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Sharon Page: Blutrot – die Farbe der Lust

page-blutrotYorkshire, 1818: Die junge Vampirjägerin Althea Yates ist erst kürzlich mit ihrem Vater – ebenfalls ein Vampirjäger – aus den Karpathen nach England zurückgekehrt. Dieser will dort den uralten Vampir Zayan zur Strecke bringen, einen der mächtigsten Blutsauger überhaupt. Dabei helfen sollen ihm die Vampirzwillinge Bastien und Yannick de Wynter. Allerdings liegt Letzterer aufgrund eines Fluches in einem todesähnlichen Schlaf, und niemand weiß genau, wo.
Kaum in Yorkshire angekommen, erfüllen Träume voller Wolllust die Nächte von Althea. Träume, in denen sie von zwei Männern gleichzeitig geliebt wird. Träume, die plötzlich wahr zu werden scheinen, als zuerst der faszinierende Bastien in Altheas Schlafkammer steht und wenige Tage später auch Yannick, der dank der Yates‘ endlich erwacht ist. Doch wie kann die junge Frau zwei Wesen in ihr Bett lassen, auf die sie doch eigentlich Jagd macht, dämonische Bestien, die Althea geschworen hat zu vernichten …

Ich liebe gut geschriebene Historienromane, lese auch gern Vampirgeschichten, und erotische Szenen geben einer Story oft die besondere Würze. Doch was Sharon Page hier abgeliefert hat, ist so unterirdisch schlecht, dass ich das Buch nur aus einem Grund beendet habe: um anschließend eine vernichtende Rezension zu verfassen.
Sharon Page ist mir bereits von ihren Romanen um die Hamilton-Schwestern ein Begriff – erotischen Historienromanen, die sprachlich gut geschrieben (und übersetzt) sind, mit einer gut konzipierten, „runden“ Story und recht ausführlich beschriebenen 6zenen, die aber an unterschiedlichen Stellen organisch in die Handlung einfließen. Die Bücher sind recht „süffig“, die Charakterisierungen der Figuren nachvollziehbar und ausführlich genug, auch wenn man natürlich von Beginn an weiß, dass das Paar zuerst im Bett harmonieren und am Ende zueinanderfinden wird. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen Hoffnungen bei „Blutrot – die Farbe der Lust“. Doch leider tanzt Sharon Page mit dem literarischen Anspruch und ihren sprachlichen Werkzeugen auch noch unter der niedrigsten Limbo-Stange hindurch. Oder anders gesagt: Die Leserin sollte eigentlich ihr Geld zurückfordern.
Es krankt in diesem Buch an so ziemlich allem:
Die Story ist praktisch nicht vorhanden. PWP (Plot what Plot)???, fragt sich die geneigte Leserin. Man erfährt im Laufe des Romans das, was in der obigen Inhaltsangabe steht. Was man nicht erfährt: Warum können nur die beiden Zwillinge den uralten Vampir vernichten? Warum wurde Yannick mit einem Fluch bestraft? Warum findet Yates senior den Untoten innerhalb kürzester Zeit und der eigene Bruder nicht? Was ist eigentlich so schlimm an diesem Zayan – der zwar junge Mädchen anknabbert, aber doch eigentlich nur eines vernaschen will: Yannick? Warum kümmert sich die mächtige Vampirkönigin nicht um ihn, wenn er offenbar doch die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Blutsauger lenkt – und was zum Teufel hat Luzifer mit dieser ganzen Sache zu tun? Fragen, denen die Autoren nicht eine Zeile widmet. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass mir eine ganze Menge Infos fehlen …
Auch die Charaktere sind nicht mehr als Schemen, zweidimensionale Figuren, austauschbar und nicht wirklich sexy: Natürlich tragen die Vampire schwarz, sind durchtrainiert und haben einen sexy Körper, müssen Althea einfach verführen und die Ewigkeit mit ihr verbringen (nach gerade mal wie vielen Tagen des Kennenlernens? Drei?). Und Althea? Ist nach eigenen Aussagen eine knallharte Vampirjägerin, die gemeinsam mit ihrem Vater schon viele Blutsauger zur Strecke gebracht hat und sich nicht davor fürchtet, auch den angeblich mächtigsten von ihnen zu jagen. Und natürlich ist sie mit Anfang zwanzig noch eine Jungfrau – die aber gleich beim ersten Treffen mit Bastien im Bett landet und so ziemlich alles ausprobiert, was es da auszuprobieren gibt. Ihr Weg von einer angeblich knallharten Vampirjägerin zu einer schamlosen Sexbesessenen war ausgesprochen kurz. Apropos: Hatte ich schon erwähnt, dass sich diese Vampire natürlich in Fledermäuse verwandeln können und praktischerweise nach der Zurückverwandlung dann auch gleich nackt in Altheas Kammer stehen?!

