Veröffentlicht in Belletristik

Anne Fortier: Die geheimen Schwestern

fortier-geheime-schwesternDiana Morgan ist vom Mythos der Amazonen fasziniert. Bei Grabungen in der Wüste stößt sie auf die Spur der ersten Königin der Amazonen, Myrina. Ihr Versuch, ihre „Schwestern“ zu befreien, die von griechischen Kriegern entführt wurden, führt Myrina schließlich in den berühmtesten Konflikt der Antike – den Trojanischen Krieg.
Nun macht sich Diana mit Nick Barran, dem undurchsichtigen Leiter der Grabung, auf die Suche nach dem legendären Schatz, den die Amazonen beim Fall von Troja retten konnten. Aber sie wird dabei ausspioniert und gejagt. Ohne zu wissen, ob sie Nick trauen kann, folgt Diana der Spur der Amazonen von der Ägäis über Deutschland bis an den Rand der Welt – eine Suche, die ihr Leben auf immer verändern wird. Immer getrieben von der Frage: Was wäre, wenn die Legende wahr wäre?

„Die geheimen Schwestern“ ist nach „Julia“ das zweite Buch der Kanadierin Anne Fortier – und wieder einmal zeigt sich m. E., dass Autorinnen, die eine gewisse historische Bildung mitbringen (wie z. B. Deborah Harkness, Diana Gabaldon), mit die genialsten Bücher/Romane überhaupt schreiben. Sie vermitteln zumindest mir am Ende immer das Gefühl, dass ich nicht nur eine spannende, richtig gut geschriebene Geschichte gelesen, sondern auch etwas über die Historie gelernt habe. Anne Fortier zeigt sich auch in diesem Buch als großartige Erzählerin eines Pageturners, die ihre Geschichten sehr temporeich schreibt und mehr liefert als nur eine simple Liebesgeschichte – wobei es diese natürlich auch gibt. Ein kleiner Kritikpunkt sei jedoch erlaubt: Der Sprachstil der beiden Erzählebenen (siehe nächster Absatz) ähnelt sich zu sehr; hier hätte ich mir gewünscht, dass die antike Geschichte auch einen etwas antikeren Sprachduktus bekommt.

„Die geheimen Schwestern“ besteht aus zwei unterschiedlichen Erzähl-/Zeitebenen, die einander zumindest über weite Strecken Kapitel für Kapitel abwechseln und in erzählerischer Hinsicht meisterhaft verwoben sind. Der erste Erzählstrang entführt den Leser in die Vergangenheit (ca. 1250 v. Chr.), und zwar nach Nordafrika (Algerien).  Dort beginnt die Geschichte der ersten Amazonenkönigin: Myrina. Nach dem Tod der Mutter und der Erblindung ihrer Schwester Lilli in Folge einer Erkrankung sucht Myrina Hilfe im Tempel der Mondgöttin, wo die beiden schließlich auch als jungfräuliche Priesterinnen aufgenommen werden. Nachdem der Tempel von griechischen Angreifern überfallen wurde (unter der Führung des Sohnes von König Agamemnon aus Mykene), die nicht nur das Standbild der Mondgöttin, sondern auch eine Reihe von Priesterinnen gestohlen haben, beschließen Myrina und ihre Schwestern, sich an deren Verfolgung zu machen. Dabei hilft ihnen Prinz Paris, der mit seinen Mannen gerade auf dem Heimweg nach Troja ist. Als Myrina, ihre Schwestern und einige andere Frauen aus Ephesos (wo Paris‘ Tante Otrere lebt) schließlich dort eintreffen, ahnen sie nicht, dass sie den Untergang der Stadt heraufbeschworen haben.

Wie man unschwer erkennt, führt Fortier in ihrem Roman die Geschichte der Amazonen und die des Trojanischen Krieges zusammen – aber mit einigen Variationen, die die Geschichte doch von der altbekannten Erzählung Homers unterscheiden: Paris verliebt sich bei Fortier nicht unsterblich in Helena und ist sich deren wahrer Identität nicht bewusst; die unglückselige Seherin in diesem Roman trägt nicht den Namen Kassandra und ist auch keine Tochter von Priamos; Troja fällt auch nicht durch die Täuschung mit dem hölzernen Pferd … Nichtsdestotrotz ändert sich an einer Sache nichts: Troja ist am Ende der Geschichte untergegangen. Wenn man sich nur ein wenig für Mythologie oder klassische Literatur interessiert, hat man zumindest eine Menge Freude daran, die Parallelen herauszufinden oder sich auf die Jagd nach den durchaus nachvollziehbaren, glaubwürdigen Variationen zu machen.

