Veröffentlicht in Belletristik

John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag

Dr. Wilbur Larch ist seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts Gynäkologe und Waisenhausvorsteher in St. Cloud’s/Maine. Doch dort bringt er nicht nur ungewollte Kinder zur Welt, die von ihren Müttern im Waisenhaus zurückgelassen werden, sondern er führt auch illegale Schwangerschaftsabbrüche durch. Er hat während seiner Ausbildungszeit und auch in den ersten Jahren seines Dienstes als Arzt gesehen, was Frauen erleiden müssen, wenn sie sich in irgendwelchen Hinterzimmern darum bemühen, Kinder auf mehr als nur unhygienische Weise loszuwerden.
Während ihn immer wieder Ehepaare aufsuchen, die ein Kind adoptieren möchten, gibt es eines, dessen Adoptionen immer wieder fehlschlagen und das das Waisenhaus nicht verlassen, sondern sich einfach nur nützlich machen will: Homer Wells. Und so wird Homer zu einem Ziehsohn von Larch, der ihm all das beibringt, was er als Arzt kann und weiß. Doch während Homer das Werk Gottes (Geburten) gerne durchführt, weigert er sich, auch den Beitrag des Teufels – Abtreibungen – durchzuführen. Irgendwann spürt er jedoch, daß es Zeit wird, das Waisenhaus zu verlassen und die Welt alleine zu entdecken. Er schließt sich Wally und Candy an, die nach St. Cloud’s gekommen sind, weil die junge Frau ungewollt schwanger geworden ist. Die beiden, die in Homers Alter sind, nehmen ihn mit nach Ocean’s View, wo Wallys Familie große Apfelplantagen besitzt. Homer sieht dort zum ersten Mal in seinem Leben das Meer, lernt alles, was man übers Apfelpflücken wissen muß, erfährt, wozu Autokinos eigentlich gut sind – und verliebt sich zum ersten Mal: in Candy.
Auch diese fühlt sich zu Homer hingezogen, ist jedoch mit Wally befreundet. Als dieser in den Zweiten Weltkrieg zieht, um als Flieger Einsätze in Fernost zu fliegen, kommen die beiden sich näher. Und als Wally dann abgeschossen wird und vermeintlich tot ist, beginnen sie eine Liebesaffäre. In deren Verlauf wird Candy jedoch erneut schwanger. Sie reist zusammen mit Homer nach St. Cloud’s, jedoch nicht, um eine Abtreibung durchführen zu lassen, sondern um das Kind zu bekommen und großzuziehen – ohne daß es ihre Freunde und die Familie in Ocean’s View erfährt (obwohl alle so ihre Vermutungen haben). Als dann jedoch die Nachricht kommt, daß Wally nicht tot ist, sondern nur abgeschossen wurde, schwerverletzt durch Birma gebracht wurde und nun querschnittgelähmt nach Hause zurückgebracht wird, kehren Homer und Candy mit ihrem Sohn Angel zu den Apfelbäumen zurück. Da Candy Wally nicht im Stich lassen will, behaupten sie, daß Homer Angel nur adoptiert habe und daß Candy diesem nur mütterliche Gefühle entgegenbringe.
15 Jahre lang leben die vier zusammen in Wallys Elternhaus – Wally und Candy als Ehepaar, Homer und Angel als Adoptivvater und -sohn. Doch auch an Wilbur Larch ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Der Aufsichtsrat des Waisenhauses hegt die Vermutung, daß Larch illegale Abtreibungen vornimmt und auch darüber hinaus kein geeigneter Mann ist, um ein Waisenhaus zu leiten. Da entsinnt Larch einen Plan: Er gibt einem verstorbenen Waisenjungen eine neue, fiktive Identität als engagierter Arzt und Missionar in Asien, um seinem Aufsichtsrat diesen später als geeigneten Nachfolger präsentieren zu können. Homer, der diese Rolle dann übernehmen soll, weigert sich zunächst. Doch dann verliebt sich sein Sohn Angel eines Tages in die Tochter des Pflückers Mr. Rose. Dieser mißbraucht und schwängert sie schließlich – wogegen niemand etwas unternimmt, da sich alle vor dem Farbigen fürchten -, so daß Homer schließlich bereit ist, eine Abtreibung vorzunehmen, um der jungen Frau zu helfen.
Larch verstirbt schließlich an einer Überdosis Äther, und Homer kehrt nach St. Cloud’s zurück, um unter einer neuen Identität beides zu tun: das Werk Gottes und den Beitrag des Teufels.

Wer den gleichnamigen Film gesehen hat, der nach einem Drehbuch von John Irving mit Michael Caine, Tobey Maguire und Charlize Theron in den Hauptrollen 1999 verfilmt wurde, wird beim Lesen des Buches sehr rasch bemerken, daß es sich dabei nur um die Megalight-Version des Buchinhaltes handelt. Irving ist der Geschichtenerzähler schlechthin, mit viel Ironie und einer noch größeren Liebe für seine teilweise sehr skurrilen Figuren. „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ ist mit Sicherheit eines der schönsten, bewegendsten und packendsten Bücher, die ich bislang gelesen habe. Obwohl das Buch teilweise alles andere ist als schön. Aber das sind Abtreibungen unter widrigen Umständen wohl auch nie. Der Leser erkennt zwar eindeutig, welche Meinung der Autor zum Thema Abtreibung vertritt, doch drängt er ihm diese nicht auf. Ohne belehrend wirken zu wollen, zeigt er das Für und Wider sehr sachlich auf – eine gehörige Portion Sozialkritik an einer Nation, die Freiheit als das höchste Gut des Menschen betrachtet und gleichzeitig indirekt Gewalt und Unterdrückung auf Frauen und Mädchen ausübt, indem sie Abtreibungen für illegal erklärt.
Was jedoch ein wenig blaß und unbefriedigend bleibt, ist die Liebes- und anschließende Dreiecksgeschichte, die Irving um Larchs Zögling Homer und die Hummerfischertochter Candy entwickelt.
Auch noch eine Anmerkung zum Originaltitel des Buches: Cider Houser Rules. Dieser bezieht sich auf die im Ciderhaus aufgehängten Regeln, wo die Pflücker während der Erntezeit leben und die Äpfel gepreßt werden. Im übertragenen Sinn bezieht der Titel sich jedoch auf Regeln allgemein, die für die Sicherheit der Menschen wichtig sind, die in der Gesellschaft einfach vorhanden sein müssen, Regeln, die man sich selbst macht und die man halten sollte – aber gelegentlich auch brechen muß, weil das Leben sich einfach nicht in irgendwelche Regeln pressen läßt. Ganz abgesehen davon, daß Regeln auch oft von Menschen aufgestellt werden, die die Realität der Lebensverhältnisse nicht kennen.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s