Veröffentlicht in Belletristik

Murray Bail: Eukalyptus

Umgeben von einem riesigen Besitz lebt Mitte des 20. Jahrhunderts Vater Holland mit seiner hübschen Tochter Ellen. Er sammelt zum Erstaunen seiner Nachbarn wie besessen Eukalyptusbäume und pflanzt auf seiner Farm Hunderte von verschiedenen Arten an. So erschafft er eine Art „enzyklopädischer Landschaft“. Als seine Tochter zu einer wunderschönen Frau heranwächst und sich die Nachricht von ihrer Schönheit nicht nur in der Umgebung, sondern in ganz Australien und auch im Ausland verbreitet, erkennt er, daß sie irgendwann einen Mann kennen- und lieben lernen und ihn verlassen wird. Da er sich nur schwer vorstellen kann, sich jemals von ihr zu trennen, kommt es zu einer ungewöhnlichen und folgenschweren Entscheidung: Dem Mann, der jeden Eukalyptusbaum auf Hollands Land richtig benennen kann, wird er seine Tochter Ellen zur Frau geben.

Viele Bewerber, die in die verlassene Kleinstadt im Hinterland Australiens kommen, scheitern an der ihnen gestellten Aufgabe, doch schließlich taucht ein trockener Experte auf, so alt wie ihr Vater, und Tag für Tag benennt er mehr Arten, Tag für Tag schleicht er sich weiter in diese Familie hinein. Doch da beginnt sich in Ellen Widerstand zu regen. Zeitgleich taucht ein anderer Mann auf, beinahe zufällig, der ihr Geschichten von Menschen erzählt und so scheinbar gar keine Anstrengung unternimmt, die von Ellens Vater gestellte Aufgabe zu lösen. Er erzählt ihr lustige, nachdenklich, wunderschöne, traurige und ungewöhnliche Geschichten und auch Impressionen aus dem Leben skurriler Menschen aus den Weiten Australiens.

„Eukalyptus“ ist ein wunderbarer, leiser und sehr poetischer Roman aus Australien. Während man Kapitel für Kapitel neue Eukalytussorten kennenlernt, schleicht sich die Handlung beinahe unauffällig hinein. Und ebenso wie sich der junge Mann durch seine Geschichten aus 1001 Nacht unauffällig in Ellens Herz hineinerzählt, schleicht sich auch Murray Bail mit seiner Liebesgeschichte in die Herzen der Leser. Die erzählten Geschichten erinnern beinahe an den magischen Realismus der lateinamerikanischen Schriftsteller, wenn sie uns ohne erkennbare Moral, lehrreich und manchmal auch parabelhaft vom Leben erzählen, vom Miteinander von Mann und Frau, Eltern und Kindern, Freunden. Diese Geschichten machen das eigentliche Buch aus, während die Handlung von Ellen und ihrem Vater selbst so träge (was nicht negativ gemeint sein soll) dahinplätschert wie das Leben im heißen Outback Australiens.

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