Veröffentlicht in Belletristik

Justin Cronin: Die Spiegelstadt (Passage-Trilogie #3)

cronin-die-spiegelstadtGut 20 Jahre sind seit dem Tag vergangen, an dem Amy den Zwölfen gegenübergetreten ist und sie gemeinsam mit ihren Freunden vernichtet hat. Die Schreckensherrschaft der Blutsauger und ihrer Abkömmlinge scheint vorbeizusein. Da seither auch keine Virals mehr gesehen wurden, haben sich die Überlebenden nach und nach aus ihrer eng ummauerten Zuflucht gewagt. Die Tore der Stadt stehen offen, die Menschen haben damit begonnen, das Land wieder zu bevölkern. Auf den Ruinen der einstigen Zivilisation wollen sie eine neue, eine bessere Gesellschaft aufbauen: der älteste Traum der Menschheit.
Doch was sie nicht wissen: In der fernen, verlassenen Stadt New York lauert der Eine: Zero. Der Vater der Zwölf, der ursprüngliche Träger des Virus. Einst ein hochbegabter Wissenschaftler namens Timothy Fanning, der, seit er seine große Liebe verlor, nur noch von Rachedurst und Wut erfüllt ist. Sein Ziel ist es, die Menschheit endgültig auszulöschen. Seine Truppen sind bereit. Und der Zeitpunkt ist gekommen.
Nur Amy vermag ihn jetzt noch aufzuhalten, das Mädchen aus dem Nirgendwo, die einzige Hoffnung der Menschheit. Denn was die Menschen ebenfalls nicht wissen: Amy hat den Kampf gegen die Zwölf überlebt und wird seither von einem ihrer Mitstreiter versteckt. Und versorgt. Gemeinsam mit Carter, dem letzten noch Lebenden der Zwölf, wartet sie darauf, dass Zero den ersten Zug macht …

„Die Spiegelstadt“ ist der Abschlussband der „Passage-Trilogie“ von Justin Cronin, ein fast 1.000 Seiten starkes Werk, das die gewaltige Geschichte über den Kampf der Menschheit gegen die Virals zum Abschluss bringt. Und jede Seite des Buches ist ein echter Genuss und das Warten hat sich definitiv gelohnt. Cronins Finale schwächelt im Gegensatz zu den Abschlussbänden vieler anderer Autoren nicht – er hat ein weiteres Mal eine facettenreiche, gut durchkonzipierte Geschichte verfasst, bei der es ein wahres Vergnügen ist, sie zu lesen verschlingen. Als ich abends im Bett lag und Cronins Beschreibungen der Virals und über das neuerliche Verschwinden der Menschen las, wusste ich wieder, warum man die Bücher der Serie nicht unbedingt vor dem Einschlafen lesen sollte. 😉 Cronin ist eben auch ein Könner des versteckten Horrors, der Andeutungen und Auslassungen …

Er fühlte, wie die Luft sich veränderte. Alles um ihn herum schien innezuhalten. Aber im nächsten Moment erregte etwas seine Aufmerksamkeit – ein Rascheln, hoch oben in einem Pecanbaum am Waldrand. Was sah er da? Vögel waren es nicht; die Bewegung war zu stark. Er stand auf. Ein zweiter Baum erschauerte, dann ein dritter.
Er erinnerte sich an eine Redensart aus der Vergangenheit. Wenn sie kommen, kommen sie von oben.                    Seite 534

Cronin wechselt bei der Erzählung seiner Geschichte, aber auch bei der Charakterisierung der Figuren geschickt zwischen den unterschiedlichen Akteuren und Perspektiven, zwischen erzählter Geschichte und Träumen.

Um den Leser in die Handlung des Buches einzuführen und Erzähltes aufzufrischen, leitet Cronin den Abschlussband mit einer kurzen Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse ein, und zwar in einigen bibelartig abgefassten Absätzen. Dies ist angesichts der Tatsache, dass wir etwa vier Jahre auf dieses Buch warten mussten, auch bitter nötig. „Die Spiegelstadt“ enthält zwar ein Personenverzeichnis im Anhang, die jeweiligen Erläuterungen sind jedoch so rudimentär, dass sie meist wenig hilfreich sind.

