Veröffentlicht in Belletristik

Justin Cronin: Der Übergang (Passage-Trilogie #1)

Cronin Der UebergangAmy Harper Bellafonte ist gerade einmal sechs Jahre alt, als sie von ihrer überforderten alleinerziehenden Mutter – einer Prostituierten – in einem Nonnenkloster zurückgelassen wird. Schon bald darauf wird Amy jedoch von dem FBI-Agenten Brad Wolgast und seinem Kollegen Doyle entführt, die sie zu einer abgeschiedenen militärischen Forschungseinrichtung in Colorado bringen. Hier soll Amy, die besondere Fähigkeiten zu besitzen scheint, an einer streng geheimen medizinischen Versuchsreihe teilnehmen, die nichts Geringeres zum Ziel hat, als die Menschen mithilfe eines mysteriösen Virus unsterblich zu machen. Doch dann gerät das Experiment außer Kontrolle, und in rasender Geschwindigkeit breitet sich eine Welle der Zerstörung und Gewalt über den amerikanischen Kontinent aus, die die gesamte Menschheit zu vernichten droht.
Von schweren Gewissensbissen geplagt, das wehrlose Mädchen einem grausamen Menschenversuch ausgeliefert zu haben, gelingt es Wolgast, Amy in letzter Sekunde zu befreien und mit ihr in die Wälder zu fliehen. Doch als Wolgast als Folge einer Strahlenerkankung stirbt, verliert sich Amys Spur in den Wirren der Apokalypse um sie herum.
Erst später, viele Jahrzehnte später, taucht Amy wieder auf. Sie steht eines Tages vor den hermetisch abgeschirmten Toren einer Kolonie weniger Überlebender des fatalen Desasters. Die Kolonisten begegnen ihr, der geheimnisvollen Fremden, die erst etwa fünfzehn Jahre zu sein scheint, mit Misstrauen. Bis eine Handvoll von ihnen begreift, dass Amy vielleicht die Einzige ist, die die Menschheit noch retten kann.

