Veröffentlicht in Belletristik

Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Detective Meyer Landsman, abgetakelter Polizist, chronisch depressiv und mit einem Hang zu Zigaretten und Alkohol, soll den Mord an einem Drogensüchtigen aufklären. Eigentlich reine Routine. Doch Landsman lebt im fiktiven jüdischen Distrikt Sitka in Alaska, der in Kürze wieder an die USA zurückfallen soll. Gemeinsam mit seinem Cousin, der nicht nur Jude, sondern auch Halbindianer ist, macht er sich auf die Suche – nach der Identität des Opfers und natürlich auch nach der des Mörders. Dabei begegnen die beiden jüdischen Hardlinern, die verdächtig an die italienische Mafia und ihr Gebahren erinnern, und Schachspielern, die eine ganz eigene Gattung Mensch sind.

Misstrauisch wird Landsman, als ihm seine Vorgesetzten zu verstehen geben, dass er diesen Fall (und auch noch andere ungelöste Morde) zu den Akten legen soll. War doch der Tote der Sohn eines wichtiges Mannes und unter Umständen sogar der von den Juden langersehnte Messias.

Für seinen rabenschwarzen Kriminalroman, der wirklich gut übersetzt wurde, hat Michael Chabon nicht nur tief in die Geschichte eingegriffen, sondern auch die Geschichten, wie wir sie kennen, grundlegend geändert: Die Sowjetunion hat den Zweiten Weltkrieg verloren, auf Deutschland wurde 1946 die erste Atombombe geworfen, und die jüdische Staatsgründung im Jahre 1948 ist schiefgegangen. Die Juden wurden stattdessen nach Alaska umgesiedelt, aber leider ist die Leihe des Distriktes Sitka abgelaufen und so müssen sich die Juden erneut weltweit auf die Suche nach einer Heimat begeben.

Kreativ auch die Figuren, die Chabon ins Leben ruft: Schläfenlocken tragende Religionsfanatiker, die verdächtig an den Paten erinnern, indianische Halbjuden, die jüdischer sind als jeder Jude … Das Ganze gespickt mit jiddischen Begriffen, die man spätestens nach kurzem Nachdenken versteht (falls nicht, wurde im Anhang ein Stichwordverzeichnis angefügt).

Leider konnte mich persönlich all diese Kreativität nicht soweit fesseln, dass ich über die mangelnde Action hinweggesehen habe bzw. darüber, dass die eigentliche Geschichte unglaublich lange braucht, bis sie überhaupt in Fahrt kommt (falls sie dies jemals tut). Immer wieder schlich sich bei mir die Vermutung ein, dass der Autor vor lauter Liebe zu seiner Ideenwelt und zu seinen rabenschwarzen Einfällen die eigentliche Story vergessen hat – sodass ich nach einem knappen Drittel des Buches (als gerade klar wurde, wer überhaupt das Mordopfer ist) aufgegeben habe. Vielleicht war es für mich einfach nicht der richtige Roman zur richtigen Zeit.

Mein persönliches Fazit: Nur geeignet für Krimifans, die eher „ruhige“ altmodisch daherkommende Krimis à la „Film Noir“ mögen. Wer gewöhnlich lieber „moderne“ actionreiche Krimis à la Kathy Reichs, Patricia Cornwell und Co. liest, sollte lieber einen Bogen um diesen Roman machen.

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