Veröffentlicht in Belletristik

Simone Elkeles: Du oder das ganze Leben

Brittany Ellis wohnt im reichen Norden von Fairfield (in der Nähe von Chicago), Alejandro „Alex“ Fuentes im armen Süden. Aber auch darüber hinaus könnten sie unterschiedlicher nicht sein: Sie stammt aus einer reichen Familie, ist eine sehr hübsche langbeinige Blondine, eine sehr gute Schülerin, Anführerin der Cheerleader und mit dem Kapitän des Footballteams zusammen. Von außen betrachtet scheint ihr Leben also perfekt zu sein. Alex hingegen stammt aus einer mexikanischen Einwandererfamilie, er muss sich mit seinen beiden Brüdern ein Zimmer teilen und hat seinen Vater schon als Sechsjähriger verloren, als dieser bei einer Schießerei ums Leben kam. Um seiner Familie einen gewissen Schutz zu bieten, ist Alex – wie sein Vater damals – der Latino-Blood-Gang beigetreten, mit allen Tattoos und „Aufgaben“, die das so mit sich bringt.
Eigentlich haben die beiden also keinerlei Berührungspunkte, doch dann geschieht etwas Unerwartetes: Als sie in ihrem letzten Schuljahr beide einen Chemiekurs belegen, verdammt die Lehrerin sie dazu, Laborpartner zu sein und ein gemeinsames Projekt zu betreuen. Und Alex wettet sogar mit seinen Freunden, dass ihm gelingen wird, Brittany bis Halloween zu verführen. Doch dann spüren die beiden, dass sie sich gegen ihren Willen zueinander hingezogen fühlen.
Alex erkennt, dass Brittanys Leben alles andere als perfekt ist: Sie ist dem Druck, eine Fassade aufrechterhalten und den Erwartungen von Freunden und Eltern entsprechen zu müssen, zunehmend nicht mehr gewachsen. Verzweifelt bemüht sie sich darum, sich um ihre zwei Jahre ältere Schwester Shelley zu kümmern, die von Geburt an behindert ist, die ihre Eltern aber in ein Heim stecken wollen.
Brittany hingegen erkennt, dass auch Alex‘ Ruf nur das ist: ein Ruf, den er sich mühsam erworben hat, um in gewisser Weise Ruhe und Schutz zu haben. Beide sind sich also in gewisser Weise doch recht ähnlich.
Wird ihre Romeo-und-Julia-Liebesgeschichte ein Happyend haben?

Simone Elkeles hat mit „Du oder das ganze Leben“ etwas geschafft, das schon lange kein Autor mehr geschafft hat: dass ich mittags in die Welt der ca. 430 Buchseiten eingetaucht bin, alles stehen und liegen gelassen und es abends nicht eher wieder zugeschlagen habe, bis ich die letzte Seite erreicht hatte und wusste, wie die Geschichte ausging (nicht, dass man dies nicht schon ahnen würde, wenn man das Buch kauft). Wir haben es hier mit einem wunderbaren YA-Roman zu tun, der endlich einmal weder sexy Vampire noch ebenso anziehende gefallene Engel bietet, sondern das wahre Leben (sofern man dies in der Literatur überhaupt finden kann).
Die Geschichte wird im Präsens erzählt, was ungewöhnlich ist, aber genau zum beinahe schon tagebuchartig anmutenden Erzählstil passt. Und das abwechselnd aus der Perspektive von Alex und von Brittany, was den Lesefluss theoretisch bremsen könnte, doch es passiert genau das Gegenteil: Die Geschichte wirkt dadurch stringend und sehr flüssig erzählt. Die Autorin eröffnet auf diese Weise einen Blick ins Innere der beiden Hauptfiguren und verleiht ihnen eine gewisse Glaubwürdigkeit, Komplexität und Tragik: auf der einen Seite Alex, das vermeintlich gefährliche Gangmitglied, das alles tun würde, um seiner familia, die für ihn das Wichtigste überhaupt ist, Schutz zu ermöglichen; auf der anderen die vermeintlich perfekte Brittany, die alles tun würde, um die Fassade ihrer „heilen Welt“ aufrechtzuerhalten – und beide müssen dafür einen Preis zahlen. Auch ihre Liebe zueinander ist dann logischerweise für beide mit einem Preisschild versehen, da beide Fassaden damit mehr als nur Risse bekommen (aber an dieser Stelle will ich nicht zu viel verraten …). Im Grunde haben wir es – natürlich – in gewissem Sinne mit Stereotypen zu tun, aber das nimmt man der Autorin zu keinem Zeitpunkt übel, denn die Protagonisten sind nichtsdestotroto vielschichtig und glaubwürdig gezeichnet. Auch kommt die Story zum größten Teil ohne Kitsch aus (lediglich der Epilog bietet da eine etwas überflüssige Information).
Fazit: Ein faszinierender Jugendroman, den ich nur weiterempfehlen kann.

PS: Das Einzige, das mich immer wieder genervt hat, war die Tatsache, dass das Buch, was die Kommasetzung betrifft, doch sehr schlampig Korrektur gelesen wurde (und leider gehöre ich zu den Menschen, die so etwas wirklich stört.

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