Veröffentlicht in Belletristik

Antonia Hodgson: Das Teufelsloch

hodgson teufelslochEngland 1727. Tom Hawkins wird mit Schimpf und Schande von seinem Vater, einem Landpfarrer, vertrieben, als herauskommt, dass er sich bei seinen Studien weniger Gott gewidmet hat als vielmehr Wein, Weib und Gesang. Doch als er in London all sein Geld durchgebracht und seit Monaten seine Miete nicht gezahlt hat, droht ihm das Schuldgefängnis. Noch ein letztes Mal versucht er sein Glück am Spieltisch, und tatsächlich ist ihm Fortuna gewogen: Er gewinnt eine große Summe, mit deren Hilfe er die Hälfte seiner Schulden tilgen könnte. Doch als er mit dem Gewinn auf dem Nachhauseweg ist, wird er überfallen und ausgeraubt. Selbst Charles, Toms bester Freund aus Studienzeiten, dessen Mentor wiederum Sir Philip Meadows ist, dem unter anderem das Schuldgefängnis „The Marshalsea“ untersteht, kann nicht verhindern, dass Tom verurteilt wird.
Schnell erkennt dieser, dass in diesem „Teufelsloch“ nur der überlebt, der etwas Kleingeld in der Tasche hat – oder sich nützlich machen kann. Geld hat er nicht, aber als man ihm ein entsprechendes Angebot unterbreitet, verdingt er sich als Ermittler in einem Gefängnismord – eine Idee, an der sein düsterer Zellengenosse Fleet sogleich Gefallen findet. Doch Tom ist auf der Hut, gilt Fleet doch selbst bei den abgebrühtesten Bütteln des Marshalsea als Ausgeburt der Hölle …

„Das Teufelsloch“ ist der Debütroman von Antonia Hodgson – und wirklich ein guter, wenn auch nicht ganz überzeugender Einstieg in ihre literarische Karriere. Sie verwebt darin wie so viele Autoren historischer Romane Historie und Fiktion auf unterhaltsame Weise. Geschichtliche Fakten fließen auf eine dezente, organische Weise in die Handlung ein, sodass der Leser keinen Augenblick das Gefühl hat, belehrt zu werden. Einige der handelnden Figuren wie Direktor Action, die Wächter Jenings, Cross und Hand oder die Insassen Chapman, Bradshaw etc. hat es tatsächlich gegeben, sodass vieles von dem, was Hodgson über sie schreibt, durchaus den Tatsachen entspricht. Dies gibt der Geschichte noch einmal eine ganz besondere Intensität und beweist, dass gut recherchiert wurde.
Die Erzählweise ist schlicht, vermittelt aber sehr anschaulich Leben und vor allem Sterben in dem schrecklichen Schuldgefängnis „Marshalsea“, in dem die Schuldner auf der Master’s Side ein noch relativ gutes „Leben“ führen, während die Insassen auf der Commoner Side dem Tod geweiht sind. Der Leser kann den Schmutz vor seinem inneren Auge sehen und den Gestank von Krankheit und Tod beinahe riechen. Und auch den Irrsinn des Systems kann er nachvollziehen: dass Menschen wegen Überschuldung ins Gefängnis geworfen werden – dort aber für Unterkunft und Ernährung noch zahlen müssen und auf diese Weise weiter in die Schuldenfalle geraten.
Was mich im Hinblick auf die Authentizität aber etwas enttäuscht hat: In ihrem Vorwort entschuldigt sich die Autorin in gewisser Weise für die derbe Ausdrucksweise und die saftigen Ausdrücke, die aber dem Stil der damaligen Zeit entsprächen und dem Ganzen mehr Authentizität verliehen. Doch leider ist im Roman von dieser Sprache überhaupt nichts zu lesen. Ähnliches gilt für die Arbeit der Prostituierten im Gefängnis. Es wird angedeutet, dass sie ihre Dienste anbieten und auch hier und da nachgehen, aber es gibt nichts, das in dieser Hinsicht auch nur ansatzweise schockierend wäre. Das Ganze liest sich relativ brav.  Entweder hat uns also die Autorin mehr versprochen, als sie dann geliefert hat – oder in der Übersetzung wurde vieles geglättet, wodurch dann viel Authentisches verloren gegangen ist.