Als die eigentliche Handlung beginnt, schildert Cronin zunächst, was etwa acht Monate bzw. gut 20 Jahre nach den Ereignissen im Homeland aus den einzelnen Figuren wird, als sich auch ihre Kinder in der neuen Realität eingerichtet haben. Einige kommen gut zurecht. Peter Jaxon ist nun Präsident des Staates Texas und hat seinen Neffen Caleb an Sohnes Statt großgezogen; Sara Wilson arbeitet weiter als Ärztin und kümmert sich mit ihrem Mann Hollis um die eigene Tochter Kate sowie um die gehörlose Pim; Lore DeVeer arbeitet weiterhin als knallharte Ölhand, trauert aber Michael Fisher hinterher, der ihre Zuneigung nie auf die von ihr erhoffte Weise erwidert hat. Stattdessen gehört er zu jenen, die sich in dem neuen Leben noch nicht eingerichtet haben, weil sie ahnen, dass der Kampf im Homeland nicht das Ende war.
Michael nimmt im Roman viel Raum ein. Er ist ein Einzelgänger, der wochenlang auf seinem Boot über den Golf von Mexico und darüber hinaus segelt. Dabei stößt er schon bald auf den vor Freeport/Texas gestrandeten norwegischen Tanker Bergensfjord. Darauf findet er nicht nur die skeletierten Überreste der Besatzung, sondern auch Zeitungsartikel, die darüber berichten, wie das Virus vor knapp 100 Jahren trotz aller Quarantänemaßnahmen auch die anderen Kontinente heimgesucht – und ihre Bewohner vernichtet – hat. Michael erfährt aber auch, dass es irgendwo im Atlantik eine Insel geben muss, auf der man Zuflucht gesucht hat. Und da er das Gefühl hat, dass der Kampf gegen die Zwölf noch nicht beendet ist, beginnt er mithilfe einiger weniger, die Bergensfjord zu restaurieren und reparieren.
Wie er ist auch Lucius Greer einer derjenigen, die sich von der trügerischen Ruhe nicht täuschen lassen. Er hat nach dem Kampf im Homeland die bewusstlose Amy gerettet und bei Carter (dem einzig Unschuldigen und Überlebenden der Zwölf) in einen Tanker eingesperrt. Seither versorgt er sie und Carter mit Blut und hofft, dass Amy irgendwann ihren Blutdurst besiegen und gemeinsam mit Carter den Kampf gegen Zero aufnehmen kann.
Und schließlich ist da noch Alicia. Peter, der sie liebt, hat sie nach einem Kampf gegen Babcocks Viele, in dem sie tödlich verwundet wurde, mit einer abgewandelten Form des Virus infiziert, sodass sie zwar überlebt und über besondere Kräfte verfügt – aber auch Blut braucht, was sie zu einer Ausgestoßenen macht. In „Die Spiegelstadt“ erfährt sie nun, dass der Virenstamm, den sie in sich trägt, von Zero direkt stammt, sodass sie gewissermaßen ihm gehört. Fanning ruft sie nach New York – und nun bedient sich Cronin eines wirklich gelungenen Kniffs, um auf diese Weise Fanning nicht nur Alicia, sondern auch dem Leser in aller Ausführlichkeit seine Lebensgeschichte und die Beweggründe für sein jetziges Handeln erzählen zu lassen.
Kurz gesagt gibt Fanning seinem ehemals besten Studienfreund Jonas Lear, der Menschheit, dem Universum oder Gott im Besonderen die Schuld an seiner Situation: Fanning war in Liz, die spätere Frau seines Freundes Jonas, verliebt (und diese Zuneigung wurde auch erwidert). Da Liz unheilbar krank war, forschte Jonas wie besessen nach einem Heilmittel und zögerte auch nicht, unkonventionelle Wege einzuschlagen. Nach dem Tod von Liz, durch den sich Fanning um sein Glück gebracht sah, erschlug er in seiner Wut und Trauer eine junge Frau und sah nur einen Ausweg, um seiner Verhaftung zu entgehen: Er begleitete Jonas auf eine Expedition in den bolivianischen Dschungel, wo sich dieser auf die Spur eines Mysteriums begeben wollte: Eine Gruppe von Amerikanern, die an Krebs im Endstadium litten, hatte sich auf ihrer letzten Reise mit einem Virus infiziert – und nachdem die Infektion abgeklungen war, war auch ihr Krebs geheilt. Und obwohl Jonas bei seiner Frau versagt hatte, wollte er die Suche nach einem Heilmittel nicht aufgeben. Doch im Dschungel wurde das Team von Fledermäusen attackiert – einige starben, Fanning aber überlebte. Und veränderte sich. So endete er schließlich in einem geheimen Versuchslabor des US-Militärs, das mithilfe seines Blutes Supersoldaten züchten wollte. Was, wie wir dank der „Passage-Trilogie“ wissen, scheiterte und mit der fast völligen Vernichtung der Menschheit endete. Nun will der überlebende Fanning nur noch eines: Rache. Die Vernichtung der Zwölf und ihrer Virals im Homeland war im Grunde nur sein Weg, um die Wettbewerber auszuschalten. Und jetzt hat er die überlebenden Menschen zwanzig Jahre lang in Sicherheit gewiegt, hat seine eigenen Virals zurückgehalten – doch nun ist seine Zeit gekommen. Der große Showdown in New York hatte definitiv Filmqualitäten – ich konnte vor meinem inneren Auge schon einen Katastrophenfilm von Emmerich vor mich sehen – mit einstürzenden Hochhäusern, Wassermassen und wahnsinnigen Actionszenen. Könnte bitte jemand diese Reihe verfilmen?
Zu Fanning hatte ich als Leser eine etwas zwiespältige Haltung. Einerseits ist er ein großartiger Bösewicht. Er handelt im Verborgenen, scheint seinen Gegnern immer mindestens zwei Schritte voraus zu sein. Im Grunde ist sich niemand seiner Existenz bewusst, stattdessen hat er sich seiner Zwölf und ihrer Virals wie Marionetten bedient. Durch sie hat er die Menschheit fast völlig ausrotten lassen; sie haben für ihn die Drecksarbeit erledigt. Und als die Menschheit die Sicherheit der bewachten Städte verlässt, schlägt er zu. Andererseits musste ich mich einfach fragen, wie … blöd jemand sein muss, über 120 Jahren einem anderen Menschen nachzuweinen und die Schuld am Scheitern des eigenen Lebens anderen in die Schuhe zu schieben – und nicht zu erkennen, dass nicht etwa die Menschheit oder Gott oder das Universum die Schuld an den eigenen schlechten Entscheidungen trägt, sondern man selbst. Nun ja, wäre Fanning etwas vernünftiger, hätten wir jetzt nicht diese großartige Geschichte. 😉

