Veröffentlicht in Belletristik

David Morrell: Inspector of the Dead

morrell-inspector-deadLondon, 1855: Die Briten stehen kurz davor, den Krimkrieg zu verlieren. Aufgrund dieser militärischen Missstände wird die Regierung zum Rücktritt gezwungen und Lord Palmerston wird neuer Primierminister und von Queen Victoria mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftrag. Dennoch stehen immer größere Teile der Bevölkerung ihrer Regentin und Prinz Albert misstrauisch gegenüber.
Dann beginnen die entsetzlichen Morde …
Ein Unbekannter ermordet Mitglieder des britischen Hochadels und ihre kompletten Haushalte. Zurück lässt er zwei Zettel: einen mit dem Hinweis „Young England“, einen weiteren mit dem Namen von Männern, die in der Vergangenheit schon einmal vergeblich versucht haben, Queen Victoria umzubringen. Schnell ist allen klar, dass die Königin das eigentliche Ziel des Täters ist.
Der berüchtigte Opiumesser Thomas de Quincey und seine Tochter Emily versuchen gemeinsam mit den beiden Polizeibeamten Ryan und Becker, diese letztendliche Tat zu verhindern. Dabei stoßen sie auf die Spur eines Mannes, dessen Durst nach Rache seine Seele vergiftet hat. Nichts kann ihn aufhalten.

„Inspector of the Dead“ ist Band 2 der Krimireihe um den bekannten Literaten und Optiumesser Thomas de Quincey und seine Tochter Emily. Und auch hier lässt der kanadische Schriftsteller David Morrell wieder reale historische Ereignisse in brillanter Weise in seine Krimihandlung einfließen:
Zum einen der Krimkrieg und der damit verbundene Schrecken. Soldaten, die aufgrund der Unfähigkeit ihrer Anführer ums Leben kommen. Männer, die traumatisiert aus dem Krieg zurückkehren. Florence Nightingale und ihre Krankenschwestern, die alles taten, um die Verwundeten so gut wie möglich zu versorgen. Der Kriegsberichterstatter William Howard Russell, der – was zu dieser Zeit noch ungewöhnlich war – vor Ort war und den Schrecken hautnah miterlebte – und dann zu Hause von der Unfähigkeit der britischen Offiziere und der unzureichenden Versorgung der Truppen berichtete.
Zum anderen die politischen Unruhen in Großbritannien. Von den gescheiterten Attentaten auf die englische Königin, dem Hass und dem Misstrauen der Bevölkerung gegenüber ihrem deutschen Gatten Prinz Albert bis hin zur neuen Regierungsbildung unter Lord Palmerston. Aber auch die Beweggründe hinter dem Bau des Suez-Kanals oder das Elend der Einwanderer.
Auf diese Weise bekommt der Leser einen sehr guten Einblick in die historischen Vorgänge der damaligen Zeit. Morrell besitzt die beneidenswerte Fähigkeit, gesammeltes Wissen über Historie, Politik, Militär oder Wissenschaft auf eine Weise in die Handlung einfließen zu lassen bzw. zu vermitteln, die unterhaltsam ist und gleichzeitig sehr detailliert und tiefgehend.

Aber auch die eigentliche Krimi-/Thriller-Handlung lässt auch dieses Mal nicht zu wünschen übrig. Die Handlung setzt einige Wochen nach den Ereignissen von „Der Opiummörder“ ein. Skandalliteratur de Quincey und seine Tochter Emily leben seither bei Lord Palmerston, der dadurch verhindern will, dass die skandalösen Ereignisse um den Nachahmungstäter der „Ratcliffe Highway“-Morde ans Licht kommen. Doch nun hat er genug von der Unruhe in seinem Londoner Haus und ist froh, als die beiden – gezwungenermaßen – wieder nach Edinburgh zurückkehren wollen. Doch als sie zuvor noch einen Gottesdienst in der St.-James-Kirche besuchen, wird in der Nachbarloge Lady Cosgrove auf brutale Weise ermordet – ohne dass sich jemand erklären kann, wie der Täter aus der Loge flüchten konnte. Zurück bleibt ein Zettel mit den Worten „Young England“. Als man ihren Mann darüber in Kenntnis setzen will, stellt sich heraus, dass nicht nur der komplette Haushalt, sondern auch Lord Cosgrove auf entsetzliche Weise ermordet wurde, und in der Hand hält er einen Zettel mit der Aufschrift „Edward Oxford“. Dabei handelt es sich um den Mann, der den ersten (vergeblichen) Attentatsversuch auf die britische Königin Victoria verübt hat und seither in der Anstalt Bedlam einsitzt, nachdem die Untersuchungen ergeben haben, dass die Verschwörergruppe „Young England“, deren Mitglied er angeblich ist, nur in seiner Fantasie existiert. Das Gleiche geschieht auch bei den nächsten Morden: Immer bleibt beim Primäropfer der Name eines gescheiterten Attentäters zurück und bei seinem Ehepartner die Worte „Young England“.
Nachdem de Quincey und seine Tochter sowie die beiden befreundeten Beamten Ryan und Becker Zeuge der Ereignisse geworden sind, verschiebt der Schriftsteller seine Abreise und beginnt zum Entsetzen Palmerstons zu ermitteln. Dabei erhält er sogar die Unterstützung der Königin, die von de Quinceys Ansichten eher geschockt, aber von denen seiner Tochter sehr angetan ist. Auch hier entpuppt sich de Quincey wieder als Mann, der seiner Zeit weit voraus ist. Durch seine Fähigkeit (und überhaupt Bereitschaft), hinter die Dinge zu sehen, erkennt er Zusammenhänge, wo niemand sonst sie zu sehen vermag. Und auch mit seinem Einblick in die menschliche Psyche ist er der Wissenschaft seiner Tage um Jahrzehnte voraus und durchschaut Bezüge, die später erst ein Freud erkennen wird. Aber gerade durch diese Fähigkeiten kommt er auf die Spur des Täters. Und gerade das macht ihn auch für den modernen Leser zu einer so faszinierenden Figur!

