls gelungen ist Rothfuss die Charakterisierung der Figuren. Sie sind sehr anschaulich und facettenreich beschrieben, nur wenige sind einfach nur eindimensionale Gestalten. Rothfuss verpasst seinem Protagonisten eine sehr detailreiche und authentische Hintergrundgeschichte, aber diese Beschreibungen werden nicht schlicht als Informationen vermittelt, sondern fließen ungemein organisch in die Handlung ein. Kvothe stammt, wie gesagt, von Spielleuten ab und wächst in den ersten zwölf Jahren in einer Atmosphäre der Liebe und Zuneigung auf; Fröhlichkeit, Herzlichkeit, Kreativität und Wissbegierde zeichnen seine Kindheit. Schon früh bringen ihm seine Eltern und die anderen Mitglieder seiner Truppe auf natürlichem Wege alles bei, was er als Spielmann wissen muss. Als die Truppe dann einen Arkanisten (Wissenschaftler & Magier) aufnimmt, unterweist auch dieser ihn in seinen Fähigkeiten, wobei Kvothe sich als Naturtalent entpuppt. Nach dem Unglück lebt er einige Jahre als Straßenkind in Tarbean, wo er weitere Fähigkeiten entwickelt, die ihm später zugutekommen werden, und wo er sich in der kalten Atmosphäre des täglichen Überlebenskampfes auch rein menschlich weiterentwickelt. Wiederum drei Jahre später gelingt ihm die Aufnahme in das Arkanum, wo er die gelernten Fähigkeiten durch neue Kenntnisse erweitert und sein Charakter durch Herausforderungen und neue Erfahrungen ein weiteres Mal geformt wird. Kvothe entpuppt sich zwar bei all dem als resistenter, hyperintelligenter Überlebenskünstler mit großem Herz, ist aber dennoch nicht perfekt und hat, wie wir alle, seine Schwächen und Makel: Er trifft übereilte Entscheidungen, ist hin und wieder ausgeprochen naiv, stößt Menschen durch seine Art vor den Kopf und macht sich so Feinde etc., womit er in vieler Hinsicht eine erfrischend „normale“ Figur mit hohem Identifikationspotenzial ist.
Die zweite für die Handlung wichtige Figur ist sicher Denna, zu der ich aber ein etwas gespaltenes Verhältnis hatte, weil ich mir ihr Verhalten größtenteils nicht wirklich erklären konnte. Oft habe ich mich gefragt, ob sie schlicht eine Überlebenskünstlerin ist, die eben tut, was sie tun muss, ob sie in vieler Hinsicht naiv und unbedarft ist oder ob es da Informationen gibt, die mir als Leser (und Kvothe ebenfalls) einfach noch nicht zur Verfügung stehen. Sie ist wunderschön, wodurch sie die Aufmerksamkeit aller Männer auf sich zieht und sich so ihr Überleben sichert. Natürlich erobert sie auch Kvothes Herz, dessen sie sich durchaus bewusst ist; andererseits lässt sie ihn aber in gewisser Hinsicht am ausgestreckten Arm verhungern und verschwindet für Wochen, ohne sich bei ihm zu melden – um dann mit einem neuen „Gönner“ aufzutauchen. Da Protagonisten in Romanen oft einfach zu perfekt sind, zu fehlerlos, ist sie damit aber ebenfalls eine erfrischend facettenreiche Gestalt, denn wer von denen, die diese Bücher lesen, ist denn schon so perfekt wie die Figuren in einer Geschichte?

Die hohe erzählerische Qualität des Romans zeigt sich aber nicht nur bei der Charakterzeichnung. Auch die Handlung selbst überzeugt. Rothfuss führt den Leser gemeinsam mit Kvothe an die unterschiedlichsten Orte und erweckt diese regelrecht zum Leben: zu einer Truppe von Spielleuten und auf die schmutzigen Straßen (und Dächer) der Stadt Tarbean, in die „magische Universität“ (die sich beim Bau neuer Gebäude so unerbittlich und chaotisch ausgedehnt hat, dass man einige Räume gar nicht mehr oder nur über sehr verschlungene Wege erreicht), in die unterschiedlichsten Schenken, in denen Kvothe lebt oder sich ein wenig Geld verdient, oder in das Hinterland, wo Kvothe nicht nur Spuren von den Chandrian findet, sondern auch einen Drachen trifft … Überall begegnet er neuen Menschen, steht vor neuen Herausforderungen, erlebt neue Abenteuer, muss um sein Überleben kämpfen.  Und all das wird von Rothfuss so natürlich und gleichzeitig packend geschildert, dass es schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen.

