Veröffentlicht in Belletristik

Tom Rob Smith: Kind 44

Moskau, 1953: In der UdSSR herrscht die nackte Angst. Stalins letzte große Säuberungswell wütet im Land. Die Staatssicherheit hat ihren Augen und Ohren überall, und jeder denunziert jeden, in der Hoffnung, die eigene Haut zu retten: Eltern ihre Kinder, Männer ihre Frauen.
Leo Demidow, der hochdekorierte Kriegsheld und Offizier des NKWD, wird zu einem Kollegen geschickt. Fjodors kleiner Sohn ist ums Leben gekommen – und Fjodor und seine Frau bestehen darauf, dass es kein Unfall war, sondern ein brutaler Kindsmord. Diese Behauptung kann die Familie jedoch das Leben kosten – denn die herrschende Ideologie besagt: Im real existierenden Sozialismus gibt es keine Verbrechen. Warum sollte in der perfekten Gesellschaft jemand Grund haben zu töten? Es gelingt Leo, den verzweifelten Vater zum Schweigen zu bringen – aber er selbst kann das tote Kind nicht vergessen.
Doch Leo hat auch private Probleme: Er ist sich nicht sicher, ob seine junge, bildhübsche Frau ihm treu ist, und beschattet sie. Und dann ist da noch sein Kollege Wassili, der es auf seinen Posten abgesehen hat und Beweise in einem Fall von Landesverrat so manipuliert, dass der Verdacht auch auf Leos Frau fällt. Seine Vorgesetzten stellen den jungen Mann daraufhin vor eine schreckliche Entscheidung: Entweder denunziert er seine Ehefrau – oder er muss die Konsequenzen ertragen: Deportation in einen Gulag oder den Tod.

Als ich mit dem Lesen des Buches begann, hatte ich nur einen guten Krimi erwartet, der in der Sowjetunion der 1950er Jahre spielte – ein bisschen Exotik eben. Doch was mich dann erwartete, war viel mehr. Im Grunde liest sich Tom Rob Smiths packendes, gutgeschriebenes Erstlingswerk wie eine der klassischen literarischen Utopien – Orwells „1984“ oder Samjatins „Wir“. Doch das Schlimme ist, dass es gar keine Fiktion ist, sondern schreckliche Realität. Es gelingt dem jungen Briten, eindringlich zu schildern, wie ein Überwachungsstaat funktioniert: Der real existierende Sozialismus war kein Zustand, in dem alle gleich waren (sondern einige gleicher, um es mit Orwell zu formulieren), sondern tagtäglicher Schrecken, in dem Folter und Zwangsarbeit an der Tagesordnung waren (im Anhang des Buches gibt Smith kurz darüber Aufschluss, auf welche Sekundärliteratur er zurückgegriffen hat). Die Menschen lebten in Angst, Desillusion und Armut. Jeder war für die Chance, das eigene Überleben zu sichern, bereit, den Nachbarn zu verraten, weil er sonst befürchten musste, dass die Staatssicherheit an seiner Türe klingelte. Schon allein diese vermeintlich nebenbei eingestreuten Alltagsbeschreibungen machen dieses Buch zum einem brillanten Stück Literatur.
Aber auch die eigentliche Krimi-/Thriller-Handlung wird sehr spannungsgeladen geschildert und hält einige unerwartete Wendungen für den Leser bereit.

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