Das Ganze endete dann mit einem Epilog, zu dem ich ebenfalls ein etwas zwiespältiges Verhältnis hatte: Zum einen bindet er den „Sack“ zu, rundet die Handlung ab. Der Leser erfährt, wie es mit den Überlebenden weitergeht und wie die neue Gesellschaft knapp 900 Jahre später aussieht. Zum anderen empfand ich den Epilog und seine Ausführungen aber als ein wenig zu ausführlich. Eine Rahmenhandlung, wie man sie bspw. aus „Der Report der Magd“ kennt und der dieser Epilog stark ähnelt, hätte ich u. U. besser gefunden. Aber ich klage hier sicher auf hohem Niveau.

Mein Fazit: „Die Spiegelstadt“ ist der fast perfekte Abschluss einer Trilogie, die für mich zu einer der besten Buchreihen gehört, die ich je gelesen habe. Eine wunderbare Mischung aus Horror und Dystopie. Da das Buch vieles erklärt, das die Ereignisse aus Band 1 in einem anderen Licht erscheinen lässt oder besser erläutert, hatte ich nach Beendigung des Buches richtig Lust, die Trilogie gleich noch einmal von vorn zu beginnen. Ein kleiner Tipp: An diesen Büchern muss man „dranbleiben“ – wenn man Abend für Abend höchstens mal ein oder zwei Kapitel liest, findet man erfahrungsgemäß nicht so gut in die Geschichte hinein und empfindet einige Passagen u. U. als etwas langatmig.

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9 Kommentare zu „Justin Cronin: Die Spiegelstadt (Passage-Trilogie #3)

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