Mein Fazit: „Der Name des Windes“ ist tatsächlich einer der besten (Fantasy-)Romane, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe. Jetzt weiß ich, warum alle Fantasyfans schon seit Jahren davon schwärmen, und werde mir auch die beiden Folgebände zu Gemüte führen.

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Adrian J. Walker: Am Ende aller Zeiten

Edgar Hill ist Mitte dreißig und er hat sein Leben gründlich satt. Er ist unzufrieden mit sich und seinem Alltag in Schottland als Angestellter, Familienvater und Eigenheimbesitzer. Seinen beiden kleinen Töchtern steht er recht distanziert gegenüber, die Beziehung zu seiner Frau ist abgekühlt. Stattdessen flüchtet er sich in das Feierabendbier und den Fernseher. Er fragt sich: War das sein Leben? Hat das alles irgendwann einmal ein Ende? Er ahnt nicht, dass sich die Katastrophe bereits anbahnt.
Als das Ende kommt, kommt es von oben: Ein dramatischer Asteroidenschauer, den die Regierungen der Welt bis zum Vorabend vor den Menschen geheimgehalten haben, verwüstet (nicht nur) die Britischen Inseln. Das Chaos ist gigantisch, die Katastrophe total. Ganze Städte werden ausgelöscht. Straßen, das Internet, die Zivilisation selbst gehören plötzlich der Vergangenheit an. England liegt in Schutt und Asche. Ist dies der Weltuntergang?
Edgar und seine Familie können sich in ihren Keller retten und werden eine Woche später von militärischen Suchtrupps gefunden. Während es zunächst den Anschein hat, als … , werden die vier während der Evakuierung voneinander getrennt, und ihm bleibt nur eine Wahl: Will er Frau und Kinder jemals wiedersehen, muss er innerhalb von etwa drei Wochen 500 Meilen weit laufen, um das rettende Schiff zur Südhalbkugel zu erwischen – durch ein zerstörtes Land, von Edinburgh nach Cornwall.
Zusammen mit einer Handvoll Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Lauf durch ein sterbendes Land. Doch sein Weg ist gefährlich: Im postapokalyptischen England kämpft jeder gegen jeden ums blanke Überleben.

„Am Ende aller Zeiten“ ist schon rein äußerlich ein Hingucker. Das Buch des Australiers erinnert an ein Notizbuch mit einem schon strapzierten Gummizug, der an mehreren Stellen festgetuckert wurde, und dieser „Gummizug“ wurde auf das Cover des Buches aufgeprägt, was sich sehr schön anfühlt, wenn man darüberstreicht (ja, ich habe es mehrmals getan :-)).

Die Geschichte selbst ist aber auch sehr gut und packend erzählt. Es fiel mir immer wieder schwer, das Buch aus der Hand zu legen, obwohl es zwangsläufig viele unangenehme Szenen enthält. Man glaubt es kaum, dass es sich bei „Am Ende aller Zeiten“ wirklich um einen Erstling handelt! Wenn man wollte, könnte man höchstens kritisieren, dass der Wechsel von grausamen, spannenden Szenen zu Atempausen – für den Leser und für Ed und seine kleine Gruppe – sich zu durchschaubar vollzieht. Walker (wenn hier mal nicht der Name Programm ist!) beschreibt die Umwelt so ausführlich, wie es notwendig ist, aber keinen Satz mehr. Das Gleiche gilt auch für gelegentliche Rückblicke in Eds Kindheit: Der Leser erfährt das, was er über Ed wissen muss (wie er zu dem wurde, der er heute ist, und dass er schon in seiner Kindheit „prophetische“ Träume davon hatte, dass er einmal ganz allein sein würde), aber auch nicht mehr als nötig. Auch die Welt nach dem Einschlag der Asteroiden wird zwar sehr realitätsnah und sehr düster beschrieben, aber nicht mit einer derartigen detaillierten „Freude“ an der Grausamkeit und der Zerstörung, wie man sie bspw. bei The Walking Dead findet. Walker interessiert vielmehr , wie die „Gesellschaft danach“ aussieht: kalt. Grausam.

