Veröffentlicht in Belletristik

Carola Dunn: Miss Daisy und der Tote auf dem Eis (Band 1)

dunn-miss-daisy1England in den Zwanzigerjahren: Die junge Adlige Daisy Dalrymple ist nach dem Tod ihres Vaters gezwungen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Sie beschließt, eine Karriere als Reporterin zu machen, und gewinnt ihren Vorgesetzten bei Town and Country für ihre Idee, eine Artikelserie über die Anwesen englischer Adliger zu verfassen. Ihr erster Einsatz führt sie nach den Weihnachtsfeiertagen 1922 nach Wentwater Court, dem zauberhaft gelegenen Gut des gleichnamigen Grafen und seiner jungen Frau.
Aber der Schein der Idylle trügt: In Wentwater Court hat sich die gesamte Familie des Grafen versammelt, und Daisy erkennt sehr schnell, dass es viele unterschwellige Konflikte gibt.  Und als dann im zugefrorenen See die Leiche eines weiteren Gastes gefunden wird und sich herausstellt, dass es sich bei diesem Todesfall nicht um ein Unglück gehandelt hat, könnte jeder der Täter gewesen sein.
Gemeinsam mit Chief Inspector Alec Fletcher von Scotland Yard löst Miss Daisy ihren ersten Fall …

„Miss Daisy und der Tote auf dem Eis“ ist der erste Band von Carola Dunns „Miss Daisy“-Reihe und im Gegensatz zu den Kriminalromanen, die heutzutage auf den Bestsellerlisten stehen, herrlich altmodisch und wenig blutrünstig. Es handelt sich hier um einen Whodunit-Roman im Stile der englischen Cozy-Mystery-Klassiker wie „Miss Marple“: Der Roman hat ein begrenztes Setting (Wentwater Court), es gibt eine beschränkte Anzahl von Verdächtigen (die anwesenden Familienangehörigen), und die Aufklärung erfolgt mithilfe von (Hobby-)Detektiven, denen der Leser durch ihre Ermittlung folgt, sodass er parallel dazu seine eigenen Überlegungen zum Täter anstellen kann. Es steht auch noch nicht von Beginn an fest, dass wir es tatsächlich mit einem Mord zu tun haben – und auch Motive gibt es dann unzählige.

Hauptfigur ist die 25-jährige Daisy Dalrymple. Nach dem Tod ihres Vaters fallen Titel und Vermögen der Familie Dalrymple an einen Cousin, da der eigentliche Erbe – Daisys Bruder – im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Und weil die lebenslustige Daisy weder ihren Schwestern noch ihrer Mutter auf der Tasche liegen will, hat sie sich zusammen mit einer Fotografen-Freundin eine Wohung gemietet und will Karriere als Journalistin machen. Und später einmal Kriminalromane verfassen. Da kommt ihr der Mord bei ihrem ersten Einsatz natürlich mehr als recht. Gemeinsam mit Alec Fletcher von Scotland Yard beginnt sie, Nachforschungen anzustellen und sich auf die Spur des Täters (oder der Täter?) zu machen.

Fletcher wiederum wurde auf den Fall angesetzt, da Lord Wentwater eine kleine Fehde mit dem örtlichen Constable hat und befürchtet, dass dieser den (angeblichen) Unfalltod nutzen wird, um einen Skandal zu verursachen – da genießt der Detective von Scotland Yard schon mehr Vertrauen. Darüber hinaus ist der Chief Inspector sowieso bereits in der Gegend, da er einen Juwelendieb jagt, der bereits einige Herrenhäuser ausgeraubt hat. Fletcher ist Mitte dreißig, verwitwet und lebt mit seiner Tochter bei seiner Mutter. Und ist von der jungen Daisy fasziniert und genervt zugleich. Fasziniert, da die junge Frau eine sympathische Lebendigkeit besitzt sowie ein gutes Auffassungsvermögen. Genervt, weil sie sich dadurch auch in Gefahr bringt, ebenfalls ein Opfer zu werden.

Und mögliche Täter gibt es viele: War es die neue Herrin des Hauses, Annabel Wentwater, der der Tote nachgestellt hat – oder hat er sie gar erpresst? War es Lord Stephen, der darüber alles andere als begeistert war? War es der älteste Sohn James, der seine Stiefmutter  hasst? Der mittlere Sohn Wilfred, der vom Opfer erpresst wurde? Der jüngste Sohn Geoffrey, der in seine schöne Stiefmutter verliebt ist? Oder gar die Tochter Marjorie, die selbst ein Auge auf das Opfer geworfen hatte? Oder einer der drei anderen Hausgäste des Grafen, die unter Umständen ebenfalls ein Motiv haben? Es ist faszinierend, den Ermittlungen der beiden Protagonisten zu folgen, die immer wieder neue Hinweise finden – wodurch der Leser wieder auf neue (falsche?) Fährten geschickt wird oder der Aufklärung des Falles näher kommt.

Die Autorin Carola Dunn erweist sich dabei als sehr gute Erzählerin. Unaufgeregt schildert sie ihre Geschichte – wer Grusel und Gänsehaut sucht, ist mit diesem Roman sicher nicht gut beraten. Aber wer Agatha Christi schätzt oder Serien wie „Downton Abbey“ ist hier gut aufgehoben. Die Autorin malt ein glaubwürdiges (Mikro-)Bild der englischen Adelsgesellschaft in den Zwanzigerjahren – mit Lords, die in der neuen Zeit an ihren alten Traditionen festzuhalten versuchen, mit gelangweilten Adelskindern, die die wilden Zwanzigerjahre feiern, mit „modernen“ Geschäften und alten Verpflichtungen, mit Dienstmädchen und steifen Butlern …

Mein Fazit: Ein sehr charmanter, wunderbar altmodischer Krimi mit sympathischen Protagonisten. Das Buch macht Lust auf mehr! Eine mögliche Liebesgeschichte zwischen Daisy und Alec wird in diesem ersten Band übrigens nur angedeutet. Aber auch da dürfen wir sicher in den Folgebänden mehr erwarten.

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