Veröffentlicht in Belletristik

Toni Morrison: Liebe

Bill Cosey ist in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein erfolgreicher Hotelier, der in einem Badeort an der Ostküste der Vereinigten Staaten das eleganteste Etablissement der Zeit für Farbige führt. In einer Zeit des Rassismus und der rechtlich sanktionierten Rassentrennung bietet Cosey farbigen Amerikanern der Mittel- und Oberschicht eine reale Utopie: einen Raum, in dem auch sie das amerikanische Glücksversprechen ausleben können, ohne von der Realität rassistischer Unterdrückung und Ungleichheit belästigt zu werden. Und auch er selbst tut alles, um mit den weißen „Herrschern“ des Ortes auf gutem Fuß zu stehen – doch in Wahrheit ist diese Utopie nie mehr als das: ein Fantasiegebilde.
Doch das ist nicht alles und auch nicht das Wichtigste: Die Frauen lieben Bill Cosey, und Bill Cosey liebt die Frauen. Nachdem seine geliebte erste Frau Julia verstorben ist, bleibt Cosey mit seinem Sohn Billy Boy zurück – und amüsiert sich mit weiblichen Gästen, Künstlerinnen und einer Hure aus dem Ort. Nach der Heirat seines Sohn mit der strebsamen Pfarrerstochter May kehrt etwas Ruhe und Ordnung ein, denn May übernimmt immer mehr Pflichten, wodurch sie aber mit der Zeit auch Standesdünkel entwickelt. Doch schon wenige Jahre später kommt Billy ums Leben und läßt May mit der fünfjährigen Tochter Christine zurück. Diese freundet sich wenige Jahre darauf mit Heed Johnson an, die aus einer kinderreichen, armen Familie stammt. Natürlich ist diese innige Freundschaft May ein Dorn im Auge – doch wirklich gefährlich wird Heed erst, als auch der mehr als fünfzigjährige Bill ein Auge auf sie wirft und die Elfjährige zu seiner zweiten Frau macht. Nun leben die drei Frauen unter einem Dach und machen sich nicht nur gegenseitig das Leben zur Hölle, sondern auch Bill, der daraufhin Christine in ein Internat steckt. Ein wahrer Krieg bricht aus, als Cosey Jahre später stirbt und kein richtiges Testament zurückläßt, sondern nur einige Sätze auf einer Speisekarte, in denen er Heed das Haus vermacht.
May verliert mit den Jahren den Verstand und stirbt, während das Hotel zusehends verfällt. Heed bleibt als hilflose, arthritische Frau zurück – bis Christine zurückkehrt und die beiden Frauen wie zwei alte Krähen zusammenleben. In den neunziger Jahren stößt Junior zu ihnen, die gerade aus einer Besserungsanstalt entlassen wurde und eine Arbeitsstelle bei Heed antritt. Rasch erkennt sie, daß die beiden Frauen um das Erbe streiten, und beschließt, die Situation zu ihren Gunsten auszunutzen …

„Liebe“ ist ein typischer Toni-Morrison-Roman, in dem die Nobelpreisträgerin auf ihre sprachgewaltige, zugleich aber minimalistischen Art und Weise das individuelle Schicksal von Menschen sowohl mit der Zeitgeschichte als auch mit der kollektiven Geschichte der Farbigen in den USA verbindet, wenn auch das Thema Rassismus eher dezent eingestreut wird, obgleich er das Geschehen klar prägt. Es geht in diesem von der gesichtslosen L erzählten Geschichte um unterschiedliche Formen von „Liebe“ bzw. der Abwesenheit von Liebe – aber im Grunde findet sich in keiner der zwischenmenschlichen Beziehungen die Art von Liebe, die die Menschen in ihrer Fantasie sehen. Erschwert wird das Lesen dadurch, daß die Geschichte nicht chronologisch erzählt wird, sondern daß es immer wieder zu Perspektivenwechseln kommt, in denen die jeweilige Person einen neuen Blick auf das Geschehen bzw. die Vergangenheit eröffnet. Wenn man diese Mosaiksteinchen dann zusammensetzt, bekommt man ein sehr desillusionierendes Bild des Menschen – das aber vermutlich gar nicht so weit von der Realität entfernt ist.

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