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Annis Bell: Die schwarze Orchidee (Lady Jane #2)

bell-lady-jane2November 1860: Nach einem turbulenten Start in eine unerwartet glückliche Ehe mit Captain Wescott hat Lady Jane keineswegs vor, sich in die Rolle der braven Ehefrau zu fügen.
Nachdem sie ein Hilferuf in Form eines Briefes erreicht, reist Jane kurz entschlossen zu ihrer Freundin Lady Alison. Diese ist nach Northumbria zur ihrer Cousine Charlotte gereist, die mit dem exzentrischen Orchideenzüchter Sir Fredrick Halston verheiratet ist und abgeschieden in einem düsteren Herrenhaus lebt. In Winton Park, wie das Gut heißt, fallen merkwürdige Dinge vor, die darin gipfeln, dass eines der Dienstmädchen tot im Moor aufgefunden wird. Obwohl auch die Möglichkeit besteht, dass Alison in Gefahr ist, will sie ihre Cousine nicht verlassen. Und sie kann es auch gar nicht, da sie ein weiteres Kind erwartet und die Schwangerschaft nicht ohne Komplikationen verläuft.
David Wescott findet unterdessen heraus, dass Orchideenzüchter alles andere als harmlos sind. Als dann auch noch ein Gärtner einer der berühmtesten Orchideenhändler Londons ermordet wird, hat der Captain alle Hände voll zu tun, seiner Frau bei der Aufklärung der Todesfälle zu helfen. Und es scheint um viel mehr zu gehen als nur um eine seltene schwarze Orchidee …

„Die schwarze Orchidee“ ist der zweite Band um die abenteuerliche Lady Jane (Band 1: Die Tote von Rosewood Hall). Der Roman spielt im viktorianischen England, ist der Gattung der Cozy Mystery zuzurechnen und meines Erachtens besser geschrieben als der erste Band. Wenn David Wescott auf der Suche nach den Schuldigen durch das ärmliche London schleicht, wenn er Verbrechern und Straßenkindern begegnet, dann meint man beinahe, dies vor sich sehen zu können. In dieser Hinsicht hat der Roman definitiv qualitativ hinzugewonnen. Die Geschichte an sich bzw. der Kriminalfall an sich ist auch weitaus komplexer als „Die Tote von Rosewood Hall“ und nicht so leicht zu durchschauen.
Lady Jane ist in diesem zweiten Buch weiterhin eine überaus sympathische Heldin. Sie ist sehr selbstbewusst und wissbegierig (neugierig? 😉 ) und lässt sich auch von ihrem eigenen Mann nichts vorschreiben, ohne jedoch übertrieben emanzipiert zu sein oder auch nur den Eindruck zu vermitteln, dass sie seine Unterstützung überhaupt nicht benötigt oder nur ungern annimmt. Sie leidet etwas unter der Rolle, die sie als Frau in der Gesellschaft auszufüllen hat, und lässt sich von ihrem großen Herzen immer wieder zu gefährlichen Aktionen verleiten, wenn sie auch nie auf eine Weise aus ihrer Stellung ausbricht, die ihr die Missachtung der Gesellschaft einbringen würde:

Ihre Verärgerung war im Grunde nichts weiter als Eifersucht auf Davids ausgefülltes Leben. Während er sich mit interessanten Menschen traf und politische Probleme diskutierte, durfte sie sich um Haushaltsfragen kümmern und langweilige Besuche bei gelangweilten Damen machen.

Ihr Mann lässt sich auch nur allzu gern auf ihre kriminalistischen Bestrebungen ein, selbst wenn er weiß, dass seine Frau ihn manipuliert und ihren Kopf durchzusetzen versucht. Er selbst arbeitet für den königlichen Geheimdienst, zögert aber nicht, alles stehen und liegen zu lassen, um seiner Frau zur Seite zu stehen. Und dafür liebt sie ihn zutiefst – und David sie ebenfalls, etwas, mit dem keiner der beiden gerechnet hat, als sie ihre Vernunftehe eingegangen sind.

