Veröffentlicht in Belletristik

Andrew Lane: Der Tod liegt in der Luft (Young Sherlock Holmes 1)

lane-young-sherlock-holmes1Weil sein Vater auf einem militärischen Einsatz in Indien ist, seine Mutter unpässlich und sein Bruder Mycroft beruflich stark eingebunden, soll der vierzehnjährige Sherlock Holmes seine Sommerferien auf dem Land verbringen – bei Tante Anna und Onkel Sherrinford auf Holmes Manor in Farnham. Stundenlang dauert die Reise dorthin und nichts als Gerstenfelder weit und breit. Noch öder geht es ja wohl kaum, Sherlock ist stocksauer.
Doch dann kommt alles ganz anders. Zuerst lernt er den gleichaltrigen Matty kennen, der allein auf einem Hausboot lebt und durch das ganze Land reist. Dann zwingt man ihm einen Tutor auf, einen Amerikaner – Amyus Crowe -, von dem Sherlock aber viel mehr lernt als griechische oder lateinische Vokabeln. Und plötzlich ist er mittendrin in seinem ersten Fall: mysteriöse Todesfälle, die den Verdacht aufkommen lassen, dass eine ansteckende Krankheit umgeht … und ein böser Baron, der gar nicht davon angetan ist, dass Sherlock und seine Freunde ihm ins Handwerk pfuschen.

Andrew Lane ist der Verfasser von mehr als zwanzig Büchern (teilweise unter Pseudonym), u. a. von Romanen zu so bekannten TV-Serien wie „Doctor Who“ und „Torchwood“. Mit „Der Tod liegt in der Luft“ legt er den ersten Band einer Reihe vor, die sich mit den Abenteuern des jugendlichen Meisterdetektivs beschäftigt. Dieser erste Roman spielt im Jahr 1868 – und der Autor sorgt durch seinen angenehmen und sehr bildhaften Schreibstil dafür, dass der Leser gleich mittendrin ist in der ausgesprochen actionreichen Handlung – größere Längen hat das Buch m. E. nämlich nicht. Sehr anschaulich beschreibt Lane das (ländliche) England Mitte des 19. Jahrhundert – sowohl das der etwas Wohlhabenderen als auch das der Ärmeren –, und der Leser bekommt einen kleinen Eindruck, wie es damals wohl zugegangen ist: auf den Märkten, in den engen Gassen der Ortschaften …
Wesentlich interessanter ist aber natürlich die Charakterisierung der kultigen Romanfigur: Sherlock Holmes. Bei seinem ersten Fall ist er 14 Jahre alt. Er ist noch nicht so „menschenfeindlich“ wie sein späteres Ich, aber in sozialer Hinsicht definitiv schon etwas „herausgefordert“. Etwas widersprüchlich fand ich, dass er einerseits im Internat keine Freunde hat, andererseits aber sofort Freundschaft mit Matty schließt. Vermutlich ist dies darauf zurückzuführen, dass Holmes weniger viele Freunde braucht als vielmehr einen festen „Sidekick“, der mit ihm die Abenteuer besteht. Er besitzt in einigen Bereichen, die ihn interessieren, schon eine ganze Menge Wissen, dennoch ist es bei Weitem nicht so tiefgehend wie das des erwachsenen Holmes. Darüber hinaus besitzt er ebenfalls ansatzweise eine sehr gute Kombinationsgabe – und hier kommt Amyus Crowe ins Spiel, der Lehrer, den sein Bruder für ihn engagiert hat.
Im Verlauf des Romans erfährt der Leser, dass Crowe durch ein schreckliches Ereignis Witwer geworden ist und nun mit seiner Tochter Virginia allein dasteht. Er ist im Wirklichkeit eine Art Menschenjäger, der für die amerikanische Regierung Verbrecher gejagt hat, von denen einige nach England geflüchtet sind – und in Zusammenarbeit mit der britischen Regierung (oder vielmehr Mycroft) setzt er hier die Jagd fort. Und nebenbei bringt er Sherlock vieles von dem bei, was er in all den Jahren gelernt hat. Er besitzt eine ganz besondere Kombinationsgabe und bringt dem Junge bei, auch auf Details zu achten – und sich nicht nur mit Studien zu persönlichen Lieblingsbereichen zu beschäftigen, sondern ein breites, tiefergehendes Wissen anzusammeln.
Unterstützt wird Sherlock bei seinem ersten Fall von Matty, einem gleichaltrigen Jungen, der dem Waisenhaus zu entgehen versucht, indem er auf einem kleinen, alten Hausboot über die Flüsse schippert. Er ist auch derjenige, der Sherlock zu seinem ersten Fall führt: Er war Augenzeuge, als ein mysteriöser Rauch aus einem Fenster gestiegen ist, der sich aber so ganz anders bewegte, als ein Rauch dies eigentlich sollte. Dieses Phänomen weckt auch Sherlocks Neugier, und als die beiden einen Mann sterben sehen und erneut auf den mysteriösen Rauch treffen, beginnen sie zu recherchieren. Und dabei stoßen sie auf einem geheimmnisvollen und ihnen alles andere als freundlich gesinnten Baron, der, so finden sie heraus, Uniformen für die britische Armee produziert … Im Gegensatz zu Sherlocks späterem Sidekick Dr. Watson unterstützt Matty den zukünftigen Meisterdetektiv weniger durch sein Wissen als vielmehr durch seine Schlauheit und Erfahrungen auf der Straße. Er ist ebenso abenteuerlustig wie Sherlock und rettet diesen ein ums andere Mal aus Notsituationen.
Vervollständigt wird die kleine Gruppe durch Virginia, die gleichaltrige Tochter von Crowe. Sie ist als Amerikanerin so ganz anderes als die (jungen) Frauen, die Sherlock bislang kennengelernt hat. Sie reitet in einem Männersattel und ist mindestens ebenso abenteuerlustig wie die Jungen. Auch in diesem ersten Band ist bereits offensichtlich, dass diese Figur als Love Interest des später berühmten Detektivs fungiert/fungieren wird – über das gängige Klischee kommt der Autor hier also nicht hinaus.
Die einzige Figur, die (noch) etwas nachlässig behandelt wird, ist die der Haushälterin Mrs. Eglantine. Sie begegnet Sherlock vom ersten Augenblick an ausgesprochen unfreundlich und kalt, und auch Mycroft warnt seinen Bruder in einem Brief, dass er der Haushälterin nicht trauen dürfe. Aber es bleibt bei dieser kryptischen Warnung und der ausgesprochenen Feindseligkeit. Ob sich hinter dieser Figur eine Feindin verbirgt oder ob sie schlicht ein unangenehmer Zeitgenosse ist, wird in diesem Buch nicht aufgelöst.