„Mr. De Quincey, I take it that you are not a physician. While your theories are amusing, they have no basis in science. Dreams and nightmares are merely phantoms created by electricity.“
„How foolish of me to think otherwise. Then let us forget about interpreting dreams. Consider that Edward Oxford was frequently beaten by his father and often saw his mother beaten. The shock of this persistent violence could explain why he was too unstable to hold jobs, why he frequently burst out into hysterical laughter, and why he enjoyed tormenting others.“
„Surely you’re not suggesting that because Oxford’s father beat him and his mother, he felt compelled to inflict violence on others until at last he focused his anger by shooting at the queen.“
„Doctor, you express the idea far better than I ever could,“ De Quincey said.
„The idea is nonsense. Are you seriously proposing that by being encouraged to discuss the violence inflicted upon him in his youth, Oxford would understand his motives for shooting at the queen and no longer wish to do it?“

Dem Mörder ist der Leser – wie schon in „Der Opiummörder“ – in einer Parallelhandlung gefolgt. Erneut gelingt es Morrell, eine Balance zu schaffen zwischen dem Schrecken der (relativ anschaulich beschriebenen) Taten und den Beweggründen des Täters. Sehr detailliert bekommt man Einblick in das Elend der unteren Gesellschaftsschicht und vor allem der Kinder, die aufgrund der damaligen Wertvorstellungen und Gepflogenheiten missbraucht, misshandelt und ignoriert werden – ohne dass jemand etwas dagegen unternimmt. Auf diese Weise entschuldigt der Leser am Ende die Taten zwar nicht, aber er kann zumindest sehr gut nachvollziehen, wie ein Mensch derart innerlich zerbrechen kann, dass er zu so schrecklichen Morden in der Lage ist.

Bei all dem zeigt sich meines Erachtens, dass eine Kenntnis von Thomas De Quinceys Skandalessay „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“ durchaus von Vorteil ist. Dadurch versteht der Leser einfach besser, welche Faszination diese nicht nur brutal, sondern auch großartig durchdachten Morde auf den Schriftsteller De Quincey ausüben.
Übrigens gibt es auch in diesem zweiten Band der Reihe nur wenig Romance. Die Freundschaft zwischen Emily und Ryan sowie Emily und Becker hat sich ein wenig vertieft, sodass man sich mit Vornamen anspricht. Es wird deutlich, dass die junge Frau sich stärker zu Ryan hingezogen fühlt, der jedoch fast doppelt so alt ist wie sie. Becker hingegen deutet an, dass er die Beziehung zu ihr gern vertiefen möchte. Sie ahnt, dass er einen Antrag im Sinn hat, was sie jedoch ablehnt. Die Liebe zu ihrem Vater lässt keinen Raum für andere Liebesbeziehungen. Und gerade das macht diese weibliche Figur so faszinierend. Sie ermahnt ihn zwar immer, wenn er zu häufig zum Laudanum oder zu Opiumkugeln greift, und erzählt Becker auch, wie belastend es für sie in ihrer Kindheit und Jugend war, ihren Vater vor den Behörden zu schützen. Gleichzeitig bewundert sie ihn aber für seinen brillanten Geist und seinen schnellen Verstand. Und während alle davon überzeugt sind, dass er von seiner Sucht loskäme, wenn er nur mehr Willenstärke besäße, erkennt sie, dass es sich bei dieser Sucht (aber auch z. B. dem Alkoholismus) um eine physische Abhängigkeit handelt, der man mit ein bisschen mehr Willen leider nicht abhelfen kann:

„I wonder if someday we might learn that it’s possible for a drug to control someone’s mind and body so completely that only death seems to offer a release from its domination.“

Mein Fazit: Wer die typisch englische „Cozy Mystery“ sucht oder abends vor dem Einschlafen eine nette Geschichte lesen will, sollte um „Inspector of the Dead“ einen Bogen machen. Dazu ist der Bodycount einfach zu hoch und der Täter zu blutdurstig. Wer aber einen sehr gut geschriebenen und recherchierten historischen Thriller sucht sowie spannende, actionreiche Unterhaltung, dem kann ich diesen zweiten Roman um De Quincey und seine Tochter nur empfehlen! Allerdings muss ich eine Warnung  mit auf den Weg geben: Die Nächte werden kurz sein. 😉

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2 Kommentare zu „David Morrell: Inspector of the Dead

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