Dennoch wirken viele der handelnden Figuren durchaus „lebensnah“. Thomas Hawkins, der Protagonist der Geschichte, ist der Sohn eines Landpfarrers, mit diesem aber zerstritten, da er schon kurz nach dem Tod der Mutter eine neue Frau genommen hat. Und auch während seines Studium hat er sich weniger der Theologie gewidmet, wie sein Vater erhofft, sondern mehr dem Glücksspiel, was durch eine Intrige seines Stiefbruders ans Licht kommt. Er begibt sich daraufhin nach London, wo er all das genießt, was er liebt: Frauen, Kartenspiel und Alkohol. Doch irgendwann ergeht es ihm wie dem verlorenen Sohn und er hat alles durchgebracht. Als ihm am nächsten Tag die Einkerkerung in dem berüchtigten Schuldgefängnis „The Marshalsea“ droht, bittet er seinen alten Freund Charles Buckley um Hilfe. Dieser ist ein ambitionierter Geistlicher und lebt im Haushalt seines Mentors Sir Philip Meadows. Und tatsächlich leiht ihm dieser Geld, und Tom gelingt es, durch Glücksspiel wenigstens die Hälfte der verlangten Summe aufzubringen – doch durch eine Intrige findet er sich dennoch in Marshalsea wieder. Und hier muss der charmante junge Mann seine ganze Schlitzohrigkeit aufbieten, um zu überleben. Spätestens jetzt zeigt Hodgson sehr anschaulich die Komplexität seines Charakters: Er ist durchtrieben und ein schwacher Mensch, aber gleichzeitig hat er sich ein gutes Herz bewahrt und ist im Grunde ein so manches Mal zu vertrauensseliger Gutmensch. Doch als das Gefängnis nach der Ermordung (oder dem Selbstmord?) eines Insassen von einem Geist heimgesucht wird und die Witwe des Toten keine Ruhe gibt, nutzt Tom seine Chance: Im Gegenzug für seine Freilassung wird er hinter das Geheimnis des Geistes kommen und die Umstände um den Tod des Insassen klären.
Unterstützt wird er dabei von seinem Zimmergenossen Samuel Fleet, einem Drucker (und mehr), der wegen der Veröffentlichung der falschen Schriften in Marshalsea sitzt und weil er zu viele Regierungsgeheimnisse kennt. Fleet ist überaus intelligent und belesen und hat sich im Gefängnis den Ruf eines gnadenlosen Menschen erworben, dem man lieber nicht zu nah kommt, wenn man am Leben bleiben will. Er findet Toms Naivität in vielen Dingen überaus amüsant, schätzt aber gleichzeitig seine Furchtlosigkeit und seinen Überlebenswillen.

Die Ermittlungen der beiden verlaufen nicht, wie in historischen Krimis so oft der Fall, eher gemächlich; da man Tom nur wenige Tage gibt, den Todesfall zu klären, ist die Handlung sehr stark verdichtet und spannend. Dennoch war ich von den Ermittlungen etwas enttäuscht. Im ersten Kapitel des Buches wird erwähnt, dass Tom beim Kartenspiel die Gabe besitzt, sich auch in angetrunkenem Zustand noch an jede einzelne Karte zu erinnern, die ausgespielt wurde, und sich die Gewinnchancen blitzschnell ausrechnen kann. Eine ähnliche „Gabe“ erhofft man sich auch bei den Recherchen zum mysteriösen Todesfall. Doch vergebens. Tom stochert genauso planlos im Nebel umher wie der Leser, der aufgrund der Tatsache, dass „Das Teufelsloch“ von einem Ich-Erzähler erzählt wird, auch nicht mehr weiß als der Protagonist. Jeder könnte hinter dem Verbrechen stecken, denn jeder hat(te) einen „guten“ Grund dafür, den Gefangenen umzubringen. War es Direktor Acton, der um seine Einkünfte und um seine Position fürchtet? Einer der Wärter, die ihn um sein Geld gebracht haben? War es Fleet, der nicht etwa deshalb im Schuldgefängnis sitzt, weil er Schulden hat, sondern weil er zu viel über bedeutende Persönlichkeiten weiß? Oder war es jemand ganz anderer? Doch am Ende, so viel sei verraten, stellt sich heraus, dass alles ganz anders war … und das war dann der Augenblick, in dem auch mein Mund offen stehen blieb, als sich herausstellte, dass die Verwicklungen noch etwas hinterhältiger sind als gedacht. Doch auf diese Lösung kommt Tom nicht aufgrund seiner Ermittlungen. Im Gegenteil. Seine Ermittlungen folgen keinem System, haben keine Richtung, und neue Offenbarungen sind immer das Ergebnis des Zufalls und nicht des Gebrauchs seiner kleinen grauen Zellen. Und das gilt auch für Fleet, der ja als auch so guter Beobachter geschildert wird.

Mein Fazit: Ein wirklich gut recherchierter historischer Roman, aber ein nicht ganz so überzeugend durchkonstruierter Krimi. Dennoch zu keiner Zeit langweilig. Die Autorin hat definitiv Potenzial.

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