Veröffentlicht in Belletristik

Stanislaw Lem: Die Sterntagebücher (Hörbuch).

lem-sterntagebuecher1„Ihr wollt, daß ich wieder etwas erzähle? Ja. Ich sehe, daß Tarantoga schon nach seinem Stenogrammblock greift … Warten Sie, Professor. Ich habe wirklich nichts zu erzählen. Wie? Nein, ich scherze nicht. Schließlich könnte ich ja auch mal Lust haben, einen Abend lang in eurer Gesellschaft zu schweigen. Weshalb? Nun, weshalb wohl! Meine Lieben … ich habe nie davon gesprochen, aber der Kosmos ist vor allem von solchen Wesen bevölkert wie wir. Nicht nur, daß sie menschenähnliche Gestalt haben, sie sind uns wie aus dem Gesicht geschnitten. Die Hälfte der bewohnten Planeten sind Erden, die einen etwas größer, die anderen kleiner, mit etwas kälterem oder etwas wärmerem Klima, aber was sind das schon für Unterschiede! Und ihre Bewohner … die Menschen – denn es sind schließlich Menschen – erinnern so sehr an uns, daß die Unterschiede nur die Ähnlichkeiten hervorheben. Daß ich nie darüber gesprochen habe? Wundert euch das? Überlegt doch mal.“ Aus den Erinnerungen Ijon Tichys

Als ich mir das Hörbuch „Sterntagebücher. Aus den Erinnungen Ijon Tichys“ zu Gemüte geführt habe, musste ich erst einmal erkennen, dass es sich hierbei nicht um Lems Sammlung mit den Storys „Aus den Sterntagebüchern Ijon Tichys“ handelt. Weit und breit keine Weltraumabenteuer zu Sicht. Keine exotischen Außerirdischen. Keine neuen Gesellschaftsmodelle. Kein oder nur ganz wenig von dem Humor, den man mir versprochen hatte. Stattdessen die Erkenntnis: Dieses Hörbuch enthält  ausschließlich die Zusatzgeschichten (Aus den Erinnerungen Tichys). Und diese haben es wirklich in sich!

Hier ist der große polnische SciFi-Autor Stanislaw Lem weniger humorvoll oder satirisch, sondern vielmehr (wissenschafts-)kritisch. Er geht in Form seiner Geschichten dem Gedanken nach, was geschieht, wenn man Wissenschaftsträume, SciFi-Träume Wirklichkeit werden lässt … und diese sich als Albträume entpuppen, wenn man sie vor der Durchführung nicht zu Ende gedacht hat bzw. wenn sie völlig ohne Aufsicht umgesetzt werden. Nahezu alle der sechs Geschichten haben mich traurig oder zumindest melancholisch und etwas nachdenklich zurückgelassen. Lem schildert darin Begegnungen zwischen Ijon Tichy und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen. Dadurch greift er zu seiner Zeit aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen auf und denkt diese konsequent – oder negativ – bis zum Ende durch. Wodurch sich diese auch heute noch als erstaunlich aktuell und brisant entpuppen.

Enthaltene Geschichten:

Tichy und Professor Corcoran: Tichy erhält eine Einladung von dem solipsistischen Professor Corcoran, der nur an die Existenz seines eigenen Ichs glaubt. Dazu hat er eine ganze Reihe von Elektronengehirnen erschaffen, die in großen Truhen „zu Hause“ und mit einem weiteren Rechner verbunden sind, der sie mit elektronischen Impulsen versorgt. Die Gehirne sind, so Corcoran, aber mehr als Computer. Es handelt sich um selbst-bewusste Rechenmaschinen, die glauben, dass sie ein reales Leben führen – der mit ihnen verbundene Rechner mit Datenbändern versorgt sie mit Informationen, auf die hin sie Entscheidungen fällen, Handlungen begehen, Emotionen empfinden. Corcoran hat also eine virtuelle Realität erschaffen, die die beteiligten Wesen aber als völlig real empfinden. Und seine Schlussfolgerung: Genau so läuft auch unsere Welt ab, die wir für real halten. Denn woher wissen wir, dass sie real ist und nicht nur eine geschickte Simulation? Und die einzige Rechenmaschine, die vermutet oder zu glauben weiß, dass ihre Realität nur eine Täuschung ist, gilt in ihrer „Realität“ als Wahnsinniger! „Matrix“ lässt grüßen!

