Veröffentlicht in Belletristik

Scott Westerfeld: Goliath (Leviathan-Trilogie 3)

westerfeld-goliathNach ihren Abenteuern im Osmanischen Reich, wo sie befreundete Rebellen dabei unterstützt haben, die Regierung zu stürzen, sind Alek und Deryn wieder auf der „Leviathan“, die jetzt die Neue Welt ansteuert: New York, Kalifornien und Mexiko lauten die Ziele. Doch vorher müssen sie noch einen Zwischenstopp in Tunguska/Russland einlegen und den Erfinder Nikola Tesla an Bord holen, der dorthin gereist ist, um das Ergebnis eines wissenschaftlichen Versuches zu begutachten: einer Maschine, die die kosmischen Wellen in der Erdatmosphäre bündelt und in eine schreckliche Vernichtungswaffe verwandelt, die ganze Städte auslöschen kann – „Goliath“. Aleks Bemühungen, den Krieg zu beenden, scheinen mehr denn je zum Scheitern verurteilt, und so verbündet er sich mit Tesla, in der Hoffnung, dass schon die Drohung mit einer so entsetzlichen Waffe die Deutschen und ihre Verbündeten von ihren kriegerischen Bestrebungen abhält.
Inmitten tödlicher Intrigen und verwirrender Geheimnisse müssen er und die als Junge verkleidete Deryn sich schließlich dem Letzten stellen: der Stunde der Wahrheit. Denn endlich erkennt auch Alek, dass sein bester Freund eigentlich ein Mädchen ist …

„Goliath“ ist der Abschlussband der Steampunk-Trilogie „Leviathan“ des Amerikaners Scott Westerfeld und wieder eine wunderbare Mischung aus tatsächlichen historischen Ereignissen und Personen und fiktiven Geschehnissen und Figuren: In Tunguska schlug tatsächlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Meteorit ein, der dort für Zerstörung sorgte. Der Serbe Nikola Tesla war tatsächlich ein großer Erfinder und Elektroingenieur, der u. a. an Todesstrahlen arbeitete, um Kriege überflüssig zu machen. Auch Randolph Hearst, Joseph Pulitzer und Pancho Villa sind nicht das Ergebnis von Westerfelds Fantasie, sondern bekannte historische Persönlichkeiten …
Aber natürlich gilt das nicht für die beschriebenen Erfindungen: Es gibt keine fliegenden Luftschiffe, die eine Mischung aus Tier und Maschine darstellen wie die „Leviathan“, keine Flechette-Fledermäuse, die metallene Nägel fressen, mit denen sie dann die Gegner aus der Luft „beschießen“, oder Wasserwanderer, mit denen man sich im Meer fortbewegen kann. Aber gerade die facettenreiche, fantasievolle Welt der Darwinisten und Maschinisten überwältigt den Leser auch in „Goliath“ wieder und ist ein echtes Plus der gesamten Trilogie. Westerfeld denkt sich im Gegensatz zu vielen anderen Autoren dieses Genres nicht nur zwei, drei „neue“ Maschinen, Wesen oder Waffen aus, sondern erschafft eine glaubwürdige „historisch-futuristische“ Welt, die bis ins Letzte glaubwürdig ist und logisch funktioniert.
Da einige seiner Wesen/Maschinen doch sehr … ungewöhnlich sind, helfen dem Leser die unzähligen Illustrationen von Keith Thompson auch in diesem letzten Band wieder, sich die fantastische Welt vorzustellen. Und wieder gilt: Die Illustrationen sind das Beste, das mir seit Langem in diesem Bereich untergekommen ist. Kongenial lassen sie auch optisch Westerfelds Romanwelt und -figuren lebendig werden.
Auch die Handlung selbst ist wieder sehr spannend und hat einen gut durchdachten Spannungsbogen. Der Autor hat so viele Ideen eingebracht, dass Langeweile eigentlich nie aufkommt – unsere Helden treffen immer wieder neue Personen, begegnen (für den Leser neuen) Wesen und Maschinen und erleben neue aufregende Abenteuer, denen man als Leser stellenweise mit offenem Mund folgt. Positiv fällt ebenfalls auf, dass es kein zuckersüßes Happy End gibt, bei dem Alek als Kaiser seines Heimatlandes und Deryn als Kaiserin an seiner Seite endet (sorry, für den kleinen Spoiler). Es wird glaubwürdig vermittelt, dass solche Abenteuer Konsequenzen haben und Leben und Menschen verändern. Und dass man manchmal Opfer bringen muss …
Ein kleines Manko des Buches: Wie leider in vielen YA-Romanen schafft es der Autor nur begrenzt, die Gefühlswelt seiner (Haupt-)Figuren anschaulich zu beschreiben. Auch hier fand ich es wieder etwas problematisch, dass Alek in gewisser Hinsicht „plötzlich“ entdeckt, dass er sich zu Deryn hingezogen fühlt – aber wirklich nachempfinden konnte ich als Leser das nur begrenzt. Es war offensichtlich, dass dies geschehen würde, aber wirklich glaubwürdig fand ich die emotionale Entwicklung stellenweise nicht.

PS: An einigen Stellen fand ich die Übersetzung etwas „un-deutsch“ und holprig, und man konnte dem deutschen Text exakt entnehmen, wie der englische Originalsatz gelautet hat. Erstaunlicherweise fiel mir dies nicht bei den komplexen Beschreibungen der Neuerungen auf, die sicher für den Übersetzer eine echte Herausforderung waren (!), sondern in „normalen“ Konversationen und bei kurzen Sätzen. Hier hätte ich mir manchmal etwas mehr Sorgfalt gewünscht.

Advertisements

Ein Kommentar zu „Scott Westerfeld: Goliath (Leviathan-Trilogie 3)

Hinterlasse einen Kommentar ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s