Die übrigen Personen bleiben etwas blass. Da ist Sir Frederick, der zwar in zweiter Ehe mit einer jungen, schwächlich und krank wirkenden Frau verheiratet ist, mit der er auch zwei Kinder hat, dessen Herz aber im Grunde nur an seinen Orchideen hängt. Die Gouvernante der Kinder, Miss Molan, die als Einzige mit dem ungezogenen Sohn der Familie zurechtzukommen scheint. Und natürlich Janes Freundin Alison, die aufgrund von Schwangerschaftsproblemen gezwungen ist, das Bett zu hüten und leider nur dazu dient, unsere Protagonistin in den Norden zu führen und auf die Spur des Kriminalfalles zu bringen – und natürlich auch den Vorwand liefert, warum Jane nicht wieder abreisen kann.

Ein großes Plus des Buches ist die Parallelhandlung, die aus Briefen bestehen, welche Sir Frederick von seinem Orchideenjäger Derek Tomkins erhält. Dieser ist in Kolumbien auf der Suche nach der sagenumwobenen schwarzen Orchidee und schildert seinem Arbeitgeber seine Abenteuer, Herausforderungen und Erfolge. Während man zunächst annimmt, dass diese Passagen nur Sir Fredericks Obsession mit Orchideen veranschaulichen sollen oder dass die Orchideenjagd damals ein lukratives, aber äußerst gefährliches Unterfangen war, stellt sich am Ende heraus, dass doch alles ganz anders ist als angenommen. Aber mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Mein Fazit: Unterhaltsamer kleiner Krimi mit zwei überaus sympathischen Protagonisten. Mir persönlich hat er Lust auf Band 3 gemacht.

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Ines Thorn: Die Walfängerin

Sylt, 1764: Die junge Maren lebt als Tochter eines Fischers in Rantum. Ihre Zukunft liegt klar vor ihr: Sie wird Thies Heinen heiraten, mit dem sie aufgewachsen ist. Doch plötzlich hält der mächtigste Mann der Insel um ihre Hand an: Kapitän Rune Boys. Maren wagt das Undenkbare. Sie lehnt ab.
Als ihre Familie jedoch nach einem Sturm finanziell ruiniert ist, muss sie ausgerechnet Boys um Hilfe bitten. Er leiht ihr Geld, damit die Familie sich wieder ein Auskommen verschaffen kann. Und bittet ein weiteres Mal um ihre Hand. Erneut lehnt Maren ab.
Doch als dann endlich die Hochzeit von Maren und Thies gefeiert werden soll, verunglückt ihr Vater, und die Familie steht ein weiteres Mal ohne alles da, als Maren ihren Kredit nicht zurückzahlen kann. Ein letztes Mal macht ihr Rune einen Antrag – und ein letztes Mal lehnt Maren ab. Da unterbreitet ihr der Kapitän einen ungeheuerlichen Vorschlag: Sie soll mit ihm auf Walfang gehen, danach sind alle Schulden beglichen.

„Die Walfängerin“ ist das erste Buch von Ines Thorn, das ich gelesen habe – und ich könnte selbst mit zwei Wochen Abstand nicht sagen, ob es mein letztes ist. Aufmerksam wurde ich durch das Cover – definitiv eines der schönsten Cover, die mir in der letzten Zeit untergekommen sind; zumindest mich spricht es mit der Strandszenerie sehr an. Allerdings ist der Buchtitel irreführend. Maren selbst ist keine Walfängerin, und es dauert etwa 130 Seiten, bis sie sich überhaupt auf den Weg nach Amsterdam und von dort auf einem Walfänger Richtung Norden macht.

Die Autorin hat durchaus einen flüssigen und sehr angenehmen Schreibstil. Die Beschreibungen von Sylt, Amsterdam und anderen Orten, an denen sich die Protagonistin wiederfindet, sind ihr halbwegs gelungen. Als Leser bekommt man zumindest eine Ahnung davon, wie das Leben auf Sylt Mitte des 18. Jahrhundert aussah – und wie hart das (Über-)Leben war. Dennoch bin ich der Auffassung, dass die gewählte Sprache, die Kleidung, die Sitten und Gebräuche etwas zu ungenau, zu dezent und/oder zu oberflächlich gehalten sind. Gerade hier hätte die Autorin der Geschichte mehr Tiefe und Glaubwürdigkeit verleihen können.

