Veröffentlicht in Belletristik

Deborah Harkness: Die Seelen der Nacht

Deborah HarknessDie junge Amerikanerin Diana Bishop ist Historikerin mit Leib und Seele. Dass in ihr zudem das Blut eines uralten Hexengeschlechts fließt, dass ihre Eltern ebenfalls mächtige Hexen waren und eine Vorfahrin zu den in Salem getöteten Frauen gehört, versucht sie im Alltag mit aller Kraft zu ignorieren. Doch als Diana in der altehrwürdigen Bodleian-Bibliothek in Oxford ein magisches Manuskript in die Hände fällt, kann sie ihre Herkunft nicht länger verleugnen. Seit Jahrhunderten sind Hexen, Dämonen und Vampire auf der Suche nach diesem Manuskript, erhoffen die einen sich davon Aufschluss über die Herkunft übersinnlicher Wesen, halten andere es für das „Ur-Zauberbuch“ überhaupt und erhoffen sich wiederum andere Hinweise darauf, wie sie andere Übersinnliche töten können. Diana ist es als Einziger bislang gelungen, das Buch wenigstens kurzzeitig in ihren Besitz zu bekommen. Nun heften sich Vampire, Dämonen und Hexen an ihre Fersen, um ihr das geheime Wissen zu entlocken – wenn nötig mit Gewalt.
Hilfe erfährt Diana ausgerechnet von Matthew Clairmont, Naturwissenschaftler, 1.500 Jahre alter Vampir – und der Mann, der Diana bald schon mehr bedeuten wird als ihr eigenes Leben … Für beide unerwartet, verlieben sie sich ineinander. Was eigentlich nicht weiter schlimm wäre, gäbe es da nicht ein Gesetz, das Verbindungen zwischen unterschiedlichen Übersinnlichen verbietet. Aufgestellt wurde das Gesetz vor 1.000 Jahren, um einen lange währenden Krieg zu beenden. Über die Einhaltung des Gesetzes wacht die Kongregation, eine Gruppe von neun mächtigen Übersinnlichen, die alles tun werden, um die Verbindung von Diana und Matthew zu zerstören. Selbst wenn sie dafür einen Krieg auslösen und die Entdeckung durch Menschen riskieren.

Ich habe in den vergangenen Wochen und Monaten viele gute und sehr gute Bücher gelesen, aber Deborah Harkness hat mit ihrem Erstlingsroman „Die Seelen der Nacht“ etwas geschafft, das schon lange kein Buch mehr geschafft hat: Ich bin morgens später zur Arbeit gefahren, um „noch ein Kapitel mehr“ lesen zu können, habe auf den Fernseher verzichtet, um „noch ein Kapitel mehr“ lesen zu können, bin abends später schlafen gegangen, um „noch ein Kapitel mehr“ lesen zu können. 😉 Der Roman bietet anspruchsvollere Unterhaltung, aber vor allem all das, was die gängigen Fantasy-/Urban-Fantasy-Romane nicht bieten: glaubwürdig gezeichnete, vielschichtige Charaktere, eine gut durchdachte, spannende Handlung, in der die Helden sich nicht in Kapitel 1 zueinander hingezogen fühlen und spätestens in Kapitel 5 miteinander im Bett landen – und dann noch das gewisse Etwas, das einen guten Fantasy von einem sehr guten unterscheidet. Im Fall von „Die Seelen der Nacht“ ist das der Metaliteratur-Aspekt. Man spürt sofort, dass die Amerikanerin Deborah Harkness eine anerkannte Historikerin ist, die sich sehr gut im Bereich Wissenschaftsgeschichte und Medizin auskennt – und auch wirklich etwas von Wein versteht. Aber es gelingt ihr, ihr Wissen auf eine Weise einfließen zu lassen, dass man beispielsweise selbst Hunger bekommt – sie beschreibt das Aroma von Wein, die Geschichte unterschiedlicher Weine und die damit einhergehenden Gerichte so lecker und nachvollziehbar, dass man gleich selbst eine Flasche guten Roten öffnen möchte. 🙂 Dann wieder lässt sie ihren Helden so faszinierend von Begegnungen mit historischen Figuren berichten, dass man zum einen mehr über diese erfährt, als man aus einem gewöhnlichen Geschichtsbuch erfahren würde, zum anderen wird die historische Persönlichkeit aber wirklich auf unterhaltsame Weise lebendig. Man spürt richtiggehend, dass die Autorin ihren Beruf und seine Geschichte über alles liebt. Es kommt dem Leser am Ende so vor, als sei er wirklich in die Welt der Kreuzritter, der Alchimisten und der Wissenschaftler eingetaucht und ein Stückchen klüger geworden (und was kann man sich schon mehr wünschen, als auf unterhaltsame Weise etwas zu lernen?). Und schließlich handelt es sich bei Diana und Matthew um zwei Wissenschaftler, die im altehrwürdigen Oxford lehren – vermutlich wäre „Die Seelen der Nacht“ sogar als Reiseführer geeignet, würde man das Buch auf eine Reise nach England mitnehmen. So anschaulich beschreibt Harkness die Universitätsgebäude, die Restaurants und Cafés und vor allem die unterschiedlichen Bibliotheken. Großartig!

