Veröffentlicht in Belletristik

Sergej Lukianenko: Wächter des Tages (Band 2 der Wächter-Tetralogie)

Während „Wächter der Nacht“ die Ereignisse aus der Sicht der Lichten Anderen schildert, wird die Geschichte im zweiten Band vor allem aus der Perspektive der Dunklen Anderen erzählt. Und auch dieser Roman besteht wieder aus drei unterschiedlichen Stories, bei denen sich nach und nach herausstellt, daß sie im Grunde doch nur eine große Geschichte sind:
In der ersten Geschichte wendet sich Natascha hilfesuchend an eine Hexe. Ihr Mann hat sie für seine Geliebte verlassen, die auch von ihm schwanger ist. Nun bittet Natascha die Hexe um einen Trank, damit ihr Mann zu ihr zurückkehrt und die Geliebte das Kind verliert. Der Eingriff wird jedoch durch das Eintreffen der Nachtwache unterbrochen, die die Hexe gefangennehmen will – aber wenig später trifft auch die Tagwache ein, die dem einen Riegel vorschieben will. Bei den Auseinandersetzungen zwischen den Lichten und den Dunklen braucht jedoch die Dunkle Andere Alissa all ihre magischen Fähigkeiten auf und wird „zur Regeneration“ in das Schülerlager Artek in die Ukraine geschickt. Während sie versucht, dort wieder zu Kräften zu kommen (indem sie den schlafenden Teens dunkle Energie entzieht), lernt sie den Mitarbeiter Igor kennen, und die beiden verlieben sich ineinander. Doch eines Abends – als Alissa wieder einen Großteil ihrer Kräfte zurückerhalten hat – kommt eine schreckliche Wahrheit zutage: Igor ist wie sie ein Magier, der seine magischen Fähigkeiten beim selben Einsatz verloren hat wie sie. Allerdings gehörte er zur Gegenseite; er ist ein Lichter Anderer. Als beide dies erkennen, fordert Igor Alissa zu einem Duell, bei dem nicht nur sie, sondern auch eines der Kinder stirbt. Igor selbst wird auf Anklage von Sebulon (dem Oberhaupt der Moskauer Dunklen) von der Inquisition – einer Gerichtsbarkeit, die darauf achtet, daß der Vertrag zwischen Dunkelheit und Licht eingehalten wird – gefangengenommen.

In der zweiten Geschichte reist ein Mann im Zug aus der Ukraine nach Moskau – daß er Witali Rohosa heißt, erfährt er erst, als er seinen Ausweis findet. Dennoch weiß er nicht, warum er in die russische Hauptstadt unterwegs ist und was er dort tun will. Aber er spürt, daß ihm jemand auf den Fersen ist und daß er möglichst ungesehen dorthin gelangen muß. Und daß er – je weiter er reist und je häufiger er mit Anderen in Kontakt kommt – zusehends an Kraft und Energie gewinnt. Augenscheinlich ist er ein mächtiger Dunkler. Nachdem er einige Male von der Nachtwache an Tatorten angetroffen wird, an denen Dunkle Andere Verbrechen begangen haben, werden auch die Lichten auf ihn aufmerksam. Doch Rohosa ist nicht der einzige, der nach Moskau gekommen ist. Auch die finnischen Regin-Brüder sind mit einer Reliquie dort angekommen (der Kralle des mächtigen Magiers Fafnir), die sie der Inquisition gestohlen haben und der Tagwache übergeben wollen. Auch die Inquisition ist auf die Ereignisse in Moskau aufmerksam geworden und beruft ein Tribunal ein. Am Tag zuvor erhält der Lichte Andere Anton Gorodezki Besuch von Sebulon, der ihn davor warnt, am nächten Tag an dem Tribunal teilzunehmen, weil dies das Leben seiner Geliebten Swetlana kosten würde – statt dessen verrät er ihm die wahre Identität Rohosas und daß dieser etwas mit dem Tod von Swetlana zu tun haben wird. Anton ist sich bewußt, daß er Sebulon nicht trauen kann, doch er will auch das Leben von Swetlana nicht in Gefahr bringen …

In der dritten Geschichte finden sich Anton als Vertreter des Lichten Magiers Igor und der Este Edgar als Vertreter der Gegenseite vor dem Tribunal der Inquisition in Prag wieder. Beide Seiten sind sich bewußt, daß sie nur Spielbälle in den Händen von Geser und Sebulon sind, doch welches Spiel die beiden spielen, welche Ziele sie verfolgen und warum Sebulon so viel daran liegt, daß Igor stirbt, wissen sie nicht …

„Wächter des Tages“ ist der zweite Band in der Wächter-Trilogie des Russen Sergej Lukianenko, die in seinem Heimatland ein großer Erfolg ist. Wenn man jedoch Teil 1 nicht kennt, wird vieles in diesem Roman unverständlich bleiben, da bereits im Vorgängerband das Konzept von Dunklen und Lichten Anderen sowie von Tag- und Nachtwache erläutert und die treibenden Kräfte (wie Sebulon, Geser oder auch Anton Gorodezki) vorgestellt wurden. Während Band 1 in seiner Gesamtheit doch etwas verwirrend war und die Figuren zu Schlüssen kommen ließ, die der Leser oftmals nicht nachvollziehen konnte, ist Band 2 „runder“ und besser geschrieben. Die Geschichte ist ausgewogener und glaubwürdiger und läßt erneut die Grenzen zwischen Dunkelheit und Licht verschwimmen. Etwas seltsam ist es schon, daß Jegor, der „Held“ aus Band 1, der doch als mächtiger Magier das Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit verschieben wollte, in Band 2 nur noch an einer einzigen Stelle erwähnt wird (und die Anmerkung, daß Swetlana seine Schicksalslinie etwas umgeschrieben hat, wirkt angesichts der Geschehnisse und der Anstrengungen beider Wächterseiten etwas unglaubwürdig). Aber dafür bietet uns Lukianenko etwas noch Größeres (was, das sei an dieser Stelle nicht verraten). Trotz der dichten Handlung ist man sich bewußt, daß man nicht die ganze Geschichte kennt, sondern wie bspw. Anton nur ein Spielball zwischen Geser und Sebulon ist, die ihre ganz eigenen Pläne verfolgen. Und so liest sich die Hinführung zu dem Showdown vor dem Prager Tribunal wie ein echter Krimi – und man ist mehr als nur gespannt auf den Abschlußband der Trilogie „Wächter des Zwielichts“, der endlich die verworrenen Fäden entwirren und schildern wird, welche Agenda die beiden mächtigen Magier wirklich verfolgen.

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