„Die Walfängerin“ wird in der dritten Person erzählt; im Fokus steht stets Maren, die junge Fischerstochter. Das Buch ist in drei Teile gegliedert, wodurch der Leser Marens Weg von einer naiven, verliebten 16-Jährigen über ihre Zeit in Amsterdam und dann als einzige Frau auf einem Walfänger bis zu ihrer Rückkehr nach Sylt folgt, wo sie ihr Leben als eine (relativ) erwachsene, gereifte Frau wiederaufnimmt. Da die Autorin nicht nur die Welt, in der die Geschichte angesiedelt ist, sehr oberflächlich abhandelt, sondern auch die Emotionen und Gedanken der Protagonistin zu dem, was ihr an den unterschiedlichen Handlungsorten zustößt, empfand ich nur wenig Nähe und Verbundenheit zu dieser Figur. Ich hatte das Gefühl, dass Aspekte fehlen, die die Veränderung der Protagonistin glaubwürdig machen.
Maren ist zu Beginn des Romans 16 Jahre alt. Da sie das einzige Kind ihrer Eltern ist und diese schon älter waren, als sie zur Welt kam, wurde sie von diesen verwöhnt. Man hat ihr vieles durchgehen lassen, wodurch Maren zu einer selbstbewussten, dickköpfigen Frau herangewachsen ist. Sie kam mir sehr naiv vor und ihr Handeln erscheint mir angesichts der damaligen Verhältnisse zu unrealistisch und modern. Die Gedanken und das Handeln der Protagonistin waren für mich nicht immer nachvollziehbar und kamen mir stellenweise für die damalige Zeit etwas unrealistisch und sehr naiv vor. Sie ist in ihren Jugendfreund Thies verliebt, erkennt aber nicht, dass er einfach nicht der Richtige für sie ist. Wohlwollend betrachtet könnte man sagen, dass er an einem Punkt der Geschichte erkennt, dass er die Verantwortung für Muttter und Schwester trägt und Kompromisse eingehen muss – auch wenn dies bedeutet, dass er gegen sein Herz handeln muss. Weniger wohlwollend betrachtet könnte man sagen, dass er ein schwacher Mensch und Maren in keiner Weise gewachsen ist. Erstaunlicherweise fand ich die Aussagen über Marens Vorstellungen von Liebe bzw. die Kritik, die darin mitschwingt, sehr glaubwürdig. Maren hat eine sehr naive Vorstellung von Liebe und Beziehung. Das junge Mädchen ist bis über beide Ohren verliebt und glaubt, dass diese Liebe ewig halten wird, und da sie so unheimlich groß und stark ist, wird das Paar allen Widerständen die Stirn bieten können. Daran hält Maren fest, auch wenn ihr mehrere Personen zu verstehen geben, dass es sich dabei vielleicht nur um Verliebtheit handelt oder dass die Erfordernisse des Lebens an dieser „Liebe“ etwas ändern werden. Damit schwimmt die Autorin definitiv gegen den Strom der üblichen YA-Romane, in denen ein ausgesprochen rosarotes Bild der (ersten) Liebe gezeichnet wird.

Rune Boys hingegen bleibt etwas blass, aber vermutlich passt dies zu seiner mysteriösen Persönlichkeit. Niemand weiß so recht, was er in seiner Kindheit/Jugend erlebt hat, das ihn antreibt, Risiken einzugehen, die ihn zum mächstigsten Mann der Insel gemacht haben. Erst zum Ende des Buches hin bekommt der Leser einen etwas tieferen Einblick in seinen Charakter und seine Absichten. Ich fand es schade, dass das Ende doch etwas abrupt kam, denn es hätte der Charakterisierung der Figuren von Maren und Rune Boys sicher mehr Tiefe verliehen, wenn man ein wenig mehr Einblick in die Veränderungen von Maren bekommen und auch hätte sehen können, wie es in Rune Boys wirklich aussieht.

Mein Fazit: Ein gutes Buch, das aber sein Potenzial nicht ausschöpft.

