Veröffentlicht in Belletristik

Joe Haldeman: Der ewige Krieg

„Der ewige Krieg“ erzählt die zeitlose Geschichte des Krieges, in diesem Fall einen Konflikt zwischen der gesamten Menschheit und den außerirdischen Tauriern. Die Erde ist seit einiger Zeit in der Lage, mittels Kollapsar-Sprung* Kolonialisten zu anderen weit entfernten Planeten unserer Galaxis zu senden. Doch irgendwann gehen einige der Raumschiffe verloren, und man nimmt an, daß diese von den Tauriern, einer außerirdischen Rasse vom Planeten Aldebaran im Sternbild Taurus, vernichtet wurden. Damit beginnt in den 90er Jahren des 23. Jahrhunderts** ein militärischer Konflikt, der über 1.100 Jahre andauern wird.
William Mandella ist beim ersten Kriegszug 2297 einfacher Soldat, als er sich zusammen mit 100 anderen Männern und Frauen auf den Weg zum viele Lichtjahre entfernten Planeten Charon macht, wo sie ihre Weltraumausbildung erhalten, bevor sie auf den Planeten Sterntor verfrachtet werden, um dort einen Posten zu errichten. Dort kommt es auch zur ersten direkten Auseinandersetzung mit den Tauriern, die vernichtend geschlagen werden. Aber der eigentlich friedliebende Physiker Mandella muß feststellen, daß man ihn und seine Kameraden mit einer Konditionierung versehen und zu wahren Killermaschinen programmiert hat. Doch die nächste Auseinandersetzung, die für die Soldaten rein subjektiv nur wenige Monate später (da sie sich in ihren Truppentransportern schneller als mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegen), rein objektiv aber Jahre später stattfindet, geht für die Erdbewohner nicht ganz so glimpflich aus, und die meisten von Mandellas Kameraden kommen ums Leben. Die Überlebenden, die damit alle ihre zweijährige Militärpflicht hinter sich gebracht haben, werden zur Erde zurück transportiert und dort als Helden gefeiert. Doch dabei wird eines deutlich: Während für die Soldaten nur zwei Jahre vergangen sind, sind auf der Erde 21 Jahre vergangen – und die Gesellschaft hat sich deutlich verändert. Die Agrarprodukte sind hart umkämpft, die Industrien (mit Ausnahme der Kriegsindustrie) liegen brach, auf den Straßen herrscht beinahe Kriegszustand, und etwa ein Drittel der Weltbevölkerung ist homosexuell (was aufgrund der Überbevölkerung befürwortet wird).
Mandella und seine Freundin Marygay (aber auch andere ehemalige Kameraden) müssen erkennen, daß sie mit dieser neuen Welt nicht mehr zurechtkommen, und beschließen, wieder zur Armee zurückzukehren. Erneut geraten sie in einen Kampf, in dem der Feind weiterhin unsichtbar für sie bleibt – und außerdem werden beide schon kurz nach Beginn der Auseinandersetzungen schwer verwundet und auf einen Lazarettplaneten transportiert, wo beide neue Gliedmaßen erhalten. Darüber hinaus sind erneut Hunderte von Jahren vergangen, und wieder hat sich die Gesellschaft verändert. Nun sind alle Menschen homosexuell, und die Kinder werden künstlich gezeugt. Nach ihrer Genesung werden William und Marygay erneut befördert – aber dieses Mal werden sie in unterschiedliche Schlachten versetzt, an deren Ende wieder Hunderte von Jahren vergangen sein werden. Wieder werden sie in eine Welt zurückkehren, die ihnen zusehends fremd sein wird – und werden sie überhaupt in dieselbe Zeit zurückkehren?

