Veröffentlicht in Belletristik

Patricia Cabot: Lehrstunden einer Lady

England, 1870: Lady Caroline Linford ist entsetzt, als sie ihren Verlobten in flagranti mit der Schönheit Lady Jacquelyn Seldon erwischt. Doch anstatt die Verlobung zu lösen, was eine Schande für die Familie wäre, möchte Caroline das Herz des untreuen Marquis of Winchilsea für sich erobern. Sie glaubt auch, in ihn verliebt zu sein, da er ihrem Bruder das Leben gerettet hat, als dieser von einem Straßenräuber überfallen wurde. Sie beschließt, ihm ganz und gar den Kopf zu verdrehen, ist aber auf dem Gebiet der Liebe noch völlig unerfahren. Was läge da näher, als Unterricht in der Liebeskunst zu nehmen? Caroline sucht – mit Stift und Notizblock bewaffnet – Londons berüchtigtsten Lebemann auf, dem man nachsagt, einer der besten Liebhaber zu sein: Braden Granville, einen neureichen Emporkömmling mit zweifelhaftem Ruf. Noch pikanter wird das Ganze durch die Tatsache, dass die wohlerzogene Lady Granville einen höchst fragwürdigen Tausch vorschlägt: Im Gegenzug für die „Unterweisung“ verspricht sie ihm, ihn in einem Gerichtsverfahren gegen Lady Jacquelyn zu unterstützen. Denn: Jacquelyn ist die Verlobte von Granville, und dieser ahnt schon lange, dass seine Braut ihm nicht gerade treu ist …
Schon bald beginnen die Grenzen des Lehrer-Schüler-Verhältnisses zu verschwimmen …

Ja, es stimmt: Patricia Cabot erfindet mit „Lehrstunden einer Lady“ das Genre des historischen Liebesromans nicht neu. Und auch ich habe schon Robin Schones Roman „The Lady’s Tutor“ („Duft der Leidenschaft“) gelesen, der eine gewisse Ähnlichkeit aufweist, aber nichtsdestotrotz ist der Roman von Patricia Cabot ungemein amüsant. Die Handlung des Romans dient nicht dazu, unsere Protagonisten von erotischer Episode zu erotischer Episode zu führen, sondern ist tatsächlich glaubwürdig und „rund“.
Die Figuren – selbst die Nebenfiguren – sind ebenfalls glaubwürdig gezeichnet, ob es nun die durchtriebene Jacquelyn ist, die zwar aus altem Adel stammt, aber kein Geld mehr hat – und dann, als es bereits zu spät ist, doch feststellen muss, dass sie sich in den Emporkömmling verliebt hat. Oder auch Braden Granvilles Vater Sylvester, der etwas zurückgeblieben und einfach ist, aber bei jeder Gelegenheit das „Who is Who“ des britischen Adels herausholt, um sich über das „Alter“ (d. h. die Anzahl der Generationen) von Adligen zu informieren, die er trifft. Oder den ebenfalls verarmten Marquis von Winchilsea, der ebenfalls mit einem eher einfachen Verstand „gesegnet“ ist:

„Hurst, der es nicht gewöhnt war, Inspirationen welcher Art auch immer zu haben, war zu beeindruckt von sich selbst und seinem neu entdeckten Scharfsinn, um die Sache auf sich beruhen zu lassen …“

Caroline, die jungfräuliche Protagonistin, hat eine derart naive Sichtweise der Liebesdinge, dass man streckenweise nicht mehr aus dem Lachen herauskommt. Dabei kommt es zu so komisch-naiv-trockenen Beschreibungen wie dieser:

„Sie wünschte beinahe, sie wäre ohnmächtig geworden, weil ihr dann der Anblick erspart geblieben wäre, wie Lady Jacquelyn ihren Finger in Hursts Mund schob.
Also wirklich, wunderte sich Caroline. Warum tut sie das? Fanden Männer Gefallen daran, wenn eine Frau ihnen einen Finger in den Mund steckte? Warum hatte das ihr gegenüber nie jemand erwähnt?

Alles in allem zeichnet die Autorin ein gutes, amüsantes Bild der viktorianischen Gesellschaft – von verarmtem Adel und wohlhabenden Emporkömmlingen bis hin zur Frauenbewegung und dem Tierschutz ist für jede(n) etwas dabei.

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Ein Kommentar zu „Patricia Cabot: Lehrstunden einer Lady

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