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Annis Bell: Die Tote von Rosewood Hall

Rosewood Hall, Februar 1860: Lord Henry Pembroke hat sich alle Mühe mit der Ausrichtung eines Balls für seine geliebte Nichte Lady Jane in Rosewood Hall gegeben. Auf der Gästeliste stehen die begehrtesten Junggesellen der Londoner Gesellschaft, denn der Lord möchte die Zukunft seiner Nichte, die für ihn wie eine Tochter ist, gesichert wissen. Er ist sich bewusst, dass er nicht mehr lange zu leben hat und dass sein einziger Sohn und dessen geldgierige Ehefrau Jane entweder an den nächstbesten „verhökern“ oder auf die Straße setzen werden.
Doch der Abend nimmt einen gänzlich anderen Verlauf als geplant …
Ein schwer verletztes Mädchen stolpert in der winterlichen Ballnacht durch den Park von Rosewood Hall und wird von Lady Jane entdeckt. Jane, eine unkonventionelle und selbstbewusste junge Frau, bringt die Namenlose im Wintergarten unter. Mit ihrem letzten Atemzug bittet die Sterbende Jane darum, ihre Freundin Mary zu finden und vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren. Das Schicksal der gequälten Kreatur geht Jane nah, und sie verspricht, zu helfen.
Unerwartete Unterstützung findet Jane durch Captain David Wescott, einen verschwiegenen, eher düster wirkenden, aber auch attraktiven Mann. Dieser unterbreitet Jane jedoch auch ein Angebot: Da er der dritte Sohn eines einflussreichen Adligen ist, hat der ehemalige Offizier weder Erbe noch Titel zu erwarten. Da Jane einen Titel und einflussreiche Freunde hat, bietet er ihr einen Handel ein: Als seine Ehefrau wird sie weiter ihre Freiheiten (und auch ihr Vermögen) genießen können, soll ihn aber im Gegenzug zu Empfängen begleiten und den gesellschaftlichen Rahmen für Treffen mit Geschäftsfreunden gestalten.

„Die Tote von Rosewood Hall“ ist Band 1 der bislang dreiteiligen Serie um Lady Jane. Der Roman spielt im viktorianischen England, ist der Gattung der Cozy Mystery zuzurechnen und durchaus gut geschrieben. Nachdem ich es begonnen hatte, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Natürlich ist die Geschichte an sich relativ durchschaubar, wenn man schon viele Krimis gelesen hat. Aber nichtsdestotrotz versteht es die Autorin, zwei Handlungsstränge glaubwürdig zu schildern. Zum einen die Geschichte um Jane, ihre Ehe mit dem mysteriösen David Wescott und der Suche nach Mary, zum anderen die Ereignisse um Mary (aus Marys Sicht), ihre Zeit im Waisenhaus – und das, was danach geschieht. Es gibt zwar eine Handvoll Stellen, an denen der Roman sprachlich ausgebessert werden könnte, aber im Großen und Ganzen gelingt es Bell, Cornwall, das Waisenhaus oder auch das viktorianische London vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden zu lassen.
Das Buch hat trotz „schwerer“ Themen (Morphiumsucht, Kinderhandel bzw. Missbrauch/Misshandlung von Kindern) auch einen feinen Humor, der den Leser immer wieder zum Schmunzeln bringt:

Die Kutsche schien ihr viel zu klein, und die Luft war drückend, aber das lag an dem Korsett, das Hettie ihr heute viel zu eng geschnürt hatte.
„Du siehst sehr schön aus, Jane.“
Sie warf ihm unter gesenkten Lidern einen ärgerlichen Blick zu. „Ich bekomme zwar kaum Luft, aber danke. Falls ich in Ohnmacht zu fallen drohe, darfst du mir Riechsalz verabreichen.“