Tichy und Professor Decantor: Tichy wird eines Tages von Professor Decantor aufgesucht. Dieser glaubt, eine Methode entwickelt zu haben, wie die Seele eines Menschen ewig existieren kann – wobei er unter Seele nichts Metaphysisches versteht, sondern alle Erfahrungen, Erlebnisse, Wesenszüge des Menschen. Da seine Methode mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden ist, bittet er Tichy um finanzielle Unterstützung. Was Tichy jedoch erfahren muss, schockiert ihn zutiefst: Der Augenblick, in dem die eigene Seele in einem Behältnis (das einem großen Diamant ähnelt) konserviert wird, ist auch der Augenblick des Todes. Der Betreffende verliert seine menschliche Hülle und alle Sinne zur Warnung seiner Welt. Wahrnehmungssinne – die Seele existiert blind, taub, stumm, ohne Tast- oder Geruchssin im völligen Nichts. Decantor hat zur Demonstration seiner Methode ein „Ansichtsexemplar“ mitgebracht. Doch bis zum Gespräch mit Tichy war ihm nicht wirklich in letzter Konsequenz bewusst, was er dem Menschen angetan hat, dessen Seele in dem Behältnis konserviert wurde: seine eigene Frau. Die Vorstellung, was diese in ihrem Gefängnis wohl erleidet, ist für Tichy so entsetzlich, dass er Decantor alles gibt, was er besitzt, um dann das Behältnis zu zerbrechen, sodass Decantors Frau endlich sterben kann. Hier lädt Lem zweifellos zum Nachdenken über den Tod ein und das, was vielleicht noch kommt.

Tichy und Professor Sasul: Tichy gerät beim Spazierengehen in ein starkes Unwetter und sucht Schutz in einem heruntergekommenen Anwesen. Dort lebt der alte Professor Sasul, der ihn erst nach einer langen Diskussion ins Haus lässt. Doch dann präsentiert der Eigenbrödler ihm stolz eine wissenschaftliche Errungenschaft: Es ist ihm gelungen, mithilfe künstlicher Eiweißmakromoleküle einen Menschen zu klonen, der nun in einem riesigen Aquarium in einer Spirituslösung konserviert ist. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit: Sasul hat die Natur übertroffen und ein Wesen erschaffen, dass unsterblich ist. Er hat sich selbst geklont. Und der Klon hat ihn getötet, sodass es sich bei der konservierten Leiche um den echten Sasul handelt. In dieser Geschichte geht es unschwer um das Klonen von Lebenwesen – mit allen seinen entsetzlichen Konsequenzen.

Tichys und der Physiker Molteris: Tichy wird eines Abends von einem Physiker namens Molteris aufgesucht, der behauptet, eine Zeitmaschine erfunden zu haben. Als der von ihm „Zeit-versetzte“ Gegenstand verschwindet, stellt sich heraus, dass Molteris zwar in der Lage ist, einen Gegenstand auf eine Zeitreise zu schicken, aber noch nicht, auch zu kontrollieren, ob er auch wirklich zum festgelegten Zeitpunkt ankommt. Daraufhin beschließt er, dreißig Jahre in die Zukunft zu reisen, um mithilfe neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse auch dieses Problem zu lösen. Doch Tichy wartet vergebens auf seine Rückkehr. Was die beiden nämlich nicht bedacht hatte: Ein Körper/Mensch, der in die Zukunft reist, tritt nicht aus der Zeit heraus, sondern unterliegt weiterhin ihren Bedingungen – altert also ebenfalls schneller. Woraus Tichy schließt, dass Molteris als alter Mann in der Zukunft gestrandet und wahrscheinlich verstorben ist.

Tichy und die Waschmaschinen-Tragödie: Tichy schildert den Konkurrenzkampf zwischen zwei amerikanischen Waschmaschinenherstellern, die ihren Maschinen immer mehr zusätzliche Funktionen mitgeben, die mit allem zu tun haben außer mit dem Waschen von Maschinen. Dadurch entsteht im Laufe der Zeit ein Robotergeschlecht mit Selbst-Bewusstsein – und eine Menge juristischer Probleme. Unter anderem kommt es schließlich durch einen Menschen, der selbst zum Roboter wird, zur Gründung eines Roboterstaates (eines Roboterplaneten?) im Weltall. Hier macht sich Lem – natürlich – Gedanken über die Weiterentwicklung der Roboter und mögliche negative Konsequenzen. Diese Geschichte macht nicht nur nachdenklich, sondern ist auch unglaublich witzig!

Tichy und die Anstalt des Doktor Vliperdius: Durch einen Zeitungsartikel wird Tichy auf eine Nervenheilanstalt für Roboter aufmerksam, in der einige der „gestörten“ Roboter landen, die im Zuge des Waschmaschinenherstellerkampfes entwickelt wurden. Er besucht diese – die auch von einem Roboter geführt wird – und unterhält sich mit einigen Patienten, die erstaunlich menschliche Probleme haben bzw. nicht wirklich erkennen, dass sie Maschinen sind. Und dabei trifft er eine Maschine, die das Gefühl hat, dass ihr ihr komplettes Leben vorgegaukelt wird … wodurch sich gewissermaßen der Kreis zur ersten Geschichte schließt.

Klick mich an!Noch etwas zum Hörbuch: Die Geschichten werden kongenial von Michael Schwarzmaier gelesen. Dieser hat eine wunderbare, angenehme Vorlesestimme und bemüht sich darum, den beiden unterschiedlichen Stimmen in jeder Geschichte eine eigene Farbe, eigene Charakteristika zu geben. Was aber gar nicht geht: Auf der CD-Hülle nicht anzugeben, welche Geschichten enthalten sind! Und dann noch nicht einmal ein Booklet mit diesen Informationen beizufügen! Dass ich es hier mit den Zusatzgeschichten zu tun hatte und nicht mit den Weltraumabenteuern, war noch nicht einmal dem Werbetext zu entnehmen!
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