Veröffentlicht in Belletristik

Deeanne Gist: Die Sprache des Herzens

gist-sprache-des-herzensCullen McNamara arbeitet zwar als Farmer auf dem Hof seines Vaters in North Carolina, aber in seinem Herzen ist er Erfinder (ganz abgesehen davon, dass er unter schrecklichem Heuschnupfen leidet und das Bauerndasein nicht so sein Ding ist). Vor allem seit seine Mutter bei einem Feuer ums Leben kam, als er zwölf war, beschäftigt er sich mit Wegen, wie man Feuer frühzeitig löschen und Menschenleben retten kann. Als er Mitte zwanzig ist, findet in Chicago die Weltausstellung statt (1893), und sein Vater ermöglicht es ihm, dort seine (erste!) automatische Sprinkleranlage auszustellen. Leider ist das Interesse der Leute nicht so groß, wie Cullen sich dies erhofft hat, ganz zu schweigen davon, dass er schlicht kein guter Verkäufer ist.
Erschwert wird ihm die Präsentation seiner Erfindung durch die Tatsache, dass er sein Gehör verliert und seine potenziellen Kunden kaum verstehen kann. Da bringt ihn ein befreundeter Feuerwehrmann auf eine Idee: Ebenfalls auf der Weltausstellung vertreten ist eine Schule für gehörlose Kinder, in der man diesen beibringt, von den Lippen abzulesen.
Cullen lernt dort die Lehrerin Della kennen, die sich nach kurzem Zögern einverstanden erklärt, ihm das Lippenlesen beizubringen. Im Gegenzug wird er sie am Ende des Tages immer bei ihren Entdeckungszügen auf der Ausstellung begleiten.
Es kommt natürlich, wie es kommen muss: Die beiden verlieben sich ineinander. Doch leider ist Cullen zu Hause bereits mit seiner Jugendfreundin Wanda verlobt. Er hat zwar schon längere Zeit Zweifel daran, dass er sie wirklich liebt, aber erst durch seine Zuneigung zu Della erkennt er, dass er eine Entscheidung treffen muss. Er löst daraufhin die Verlobung mit Wanda, die jedoch unerwartet auf der Weltausstellung auftaucht, da sie sich nicht einfach so abservieren lassen will. Della ist völlig schockiert, hat sie doch nicht geahnt, dass er bereits vergeben war. Hat ihr Vater doch recht, wenn er sagt, dass man Männern nicht trauen darf?
Unterdessen kommt der Feuerwehrfreund bei einem Brand ums Leben, sodass Cullens Anliegen für ihn eine neue Dringlichkeit bekommt. Doch eine erste Präsentation seiner Sprinkleranlage misslingt …

„Die Sprache des Herzens“ ist der neunte Roman der Amerikanerin Deeanne Gist – eine wahre Meisterin gut geschriebener historischer Liebesromane -, aber der erste, der nicht in ihrem Hausverlag Bethany House Publishers erscheint. Und ich denke, dies spürt man auch. Da es sich bei Bethany um einen christlichen Verlag handelt, hatten die bisherigen Romane zumindest eine christliche „Spur“, die in Gists neuem Roman nahezu komplett fehlt. Auch der Humor-Faktor ist geringer als gewöhnlich, und gerade den schätze ich bei dieser Autorin sehr. Doch beides wird sicher nur den Gist-Fans auffallen, die mit ihren anderen Romanen vertraut sind.
Wie man es bereits von Deeanne Gist kennt, mischt sie eine fiktive Erzählung mit tatsächlichen historischen Ereignissen, und diese beschreibt sie dann mit einer unglaublichen Präzision. In diesem Fall die Weltausstellung in Chicago im Jahr 1893. Und das gelingt ihr wieder einmal exzellent. Man kann die Menschenmassen regelrecht vor sich sehen … den Lärm der neuen Maschinen hören … und bekommt Lust, selbst mal eine solche Ausstellung zu besuchen. Auch lässt sie Charaktere auftreten, die tatsächlich gelebt haben, wie bspw. die taubblinde Schriftstellerin Helen Keller, den US-Präsidenten Grover Cleveland oder George Ferris, den Erfinder des „Ferris Wheels“ (Riesenrad), das dem Eiffelturm Konkurrenz machen sollte, dem Highlight der letzten Weltausstellung.
Oberflächlich betrachtet schildert Gist eine Liebesgeschichte – und das primär aus der Perspektive des Mannes (!) -, und das macht sie ebenfalls auf die ihr eigene Weise: Die Figuren sind facettenreich und agieren glaubwürdig. Doch obwohl die Autorin die körperliche Anziehung der beiden Hauptfiguren nicht ausklammert, gibt es keinerlei 6szenen. Ihre Geschichte ist kein Vorwand, um möglichst viel nacktes Fleisch zu beschreiben; ihre Geschichte bietet tatsächlich genau das, was man von einem guten Roman erwartet: Handlung. Glaubwürdige Charaktere. Stoff zum Nachdenken. Themen zum (Neu-)Entdecken wie die drohende Wirtschaftskrise oder den industriellen Fortschritt.
Ein großes Thema im Buch ist jedoch die Problematik der Gehörlosen. Mir persönlich war nicht bewusst, dass man diese noch am Ende des 19. Jahrhunderts für schwachsinnig gehalten und in Anstalten gesteckt hat! Cullen verliert ja ebenfalls sein Gehör – und sobald seine potenziellen Geschäftspartner von seinem drohenden Hörverlust erfahren, trennen sie sich von ihm, weil sie ihn für blöde halten! Kindern zwingt man regelrecht das Lippenlesen auf, da sie durch Gebärdensprache „negativ auffallen“ würden. Die Kinder in der hier beschriebenen Schule dürfen bspw. sechs Jahre nicht nach Hause fahren, damit ihre Eltern das Erreichte durch die Verwendung von Gebärdensprache nicht wieder zerstören. Sehr traurig.

Mein Fazit: Ein echter Schmöker zum Verschlingen. Definitiv eine Kaufempfehlung. Und wer mehr lesen will über die Chicagoer Weltausstellung, hier ein kleiner Hinweis: Deeanne Gists Roman „Die eigensinnige Ärztin“ spielt ebenfalls in diesem Umfeld.

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3 Kommentare zu „Deeanne Gist: Die Sprache des Herzens

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