Einige Kritikpunkte hätte ich jedoch in erzählerischer (inhalticher) Hinsicht: Die Ereignisse um Janes geldgierigen Vetter Matthew wurden m. E. ein wenig schnell abgehandelt bzw. oberflächlich behandelt. Matthew erbt nach Henry Pembrokes Tod Titel und Besitztümer und versucht unter den Einflüsterungen seiner Ehefrau auch,  in den Besitz eines Hauses in Cornwall zu gelangen, das Jane von ihren verstorbenen Eltern geerbt hat. Im Roman schreibt er Jane einen Brief, in dem er von alten Schuldbriefen ihres Vaters berichtet und ihr deutlich macht, dass das Gesetz auf seiner Seite ist. Jane beschließt daraufhin, ihn auf ihrem Weg nach London aufzusuchen und noch einmal mit ihm zu reden. Doch dieses Ereignis fehlt oder besser gesagt, es wird mit dem schlichten Hinweis abgehandelt, dass sie dies tut – mehr wird nicht berichtet. Da die „Verschwörung“ des Vetters zu Beginn des Buches eine relativ wichtige Rolle spielt und Jane auch in ihrem Entschluss bestärkt, David Wescott zu heiraten, wirkt es wenig befriedigend, dass er im weiteren Verlauf (mit Ausnahme des Briefes) nicht mehr auftaucht.
Weiterhin gibt es auch eine widersprüche Information über David Wescott. Als Janes Freundin Allison ihr diesen (aus der Ferne) vorstellt, erklärt sie, er sei der zweite Sohn des Duke of St. Amand; Lord Henry hingegen berichtet ihr, er sei der dritte Sohn des Duke. Hier scheint der Autorin ein Fehler unterlaufen zu sein, denn ich glaube nicht, dass einer der beiden sich seiner Sache nicht sicher ist. Lord Henry kennt David schon sehr lange – und eine Frau, die einen Ehemann für ihre Freundin sucht, ist erfahrungsgemäß besser über dessen sozialen Status informiert als die NSA über ihre Staatsfeinde. 😉
Ein dritter Kritikpunkt inhaltlicher Art hängt mit folgender Aussage zusammen: „… je öfter Jane inszwischen die Einheimischen sprechen hörte, desto überzeugter war sie, dass Rosie aus dieser Region stammte.“ Da „Rosie“ im Sterben lag und nicht viel gesprochen hat und darüber hinaus nicht in Cornwall, sondern einem anderen County aufgefunden wurde, ist es wenig wahrscheinlich, dass Jane ihre Herkunft kennt. Ganz zu schweigen davon, dass es im Roman auch in Cornwall eine gefühlte unendliche Anzahl an Waisenhäusern zu geben scheint … Zweifellos wird dieser Hinweis nur aus dramaturgischen Gründen eingefügt, denn er muss die Handlung in Gang bringen und Jane ihre ersten Abenteuer erleben lassen.