Für einen Sherlock-Fan sind darüber hinaus auch die unzähligen Anspielungen auf Dinge, die man aus Arthur Conan Doyles Werken kennt, ein echtes Vergnügen: Sherlocks Interesse an Bienen oder dem Boxkampf, die Tatsache, dass er einen Freund als „Resonanzfläche“ braucht, sein Bruder Mycroft, der mehr tut als nur für die britische Regierung zu arbeiten … Andere Hinweise, wie z. B. Sherlocks Überzeugung, dass er ja nie Drogen nehmen würde, deuten auch schon die dunklen Seiten des Detektivs an.

Das Buch krankt aber an etwas, das bei vielen Jugendabenteuerromanen festzustellen ist: Die überwiegende Mehrheit der Erwachsenen im Leben bzw. Umfeld der Jugendlichen ist entweder abwesend oder gleichgültig. Niemand scheint ein Problem damit zu haben, dass die beiden männlichen Protagonisten sich wiederholt in Gefahr begeben, mehrfach vom Tode bedroht sind, betäubt und ins Ausland entführt, zusammengeschlagen werden … Hier vermute ich, dass dies der stärkeren Identifikation des Lesers dient. Der einzige Erwachsene, der Anteil nimmt am Leben der Teenager ist Sherlocks Tutor, der ihm die Fertigkeiten beibringt, die er für diesen Fall – und für seine zukünftige Karriere – benötigt.

Mein Fazit: Ein spannender Einstieg in die Romanserie um den jugendlichen Meisterdetektiv. Macht Lust auf mehr! Ein herzliches Dankeschön an Michaela von Bücherlogie für diese tolle Empfehlung.

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11 Kommentare zu „Andrew Lane: Der Tod liegt in der Luft (Young Sherlock Holmes 1)

  1. Hab den ersten Band schon vor längerer Zeit gelesen und fand ihn damals wie heute toll. Sicher ist nicht alles realitätsnah, denn ich glaube auch nicht, dass es den Erwachsenen wirklich so etabliert, was die Jugendlichen machen. Aber das brauch das Buch einfach um – auch auf Jugendliche Leser – zu wirken. Ansonsten fand ich die Geschichte sehr spannend. In den nächsten Bänden geht es übrigens auch so weiter 🙂 – Grüße

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  2. Mhm … Das macht neugierig. Das lässt grinsen. Ich mag solche Geschichten ja ganz gern, die eine Figur tatsächlich bereichern. Man kann ja bloße Hommagen schreiben, deine Besprechung klingt allerdings so, als wäre das hier nicht so, sondern der junge Sherlock tatsächlich eine eigenständige Figur. Ohhh, armer SuB. :-/

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