Veröffentlicht in Belletristik

Jasper Fforde: Im Brunnen der Manuskripte (Thursday Next Band 3)

Um sich vor Goliath- und SpecOps-Agenten zu verbergen und sich auf ihre Mutterschaft vorzubereiten, nimmt Thursday Next am sogenannten FigurenAustauschProgramm teil und zieht sich in den Brunnen der Manuskripte zurück – wo sie in einem gemütlichen Flug-/Hausboot in einem drittklassigen, unlesbaren Kriminalroman mit dem Titel Caversham Heights lebt und die Rolle der Kriminalassistentin Mary übernimmt. Ihre Mitbewohner sind zwei „Rohlinge“ – Figuren, die zunächst noch kein Geschlecht und keine Persönlichkeit haben, sich aber im Verlauf von Ffordes Roman weiterentwickeln werden. Während dieser Zeit nutzt Thursday die Gelegenheit, um den literarischen Figuren des Romans dabei zu helfen, die Handlung so abzuändern, daß der Roman doch irgendwann einmal gedruckt werden wird.
Gleichzeitig bereitet Thursday sich auf ihre JurisfiktionPrüfung vor, begleitet von der resoluten Miss Havisham aus Große Erwartungen, von der sie nicht nur lernt, wie man gegen Grammasiten kämpft, den Minotauris füttert oder wie man die Beziehungen der Figuren von Sturmhöhe in Wutberatungssitzungen bespricht. Aber das Leben im Brunnen der Manuskripte ist nicht ungefährlich: In der literarischen Welt ist ein Mörder unterwegs, der sich auf JurisfiktionAgenten spezialisiert hat und einen Kollegen nach dem anderen umbringt.
Schließlich erkennt Thursday, was dies alles mit dem neuen Betriebssystem UltraWordTM zu tun hat, das TextGrandCentral mit aller Gewalt einführen will – und welcher Bezug zu ihren alten Feinden aus der realen Welt besteht. Und so ganz nebenbei hilft sie zwei Figuren dabei, den Inhalt ihres Romans zu ändern, damit der Bösewicht eines schmalzigen Liebesromans endlich nicht mehr eines einsamen, entsetzlichen Todes sterben muß, sondern sein Happy End bekommt.

„Im Brunnen der Manuskripte“ ist der dritte Band aus der „Thursday Next“-Reihe des Walisers Jasper Fforde und steht den ersten beiden Bänden „Der Fall Jane Eyre“ und „In einem anderen Buch“ in nichts nach. Wie seine Vorgänger strotzt das Buch nur so vor literarischen Anspielungen, skurrilen Besuchen in vielen Büchern der Weltliteratur, haarsträubenden Ereignissen und liebevoll gezeichneten Figuren. Fforde eröffnet dem Leser ungewohnte, neue Blicke auf so bekannte Klassiker wie „Sturmhöhe“, „Große Erwartungen“ oder „Viel Lärm um nichts“. Doch damit nicht genug: Dieses Mal spottet der Autor noch über die neue deutsche Rechtschreibung:

„‚Der Schreibfehler ist also nur ein Symptom der Bedeutungsverzerrung?‘
‚Genau. Der Vyrus war weit verbreitet, bis Agent Johnson 1744 sein Wörterbuch vorlegte. Heute halten ihn Lavinia-Webster und der Oxford English Dictionary in Schach. In Frankreich ist er schon lange ausgestorben, und sogar in Deutschland hatte der verdienstvolle Agent Konrad Duden ihn nahezu gänzlich unter Kontrolle gebracht. Aber in letzter Zeit hat eine Clique von größenwahnsinnigen Qmiehs einen NeuSchreib-Vyrus in Umlauf gebracht, der gegen jede Vernunft resistent ist und auch schon einige literarische Werke zerstört haben soll. Die Deutschen können einem schon leid tun. Neulich stand ein ganzes Rudel am Tor und hat nach verloren gegangenen Adverbien gesucht. Ich hab‘ sie natürlich nicht reingelassen. […]'“

… und auch Microsoft mit seinen Word-Updates bekommt sein Fett weg. Ganz zu schweigen von den nervigen Spam-Fußnoten und den fiktiven Werbeanzeigen … 🙂 Und endlich erfährt man auch die Wahrheit über etwas, worüber Samuel Beckett seine Leser im unklaren gelassen hat: warum Godot niemals aufgetaucht ist.
Ein Besuch auf der „Thursday Next“-Website lohnt sich übrigens. Dabei handelt es sich nämlich nicht um eine Website zur Buchserie, sondern über die Person Thursday Next – mit Links zu Merchandising, zu Thursdays Arbeitgeber, der Goliath Corporation – und natürlich auch zum obligatorischen Forum. Eine witzige Mischung aus „Fiktion“ und Realität.

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