Neben der erzählerischen Qualität ist aber auch die Protagonistin sehr glaubwürdig geschildert. Lady Jane ist sehr klug, neugierig (wissbegierig?), hat viel Charme, weint vielleicht ein wenig zu häufig für meinen Geschmack (zumindest scheint sie in Wescotts Gegenwart ständig in Tränen auszubrechen) und ist selbstbewusst – aber ohne diese „Ich schaff das schon alleine“-Haltung, die oft bei Figuren in historischen Frauenromanen festzustellen ist. Sie ist auch in der Lage, neue Situationen mutig anzupacken, aber das bedeutet nicht, dass sie sich nicht danach sehnt, ihren Mann an ihrer Seite zu haben, dessen Gegenwart ihren Worten oft Nachdruck (und mehr Glaubwürdigkeit) verleihen würde. Natürlich bringt sie sich auch hin und wieder in Situationen, in denen sie ohne Rücksprache mit ihrem Mann handelt und in die Bredouille gerät. Aber viel häufiger findet man im Roman den Hinweis, dass sie ihren Mann um Rat oder Hilfe bitten will: „Doch Jane vertraute ihrem Instinkt, der ihr sagte, dass es für zwei Frauen ohne bewaffneten männlichen Schutz zu gefährlich war, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Es wäre schlichtweg dumm, eine solche Drohung zu ignorieren.“ Das gefiel mir sehr gut, denn ich habe wenig für penetrant selbstbewusste Frauenfiguren übrig, die meinen, mit dem Kopf durch die Wand zu müssen und alles ohne Hilfe schaffen zu können – vor allem, was historische Romane angeht, in denen ein solches Verhalten undenkbar wäre. Außerdem bringt mir Janes Erkenntnis, dass sie hin und wieder Unterstützung braucht, und ihre Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, diese Figur noch viel näher, denn dadurch wirkt sie sehr lebensecht, müssen wir doch auch immer wieder erkennen, dass wir mit unserer Weisheit am Ende sein und die Unterstützung anderer benötigen.
Captain David Wescott bleibt jedoch ein wenig blass – aber ich nehme zugunsten der Autorin einfach einmal an, dass er so lange für die Leser ein Mysterium bleiben wird, wie er das auch für seine Ehefrau ist. Was man in diesem Roman über ihn erfährt, ist, dass er ein praktischer Zeitgenosse ist, der ständig die Augen zusammenzukneifen, böse zu gucken und die Stirn zu runzeln scheint – zumindest wenn er Zeit mit Jane verbringt. 😉 Er gewährt nur wenigen Menschen Einblick in sein Inneres, ihm gehen aber Ehre und Ehrlichkeit über alles. Nachdem seine militärische Karriere zu Ende ist, scheint er nun eine Karriere im Geheimdienst begonnen zu haben, über die wir in den Folgeromanen zweifellos mehr erfahren werden. Dass die beiden Protagonisten zwar ursprünglich nur eine Vernunftehe führen wollen, sich aber doch ineinander verlieben – damit war zu rechnen, und dieser Aspekt der Handlung wird auch durchaus mit viel Fingerspitzengefühl eingeführt. Hier hätte ich mir sogar noch ein wenig mehr „Prickeln“ gewünscht. 😉
Zwei weitere wichtige Figuren sind in dieser Hinsicht auch Janes Zofe Hetty, die ein wenig zu gern dem süßen Konfekt zuspricht, auf den ersten Blick eher furchtsam wirkt, aber durchaus in der Lage ist, sich zur Wehr zu setzen oder Jane zu verteidigen, wenn es darauf ankommt. Ihr „Gegenspieler“ auf Davids Seite ist dessen Kammerdiener (und wohl ehemaliger Adjutant) Blount, der Jane auf Wescotts Anweisung hin immer wieder im Auge behält und aus brenzligen Situationen rettet.

Und in brenzlige Situationen gerät Jane vor allem aufgrund ihrer Suche nach dem Waisenmädchen Mary. Die 11-Jährige lebt (bis zu dessen Flucht gemeinsam mit ihrem Bruder) unter schrecklichsten Bedigungen in einem Waisenhaus – Misshandlungen sind dort an der Tagesordnung. Mary ist ein sehr ruhiges Mädchen, das leider die Erfahrung machen muss, dass jedes Mädchen, mit dem sie sich eng befreundet – und dabei handelt es sich immer um ausgesprochen selbstbewusste Mädchen -, verschwindet. Zuerst Polly („Rosie“, die dort endet, wo auch Mary sich wenige Monate später wiederfinden wird), die zwar zunächst von Jane gerettet wird, aber dann verstirbt, und dann Fiona (die nach Australien verschifft wird). Doch trotz der schrecklichen Erfahrungen, die sie macht, lässt sie sich nicht unterkriegen, sondern gewinnt durch ihre Freundinnen Mut, sich ihrer schrecklichen Lage zu stellen. Oder vielleicht ist auch ihre Verzweiflung irgendwann so groß, dass sie willens ist, alles zu tun, um ihre Freiheit wiederzuerlangen … Eine sehr berührende Figur!

Mein Fazit: Schöner Schmöker (nicht zu dick), der sich an einem gemütlichen Nachmittag sehr gut verschlingen lässt! Er hat mir gut gefallen – so gut, dass ich gleich wissen möchte, wie es mit Jane und David weitergeht …