„So dachte er über sie? Sie kämpfte nicht länger gegen seinen harten Griff und starrte in sein unbewegtes Gesicht. Er hatte nicht mal vor ihr als Jägerin Respekt. Er glaubte, dass sie nicht mehr war als eine dumme Frau. Gut genug, um auf dem Rücken zu liegen und ihm Lust zu schenken.“

Sorry, Schätzchen, das Gleiche denke ich auch von dir.
Last, but not least die erotischen Szenen des Romans: Eine Aneinanderreihung von freizügigen Bettszenen, in denen drei wunderschöne Menschen allerlei sportliche Verrenkungen machen, genügt leider nicht, um auch einen guten Erotikroman zu verfassen. Ob es nun one on one ist oder two on one oder Frauen mit Frauen oder Männer mit Männern – hier ist für jeden etwas dabei. Aber wirklich erotisch ist das Ganze nicht. Manchmal ist eben doch weniger mehr. Hinzu kommt, dass bei der Beschreibung des Aktes herabwürdigende Begriffe für die weibliche Anatomie verwendet werden, die ich einfach in einem Buch nicht lesen will … Ein absolutes No Go.

Mein Fazit: Bittebittebitte macht einen Bogen um diesen Roman!

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Kage Baker: Die Frauen von Nell Gwynne’s

baker-frauen-nell-gwynnesLady Beatrice ist eine Tochter aus gutem Hause. Ihr Vater, ein britischer Offizier, ist in Indien stationiert, kommt jedoch mit allen seinen Männern auf einem Einsatz ums Leben – Lady Beatrice, die ihn dorthin begleitet hat, wird gefangen genommen, missbraucht. Doch es gelingt ihr, ihre Entführer zu töten und nach mithilfe alter Freunde ihres Vaters nach England zurückzukehren. Doch aufgrund der Tragödie ist sie dort im frühviktorianischen London nicht länger willkommen. Sie ist gezwungen, der einzigen Beschäftigung nachzugehen, die sich einer Frau wie ihr eröffnet.
Doch Lady Beatrice ist kein gewöhnliches leichtes Mädchen und so wird sie sehr bald für das diskrete Etablissement „Nell Gwynne’s“ rekrutiert. „Nell Gwynne’s“ ist weit mehr als nur das beste und exklusivste Bordell in Whitehall. In Wirklichkeit ist es die Schwesterorganisation der „Spekulativen Gesellschaft der Gentlemen“, bei der es sich wiederum um eine Art Geheimdienst handelt.
Als ein Mitglied dieser Gesellschaft auf einem Sondereinsatz vermisst wird, nehmen Lady Beatrice und ihre „Schwestern“ die Ermittlungen auf …

„Die Frauen von Nell Gwynne’s“ ist eine unterhaltsame Steampunk-Krimi-Erzählung, sehr kurzweilig und actionreich. Sie wirkt gut geschrieben und lässt sich innerhalb von ein, zwei Stunden durchaus verschlingen. Bei der Beschreibung und dem Einsatz der Gadgets fühlt man sich so manches Mal an „James Bond“ erinnert. Die für den Steampunk so typischen anachronistischen technologischen Spielereien, die den „Ermittlerinnen“ zur Verfügung stehen, scheinen direkt aus dem Fundus eines frühviktorianischen Q entsprungen zu sein. Und vermutlich ist das das einzig Positive, das man über diese Erzählung sagen kann. Das Büchlein hat zwar 160 Seiten, aber da der Verlag eine relativ großzügige Schriftgröße verwendet hat und alle Kapitel auf einer rechten Seite beginnen und die vorangehende Seite ggf. vakat ist, nimmt die eigentliche Geschichte deutlich weniger Umfang in Anspruch.

