Veröffentlicht in Belletristik

Guillermo del Toro/Chuck Hogan: Die Saat

Für Ephraim Goodweather, den Chef der New Yorker Seuchenschutzbehörde, ist es keine Nacht wie jede andere. Nicht nur, dass er mit seiner Exfrau Kelly um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn Zack kämpft und eine Affäre mit seiner Kollegin Nora hat. Auch ein unerklär- liches Ereignis auf dem John-F. Kennedy-Flughafen erfordert seine Aufmerksam- keit: Bei einer Maschine aus Hamburg erlöschen nach der Landung alle Lichter und der Funkverkehr bricht ab. Goodweather trommelt sein Team zusammen, und gemeinsam betreten sie das Flugzeug. Ihnen bietet sich ein gespenstisches Bild: Die Passagiere sitzen aufrecht in ihren Sesseln und bewegen sich nicht. Als hätte sie eine gewaltige Kraft in Sekundenschnelle getötet. Nur: Wie ist so etwas möglich? Nur vier Reisende haben die Ereignisse überlebt und werden zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht.
Die Toten werden hingegen in die unterschiedlichen Leichenschau- häuser der Stadt gebracht, wo man mit der Obduktion beginnen will. Doch wenig später sind sie verschwunden. Wer hat ihre Leichen gestohlen und warum?
In dieser Nacht beginnt der Kampf gegen das Böse, das gekommen ist, um New York zu erobern. Und nicht nur New York, sondern die ganze Welt … (An dieser Stelle nicht mehr, um euch nicht um das Überraschungsmoment zu bringen, falls ihr das Buch ebenfalls lesen wollt.)

(Achtung, Weiterlesen auf eigene Gefahr. So ganz ohne Spoiler kommt meine Rezi leider nicht aus.)

Liest man den Namen „Guillermo del Toro“, sind die Erwartungen sehr hoch, verdanken wir dem Regisseur doch so großartige Filme wie „Pans Labyrinth“ und „Hellboy“ (und dass „Blade 2“ von del Toro die Beschreibung der Vampire in „Die Saat“ inspiriert hat, ist auch offensichtlich). Und die Erwartungen werden auch nicht enttäuscht, zumindest nicht ganz. Das Buch basiert wohl auf dem Drehbuch zu einer TV-Serie, das del Toro verfasst hat, was man ihm auch ganz stark anmerkt: Die Kapitel/Abschnitte sind kurz und knackig (wie die Schnitte in einem Film), es gibt Unmengen an Figuren, die jedoch größtenteils schon im nächsten Kapitel „in die ewigen Jagdgründe“ übergehen und eigentlich nicht benamst werden müssten; die wenigen relevanten handelnden Figuren sind relativ eindimensional, Charakterentwicklung Fehlanzeige; es werden Klischees bedient (der eine Held ist geschieden und „kaputt“, der andere ist ein KZ-Überlebender on a mission, der Meister kommt aus Osteuropa); weitergehende Beschreibungen und Erklärungen gibt es ebenfalls nicht; die Sprache ist simpel – und im Grunde kann man als Leser den Film auch schon vor seinem inneren Auge sehen. Es gibt darüber hinaus eine Reihe von logischen Löchern (warum scheinen die Flugreisenden im Hauch eines Augenblicks „verstorben“ zu sein, wenn man doch später erfährt, dass die „Infektion“ ganz anders vonstatten geht? Warum bricht die Elektronik im Flieger zusammen?) und Überflüssigem (was sollte die Geschichte mit der Sonnenfinsternis anderes, als zur Atmosphäre beitragen?), über die man stolpert, wenn man das Buch gelesen hat und es noch einmal Revue passieren lässt.
Dennoch möchte ich das Buch nicht verreißen. Zum einen finden wir bei del Toro und Hogan endlich einmal nicht die unsäglichen überirdisch gutaussehenden, erotischen (aber im Grunde blutleeren) Vampire, die nur darauf warten, die Heldin ins nächste Bett zu schleppen. Nein, die Vamps sind richtig fies, die Übertragung eklig – und Vampirismus ist auch wenig magisch, sondern vielmehr eine Infektion mit ekligen, kleinen Würmern. Yikes. Darüber hinaus haben die beiden Autoren es auch geschafft, dass ich das Buch zwischendurch einmal ein paar Tage aus der Hand legen musste. Es ist eben keine gute Kombination, wenn man am liebsten vor dem Einschlafen liest, zuviel Fantasie hat – und dann lesen darf, dass die Angehörigen der „Toten“ nachts unerwarteten Besuch erhalten. 🙂
Den Autoren gelingt es auch, ein unglaublich packendes Kopfkino entstehen zu lassen. Die ersten etwa 150 Seiten gehören zum Besten in diesem Bereich, das mir seit Langem untergekommen ist: Das Flugzeug landet, alles ist dunkel – was ist geschehen? Was erwartet die Retter – ein mysteriöses, höchst ansteckendes Virus oder ein Monster? Sollen sie das Flugzeug öffnen – oder doch lieber nicht? Auch ich als Leser fürchtete mich manchmal davor, auf die nächste Seite umzublättern und dem Grauen wieder einen Schritt näher zu kommen. Und als man dann erfährt, was geschehen ist, beginnt die Action erst recht: Die Nacht wird zum Feind, die Verwandlung ist, gelinde gesagt, eklig, die Spannung darüber, welche der Figuren aufwacht oder nach Hause kommt und auf seine veränderten Lieben trifft und die Konfrontation nicht übersteht … Wie die Hauptfiguren wartet man auch als Leser mit angehaltenem Atem darauf, dass die Abschnitte, die mit „Die erste … zweite … dritte Nacht“ überschrieben sind, endlich enden, damit man wieder durchatmen kann und weiß, dass man ein weiteres brutales, blutiges Gemetzel überlebt hat.
Noch eine Warnung: „Die Saat“ ist der erste Band einer Trilogie, die im Oktober 2010 mit „Das Blut“ fortgeführt werden wird, d. h., nicht alle Handlungsstränge sind abgeschlossen. Das Buch endet im Grunde mit einem Cliffhanger (oder mehreren).

Mein Fazit: Die Hardcoverausgabe ist vielleicht etwas zu teuer für die Qualität des Buches, aber die knapp 10 Euro für die Taschenbuch- ausgabe lohnen sich durchaus. Allerdings ist der Roman definitiv nichts für Zartbesaitete.

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Ein Kommentar zu „Guillermo del Toro/Chuck Hogan: Die Saat

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