Veröffentlicht in Belletristik

Henry James: Washington Square

New York, 50er Jahre des 19. Jahrhunderts: Als sein erstgeborener Stammhalter kurz nach der Geburt stirbt und seine Frau danach nur ein Mädchen zur Welt bringt und dann im Kindbett stirbt, ist der erfolgreiche New Yorker Arzt Dr. Austin Sloper zutiefst enttäuscht. Als Catherine – die er nach seiner Frau nennt – zehn Jahre alt ist, nimmt Sloper auch seine verwitwete Schwester Lavinia in seinen Haushalt auf – zunächst nur für eine kurze Übergangszeit, doch Lavinia gelingt es, sich dort „festzusetzen“ und Catherines Erziehung zu übernehmen. Als das Mädchen heranwächst, stellt sich heraus, dass sie in jeder Hinsicht für ihren Vater eine Enttäuschung ist: Sie ist nicht sehr hübsch, nicht sehr klug und hat auch sonst nichts Besonderes an sich. Vergebens ringt sie um die Liebe ihres herrischen Vaters. Erst als das Mauerblümchen dem gutaussehenden Bonvivant Morris Townsend begegnet, scheint sich ihr Leben zu ändern: Sie verliebt sich leidenschaftlich und nimmt seinen Heiratsantrag an. Unterstützt wird diese Liebelei von Lavinia, die einen Hang für trivialromantische Geschichten hat und ihre Chance wittert, eine solche Liebesgeschichte hautnah zu erleben und zu beeinflussen. Doch der Vater sieht in Townsend nur den gewissenlosen Mitgiftjäger und droht mit Enterbung.
Um dafür zu sorgen, daß Catherine Morris verläßt, überredet der Vater sie dazu, ihn auf eine sechsmonatige Europareise zu begleiten, die er auf ein Jahr ausdehnt, als er erkennt, daß seine Tochter nicht bereit ist, ihre Pläne zu ändern. Doch auch diese erkennt während der gemeinsamen Zeit, daß ihr Vater sie nicht wirklich liebt, sondern ihr im Grunde übelnimmt, daß ihre Mutter wegen ihr sterben mußte. Daraufhin beschließt Catherine, den entscheidenden Schritt zu tun und Morris zu heiraten. Entsetzt muß sie schließtlich selbst festellen, daß Morris an einer mittellosen Frau nicht mehr interessiert ist und sie verläßt.
Dennoch ist sie nicht bereit, ihrem Vater das Versprechen zu geben, daß sie Morris auch nach Slopers Tod nicht heiraten wird – woraufhin der Arzt seine Tochter enterbt. Jahre später kehrt Morris nach New York zurück und wagt erneut, Catherine um ihre Hand zu bitten …

Henry James Kurzgeschichte „Washington Square“ gehört zu Klassikern des Realismus – doch ich muß gestehen, daß der Roman nicht sehr aufregend und das Lesen stellenweise ausgesprochen langweilig ist (Asche auf mein Haupt). Der Autor schildert darin sprachlich sehr ausgefeilt und pronounciert minutiös den Lebensstil der amerikanischen Upperclass um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die in ihren großbürgerlichen Konventionen regelrecht erstarrt ist. Aus heutiger Sicht ist enttäuschend, daß James die tragische (einseitige) Liebesgeschichte ohne kritische Zwischentöne schildert, sondern die Distanz wahrt: Der Vater, der seine Tochter vermeintlich vor einer Messaliance schützen will (im Grunde geht es ihm nur um die finanzielle Seite dieser Beziehung und die Tatsache, daß der Auserwählte nicht der richtigen Gesellschaftsschicht gehört), sie aber völlig gleichgültig und ignorant in eine psychische Krise stürzt. Zugleich handelt der Roman von einer jungen Frau, die sich aus der Abhängigkeit von ihrem dominanten Vater befreit – doch ihre Strafe erhält sie dadurch, daß sie niemals heiraten und auch darüber hinaus kein wahres Glück finden wird.

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