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Caleb Carr: Die Einkreisung

CarrNew York, 1896: Die Polizei entdeckt die schrecklich zugerichtete Leiche eines Stricherjungens. Polizeipräsident Theodore Roosevelt – später Präsident der Vereinigten Staaten – will den Fall aufgeklärt wissen, den seine Polizisten aus Gründen falscher Moralvorstellungen am liebsten unter den Teppich kehren möchten. Roosevelt setzt sich mit seinem Studienfreund Laszlo Kreisler in Verbindung, der in seiner wissenschaftlichen Arbeit bereits einige Theorien Sigmund Freuds vorwegnimmt. Wichtige Helfer sind auch der Polizeireporter John Moore (Ich-Erzähler der Ereignisse), Roosevelts Sekretärin Sara Howard, die es sich in den Kopf gesetzt hat, die erste weibliche Kriminalpolizistin New Yorks zu werden, und die beiden Kriminalwissenschaftler/ Gerichtsmediziner Marcus und Lucius Isaacson, die neue moderne Analyseverfahren verwenden.
Die fünf beginnen ihre Untersuchungen und finden heraus, dass der Mord an dem Stricherjungen Teil einer ganzen Mordserie ist, deren Opfer allesamt noch Kinder waren, die auf brutale Weise ums Leben kamen. Anhand der Indizien und Hinweise erstellt Kreisler ein Profil des Täters. Aus den Daten aller Morde, die immer im Zusammenhang mit hohen kirchlichen Feiertagen stehen, lässt sich schließlich auch der Zeitpunkt des nächsten Verbrechens vorhersagen. Doch der Täter beobachtet im Gegenzug auch die Arbeit der Detektive und ist ihnen immer einen Schritt voraus. Und nicht nur er erschwert ihnen die Arbeit: New York ist in unterschiedliche „Herrschaftsgebiete“ aufgeteilt, und deren Herren versuchen die Untersuchungen aus den unterschiedlichsten Gründen zu verhindern. Ganz zu schweigen davon, dass auch die beiden großen Kirchen nicht wollen, dass etwas derart Unmoralisches ans Licht kommt.
Es kommt schließlich zu einem Showdown über den Dächern von New York …

Caleb Carr wurde für seinen historischen Psychothriller „Die Einkreisung“ 1995 mit dem Anthony Award für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet – und das zu recht. „Die Einkreisung“ ist eine spannende Mischung aus „Profiler“ und „CSI“ – aber zu einer Zeit, als Personen, die der Ansicht waren, dass man Täter mithilfe von Fingerabdrücken oder psychologischen Profilen identifizieren kann, im besten Fall belächelt, im schlimmsten Falle mundtot gemacht wurden. Hinzu kommt noch eine Prise „Gangs of New York“, denn es gelingt dem Autor auf wunderbare Weise, die Atmosphäre des historischen New Yorks kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert einzufangen. Man kann die historische Weltstadt regelrecht vor sich sehen, wenn man mit den Helden in einer Kutsche durch die Straßen der Stadt rast oder durch die finsteren, stinkenden Gänge der heruntergekommenen Mietshäuser in den Five Points und ähnlich ärmlichen Vierteln schleicht, in denen Immigranten aus der ganzen Welt im Elend leben. Darüber hinaus lernt der Leser auch einiges über Psychologie und kriminalpsychologische Ansätze – man hat immer wieder das Gefühl, in einem Psychologieseminar zu sitzen, allerdings auf unterhaltsame und alles andere als belehrende Weise. Man kann so selbst über den Täter und seine Motive spekulieren, kann Vermutungen anstellen, aber auch verstehen, warum er tut, was er tut. Sein Verhalten wird an keine Stelle entschuldigt, aber es wird dem Leser zumindest verständlich gemacht.

