Veröffentlicht in Belletristik

Kelley Armstrong: Die Nacht der Wölfin

Elena Michaels ist eine junge, attraktive Journalistin, die mit ihrem Freund Philip in Toronto zusammenlebt. Auf ihr Umfeld wirkt sie völlig normal, doch Elena hält ihre wahre Natur sogar vor Philip geheim: Sie ist der einzige weibliche Werwolf der Welt. Gewöhnlich wird das Werwolf-Gen vom Vater auf den Sohn vererbt, da Menschen, die durch eine Verletzung mit dem „Virus“ infiziert werden, meist sterben. Doch aus irgendeinem Grund hat Elena vor 11 Jahren die Verletzung durch ihren Verlobten Clay überlebt, der sie damals biß, damit sie ihn nie verlassen würde. Was zwangsläufig zum Bruch zwischen beiden führte, denn Elena kann ihm nicht vergeben, was er ihr angetan hat.

Elena hat sich nun vor über einem Jahr von ihrem Rudel abgewendet, um in Toronto ein normales, menschliches Leben zu führen. Doch als ihr Rudel, das nahe einer Kleinstadt im Staate New York beheimatet ist, von anderen Werwölfen bedroht wird, eilt sie ihm zu Hilfe. Und dort trifft sie auch ihren früheren Liebhaber Clay wieder, der sie noch immer liebt. Während die Ereignisse sich zuspitzen, erkennt Elena, dass sie sich endgültig entscheiden muss – zwischen Clay und Philip und vor allem zwischen einem Leben unter Werwölfen oder innerhalb der menschlichen Gesellschaft.

In den meisten Horrorromanen, die ich bisher gelesen habe, waren Werwölfe nur „schmückendes“ Beiwerk, Symbole für die mordlüsterne oder triebhafte Bestie im Menschen, der Vorwand für eine übermäßige Schilderung von Brutalität und/oder Sexszenen. Doch Kelley Armstrong ist es mit einer großen Liebe zum Detail und einer Portion Humor gelungen, einen wahren Reigen von Figuren zu erschaffen, die glaubwürdig, sympathisch und einfach nur „menschlich“ sind – und dabei doch Werwölfe. Das Innenleben der Figuren ist facettenreich, die sozialen Aspekte sind glaubwürdig – und der Horroraspekt im Grunde nur eine Randerscheinung. Der einzige Wermutstropfen bzw. das einzige Klischee war wohl, daß alle Hauptfiguren aussehen, als seien sie dem GQ-Magazin entstiegen, aber, hey, damit kann ich leben. 🙂

Der Werwolf-Mythos des Buches weicht etwas von den üblichen Traditionen ab: Die Verwandlung zum Werwolf muss nicht in Vollmondnächten geschehen (bzw. in der Nacht zuvor und danach), der Drang ist nur in etwa dem Mondzyklus unterworfen und in bestimmten Bahnen steuerbar. Auch weitere Standards der bekannten Werwolfs-Geschichten werden in diesem Roman variiert oder außer Kraft gesetzt. So töten etwa nicht nur Silberkugeln einen Werwolf, sondern Waffen aller Art, die auch einen Menschen töten würden.

Natürlich kann man sich streckenweise schon denken, welche Wendungen sich ereignen werden oder wie der Roman grundsätzlich ausgehen wird, aber dennoch schildert die Autorin die Werwolfsidee so sympathisch frisch und unverbraucht und die Faszination der Verwandlung und des nächtlichen Rennens im Wald so packend, daß man am liebsten selbst mit den Wölfen rennen möchte. Unterstützt wird dies noch von dem „roten Faden“ der Gemeinschaft, der sich durch den Roman zieht – die Sehnsucht der Figuren nach der Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und die Bedrohung, die durch Menschen/Werwölfe ausgeht, die nicht bereit oder in der Lage sind, sich der Gemeinschaft anzuschließen. Die Autorin spricht damit sicher etwas an, daß jeder ihrer Leser nachvollziehen kann.

Fazit: Der faszinierendste Werwolfroman, den ich je gelesen habe. Man möchte ihn gar nicht mehr aus der Hand legen und kann es nicht abwarten, die Fortsetzung („Die Rückkehr der Wölfin“) zu lesen.

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