Veröffentlicht in Belletristik

Fattaneh Haj Seyed Javadi: Der Morgen der Trunkenheit

Teheran, Anfang der dreißiger Jahre: Nachdem die selbstbewusste Mahbube, die aus einer sehr reichen und gebildeten Familie stammt, mit ihren 15 Jahren den Sohn einer Prinzessin abgelehnt hat, weist sie auch ihren Cousin Mansur zurück, der in sie verliebt ist. Warum? Das Mädchen hat sich in den jungen Schreiner Rahim verliebt, und sie besteht auf ihrer Wahl. Ihr Vater versucht, die beiden Liebenden zu trennen – doch vergeblich. Schließlich läßt er sich durch ihren Onkel dazu überreden, ihr nachzugeben, um größeres Aufsehen zu vermeiden. Mahbube erhält zur Hochzeit ein Häuschen, einen Laden für ihren Ehemann und monatlich Kostgeld, aber das Elternhaus darf sie in Zukunft nicht mehr betreten.
Doch schon bald erkennt Mahbube, daß sie einen schrecklichen Fehler begangen hat. Die junge Frau findet sich mit Ärmlichkeit und verletzenden Umgangsformen nicht ab bzw. ist gar nicht darauf vorbereitet, daß das Leben aus mehr besteht als nur aus Liebe und Vergnügungen. Als ihr Mann auch noch seine Mutter aufnimmt, macht diese Mahbube das Leben zur Hölle und bringt auch noch ihren Sohn gegen sie auf. Rahim selbst betrügt seine Frau immer wieder, trinkt, begibt sich in schlechte Gesellschaft – und beginnt auch, seine Frau zu schlagen. Auf Anraten seiner Mutter versucht er, noch ein Kind zu zeugen, um seine Frau endgültig an sich zu binden (und sie davon abzuhalten, sich zu viele unliebsame Gedanken zu machen). Als Mahbube tatsächlich schwanger wird, läßt sie das Kind wegmachen – doch dafür muß sie einen schrecklichen Preis zahlen: Sie wird nie wieder Kinder bekommen. Doch schon wenig später geschieht ein weiteres Unglück: Ihr Sohn ertrinkt im Alter von fünf Jahren bei den Nachbarn. Damit verschlechtert sich die Beziehung zwischen Mahbube und Rahim weiter. Der Ehemann versucht nach kurzer Zeit, seine Frau wieder auf seine Seite zu ziehen – doch nur, um sie dazu zu überreden, daß sie ihm Laden und Wohnhaus überschreibt. Als Mahbube sich weigert, mißhandelt er sie auf schreckliche Weise.
Als verlorene Tochter kehrt sie schließlich zu ihren Eltern zurück – um die Nebenfrau ausgerechnet des abgewiesenen Cousins zu werden. Jetzt, als „Geliebte der Nacht“, lernt sie ihn lieben, hat ihn jedoch nicht für sich allein – und die geliebten Kinder bekommt Mansur nur von seiner Hauptfrau. Lange braucht Mahbube, bis sie gelernt hat, sich mit dieser Situation abzufinden.
Alt geworden, erzählt Mahbube im Teheran der neunziger Jahre ihrer Nichte Subadeh, die sich ebenfalls in den Kopf gesetzt hat, „unpassend“ zu heiraten, ihr Leben. Wird sich Subadeh für den „nächtlichen Wein“ (die vermeintliche Liebe, die unter Umständen nichts weiter ist als nur Wollust) oder den „Morgen der Trunkenheit“ entscheiden?

Detailliert schildert die iranische Schriftstellerin Fattaneh Haj Seyed Javadi das Leben im Theheran der dreißiger und vierziger Jahre. Auf diese Weise bekommt der Leser ein facettenreiches Bild der adeligen iranischen Gesellschaft dieser Zeit sowie der iranischen Kultur. Die Geschichte erzählt nicht von den großen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, wie man es vielleicht erwarten würde (bzw. diese werden nur am Rande erwähnt), sondern nur von dem „kleinen“ Leben der zunächst 15jährigen Mahbube, die in der abgeschiedenen Welt des Adels sehr behütet aufwächst und im Grunde keine Ahnung vom „wahren“ Leben hat. Mahbube, die von vielen jungen Männern umschwärmt wird, verliebt sich in einen gesellschaftlich vollkommen inakzeptablen Mann aus der Unterschicht und muß für diese Liebe mit kaum zu ertragenden Qualen zahlen. Was sie dabei durchmacht, wird von der Autorin geduldig und in allen Einzelheiten beschrieben. Javadi gelingt es, den Leser ganz in die Geschichte mit hineinzunehmen. Er hört, fühlt, spürt, was geschieht. Manchmal möchte man das Buch am liebsten weglegen, so sehr schmerzt es, über das Leiden eines jungen Mädchens zu lesen. Dafür bekommt man jedoch ein besseres Verständnis für vermeintlich rückständige Kulturen, in denen Ehen noch arrangiert werden.
Das Buch enthält darüber hinaus auch ein Glossar, in dem die zahlreichen verwendeten persischen Begriffe erklärt werden.

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