Hauptfigur dieses Handlungsstranges, der für mich persönlich noch der „bessere“ oder zumindest kreativere und „rundere“ war, ist Myrina, die im ersten Kapitel 18 Jahre alt und eine erfahrene Jägerin ist. Sie ist eine wirklich starke Frauenfigur – obwohl sie viel Leid und Tragik erlebt, gibt sie doch den Kampf nie auf und bleibt trotz aller Schwierigkeiten loyal. Ihre Mutter ist eine ehemalige Priesterin der Mondgöttin, die für einen Mann den Tempel verlassen hat und nun ungebunden in einem kleinen Ort im Hinterland lebt, wo man sie aufgrund ihrer Kenntnisse als Heilerin für eine Hexe und Hure hält. Als in dem kleinen Ort eine Seuche ausbricht, der viele zum Opfer fallen, wird die Mutter getötet und die beiden Töchter werden vertrieben. Schon hier zeigt sich, dass Myrina bereit ist, alles zu tun, was getan werden muss, um ihr Überleben und das ihrer Schwester zu sichern, und wenn sie sich dafür an unbekannte Orte und in gefährliche Situationen begeben muss. Vor diesem Hintergrund ist es dann auch kein Wunder, dass sie nach dem zweiten Unglück im Tempel der Mondgöttin die Initiative ergreift, ihre überlebenden „Schwestern“ hinter sich versammelt und in das unbekannte Mykene aufbricht, wo die Entführer und Mörder der Priesterinnen zu Hause sind. Sie ist auch sehr zufrieden damit, allein zu sein und unabhängig für ihre „Schwestern“ zu kämpfen – bis sie den jungen Paris kennenlernt, der ihr bei ihrem Unterfangen zur Seite steht und das Kämpfen beibringt (wie auch seine Tante Otrere, die einen kleinen „Frauenstaat“ anführt). Mehr Spoiler gibt es nicht. 😉 Festzuhalten bleibt aber hier: Die männlichen Helden der sehr bekannten Geschichte um Troja kommen beinahe zu kurz – und falls man die Originalvorlage von Homer und andere griechische Mythen nicht kennt, entgehen dem Leser u. U. zahllose Anspielungen.

Hauptfigur des zweiten Handlungsstranges bzw. der zweiten Erzählebene ist die 28-jährige Diana Morgan, die in Oxford Geschichte lehrt und über Amazonen forscht, wofür sie von ihren Wissenschaftskollegen eher belächelt wird. Ihr Interesse gilt schon seit ihrer Kindheit diesem Thema und wurde durch ihre Großmutter väterlicherseits geweckt. Diese lebte einige Zeit in Dianas Elternhaus und behauptete, eine Amazone zu sein – was ihr aber natürlich niemand abnahm. Schließlich verschwand sie und hinterließ ihrer Enkelin ein Tagebuch mit mysteriösen Zeichen. Als Diana nun von einem geheimnisvollen Mann aufgesucht wird, der ihr von einer Ausgrabung in Nordafrika erzählt, die angeblich den Beweis für die Existenz der Amazonen erbracht hat, lässt Diana alles stehen und liegen und macht sich auf den Weg dorthin. Und tatsächlich: Die Zeichen in einem verschütteten Gebäude berichten von den Ereignissen um einen Überfall auf den Tempel der Mondgöttin durch griechische Seeleute – und dass sich die Überlebenden auf die Suche nach ihren Schwestern gemacht haben. Damit beginnt eine Reise über Kreta, die Türkei, Deutschland nach Finnland – und sehr schnell zeigt sich, dass Diana nicht die Einzige ist, die auf der Suche nach den Amazonen ist. Schon bald findet sich Diana zwischen den Fronten wieder in einem Kampf zweier Gruppen – die eine macht aus Rache und Habgier Jagd auf die Amazonen, die andere will ihre Entdeckung verhindern.
Die Figur der Diana ist leider nicht ganz so vielschichtig wie die der Myrina, sie ist wesentlich häufiger die klassische Damsell in Distress, und auch ihre Liebesgeschichte ist wesentlich konventioneller gestrickt als die der Amazonenkönigin.

Begleitet wird die junge Wissenschaftlerin von Nick Barran, dem Leiter der afrikanischen Ausgrabung, der aber auch Mitglied einer Organisation zu sein scheint, die mit Oxford und der britischen Museumslandschaft verfeindet ist. Auch an dieser Stelle zeigt sich wieder etwas, das ich z. B. eher von den feministischen Romanen von Marion Zimmer-Bradley kenne: Die Frauenfiguren sind wesentlich vielschichtiger und ausführlicher geschildert; Männer sind nur insofern relevant, wie sie in Beziehung zu den Frauen stehen bzw. deren Handeln vorantreiben. Das konnte man an der Figur des Paris ablesen, und zeigt sich fast noch deutlicher bei Nick.

Mein Fazit: Ein großartiger Roman, den ich sogar noch stärker fand als Fortiers erstes Buch „Julia“.

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2 Kommentare zu „Anne Fortier: Die geheimen Schwestern

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