Veröffentlicht in Belletristik

Mary Shelley: Frankenstein 

shelley-frankensteinDie Geschichte beginnt mit Briefen von Robert Walton an seine Schwester. Walton ist mit einem Schiff unterwegs, um eine Passage zum Nordpol zu entdecken, doch er und seine Mannschaft wurden vom Eis der Arktis eingeschlossen und warten auf Tauwetter. Während der Wartezeit beobachten sie, wie eine riesenhafte Person auf einem Hundeschlitten in Richtung Norden eilt. Am nächsten Morgen nehmen sie einen Mann an Bord, der schwerkrank und am Ende seiner Kräfte ebenfalls auf dem Weg nach Norden ist: Victor Frankenstein. Als dieser sich langsam etwas erholt und den tödlichen Ehrgeiz in den Augen seines Retters erkennt, beginnt er, ihm seine Lebensgeschichte zu erzählen:
Er stammt aus einer liebevollen Schweizer Familie. Schon früh kommt der intelligente Junge in Kontakt mit den Werken einiger Alchemisten und verschlingt diese eine Weile lang mit großem Wissensdurst. Mit 17 geht er an die Universität nach Ingolstadt, um dort Naturwissenschaften zu studieren. Während dieser Zeit wird seine Begeisterung für die Alchemie wieder neu entfacht. Und er beginnt selbst zu forschen. Ihm gelingt, was noch keiner vor ihm geschafft hat: Er gestaltet aus Leichenteilen ein neues Wesen und haucht diesem Leben ein. Doch er ist von der Hässlichkeit seines Geschöpfes so entsetzt, dass er sich von diesem abwendet und die Flucht ergreift. Als er nach der Rückkehr in seine Wohnung das Ungeheuer nicht mehr antrifft, glaubt er, alles sei nur ein böser Traum gewesen und er könnte alles hinter sich lassen.
Doch zwei Jahre später wird sein jüngster Bruder ermordet und eine von allen geschätzte Hausangestellte für die Tat verurteilt. Damit beginnt ein einziger Albtraum, denn Frankenstein muss erkennen, dass jedes Handeln Konsequenzen hat und dass ihn seine Hybris zu Fall bringen wird …

Die Entstehungsgeschichte des Klassikers „Frankenstein“ ist legendär: Es ist das Jahr 1816, ein regnerischer Sommer … In der Villa von Lord Byron am Genfer See halten sich neben dem Hausbesitzer und dessen Leibarzt John Polidori u. a. auch Mary Wollstonecraft und der englische Dichter Percy Bysshe Shelley auf, die zusammen durchgebrannt sind (und später heiraten werden). Sie vertreiben sich ihre Zeit mit dem Erzählen von Gruselgeschichten – und aus einer von ihnen wird „Frankenstein“ hervorgehen, ein Klassiker der englischen Literatur, der heute noch Stoff für Kinofilme liefert.
Falls ihr eingefleischte „Frankenstein“-Fans seid oder Literaturwissenschaftler, eine Warnung vorab: Ich fand den Roman gruselig – und das nicht auf eine gute Art und Weise – und kann ihn auf keinen Fall weiterempfehlen. Die Gründe dafür sind vielfältig:

Mary Shelleys Charaktere sind unglaublich eindimensional. Es gibt in dieser Hinsicht keine Grautöne. Alle Akteure, die von Mary Shelley mit einem Namen bedacht werden, sind facettenlose Geschöpfe, tugendhaft, edel, mit einer schier engelhaften Geduld gesegnet; das gilt für Victors Familie ebenso wie für seine Freunde. Obwohl z. B. schon bald abzusehen ist, dass es eine Verbindung gibt zwischen Victor und den Todesfällen, obwohl er sich so extrem in sich selbst, in die Einsamkeit zurückzieht und ganz offensichtlich suizidal ist, begegnen ihm die ihn liebenden Menschen mit einer so großen Nachsicht und Geduld, dass ich das eine oder andere Mal kurz vor dem Verzweifeln war. Nie verliert jemand die Contenance, nie dringt jemand ernsthaft in Victor und verlangt eine Erklärung für die Geschehnisse. Selbst als seine geliebte Elisabeth durch ihn erfährt, dass etwas ganz Schlimmes geschehen ist, dass er etwas Entsetzliches getan hat, dass sein Leben verdammt ist und sie ihm gewiss nicht vergeben wird, wenn sie die Wahrheit erfährt, besteht sie nicht darauf, dass er sich ihr offenbart. Und mit Liebe hat das m. E. nichts mehr zu tun; Shelley will ihr Augenmerk offenbar nur auf den Victor-Ungeheuer-Konflikt richten und keine Energie in „normal-menschliche“ Konflikte investieren.
Victor hingegen ist neben diesen engelhaften Wesen der gefallene Adam, Adam nach dem Genuss der Frucht vom Baum der Erkenntnis, der sich gegen seinen Schöpfer aufgelehnt hat, indem er selbst Schöpfer gespielt und seine Unschuld und dadurch das Paradies verloren hat. In seiner Hybris glaubt er etwas schaffen zu können, das noch niemand vor ihm geschafft hat – ohne Rücksicht auf Verluste oder Konsequenzen. Letzteres hätte durchaus das Potenzial für eine großartige Geschichte, eine tiefgehendere Auseinandersetzung mit dem Missbrauch wissenschaftlicher Errungenschaften (nicht alles, was theoretisch möglich wäre, ist auch gut für uns, um es mal ganz platt auszudrücken) – wenn, ja, wenn dieser Frankenstein nicht ein unglaublicher Waschlappen wäre  (ich kann gerade hören, wie Mary Shelley in ihrem Grab rotiert).
Was eine Redemption-Geschichte hätte werden können, gleitet spätestens nach dem Entsetzen über das erschaffene Ungeheuer in eine endlose Pity-Party ab. Frankenstein ist deprimiert, weint, ist wütend und zornig, traurig und niedergeschlagen, rauft sich die Haare, kann nicht schlafen, zieht sich in die Einsamkeit der Natur zurück, grübelt nächtelang über sein Vergehen nach, ergeht sich in Schuldgefühlen, wälzt sich wochenlang fieberkrank auf seinem Lager, ist blass und dünn und fast chronisch suizidal und unglaublich selbstsüchtig … Doch was er nicht tut: etwas. Irgendetwas. Obwohl er weiß, dass er die Schuld am Tod von geliebten Menschen trägt und dass ihn neue Verluste erwarten, kriegt er seinen Hintern nicht hoch. Er könnte versuchen, das Monster selbst zu töten (Schwerter, Gewehre oder meinetwegen Sprengstoff gab es auch damals schon), er könnte sich jemandem offenbaren, z. B. seiner eigenen Familie, die ja auf der Abschussliste des Ungeheuers steht. Spätestens nach dem dritten Verlust hätte er über seinen Schatten springen müssen – natürlich hätte man ihm u. U. nicht sofort geglaubt, natürlich wäre seine Familie entsetzt gewesen, und vielleicht hätte man sich von ihm abgewandt. Aber diese Konsequenzen zu tragen, wäre immer noch besser gewesen, als feige den sicheren Tod seiner gesamten Familie in Kauf zu nehmen. Denn sein Schweigen hat definitiv nichts mit Rücksichtnahme zu tun, sondern nur mit Feigheit. Schließlich heiratet er nämlich seine geliebte Elisabeth, obwohl ihm das Ungeheuer in diesem Fall ihre Vernichtung angedroht hat. Und was sagt er zu ihr, die aufgrund von Andeutungen ahnt, dass nun etwas ganz Entsetzliches geschehen wird?

„Du bist traurig, mein Liebes. Ach, wenn du doch wüßtest, was ich erlitten habe und was ich vielleicht noch erdulden muß, dann würdest du mir die Ruhe und die Erlösung von der Verzweiflung gönnen und mich diesen Tag genießen lassen, der mein Herz erfreut.“
(S. 330)

Mit anderen Worten: „Hey, du bist vielleicht schrecklich traurig, aber wenn du wüsstest, wie schlecht es mir geht und was ich schon alles durchgemacht habe, würdest du zumindest so tun, als wärst du glücklich. Mein Wohlergehen ist nämlich wichtiger als deines.“
Selbst am Ende seines Lebens, als es hin und wieder den Anschein hat, er hätte seine Hybris eingesehen, kann er nicht über seinen „selbstsüchtigen Schatten“ springen. Als z. B. die Matrosen auf dem im Eis festsitzenden Schiff (die schon den Verlust einer ganzen Reihe von Kameraden zu beklagen haben) ihren Kapitän Robert Walton auffordern, doch beim Einsetzen von Tauwetter gen Süden zu segeln und nicht länger weiter in das Eis hinein, macht Frankenstein ihnen Vorhaltungen. Im Grunde sagt ihr ihnen: „Wenn ihr in die Sicherheit des Südens zurückkehrt, dann seid ihr Feiglinge und ehrlos. Wie könnt ihr bloß so feige sein und etwas, das zum Wohle der Menschen ist, verweigern – und das nur, um eure Haut zu retten?“ (nachzulesen S. 368 f.)  Und beinahe im gleichen Atemzug warnt er Walton davor, seinem Wissensdurst uneingeschränkt nachzugeben – hier könnte man ihn schon beinahe als schizophren beschreiben. Selbst auf dem Totenbett ist sich Frankenstein aber keiner Schuld bewusst:

„In den letzten Tagen habe ich mein früheres Verhalten überprüft und nichts daran zu tadeln gefunden. In einem Anfall der Verblendung schuf ich ein denkendes Geschöpf, und ich wäre dazu verpflichtet gewesen, für sein Gück und Wohlergehen zu sorgen, soweit es in meiner Macht stand. Aber etwas anderes ging vor. Die Pflicht meinen Mitmenschen – den echten Menschen – gegenüber hatte den Vorrang …“
(S. 372)

Und dann erklärt er seinem Zuhörer, dass er ja nicht die Schuld an den schrecklichen Taten trägt, sondern dass das Geschöpf allein schuldig und durch und durch böse ist. Und selbst Walton (und damit Shelley) beschreibt ihn trotz der Ereignisse weiter als einen noblen Menschen, was ich beim besten Willen nicht nachvollziehen kann.