Auch die geschilderten Haupt- und Nebencharaktere werden so lebendig beschrieben, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann – man will wissen, wie die Geschichte ausgeht. Ich-Erzähler John Moore ist Reporter bei der Times. Er stammt aus einer überaus wohlhabenden Familie, mit der er sich aber nach einer geplatzten Verlobung überworfen hat, sodass er nun bei seiner Großmutter lebt. Das macht deutlich, dass er zumindest, was den zwischenmenschlichen Bereich angeht, sein Leben nicht wirklich im Griff hat. Übrigens führt das ebenfalls dazu, dass er für die persönlichen Probleme oder die Geschehnisse im Leben seiner Mitstreiter ausgesprochen betriebsblind ist. Er ist keine gebrochene Figur, wie so viele Krimiprotagonisten, sondern charmant und sympathisch, aber wirklich erwachsen werden will er nicht. Im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitungskollegen ist er Bereiche aber auch nicht bereit, seine Augen vor dem Elend in der Stadt zu verschließen, was ihn nicht nur im Verlauf dieser Geschichte immer wieder in brenzlige Situationen bringt. Sofern ihm dies aufgrund seiner privilegierten Stellung möglich ist, will er Armut und das schreckliche Schicksal der Kinder, die sich verkaufen müssten, verstehen – und er will ihnen helfen.
Sara Howard, seine (platonische) Freundin aus Kindertagen, ist Kriminalsekretärin, träumt aber davon, die erste weibliche Polizistin zu werden. Sie besitzt einen wachen Geist, erkennt zwischenmenschliche und psychologische Zusammenhänge, die John verschlossen bleiben – und nimmt die Andeutungen ihres Reporterfreundes, dass man es doch einmal miteinander versuchen könnte, eher amüsiert zur Kenntnis; sie interessiert sich nämlich nicht für Männer. Das ist eine wohltuende Abwechslung zu vielen Kriminalromanen, in den sich Protagonist und Protagonistin am Ende „kriegen“ müssen. Was ebenfalls positiv auffällt: Carr verzichtet darauf, Sara als überemanzipierte, dickköpfige Protagonistin zu schildern, die sich durch eine „Ich weiß es aber besser als ihr“-Haltung ständig auf Alleingänge begibt und dadurch in Gefahr gerät. Auch verzichtet der Autor darauf, sexistische Untertöne einzustreuen bzw. die Protagonisten irgendwelche Annäherungsversuche machen zu lassen.
Kopf der Gruppe ist der Psychiater Dr. Laszlo Kreisler, mit dem John Moore und Theodore Roosevelt bereits seit Studientagen befreundet sind. Er leitet ein Institut, in dem er sich um Jugendliche kümmert, die auf die schiefe Bahn geraten sind bzw. psychologische Probleme haben. Es ist ihm ein großes Anliegen, sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Obwohl er ein Verstandesmensch ist und seinen Mitstreitern erst einmal dabei helfen muss, das Konzept des Profilings zu verstehen und in die Psyche des Täters einzutauchen, versteht er es, sie dafür zu begeistern und zu sensibilisieren.
Vervollständigt wird das Team von die durch und durch vertrauenswürdigen Polizeibeamten Marcus und Lucius Isaacson, ein Brüderpaar. Sie wenden moderne Ermittlungsmethoden an, die dem Leser sehr bekannt vorkommen, wenn er mit TV-Serien wie CSI vertraut ist. Und weil zum einen die Korruption im Polizeiapparat der damaligen Zeit sehr weit verbreitet ist und vermeintliche Täter zum anderen eher aufgrund von vermeintlichen Zeugenaussagen oder irgendwelcher (politischer) Interessen verhaftet werden und weniger auf der Grundlage unbestreitbarer Fakten, sind sie bei ihren Kollegen nicht gern gesehen und werden zu Sonderaufgaben eingeteilt. Wie auch in diesem Fall.
Ebenfalls Mitgleider des Teams sind der Farbige Cyrus Montrose, der für Dr. Kreisler arbeitet, und der etwa 14-jährigen Stevie Taggert, einen ehemaligen Kleinkriminellen, den Kreisler von der Straße geholt hat.

Selbst wenn nach knapp 600 Seiten der Täter gefasst ist (was sicher nicht zu viel verraten ist), möchte man wissen, wie es mit diesen Personen weitergeht. Und welch spannende Geschichte Caleb Carr sich für Band 2 der Serie um unsere fünf Detektive ausgedacht hat (Engel der Finsternis).

Mein Fazit: Definitiv eine Leseempfehlung für jeden, der gerne intelligente Thriller liest und bereit ist, nicht nur von einer Bluttat zur nächsten zu hetzen, sondern auch in die psychologischen Abgründe einzutauchen.

PS: Das Buch wird übrigens gerade unter dem Titel „The Alienist“ von TNT als TV-Serie verfilmt. Mit dabei Daniel Brühl, Luke Evans, Dakota Fanning …