Die Geschichte an sich hätte durchaus Potenzial, aber da es sich dabei, wie gesagt, nur um eine Erzählung handelt, kommen viele Elemente einer guten Geschichte zu kurz: Eingehendere Charakterbeschreibungen der handelnden Figuren gibt es keine. Alles konzentriert sich auf das eine Abenteuer, in dessen Rahmen eine Reihe von „Mitarbeiterinnen“ des Edelbordells „Nell Gwynne’s“ den Auftrag erhält, zum einen den verschwundenen Mitarbeiter einer Secret-Service-artigen Gesellschaft zu finden – und zum anderen herauszubekommen, was es mit der geheimnisvollen technologischen Erfindung auf sich hat, die ein britischer Adliger meistbietend an Vertreter ausländischer Mächte verkaufen will. Als Prostituierte in einem Edelbordell erlangen sie dazu Zugang – und durch eine Orgie gelangen sie auch bis in die Schlafzimmer der betreffenden Herren. Allerdings sind diese Passagen zwar amüsant, aber in etwa so prickelnd und erotisch wie eine Wetterstandsmeldung. Auch hier hätte man definitiv mehr aus der Geschichte herausholen können.

Aufgrund der Inhaltsangabe könnte man darüber hinaus annehmen, dass Lady Beatrice die Hauptfigur ist. Ihre Lebensgeschichte wird dem Leser breit präsentiert. Und diese ist auch wirklich sehr faszinierend und bietet Stoff für einen eigenen Roman.  Aber im weiteren Verlauf der Handlung wäre es völlig gleichgültig, ob eine Leiche von ihr gefunden wird oder von einer ihrer Kolleginnen, ob sie einen Gegner ausschaltet oder ihre Vorgesetzte … Nominell ist sie die Protagonistin – faktisch ist sie es nicht. Betrachtet man die Geschichte im Gesamten, müsste man sogar sagen, dass ihre Lebensgeschichte für die eigentliche Handlung völlig gleichgültig ist. Dass sie aufgrund ihrer Vergangenheit emotional distanziert und abgebrüht ist, dass sie bereit ist, auch Unangenehmes zu tun, Menschen auszuschalten oder zu vernichten – das ist sicher etwas, das sowohl ihre Vorgesetzte als auch ihre Kolleginnen auszeichnet. Und von einer besonderen Intelligenz, die erwähnt wird, ist auch wenig zu spüren – zumindest nicht unbedingt mehr als z. B. Mrs. Corvey, die Leiterin des Bordells.

Auf der Wikipedia-Seite zur mittlerweile verstorbenen Autorin kann man lesen, dass sie nach ihrem Tod posthum für diese Kurzgeschichte sowohl mit dem Nebula Award als auch mit dem Locus Award ausgezeichnet wurde. Warum, ist mir ehrlich gesagt ein großes Rätsel.

Mein Fazit: Eine Verschwendung von Lebenszeit und hart verdientem Geld.😉

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Antonia Hodgson: Das Teufelsloch

hodgson teufelslochEngland 1727. Tom Hawkins wird mit Schimpf und Schande von seinem Vater, einem Landpfarrer, vertrieben, als herauskommt, dass er sich bei seinen Studien weniger Gott gewidmet hat als vielmehr Wein, Weib und Gesang. Doch als er in London all sein Geld durchgebracht und seit Monaten seine Miete nicht gezahlt hat, droht ihm das Schuldgefängnis. Noch ein letztes Mal versucht er sein Glück am Spieltisch, und tatsächlich ist ihm Fortuna gewogen: Er gewinnt eine große Summe, mit deren Hilfe er die Hälfte seiner Schulden tilgen könnte. Doch als er mit dem Gewinn auf dem Nachhauseweg ist, wird er überfallen und ausgeraubt. Selbst Charles, Toms bester Freund aus Studienzeiten, dessen Mentor wiederum Sir Philip Meadows ist, dem unter anderem das Schuldgefängnis „The Marshalsea“ untersteht, kann nicht verhindern, dass Tom verurteilt wird.
Schnell erkennt dieser, dass in diesem „Teufelsloch“ nur der überlebt, der etwas Kleingeld in der Tasche hat – oder sich nützlich machen kann. Geld hat er nicht, aber als man ihm ein entsprechendes Angebot unterbreitet, verdingt er sich als Ermittler in einem Gefängnismord – eine Idee, an der sein düsterer Zellengenosse Fleet sogleich Gefallen findet. Doch Tom ist auf der Hut, gilt Fleet doch selbst bei den abgebrühtesten Bütteln des Marshalsea als Ausgeburt der Hölle …