Auch die Gestaltung des Monsters lässt zu wünschen übrig. Hier beschenkt uns die Autorin zumindest mit ein paar Facetten und einigen Grautönen, mit einem Wesen, dass immer wieder die Hand ausstreckt und seinen Schöpfer um Hilfe bittet. Aber dennoch verliert sie mich bei den Basics: Ein gesampeltes Wesen wird auf nicht näher beschriebene Weise zum Leben erweckt, haut ab, nachdem es bei seinem Schöpfer auf wenig Begeisterung stößt, reist mithilfe eines erstaunlich gut funktionierenden inneren Kompasses von Ingolstadt nach Genf, entwickelt ohne fremde Hilfe oder Vorbild ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, bringt sich selbst eine korrekte, real existierende  Sprache bei (und zwar so, dass man ihn nicht als Nicht-Nativespeaker erkennt), liest die großen Denker und versteht die Philosophie – und all das in weniger als zwei Jahren! Come on!? Und dass dieses Ungeheuer eigentlich weniger ein durch und durch schlechtes Wesen ist (schließlich bringt es genügend Menschen sehenden Auges um!) – nein,  es ist nur ein Kind, das die Anerkennung seines Vaters sucht. Vor dem Hintergrund der Tatsache, wie viel Bildung es sich in der kurzen Zeit angeeignet hat, ist mir diese Erklärung einfach zu simpel.

Neben diesem Manko hinsichtlich der Charakterisierung der Figuren war ich aber auch sehr enttäuscht über die Ausgestaltung des Horror-Parts. Natürlich ist mir bewusst, dass man diese Elemente zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht so detailliert ausgestaltet hat, wie man dies heute tun würde. Die Leseerfahrung war damals nicht so ausgeprägt und „abgehärtet“ wie heute. Aber sich bei der Erschaffung des Ungeheuers auf die Information zu beschränken, „Ich habe dann mal aus faulenden Leichenteilen ein Wesen zusammengestellt, und im Gegensatz zu den anderen dummen Wissenschaftlern bin ich dahintergekommen, wie man Toten wieder die Wärme des Lebens einhaucht“ – sorry, das ist mir einfach zu wenig. Schon seit den 1770er-Jahren gab es wissenschaftliche Versuche, Tote mithilfe von Elektrizität wiederzubeleben, da könnte man doch meinen, dass ein Autor, der sich mit ebendiesem Thema auseinandersetzt, ein bisschen mehr Energie in die Forschung und Beschreibung dieser Prozesse investiert. Vor allem, da man sich auch in ihrem engeren Freundeskreis damit beschäftigt. Nein, falsch gedacht. Stattdessen langweilt – wieder: sorry – uns die Autorin mit seitenlangen Naturbeschreibungen. Keine düsteren Schlösser oder Gänge oder Verliese … Stattdessen die Schönheit der Alpen en détail. Jedes. Verflixte. Detail!

Fazit: Ich glaube, dass diese Geschichte durchaus deutlich mehr Potenzial hat, als Shelley schlussendlich daraus gemacht hat. Wobei ich mir natürlich schon bewusst bin, dass ich hier als Mensch des 20./21. Jahrhunderts schreibe, der in der Realität gesehen hat, welchen negativen Weg die Wissenschaft einschlagen kann.

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9 Kommentare zu „Mary Shelley: Frankenstein 

  1. Vorneweg: Ich fand Frankenstein alles in allem am Ende gut, aber zum großen Teil auch, weil mich viele Dinge, die Du jetzt ansprichst auch so gewurmt haben und daraus Diskussionen mit Freunden entstanden, wie wir uns das vorstellen könnten, was anders hätte laufen müssen und und und.
    Und über die meiner Meinung nach seitens Victor völlig lieblose Beziehung zu Elisabeth und dem blöden Gehabe, dass der Bub (Victor) alles machen darf was er will, kann ich immer noch einigermaßen hinweg sehen, aber was mich wirklich wirklich wirklich nervt, ist die Sache mit der Kreatur, die auch Du ansprichst. Da bin ich voll bei Dir, das ist doch einfach Quatsch!!!! Wie soll das funktionieren? Wie hat der das alles gelernt?

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