Was mich immer wieder berührt, wenn ich postapokalyptische Romane lese: Die Autoren sind sich erschreckend einig darin (ja, ich weiß, das macht das Wesen einer Dystopie aus …), dass die Menschheit sich unweigerlich negativ entwickeln wird. Gibt es eigentlich überhaupt einen Autoren, der glaubt, dass in der Menschheit auch nur ein Hauch von Menschlichkeit steckt?! Bei Walker ist dies auch der Fall: Schon bevor das Unglück eintrifft, beginnt der Kampf um Lebensmittel und (Über-)Lebensraum, und daran ändert sich  zwangsläufig auch nach der Katastrophe nichts. Die Menschen rotten sich zusammen, denn in der neuen Welt kann ein Einzelner kaum überleben. Man rottet sich zusammen, um Lebensmittel zu sichern, um stärker zu sein als andere Überlebende, die denselben Kampf ausfechten. Und schnell zeigt sich, dass die Überlebenden vor nichts, aber auch gar nichts zurückschrecken, um ihr neugefundenes Stück vom Kuchen zu verteidigen. Und erstaunlicherweise hat mich noch nicht einmal die Episode mit der Bauernfamilie und ihren Schweinen überrascht – spätestens seit Deadwood wissen wir ja, was man mit Schweinen so alles anfangen kann …

Ein wenig enttäuscht war ich darüber, wie wenig Raum die Tatsache einnimmt, dass die kleine Gruppe Überlebender, die gemeinsam mit Ed auf dem Weg nach Cornwall ist, die weite Strecke läuft. Ja, das wird erwähnt, und es gibt auch immer einmal kurze Passagen, in denen die Auswirkungen des Laufens auf Ed beschrieben werden. Aber der Werbetext auf der U4 des Buches versprach mehr, oder: „Zusammen mit einigen wenigen Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Ultra-Marathon durch ein sterbendes Land.“ Ja, die Gruppe muss laufen, um Cornwall bis zum Weihnachtstag zu erreichen, aber für die eigentliche Geschichte ist nur der Zeitfaktor wichtig, aber nicht unbedingt, dass die Gruppe rennt. Korrigiert mich, wenn ich mich irre. Einen viel größeren und wichtigeren Raum nehmen die zahllosen Begegnungen auf dem Weg, der wiederholte Kampf, die Opferbereitschaft der verschworenen Gruppe und Edgars Erkenntnis ein, dass er nun „seinen Hintern hochkriegen muss“, wenn er seine Familie wiedersehen will. Protagonist Ed bietet vor diesem Hintergrund mit seinem Phlegma und seiner Neigung, sich nach der Arbeit mit einem Bierchen vor den Fernseher zu flüchten, hohes identifikationspotenzial – und wenn man sich darauf einlässt auch Gedankenanstöße fürs eigene Leben und die eigenen Prioritäten.

Ein auch sehr nachdenkenswerter Aspekt: Die Asteroideneinschläge betreffen überwiegend die nördliche Halbkugel und die dort lebenden Menschen müssen in Ländern der Südhalbkugel „Asyl“ suchen. Dies kehrt doch die aktuellen Ereignisse sehr anschaulich um – und natürlich ist es auch hier so, dass nur eine begrenzte Menge an Überlebenden dort aufgenommen werden!

Mein Fazit: Ein wirklich packender Erstling, der schon Lust macht, den nächsten Roman des Autors zu lesen, der wohl im September 2017 unter dem Titel „The Last Dog on Earth“ auf Englisch erscheint.