„Das Teufelsloch“ ist der Debütroman von Antonia Hodgson – und wirklich ein guter, wenn auch nicht ganz überzeugender Einstieg in ihre literarische Karriere. Sie verwebt darin wie so viele Autoren historischer Romane Historie und Fiktion auf unterhaltsame Weise. Geschichtliche Fakten fließen auf eine dezente, organische Weise in die Handlung ein, sodass der Leser keinen Augenblick das Gefühl hat, belehrt zu werden. Einige der handelnden Figuren wie Direktor Action, die Wächter Jenings, Cross und Hand oder die Insassen Chapman, Bradshaw etc. hat es tatsächlich gegeben, sodass vieles von dem, was Hodgson über sie schreibt, durchaus den Tatsachen entspricht. Dies gibt der Geschichte noch einmal eine ganz besondere Intensität und beweist, dass gut recherchiert wurde.
Die Erzählweise ist schlicht, vermittelt aber sehr anschaulich Leben und vor allem Sterben in dem schrecklichen Schuldgefängnis „Marshalsea“, in dem die Schuldner auf der Master’s Side ein noch relativ gutes „Leben“ führen, während die Insassen auf der Commoner Side dem Tod geweiht sind. Der Leser kann den Schmutz vor seinem inneren Auge sehen und den Gestank von Krankheit und Tod beinahe riechen. Und auch den Irrsinn des Systems kann er nachvollziehen: dass Menschen wegen Überschuldung ins Gefängnis geworfen werden – dort aber für Unterkunft und Ernährung noch zahlen müssen und auf diese Weise weiter in die Schuldenfalle geraten.
Was mich im Hinblick auf die Authentizität aber etwas enttäuscht hat: In ihrem Vorwort entschuldigt sich die Autorin in gewisser Weise für die derbe Ausdrucksweise und die saftigen Ausdrücke, die aber dem Stil der damaligen Zeit entsprächen und dem Ganzen mehr Authentizität verliehen. Doch leider ist im Roman von dieser Sprache überhaupt nichts zu lesen. Ähnliches gilt für die Arbeit der Prostituierten im Gefängnis. Es wird angedeutet, dass sie ihre Dienste anbieten und auch hier und da nachgehen, aber es gibt nichts, das in dieser Hinsicht auch nur ansatzweise schockierend wäre. Das Ganze liest sich relativ brav.  Entweder hat uns also die Autorin mehr versprochen, als sie dann geliefert hat – oder in der Übersetzung wurde vieles geglättet, wodurch dann viel Authentisches verloren gegangen ist.

Dennoch wirken viele der handelnden Figuren durchaus „lebensnah“. Thomas Hawkins, der Protagonist der Geschichte, ist der Sohn eines Landpfarrers, mit diesem aber zerstritten, da er schon kurz nach dem Tod der Mutter eine neue Frau genommen hat. Und auch während seines Studium hat er sich weniger der Theologie gewidmet, wie sein Vater erhofft, sondern mehr dem Glücksspiel, was durch eine Intrige seines Stiefbruders ans Licht kommt. Er begibt sich daraufhin nach London, wo er all das genießt, was er liebt: Frauen, Kartenspiel und Alkohol. Doch irgendwann ergeht es ihm wie dem verlorenen Sohn und er hat alles durchgebracht. Als ihm am nächsten Tag die Einkerkerung in dem berüchtigten Schuldgefängnis „The Marshalsea“ droht, bittet er seinen alten Freund Charles Buckley um Hilfe. Dieser ist ein ambitionierter Geistlicher und lebt im Haushalt seines Mentors Sir Philip Meadows. Und tatsächlich leiht ihm dieser Geld, und Tom gelingt es, durch Glücksspiel wenigstens die Hälfte der verlangten Summe aufzubringen – doch durch eine Intrige findet er sich dennoch in Marshalsea wieder. Und hier muss der charmante junge Mann seine ganze Schlitzohrigkeit aufbieten, um zu überleben. Spätestens jetzt zeigt Hodgson sehr anschaulich die Komplexität seines Charakters: Er ist durchtrieben und ein schwacher Mensch, aber gleichzeitig hat er sich ein gutes Herz bewahrt und ist im Grunde ein so manches Mal zu vertrauensseliger Gutmensch. Doch als das Gefängnis nach der Ermordung (oder dem Selbstmord?) eines Insassen von einem Geist heimgesucht wird und die Witwe des Toten keine Ruhe gibt, nutzt Tom seine Chance: Im Gegenzug für seine Freilassung wird er hinter das Geheimnis des Geistes kommen und die Umstände um den Tod des Insassen klären.
Unterstützt wird er dabei von seinem Zimmergenossen Samuel Fleet, einem Drucker (und mehr), der wegen der Veröffentlichung der falschen Schriften in Marshalsea sitzt und weil er zu viele Regierungsgeheimnisse kennt. Fleet ist überaus intelligent und belesen und hat sich im Gefängnis den Ruf eines gnadenlosen Menschen erworben, dem man lieber nicht zu nah kommt, wenn man am Leben bleiben will. Er findet Toms Naivität in vielen Dingen überaus amüsant, schätzt aber gleichzeitig seine Furchtlosigkeit und seinen Überlebenswillen.

