Veröffentlicht in Belletristik

Sharon Page: Samtschwarz

London 1819: Ausschweifend und tabulos sind die geheimen Orgien der Gesellschaft, deren unfreiwillige Zeugin die junge Maryanne wird. Die junge Frau veröffentlicht zwar ohne Wissen ihrer Familie gemeinsam mit der Kurtisane Georgiana die freizügigen (autobiografischen) Romane ehemaliger Mätressen, doch im Grunde ist sie noch sehr unschuldig. Wenn auch ausgesprochen neugierig.
Als der Hilferuf von Georgiana Maryanne eines Abends in ein zwielichtiges Etablissement führt, traut sie ihren Augen nicht. Schockiert von den fremden, erregenden Spielen, die sich ihr darbieten, flüchtet sie in ein Nebenzimmer. Nur um dort den Herrn der Sünde persönlich vorzufinden: Dashiel Blackmore, Lord Swansborough. Ohne es zu wollen, ist sie dem erfahrenen Verführer bereits vom ersten Moment an rettungslos verfallen. Und verliert wenig später bereits ihre Unschuld an den tabulosen Verführer.
Einige Wochen später muss sie jedoch feststellen, dass sie schwanger wird. Maryannes Schwager bzw. der Mann ihrer Schwester Venetia verlangt sofort von Swansborough, das Richtige zu tun: Maryanne zu heiraten. Da dieser trotz allem ein Ehrenmann ist und Maryanne auch nicht vergessen hat – obwohl sie ihre wahre Identität vor ihm verborgen hatte -, willigt er ein.
Doch nun zeigt sich, dass auch Swansborough Geheimnisse hat. Seit seiner Kindheit hat sein Onkel, so nimmt er an, unzählige Versuche unternommen, ihn umzubringen, um an den Titel zu kommen. Darüber hinaus wurden in der letzten Zeit eine Reihe von Frauen auf schreckliche Weise ermordet, und alle Indizien weisen darauf hin, dass Swansborough dahintersteckt. Und als er nun seine gesamte Familie und Freunde zum Weihnachtsfest einlädt, überschlagen sich die Ereignisse. Erneut werden mehrere Mordversuche unternommen, und schließlich schreckt der Täter sogar nicht davor zurück, Maryanne zu entführen … und es zeigt sich, dass der Serienörder und derjenige, der hinter den Mordversuchen an Swansborough steckt, ein- und dieselbe Person ist.

„Samtschwarz“ ist der zweite Band um die Hamilton-Schwestern Venetia, Maryanne und Grace und zumindest der Beginn verspricht die prickelnde Unterhaltung, die man schon von „Der Reiz des Verbotenen“ kennt. Die unschuldige, aber nichtsdestotrotz dem Körperlichen nicht abgeneigte Maryanne findet sich als Teilnehmerin einer erotischen Schnitzeljagd wieder, bei der die Teilnehmer gewisse Aufgaben erfüllen müssen, um einen Hinweis auf die nächste Station des Spiels zu erhalten. Maryanne ist angesichts dessen, was sie in einem einschlägigen Etablissement zu sehen bekommt, so schockiert, dass sie in einen Nebenraum flüchtet und vom Regen in die Traufe gerät, als sie sich in der Gegenwart des berüchtigten Verführers Swansborough wiederfindet, über dessen ausschweifenden Lebensstil sie von ihrer Schwester Venetia schon viel erfahren hat. Aber da unsere Heldin mit einer gesunden Portion Neugier ausgestattet ist, ergreift sie sogleich die Gelegenheit, einige der Dinge, von denen sie bislang nur in den Romanen der Kurtisanen gelesen hat, einmal selbst auszuprobieren.

Bis zu diesem Punkt hält die Autorin Sharon Page das, was sie den Leserinnen schon in „Der Reiz des Verbotenen“ versprochen hat.

Doch als die Heldin schwanger wird, den Verführer heiraten muss und sich in seinem Landsitz wiederfindet, verwandelt sie sich in eine „Damsel in Distress“, die den Ereignissen und den Menschen, die sie nun kennenlernt, so hilflos ausgeliefert ist, dass ich mich stellenweise gefragt habe, ob die Autorin wohl eine andere Figur unter gleichem Namen eingeführt hat. Ist Maryanne im ersten Teil des Romans noch mutig genug, ein berüchtigtes Etablissement aufzusuchen und den Verführer zu verführen, schafft sie es im zweiten Teil noch nicht einmal, die Familie ihres Mannes zu begrüßen, weil sie sich so fürchtet. Damit verlor sie in meinen Augen alle Sympathiepunkte, die sie sich zunächst erworben hatte.

Mit Swansborough verhält es sich ähnlich: Er wurde bereits in „Der Reiz des Verbotenen“ als tabuloser Frauenheld eingeführt, der aus persönlichen Gründen ausschließlich schwarz trägt (grrrrr), und er erfüllt im ersten Teil von „Samtschwarz“ auch alle entsprechenden Erwartungen. Doch dann wird er aufgefordert, eine junge Frau zu heiraten, die er geschwängert hat. Und das tut er, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich habe mich gefragt, warum. Maryanne wird nicht die einzige Jungfrau sein, die ihm zum Opfer gefallen ist, und sicher auch nicht die einzige Frau aus guter Familie. Hinzu kommt, dass er sich nach der Eheschließung auch im Grunde gleich in einen Kuschelbären verwandelt, der mit seinen amourösen Gewohnheiten bricht und sich mit (s)einer Frau begnügt. Das Ganze gipfelt dann in einem so romantisch verklärten süßlichen Schluss – à la „Sie lebten glücklich, bis an ihr Ende“ -, an dem der Held sich von seiner Vorliebe für Schwarz verabschiedet, weil er sich mit seiner Vergangenheit ausgesöhnt hat, dass ich fast Karies bekam. Darüber hinaus erfüllt er das Klischee des „gebrochenen Helden“, der noch als Erwachsener unter dem frühen Tod seiner Eltern leidet und sich die Schuld am Tod seines Cousin gibt – und eigentlich ist ja sein ausschweifender Lebensstil nur der Weg, wie er sich für seine vermeintliche Schuld knechtet, denn in seinem tiefsten Inneren ist er ein guter Mensch.*

Der einzige Pluspunkt: Die eingeflochtene Krimihandlung findet eine unerwartete Auflösung. Zumindest hatte ich die Person, die hinter den schrecklichen Morden und Anschlägen steckt, nicht einmal ansatzweise auf dem Radar.

Mein Fazit: Der erste Teil ist gut und prickelt, dann verliert sich die Handlung zunehmend in Stereotypen, bis schließlich aus einem erotischen Roman ein ausgesprochen romantischer Historienroman wird. Eine Enttäuschung nach „Der Reiz des Verbotenen“, wenn auch nicht gänzlich ein Fehlkauf.

* Anmerkung: mit einer gehörigen Portion Sarkasmus zu lesen

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Ein Kommentar zu „Sharon Page: Samtschwarz

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