„Der ewige Krieg“ wurde zwischen 1972 und 1975 in dem renommierten Magazin „Analog“ teilweise vorabgedruckt. Die Texte erregten großes Aufsehen und ernteten heftigen Protest – nicht nur, weil die amerikansiche Öffentlichkeit damals den Vietnamkrieg, der den eigentlichen Hintergrund der Handlung bildet, in all seinen Konsequenzen noch längst nicht verarbeteitet hatte, sondern weil der Autor auch sexuelle Freizügigkeit und – durch die militärische Führung geförderten – Drogenkonsum unter den Soldaten schildert. Haldeman hat damit die künstlerische Bewältigung des Vietnam-Traumas vorweggenommen, die in Literatur und Film in den USA erst später einsetzte. Der Roman wurde mit diversen renommierten Preisen ausgezeichnet und gilt heute als einer der großen Klassiker der Antikriegsliteratur.
Der Naturwissenschaftler und Kriegsveteran Joe Haldeman lieferte mit seinem Erstling, der von zahlreichen Verlagen aus politischen Gründen abgelehnt wurde, bevor er von Ben Bova in seinem Magazin veröffentlicht wurde, einen packenden Roman ab, der sowohl eine glaubwürdige Charakterdarstellung als auch eine faszinierende wissenschaftlich-technischen SciFi-Geschichte bietet. Er schildert beispielhaft die Geschichte des Protagonisten William Mandella, der als einfacher Soldat in die erste Schlacht des nahezu ewigen Krieges geschickt wird und diesen über 1.143 Jahre später als Major verläßt. Im Grunde stellt er jedoch immer wieder fest, dass er endlos von einem Krieg zum nächsten geschickt wird, während ein Jahrhundert nach dem anderen vergeht und er sich nicht mehr in die Gesellschaft eingliedern kann, die sich in seiner Abwesenheit völlig verändert hat. Auch im Krieg selbst müssen Mandella und seine Kameraden immer wieder feststellen, daß sie nur Kanonenfutter für einen Krieg am anderen Ende der Galaxis sind, daß sie gegen einen Gegner kämpfen, den sie nur selten zu sehen bekommen, daß sie mit Propaganda gefüttert und hypnotisch dazu konditioniert sind, ihren Gegner zu vernichten – und die Zeiten zwischen den Einsätzen müssen sie mit gefühllosem Sex und Drogen überbrücken/füllen.
Haldeman gibt damit die Erfahrungen der jungen Männer seiner Generation wieder, die – kaum, daß sie das College abgeschlossen hatten – in den Krieg in ein weit entferntes Land gesandt wurden, um gegen Menschen zu kämpfen, die sie oftmals gar nicht sahen, geschweige denn verstanden. Und wenn sie dann irgendwann an Körper und Seele verletzt nach Hause kamen, mußten sie feststellen, daß sie mit der Gesellschaft, die sie vorfanden, gar nichts mehr gemein hatten – oder daß diese Gesellschaft sie und ihren Einsatz in Vietnam nicht mehr verstand.
Auch die „technische“ Seite dieses SciFi-Romans wird glaubwürdig geschildert. Man kann Haldemans Theorie von den Sternenreisen nachvollziehen und folgt fasziniert seinen neuen Erfindungen im Bereich der intergalaktischen Reisen – und der Kriegstechnologie.

Fazit: Unbedingt lesen!

* „Wenn sich ein Gegenstand mit hinlänglicher Geschwindigkeit einem Schwarzen Loch näherte, so kam er in einem anderen Teil der Galaxis wieder zum Vorschein. […] Er bewegt sich entlang der gleichen ‚Linie‘ (eigentlich eine Einsteinsche Geodätische), die er beschrieben hätte, wenn der Kollapsar nicht im Weg gewesen wäre – bis er das Schwerefeld eines weiteren Kollapsars erreicht, worauf er wieder auftauscht, abgestoßen mit der gleichen Geschwindigkeit, mit der er sich dem ersten Kollapsar genähert hatte. Reisedauer zwischen den zwei Kollapsaren … exakt Null.“ (Seite 28-29)

** Der deutsche Verlag hat die Entscheidung gefällt, die Handlung des Romans aus dem Jahr 1997 in das Jahr 2297 (und folgende) zu versetzen, da wir das Jahr 1997 bereits hinter uns haben und die Realität anders aussieht, als in dem zwischen 1972 und 75 veröffentlichten Roman. Diese Entscheidung halte ich für etwas unglücklich. Joe Haldeman hat den Roman als Reaktion auf seine Erfahrungen im Vietnam-Krieg verfaßt, und gerade wenn man sich während des Lesens immer wieder in Erinnerung ruft, inwiefern der Roman diese Erfahrungen mit Krieg, aber auch mit der (amerikanischen) Gesellschaft wiederspiegelt, gewinnt er an besonderer Eindringlichkeit und illustriert besonders gut die Probleme und Schwierigkeiten der Menschen/Soldaten in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Man hat ja auch den Titel des Buches von George Orwell „1984“ nicht geändert, nachdem wir dieses Jahr hinter uns hatten und immer noch nicht in einem Überwachungsstaat leben, in dem wir gläserne Bürger sind … Ups … Da ich den Roman jedoch auch vor dem Hintergrund der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und Irak lese, merke ich, daß er auch heute nichts von seiner Brisanz verloren hat.

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