Die Ermittlungen der beiden verlaufen nicht, wie in historischen Krimis so oft der Fall, eher gemächlich; da man Tom nur wenige Tage gibt, den Todesfall zu klären, ist die Handlung sehr stark verdichtet und spannend. Dennoch war ich von den Ermittlungen etwas enttäuscht. Im ersten Kapitel des Buches wird erwähnt, dass Tom beim Kartenspiel die Gabe besitzt, sich auch in angetrunkenem Zustand noch an jede einzelne Karte zu erinnern, die ausgespielt wurde, und sich die Gewinnchancen blitzschnell ausrechnen kann. Eine ähnliche „Gabe“ erhofft man sich auch bei den Recherchen zum mysteriösen Todesfall. Doch vergebens. Tom stochert genauso planlos im Nebel umher wie der Leser, der aufgrund der Tatsache, dass „Das Teufelsloch“ von einem Ich-Erzähler erzählt wird, auch nicht mehr weiß als der Protagonist. Jeder könnte hinter dem Verbrechen stecken, denn jeder hat(te) einen „guten“ Grund dafür, den Gefangenen umzubringen. War es Direktor Acton, der um seine Einkünfte und um seine Position fürchtet? Einer der Wärter, die ihn um sein Geld gebracht haben? War es Fleet, der nicht etwa deshalb im Schuldgefängnis sitzt, weil er Schulden hat, sondern weil er zu viel über bedeutende Persönlichkeiten weiß? Oder war es jemand ganz anderer? Doch am Ende, so viel sei verraten, stellt sich heraus, dass alles ganz anders war … und das war dann der Augenblick, in dem auch mein Mund offen stehen blieb, als sich herausstellte, dass die Verwicklungen noch etwas hinterhältiger sind als gedacht. Doch auf diese Lösung kommt Tom nicht aufgrund seiner Ermittlungen. Im Gegenteil. Seine Ermittlungen folgen keinem System, haben keine Richtung, und neue Offenbarungen sind immer das Ergebnis des Zufalls und nicht des Gebrauchs seiner kleinen grauen Zellen. Und das gilt auch für Fleet, der ja als auch so guter Beobachter geschildert wird.

Mein Fazit: Ein wirklich gut recherchierter historischer Roman, aber ein nicht ganz so überzeugend durchkonstruierter Krimi. Dennoch zu keiner Zeit langweilig. Die Autorin hat definitiv Potenzial.

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Carola Dunn: Miss Daisy und der Tote auf dem Eis (Band 1)

dunn-miss-daisy1England in den Zwanzigerjahren: Die junge Adlige Daisy Dalrymple ist nach dem Tod ihres Vaters gezwungen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Sie beschließt, eine Karriere als Reporterin zu machen, und gewinnt ihren Vorgesetzten bei Town and Country für ihre Idee, eine Artikelserie über die Anwesen englischer Adliger zu verfassen. Ihr erster Einsatz führt sie nach den Weihnachtsfeiertagen 1922 nach Wentwater Court, dem zauberhaft gelegenen Gut des gleichnamigen Grafen und seiner jungen Frau.
Aber der Schein der Idylle trügt: In Wentwater Court hat sich die gesamte Familie des Grafen versammelt, und Daisy erkennt sehr schnell, dass es viele unterschwellige Konflikte gibt.  Und als dann im zugefrorenen See die Leiche eines weiteren Gastes gefunden wird und sich herausstellt, dass es sich bei diesem Todesfall nicht um ein Unglück gehandelt hat, könnte jeder der Täter gewesen sein.
Gemeinsam mit Chief Inspector Alec Fletcher von Scotland Yard löst Miss Daisy ihren ersten Fall …

„Miss Daisy und der Tote auf dem Eis“ ist der erste Band von Carola Dunns „Miss Daisy“-Reihe und im Gegensatz zu den Kriminalromanen, die heutzutage auf den Bestsellerlisten stehen, herrlich altmodisch und wenig blutrünstig. Es handelt sich hier um einen Whodunit-Roman im Stile der englischen Cozy-Mystery-Klassiker wie „Miss Marple“: Der Roman hat ein begrenztes Setting (Wentwater Court), es gibt eine beschränkte Anzahl von Verdächtigen (die anwesenden Familienangehörigen), und die Aufklärung erfolgt mithilfe von (Hobby-)Detektiven, denen der Leser durch ihre Ermittlung folgt, sodass er parallel dazu seine eigenen Überlegungen zum Täter anstellen kann. Es steht auch noch nicht von Beginn an fest, dass wir es tatsächlich mit einem Mord zu tun haben – und auch Motive gibt es dann unzählige.

