Veröffentlicht in Belletristik

Lynn Raven: Der Kuss des Kjer

raven-kjerMit einem Trick bringt Mordan, der oberste Heerführer der kriegerischen Kjer, die junge Heilerin Lijanas vom Volk der Nivard in seine Gewalt. Im Auftrag seines schwerkranken Königs Haffren soll er an einem gefährlichen Ort mithilfe der Heilerin ein zauberkräftiges Elixier, die „Tränen der weißen Schlange“, holen und dieses an den Königshof bringen.
Lijanas aber hat nur einen Gedanken: Flucht! Doch je näher sie den als „Blutwolf“ verschrienen Mordan kennenlernt, desto stärker fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Und er sich ebenso zu ihr. In all den Gefahren, die die beiden erleben, setzt er alles dran, sie sicher an den Hof seines Königs zu bringen. Dort erwartet sie jedoch eine tödliche Überraschung …

„Der Kuss des Kjer“ ist ein echter Fantasy-Schmöker, in dem die deutsch-amerikanische Autorin Lynn Raven (aka Alex Morrin) eine faszinierende Welt unter drei Monden erschafft – mit gefährlichen Seelenfressern, verfeindeten Völkern, mysteriösen Seelenhexen, Seuchen, Naturgewalten … Aber vor allem glaubwürdigen, vielschichtigen Charakteren.

Mordan ist der sogenannte Blutwolf, der oberste Herrführer des kriegerischen (und ausgesprochen behaarten) Volkes der Kjer, und als sein schwerkranker König ihm den (für ihn selbst unverständlichen) Befehl erteilt, aus einem verfeindeten Volk die junge Heilerin Lijanas zu entführen, stellt er keine Fragen, sondern tut, wie ihm befohlen wurde. Doch genauso, wie er nicht einfach nur ein brutaler Soldat ist, sondern von seiner (zum Teil noch im Dunkeln liegenden) Herkunft bzw. Vergangenheit geprägt wurde, ist auch die junge Lijanas nicht einfach nur eine begabte Heilerin. Sie ist kein hilfloses Blondchen, das vom Helden ständig gerettet werden muss, sondern eine leidenschaftliche, lebensfrohe Rothaarige, eher eine Distel als eine zerbrechliche Blume, die Mordan mit ihrem Widerspruchsgeist so manches Mal auf die Palme bringt und auch den Helden immer wieder retten muss. Auf dem Weg zum König erleben die beiden so manches Abenteuer, was sie zusammenschweißt – aber vor allem zeigt, dass es einen guten Grund gibt, warum der Astrologe Haffrans gerade Lijanas auf die beschwerliche Reise geschickt hat. Und obwohl „Der Kuss des Kjer“ (sorry, ein seltendämlicher Titel, der eigentlich nur wenig mit dem Inhalt des Buches zu tun hat) als leidenschaftlicher Liebesroman beworben wird, ist die Liebesgeschichte Gott sei Dank eher dezent eingewoben. Das Buch ist keine seichte Liebesschnulze, in der die Heldin dem Helden schon gleich auf der ersten Seite verfällt oder in Kapitel 2 mit ihm im Bett landet. Das Ganze nimmt einen nachvollziehbaren Verlauf, wird dezent geschildert und kommt ohne die heute leider schon üblichen detaillreichen 6szenen aus.

Es gibt durchaus einige Dinge, die einem aufgeklärten Leser des 21. Jahrhunderts negativ auffallen – dass Mordan Lijanas auch mal eine Ohrfeige gibt, wenn sie ihm nun gar nicht gehorsam ist, oder dass es Sklaven gibt, die wirklich auf entsetzliche Weise „gehalten“ werden – aber im Kontext der Welt, die Raven erschafft, passen diese Dinge; sie sind einfach logisch und glaubwürdig. Nein, ich persönlich stehe nicht auf am ganzen Körper behaarte Männer mit Augenklappe, Narben, Reißzähnen und einem Hang zur Brutalität – aber ich lebe eben auch nicht in der Kjer/Nivard-Welt, wo es Ungeheuer, Mythen und Kriege gibt.

Der Autorin gelingt es durch ihr exzellentes erzählerisches Vermögen, den Leser von Beginn an in die Handlung mit hineinzunehmen, und die Abenteuer, die Mordan und Lijanas erleben, bzw. die Gefahren, denen sie begegnen, sind auch wirklich so, wie Abenteuer in Romanen sein müssen: spannend, gefährlich, hintergründig. Dennoch ließ mich so manches Mal das Gefühl nicht los, dass man das Ganze auch hätte straffen können – was dadurch gestützt wird, dass viele Figuren bzw. Völker auftreten/erwähnt werden und dann von der Bildfläche verschwinden, nachdem sie ihre Funktion erfüllt und die Handlung einen Schritt weitergebracht haben. Hinzu kommt, dass die Handlung sich kurz vor Schluss regelrecht überschlägt. Es ist, als sei der Autorin auf Seite 520 eingefallen, dass sie ihre Anschlagzahl erreicht und ja nur noch 80 Seiten hat, um die Helden an ihr Ziel zu bringen – sie in einen tiefen Abgrund stürzen (in übertragenem Sinne) und erkennen lassen, dass sie einander lieben, die Verschwörung aufdecken – und dem Leser ein Happyend zu schenken.

Noch ein Manko: Mir fiel bereits in „Blutbraut“ auf, dass Lynn Raven dazu neigt, Wendungen zu wiederholen und ihre Heldinnen bestimmte Dinge immer und immer wieder machen zu lassen – in diesem Fall knabbert unsere Heldin ständig an ihrer Lippe -, was auf Dauer ausgesprochen redundant und nervtötend ist.

Advertisements

2 Kommentare zu „Lynn Raven: Der Kuss des Kjer

Hinterlasse einen Kommentar ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s