Justin Cronin ist ein amerikanischer Autor, der für seine bisherigen vier Romane schon einige Auszeichnungen eingeheimst hat. Und vor dem Hintergrund von „Der Übergang“ muss ich sagen: Nicht zu unrecht. Ich habe zugegebenermaßen zwei Anläufe für das Buch gebraucht, aber das lag weniger an der Qualität der Geschichte oder des Schreibstils, sondern vielmehr daran, dass die Geschichte starke Horrorelemente besitzt und mir so manchen Albtraum beschert hat (ich lese meist abends vor dem Einschlafen und bin offenbar, was das Horrorgenre angeht, ein echtes Weichei :-))
Das Buch selbst besteht aus zwei großen Teilen. Im ersten Teil, der ca. 1/3 des Buches ausmacht, werden die Ereignisse vor der Katastrophe bzw. ganz zu Beginn des Ausbruchs erzählt. Der zweite Teil setzt 92 Jahre nach den Ereignissen ein und schildert das Leben einer kleinen Kolonie von Überlebenden, die seit Jahrzehnten in einem abgeschirmten Bereich in Kalifornien leben und zu ahnen beginnen, dass ihre Schutzmaßnahmen kurz davor stehen zu versagen. Darüber hinaus gibt es über das Buch verteilt elf kleinere Teile, die sich an der Struktur der Handlung bzw. der Ereignisse orientieren. Und um dem Ganzen noch den Anschein von Authentizität zu verleihen, ist das Buch mit einer Reihe von E-Mails, Tagebucheintragungen, Zeitungsberichten etc. gespickt, von denen ein Teil im Zentrum zur Erforschung menschlicher Kulturen und Konflikte an der Universität von New South Wales, in der Indo-Australischen Republik, im Jahr 1003 nach dem Virus vorliegen.
Der Ausgangspunkt der Geschichte ist nichts Neues und wurde schon in zahllosen Filmen und Büchern thematisiert: Im bolivianischen Urwald wird ein Forscher mit einem mysteriösen Fledermausvirus infiziert (Patient Zero), und aufgrund bestimmter Entwicklungen kommt das amerikanische Militär auf die Idee, einen Supersoldaten zu „züchten“, der nicht nur über besondere Kräfte verfügt, sondern auch über lange Lebensdauer bzw. gute Selbstheilungskräfte. Und weil man so etwas natürlich nicht an „guten“, „brauchbaren“ Menschen testet, bedient sich das Militär zwölf zum Tode Verurteilten (von denen aber einer – Carter – unschuldig ist), die sich daraufhin in haarlose, bluttrinkende, ausgesprochen agile, nachtaktive Lebewesen verwandeln. Und mehr oder weniger die Fähigkeit besitzen, willensschwache Menschen telepathisch zu beeinflussen. Amy, die weibliche Hauptfigur, bekommt eine finale Version des Virus, allerdings zeigt sie außer einem Fieber und einer gewissen Widerstandskraft gegen Erkrankungen bzw. guter Selbstheilungskräfte keine Nebenwirkungen. All das ist im Grunde nichts Neues, aber so gut geschrieben, dass man zum Beispiel die gleiche Art von ängstlicher Bedrückung empfindet wie die Soldaten der Einrichtung, die so manche einsame Stunde über die Versuchspersonen wachen müssen.
Und dann geht es im zweiten Teil, der ein knappes Jahrhundert später spielt, weiter: Hier ist die Hoffnungslosigkeit, die Verzweiflung ein ständiger Begleiter: Man begegnet einer kleinen Gruppe von Überlebenden, die in einer von hohen Mauern und Flutlichtern umgebenen Kolonie leben, aber langsam zu ahnen beginnen, dass ihre Schutzmaßnahmen nicht ewig halten werden. Auch gibt es immer weniger von ihnen, denn die Nacht wiederum ist fest in der Hand von den sogenannten Virals, den von Zero und den Zwölfen Infizierten. Diese haben sich über die kompletten USA – und, so nehmen sie an, die ganze Welt – ausgebreitet und jagen die letzten Menschen und Tiere. Die Welt in diesem Teil des Buches wird so exzellent vom Autoren beschrieben, dass man sich einen Staat am Ende der Apokalypse wirklich vorstellen kann: was mit Städten wie Las Vegas oder der Technologie geschieht, nachdem die Natur hundert Jahre sich selbst überlassen wurde. Der Verfall der Kultur, das Vergessen der (eigenen) Geschichte, wenn es nur noch ums Überleben geht. Oder die Verzweiflung der Menschen, die sich vor der Dunkelheit fürchten, da sie dort tatsächlich der Tod erwartet. Die Hoffnungslosigkeit, wenn man weiß, dass es auf der einen Seite nur noch eine Handvoll Menschen, auf der anderen aber Millionen von Virals gibt.
Auch die einzelnen Charaktere selbst sind exzellent beschrieben und so facettenreich, dass der Leser wirklich glaubwürdigen Figuren begegnet. Dabei verzichtet der Autor auf simple Schwarz-Weiß-Zeichnungen, sondern erschafft handelnde Figuren mit allen ihren Stärken, aber auch Schwächen. Es gäbe noch viel mehr zu den Ideen des Autors zu sagen, aber ich fürchte, dann würde ich unnötig spoilern.

Mein Fazit: der im wahrsten Sinne des Wortes gut 1.000 Seiten starke Eröffnungsband einer Trilogie, den man vielleicht nicht unbedingt abends vor dem Einschlafen lesen sollte, von dem aber keine einzige Seite überflüssig ist. Macht definitiv Lust auf die Fortsetzung („Die Zwölf“)!

PS: Vor circa sechs Jahren haben FOX und Ridley Scotts Filmgesellschaft die Rechte an der Verfilmung des Stoffes erworben. Bei IMDb wird das Projekt aber noch als „in development“ geführt.

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4 Kommentare zu „Justin Cronin: Der Übergang (Passage-Trilogie #1)

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