Hauptfigur ist die 25-jährige Daisy Dalrymple. Nach dem Tod ihres Vaters fallen Titel und Vermögen der Familie Dalrymple an einen Cousin, da der eigentliche Erbe – Daisys Bruder – im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Und weil die lebenslustige Daisy weder ihren Schwestern noch ihrer Mutter auf der Tasche liegen will, hat sie sich zusammen mit einer Fotografen-Freundin eine Wohung gemietet und will Karriere als Journalistin machen. Und später einmal Kriminalromane verfassen. Da kommt ihr der Mord bei ihrem ersten Einsatz natürlich mehr als recht. Gemeinsam mit Alec Fletcher von Scotland Yard beginnt sie, Nachforschungen anzustellen und sich auf die Spur des Täters (oder der Täter?) zu machen.

Fletcher wiederum wurde auf den Fall angesetzt, da Lord Wentwater eine kleine Fehde mit dem örtlichen Constable hat und befürchtet, dass dieser den (angeblichen) Unfalltod nutzen wird, um einen Skandal zu verursachen – da genießt der Detective von Scotland Yard schon mehr Vertrauen. Darüber hinaus ist der Chief Inspector sowieso bereits in der Gegend, da er einen Juwelendieb jagt, der bereits einige Herrenhäuser ausgeraubt hat. Fletcher ist Mitte dreißig, verwitwet und lebt mit seiner Tochter bei seiner Mutter. Und ist von der jungen Daisy fasziniert und genervt zugleich. Fasziniert, da die junge Frau eine sympathische Lebendigkeit besitzt sowie ein gutes Auffassungsvermögen. Genervt, weil sie sich dadurch auch in Gefahr bringt, ebenfalls ein Opfer zu werden.

Und mögliche Täter gibt es viele: War es die neue Herrin des Hauses, Annabel Wentwater, der der Tote nachgestellt hat – oder hat er sie gar erpresst? War es Lord Stephen, der darüber alles andere als begeistert war? War es der älteste Sohn James, der seine Stiefmutter  hasst? Der mittlere Sohn Wilfred, der vom Opfer erpresst wurde? Der jüngste Sohn Geoffrey, der in seine schöne Stiefmutter verliebt ist? Oder gar die Tochter Marjorie, die selbst ein Auge auf das Opfer geworfen hatte? Oder einer der drei anderen Hausgäste des Grafen, die unter Umständen ebenfalls ein Motiv haben? Es ist faszinierend, den Ermittlungen der beiden Protagonisten zu folgen, die immer wieder neue Hinweise finden – wodurch der Leser wieder auf neue (falsche?) Fährten geschickt wird oder der Aufklärung des Falles näher kommt.

Die Autorin Carola Dunn erweist sich dabei als sehr gute Erzählerin. Unaufgeregt schildert sie ihre Geschichte – wer Grusel und Gänsehaut sucht, ist mit diesem Roman sicher nicht gut beraten. Aber wer Agatha Christi schätzt oder Serien wie „Downton Abbey“ ist hier gut aufgehoben. Die Autorin malt ein glaubwürdiges (Mikro-)Bild der englischen Adelsgesellschaft in den Zwanzigerjahren – mit Lords, die in der neuen Zeit an ihren alten Traditionen festzuhalten versuchen, mit gelangweilten Adelskindern, die die wilden Zwanzigerjahre feiern, mit „modernen“ Geschäften und alten Verpflichtungen, mit Dienstmädchen und steifen Butlern …

Mein Fazit: Ein sehr charmanter, wunderbar altmodischer Krimi mit sympathischen Protagonisten. Das Buch macht Lust auf mehr! Eine mögliche Liebesgeschichte zwischen Daisy und Alec wird in diesem ersten Band übrigens nur angedeutet. Aber auch da dürfen wir sicher in den Folgebänden mehr erwarten.