Veröffentlicht in Belletristik

Thomas Franke: Der Geschichtensammler

franke geschichtensammlerBerlin im Mai 1945: In der zerstörten Hauptstadt tobt die letzte sinnlose Schlacht des untergehenden Dritten Reiches. Rasmus-Salomo Eichdorff ist ein junger Flakhelfer. Er versucht, sich durch die in Schutt und Asche liegende Stadt zu kämpfen, um seine Freundin Emmi in Sicherheit zu bringen, die er heimlich schon seit langer Zeit liebt. Doch als er sie findet und befreit, ist ihr bereits das zugestoßen, was damals Hunderttausenden Frauen zugestoßen ist: Sie wurde vergewaltigt und sieht jetzt nur noch einen Ausweg: Selbstmord.
Es gelingt Rasmus, ihr das Versprechen abzuringen, erst einmal 100 Tage abzuwarten und zu versuchen, wieder neu anzufangen. Doch Rasmus schafft es nicht, ihr dabei zur Seite zu stehen, denn schon Augenblicke später gerät er in russische Kriegsgefangenschaft und wird nach Sibirien deportiert. Auf dem Weg dorthin trifft er einen deutschen Soldaten – Erwin –, dem er im zerstörten Berlin schon mal über den Weg gelaufen ist, und er lernt Hans kennen, einen etwas … zurückgebliebenen, naiven Jungen, dessen Vater für die Kommunisten arbeitet. Die beiden sind – auf unterschiedliche Weise – gläubig und schenken Rasmus dadurch Hoffnung. Besonders Erwins in einem alten Notizbuch gesammelte Geschichten geben Rasmus viel Stoff zum Nachdenken. Vor allem, als er ins „Loch“ geworfen wird, weil er sich weigert, falsche Anschuldigungen gegen Hans‘ Vater zu erheben, hält ihn nur der Glaube daran am Leben, dass es da irgendetwas oder irgendjemanden geben könnte.
Dann gelingt ihm mit Hans die Flucht, und die beiden versuchen, sich durch die von den Russen besetzten Nationen nach Hause durchzuschlagen – was auch dadruch erschwert wird, dass die deutschen Soldaten dort schrecklich gehaust haben.

„Der Geschichtensammler“ ist der neue Roman des imho großartigen Erzählers Thomas Franke. Darin erzählt er im Grunde die Vorgeschichte des Bestsellers „Das Haus der Geschichten“, doch man muss dieses Buch nicht gelesen haben, um „Der Geschichtenerzähler“ zu genießen und zu verstehen. Ich kenne nur wenige deutsche Autoren, denen es so gut gelingt, nicht nur glaubwürdige Charaktere zu zeichnen und deren Umwelt auf eine Weise zu beschreiben, dass ich sie wirklich vor mir sehen kann (wer in Berlin lebt, wird sicher vieles wiedererkennen), sondern der auch in der Lage ist, eine vielschichtige Story zu stricken.

Das Besondere an diesem Buch: Die (geistlichen) Gedanken werden durch eingestreute fiktive Geschichten vermittelt, durch die der Autor beweist, dass er in den unterschiedlichsten Genres zu Hause ist. Teilweise handelt es sich dabei um nachdenkliche märchenhafte Erzählungen z. B. über eine wunderschöne Prinzessin, die von ihrem liebenden Vater in einen Turm gesperrt wird. Dann lässt er überall verkünden, dass all diejenigen, die seine Tochter zu freien wünschten, drei Tage und drei Nächte in ebendiesem Turm verbringen sollen. Wer dann noch immer den Wunsch hegt, seine Tochter zu heiraten, dem wird er sie zur Frau geben und das halbe Königreich dazu. Es gibt aber auch überaus witzige Geschichten wie die über die Unterhaltung zweier Schnecken, die sich darüber austauschen, ob es wohl ein Leben jenseits des Weinbergs gibt. Oder die von dem Reporter, der eine Brille findet und plötzlich eine ganz andere Sicht der Welt bekommt.

Auf diese Weise bekommt das Buch auch eine unglaubliche Tiefe – und macht deutlich, dass Geschichten wirklich die Kraft haben, Hoffnung zu schenken und Leben zu verändern.

Mein Fazit: Unbedingt lesen!

PS: Der (Schutz-)Umschlag des Buches wurde – wie bei allen von Frankes Büchern – erneut von Jeannette Woitzik entworfen. Ein echter Hingucker!

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Ein Kommentar zu „Thomas Franke: Der Geschichtensammler

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