Veröffentlicht in Belletristik

Christian Pfannenschmidt: Unter den Linden. Das Haus Gravenhorst

Berlin, 1906: Unter den Linden residiert Familie Gravenhorst, stadtbekannte Schokoladenfabrikanten. Friederike, die Tochter der Familie und Jüngste der Kinder, ist mit ihrem Bruder Julius, der gerade von einem zweijährigen Besuch bei seinem Onkel Eugen aus der deutschen Kolonie Kamerun zurückgekehrt ist, in der kaiserlichen Hauptstadt unterwegs, als ihnen plötzlich eine junge Frau vor die Kutsche läuft: Anna Merthin. Völlig bestürzt wollen die Geschwister die junge Frau ins Krankenhaus bringen, doch Anna wehrt entschieden ab. Da sie aber einen erbärmlichen und kranken Eindruck macht, beschließen die beiden kuzerhand, sie mit in die elterliche Villa zu nehmen und dort vom Hausarzt der Familie behandeln zu lassen.
Wie sich herausstellt, ist Anna die Tochter eines armen Landarbeiters und von zu Hause weggelaufen – warum, darüber schweigt sie beharrlich. Erst einige Monate später gesteht sie ihren Freunden im Souterrain, dass ihr Vater nach dem Tod der Mutter versucht hat, sich an ihr zu vergehen. Glücklicherweise wird Anna wieder gesund, und nach anfänglichem Widerstand kann Friederike ihre Mutter Charlotte überreden, sie als Dienstmädchen einzustellen, als Pauline – eines der beiden Dienstmädchen bei Gravenhorst – wegen Diebstahls gekündigt wird. Insbesondere Julius ist vom ersten Augenblick an von der schönen, liebenswürdigen Anna verzaubert. Und auch Anna kann sich dem Charme des stattlichen Mannes mit den wundervollen blauben Augen nicht entziehen. Doch hat eine Liebe über die Standesgrenzen hinweg überhaupt eine Chance?
Vor allem, da die Gravenhorsts gerade große finanzielle Probleme haben: Eugen, der die Schokoladenfabrik mit Schokoladenbohnen versorgt, fordert seinen Anteil an dem Unternehmen, da er seine Besitztümer in Kamerun vergrößern und expandieren will. Aus diesem Grund soll sich Julius mit seiner Jugendfreundin Christine Olearius verheiraten, deren Vater ein schwerreicher Eisenbahnschienenfabrikant ist. Julius ist dieser Kuhhandel jedoch zuwider und er widersetzt sich seinen Eltern. Zunächst kommt es zum Bruch der beiden Liebenden, doch nachdem Julius Christine erklärt hat, dass er die Eheschließung abgelehnt hat, weil er nicht möchte, dass sie denkt, er habe sie nur ihres Geldes wegen geheiratet, versöhnen sie sich wieder und beschließen, sich doch zu verloben. Doch Olearius macht den beiden einen Strich durch die Rechnung, als er seine Einwilligung verweigert. Er möchte nicht, dass seine Tochter sich irgendwann fragen muss, ob Julius sie nicht doch nur wegen des Geldes geheiratet hat. Die Aufregung führt dazu, dass Julius schwer an Malaria erkrankt und wochenlang im Bett liegen muss. Anna ist diejenige, die während all dieser Zeit seine Pflege übernimmt, und sie verliebt sich in ihn. Auch Julius genießt es, von der schönen Frau umsorgt zu werden. Als Christine Julius wieder besuchen möchte, nachdem es diesem wieder etwas besser geht, betritt sie – von Julius und Anna unbemerkt – dessen Schlafzimmer und beobachtet die beiden in einer, wie sie irrtümlich denkt, eindeutigen Situation. Daraufhin reist sie nach Davos ab.
Julius beginnt, wieder in der Fabrik seines Vaters mitzuarbeiten, und es gelingt ihm, mit Hilfe seines zweiten Onkels Paul die Firma zu sanieren und Eugen auszuzahlen. Doch noch ist die Gefahr von den Gravenhorsts nicht abgewendet. Zunächst kommt es zum Bruch mit dem zweiten Sohn Alexander, der Leutnant beim Militär ist und einen zweifelhaften Lebensstil führt. Nachdem er seinen Vater bestohlen hat, um Spielschulden zahlen zu können, wirft dieser ihn aus dem Haus. Wenig später führt Alexander jedoch ein zu dieser Zeit verbotenes Duell aus (wegen Pauline, mit der er eine Affäre hat) und wird schwerverletzt zu seinen Eltern gebracht, woraufhin sich sein Vater wieder mit ihm versöhnt. Als er wegen des Duells aus dem Militärdienst entlassen wird, fordert er, in das Familienunternehmen aufgenommen zu werden. Julius wiedersetzt sich dieser Forderung aufs Entschiedenste und droht, selbst das Unternehmen zu verlassen, falls sein Vater der Forderung zustimmt. Was dieser unglücklicherweise tut.
Unterdessen bittet Christines Mutter Charlotte, zwischen Julius und Christine zu vermitteln, da die junge Frau wegen der Trennung an schweren Depressionen leidet. Julius versöhnt sich auch tatsächlich mit ihr, wird aber von Herrn Olearius, der sich bei ihm entschuldigt, mehr in die Verlobung gedrängt, als dass er diese selbst will. Wird er sich den Anforderungen seines Standes beugen oder gibt es vielleicht noch einen Ausweg?

„Unter den Linden. Das Haus Gravenhorst“ ist die Grundlage der gleichnamigen 13-teiligen SAT1-Serie, die mit nicht allzugroßem Erfolg in den Sommermonaten 2006 zu sehen war – wenn beide auch nicht völlig identisch sind. Entgegen den üblichen Erfahrungen, dass Bücher zu Serien meist nur ein schwacher Abklatsch sind und wenig Neues bieten, bildet der Roman von Christian Pfannenschmidt eine wohltuende Ausnahme. Der Roman ist sprachlich sehr gut geschrieben und malt durch seine detaillierten Beschreibungen der damaligen Zeit ein anschauliches Bild vom Berlin des angehenden 20. Jahrhunderts – mit all den gesellschaftlichen Veränderungen, den politischen Entwicklungen, der Lebensbedingungen. Man bekommt ebenfalls ein sehr gutes Bild der umfangreichen Aufgaben und des Lebens des damaligen Dienstpersonals und meint sogar, die Gerichte der Köchin Emma wahrhaft riechen zu können (das Buch enthält sogar ein Rezept). Ein großes Lob dafür! Die Liebesgeschichte zwischen Julius und Anna ist sicher nichts weltbewegend Neues, aber gut und sympathisch beschrieben. Vor allem durch den noch angefügten Prolog bzw. Epilog, der dem Leser verrät, wie die Geschichte ausgeht – auch die Geschichte der anderen Gravenhorst-Kinder. Und wie bei bspw. Jane Austen ist auch hier die Botschaft klar: Wenn wirtschaftliche Interessen und persönliche Zuneigung zusammenkommen, ist eine Ehe sehr glücklich. Wenn eine Eheschließung nur aus Standesgründen und nicht aus Liebe zustande kommt, sieht dies jedoch ganz anders aus … (Mehr wird aber nicht verraten.

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