Aber auch die Charaktere an sich sind, wie gesagt, glaubwürdig gezeichnet. Bis zu einem gewissen Grad kann sich auch Harkness den Stereotypen zwangsläufig nicht entziehen, aber wer möchte schon eine Geschichte über hässliche Vampire und mit Warzen übersäte Hexen lesen, die nur deshalb zusammenarbeiten, weil sie sich abstoßend finden? 🙂 Diana und Matthew sind facettenreiche Charaktere, die eine glaubwürdige Geschichte haben, welche ihr Verhalten im Verlauf des Romans schlüssig erklärt. Dianas Eltern – beide mächtige Hexen – wurden auf brutale Weise ermordet, als Diana sieben Jahre alt war. Ihr Glaube, dass deren magische Kräfte dafür verantwortlich waren, und die Tatsache, dass das Mädchen in ihrem eigenen Leben sieht, in welcher Weise diese Fähigkeiten andere Menschen/Übersinnliche beeinflussen, hat dafür gesorgt, dass sie sich weigert, ihre Kräfte einzusetzen (natürlich gibt es auch humorvolle Ausrutscher), und sich mit so etwas Nüchternem wie Wissenschaftsgeschichte beschäftigt. Aber natürlich lassen sich solche Kräfte nicht auf ewig verleugnen, sondern suchen sich ihren Weg nach draußen – und das bringt Diana in Kontakt mit Ashmole 782, ein altes Buch über Alchemie, das sich als mehr entpuppt und den Stein ins Rollen bringt.

Matthew hingegen ist ein 1.500 Jahre alter, zurückgezogen lebender Vampir aus einer alten französischen Familie, der schon seit Generationen (auf die eine oder andere Weise) in Oxford studiert und forscht. Als er merkt, welches Manuskript Diana in „seiner“ Bibliothek entdeckt hat und dass daraufhin unzählige übersinnliche Wesen in Oxford aufkreuzen, beschließt er, die störrische junge Frau zu beschützen. Und gerade das Einfühlungsvermögen, mit dem Deborah Harkness dieses Kennenlernen und das Näherkommen der beiden Protagonisten beschreibt, ist in meinen Augen etwas ganz Besonderes. Sie beweist, dass ein Autor eben nicht die Hammermethode (sprich: seitenlang in allen Details beschriebenen 6) braucht, um zwei Figuren zueinanderzubringen. So viel sei verraten: Unsere beiden Helden haben bis zum Ende des Romans nicht ein einziges Mal 6, obwohl sie an einem Punkt sogar heiraten. Und das ist auch gar nicht schlimm, denn hier stimmt alles andere! Und wahrscheinlich haben die LeserInnen, die sich darüber beklagen, dass die beiden Protagonisten sich (gefühlt stundenlang) über ein paar Flaschen Wein und einem Menü in ihrem winzigen Zimmer in Oxford über Nichtigkeiten unterhalten, schlicht nicht gemerkt, dass diese Szene erotischer ist als die Beschreibung eines Aktes selbst. Aber keine Sorge: Ganz ohne hormonelle „Anfälle“ kommt auch diese Geschichte nicht aus. 😉

Aber die Story an sich ist eben so packend geschildert, dass man die Bettszenen als Leser auch gar nicht vermisst. Ob jemand nun zu diesem Buch greift, weil er Literatur liebt, sich für Wissenschaftsgeschichte oder die Geschichte der Menschheit und all ihre kriegerischen Auseinandersetzungen interessiert oder schlicht Romane über Vampire, Hexen und andere übersinnliche Wesen schätzt: Hier ist für jeden etwas dabei!

Mein Fazit: Wer dieses Buch nicht liest, ist selbst schuld. Unbedingte Leseempfehlung!

PS: Bei „Die Seelen der Nacht“ handelt es sich um Band 1 der „All Souls“-Trilogie. Der zweite Teil wird am 18. März 2013 unter dem Titel „Wo die Nacht beginnt“ auf Deutsch erscheinen.

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4 Kommentare zu „Deborah Harkness: Die Seelen der Nacht

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