Veröffentlicht in Belletristik

Andrew Davidson: Gargoyle

Ein Mann von Mitte dreißig – ehemaliger Pornodarsteller, jetzt -produzent, der eine sehr schwierige Jugend hinter sich hat – fährt zugekokst und betrunken eine dunkle, kurvige Bergstraße entlang, als er plötzlich Halluzinationen hat und brennende Pfeile auf sich zukommen sieht. Er weicht aus, durchbricht die Leitplanke, und sein Wagen fliegt den Abhang hinab. Als der Wagen zum Stehen kommt, hängt der Erzähler kopfüber und immer noch angeschnallt in seinem Auto – und dieser fängt Feuer und der Insasse gleich mit. Mit schwersten Verletzungen wird er in eine Klinik eingeliefert, und den Ärzten gelingt es auch tatsächlich, ihn am Leben zu erhalten. In den folgenden Wochen schwebt der Mann zwischen Leben und Tod, zwischen Zynismus und Verzweiflung, zwischen unglaublichen Schmerzen und dem mächsten Morphiumtrip. Während ihm alle erzählen, dass er sein Leben einem Wunder verdanke, denkt der bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Mann nur darüber nach, wie er Selbstmord begehen kann.

Dann steht plötzlich eine dunkelhaarige und über und über tätowierte Frau vor seinem Bett. Sie behauptet, ihr Name sei Marianne Engel und sie und er seien vor über 700 Jahren im mittelalterlichen Deutschland Liebende gewesen. Sie habe damals als Nonne in einem Kloster namens Engelthal gelebt, er sei Söldner gewesen, der in einem Kampf schwer verletzt worden sei. Sein Freund habe ihn ins Kloster gebracht, damit die Nonnen ihn retteten … und diese Aufgabe sei ihr zugefallen, da sie besondere Fähigkeiten besaß. Schließlich hätten sie sich ineinander verliebt und seien miteinander durchs mittelalterliche Deutschland geflüchtet.

Marianne nimmt den Mann bei sich auf, als er aus dem Krankenhaus entlassen wird, und erzählt ihm in den folgenden Monaten ihre gemeinsame Geschichte. Und die Geschichten anderer Liebender aus unterschiedlichen Zeiten und von unterschiedlichen Orten. Und so, wie Marianne – eine Bildhauerin – Gargoylefiguren aus Stein „befreit“, so befreit sie auch einen neuen Menschen aus der Hässlichkeit eines zerstörten Körpers: „Welch eine unerwartete Verkehrung des Schicksals: Erst nachdem meine Haut weggebrannt war, vermochte ich endlich zu fühlen. Erst nachdem ich in die Körperliche Scheußlichkeit hineingeboren war, eröffneten sich mit die Möglichkeiten des Herzens.“

Doch wird diese große Liebe, die die Zeit überdauert hat, nun ihr glückliches Ende finden?

Mit „Gargoyle“ hat der Kanadier Andrew Davidson ein gewaltiges, ungewöhnliches, spannenden Debüt hingelegt. Es ist unglaublich vielfältig, breitet sich auf unterschiedlichen Erzählebenen vor dem Leser aus und bietet dem Leser sogar hautnah einen kleinen Blick in Dantes „Inferno“. Der Roman erzählt von einer tiefen Liebe, die die Jahrhunderte überdauert. Dabei gleitet die Erzählung aber nie ins Kitschige ab. Zum einen ist dies darauf zurückzuführen, dass auch der Ich-Erzähler die Ereignisse aus einer gewissen zynischen Distanz betrachtet. Zum anderen wird die Geschichte stückweise in die moderne Geschichte eingeflochten und immer wieder durch aktuelle Berichte. „Garniert“ wird diese ungewöhnliche Liebesgeschichte noch durch die Schilderung weiterer Lovestorys – Geschichten von großer Liebe, die aber alles andere als romantisch, sondern vielmehr von der manchmal ungerechten Realität durchtränkt sind: Geschichten über eine Liebe in Italien zur Zeit der Pest. Über eine standesübergreifende Liebe im viktorianischen England. Oder über eine ungewöhnliche Liebe zwischen Wikingern … und vieles mehr. Das erzählerische Können des Autors zeigt sich sicher auch daran, dass es ihm gelingt, einen so vielfältigen Roman zu verfassen, der auf unterschiedlichen Zeitebenen, an unterschiedlichen Orten spielt, ohne dass der Leser den Faden (oder das Interesse) verliert.

Aber wo es Licht gibt, da gibt es natürlich auch Schatten. Während uns Davidson die medizinischen Fakten der Verbrennungen des Ich-Erzählers in allen Details schildert (so genau möchte man es stellenweise gar nicht wissen) und wo es ihm gelingt, das Interesse an mittelalterlicher Mystik zu wecken, bleibt sein Mittelalter selbst erstaunlich blass. Durch Bücher wie „Die Säulen der Erde“, „Der Medicus“ oder natürlich „Der Name der Rose“ „kennt“ man als Leser die Gepflogenheiten des Mittelalters sehr gut (man glaubt es zumindest). Man weiß, wie die Menschen damals gelebt, geliebt und gefühlt haben. Wie das zwischenmenschliche Miteinander funktionierte und wie das Handwerk praktiziert wurde. Wie mittelalterliche Städte aussahen. Man kennt sich mit den hygienischen Gegebenheiten aus und mit den religiösen Praktiken. Doch bei Davidson erfahren wir nur grob von Söldnertruppen, die im Auftrag irgendwelcher regionalen Herren gegeneinander kämpfen mussten. Wir wissen, dass es Meister Eckhardt gab und kennen einige seiner Grundgedanken, aber von der religiösen Vielfalt der damaligen Zeit und von den Auseinandersetzungen erfahren wir nichts oder zumindest nicht viel. An dieser Stelle hätte der Autor sicher besser recherchieren müssen.

Fazit: Trotz des „Schattenpunktes“ eine Leseempfehlung!

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