Veröffentlicht in Belletristik

Colm Tóibín: Brooklyn

toibin-brooklynIrland um 1950: Die junge Eilis Lacey lebt mit ihrer verwitweten Mutter und ihrer großen Schwester Rose in Enniscorthy im Süden Irlands. Viele junge Iren zieht es aufgrund der schlechten Wirtschaftslage ins Ausland, so auch Eilis‘ drei Brüder, die in England leben. Die junge Frau arbeitet am Wochenende in einem örtlichen Geschäft und steuert so etwas zum Lebensunterhalt der Familie bei. Da eröffnet sich ihr durch die Vermittlung ihrer Schwester und eines katholischen Priesters die Möglichkeit, nach Amerika auszuwandern, um in Brooklyn eine Anstellung in einem großen Kaufhaus anzutreten.
Die Anpassung fällt ihr schwer, das Heimweh ist groß, und der Entschluss, in der Abendschule eine Ausbildung zur Buchhalterin zu machen, hilft ihr nur wenig darüber hinweg. Bis sie auf einem irischen Tanzabend Tony begegnet. Mit dem jungen Italiener an ihrer Seite lernt sie die Stadt kennen, erlebt Dinge, die sie vorher noch nicht erlebt hat, und plötzlich sieht ihre Zukunft gar nicht mehr so trüb aus.
Da ruft eine tragische Nachricht sie zu ihrer Mutter nach Südirland zurück. Und in der vertraut-fremden Heimat trifft sie Jim, der ihr eine Zukunft in Irland anbietet. Eilis muss sich entscheiden.

Auf den Roman des irischen Erfolgsautors Colm Tóibín bin ich über die gleichnamige Verfilmung nach einem Drehbuch von Nick Hornby gestolpert. Ich musste beim Lesen feststellen, dass sich beide wunderbar ergänzen – Passagen, bei denen ich im Buch das Gefühl hatte, dass der Autor (absichtlich?) Fragen offen lässt oder auf Erklärungen verzichtet, werden im Film durch ganz simple Dialoge oder Szenen beantwortet. Saoirse Ronan liefert dem Zuschauer im Film eine großartige Eilis, und Emory Cohen spielt den Italiener Tony so toll, dass er diesen zu einer meiner liebsten Protagonisten gemacht hat. Deshalb seht es mir nach, wenn im Folgenden Buch und Film vielleicht das eine oder andere Mal ineinanderfließen.
Der Roman besteht aus vier Teilen: Teil 1 schildert die Vorgeschichte in Enniscorthy bis zur Ankunft in Amerika. Teil 2 schildert, wie Eilis in der neuen Heimat ankommt und sich einlebt, ihr Lebensmittelpunkt ist aber weiterhin primär die irische Gemeinde. In Teil 3 wird Eilis zunehmend selbstbewusst und selbstbestimmt – und sie lernt Tony kennen und lieben. Teil 4 führt sie schließlich wieder nach Hause und stellt sie vor eine Entscheidung.

Die junge Eilis fühlt sich in ihrer irischen Heimat etwas einsam und fremd. Ihre Brüder sind zum Arbeiten nach England gegangen und schicken hin und wieder etwas Geld, und im Gegensatz zu ihr wird ihre etwa dreißigjährige Schwester Rose von allen geliebt; sie arbeitet recht erfolgreich in ihrem Beruf als Buchhalterin, ist eine ausgezeichnete Golfspielerin, ist wunderschön und versteht sich darauf, Menschen kennenzulernen. Eilis ist im Gegensatz dazu eher ein Mauerblümchen – ohne richtige Anstellung, mit nur zwei oder drei Freundinnen, ohne Freund. An den Wochenenden geht sie aus, am Sonntag in die Messe – aber ein Lebensziel hat sie nicht. Und es ist bezeichnend, dass nicht sie den Entschluss fällt, aus beruflichen Gründen nach Amerika zu gehen, sondern ihre Schwester Rose. Da Eilis sich aber im Stillen nach mehr sehnt, willigt sie ein, obwohl das in der damaligen Zeit bedeutet, dass ihre Schwester für immer unverheiratet bleiben und sich um ihre Mutter kümmern wird. Aber dass Rose bereit ist, dieses Opfer zu bringen, wird Eilis erst später klar.
Das Leben in Brooklyn soll nach Eilis‘ Willen so weitergehen wie ihr Leben in Irland: Sie arbeitet fleißig, geht zur Messe und hilft in der Gemeinde aus; den Mut, sich auf Neues einzulassen, hat sie zunächst nicht. Da sie ein stiller Mensch ist und niemanden an sich heranlässt, fällt sie in ein tiefes Loch und wird heimwehkrank. Und erneut kommt ihr der katholische Priester zu Hilfe, als er ihr die Möglichkeit eröffnet, zur Abendschule zu gehen und dort eine Ausbildung zur Buchhalterin zu machen. Dadurch wächst ihr Selbstbewusstsein, und spätestens als sie auf einem irischen Tanzabend den jungen Tony kennenlernt, beginnt ihre Integration wirklich.
Tony ist italienischer Abstammung; ein italienischer Einwanderer in zweiter Generation, der sich seinen Lebensunterhalt als Klempner verdient. Und eine unglaublich sympathische literarische Figur! Für Tony ist auf den ersten Blick klar, dass Eilis die Frau seines Lebens ist, und so tut er auf seine ganz feine Art alles, um um sie zu werben: Er holt sie von der Abendschule ab und bringt sie nach Hause, geht mit ihr tanzen, lädt sie ins Kino ein …

„Warten Sie mal. Er nimmt Sie nicht mit zu Trinkgelagen mit seinen Freunden und lässt Sie dann bei den Mädchen sitzen?“
„Nein.“
„Er redet nicht die ganze Zeit über sich selbst, wenn er Ihnen nicht gerade erzählt, wie großartig seine Mutter ist?“
„Nein.“
„Dann halten Sie ihn bloß fest, Schätzchen. Einen zweiten wie den finden Sie nicht. Vielleicht in Irland, aber nicht hier.“
(Seite 173)

Das rät Eilis zumindest ihre Vorgesetzte. Und tatsächlich gesteht Tony ihr auch wenig später seine Liebe. Eilis zögert allerdings. Wenn sie dieses Gefühl zulässt, bedeutet dies auch, dass sie bereit ist, ihre irische Heimat für immer hinter sich zu lassen. „Tony hat mir dabei geholfen, daran zu glauben, dass ich hier leben kann. Bevor ich ihn kennengelernt habe, konnte ich mir das nicht vorstellen. Mein Körper war hier, aber mein Leben war noch in Irland bei euch. Jetzt ist es schon halb über den Ozean. Das ist immerhin etwas, oder nicht?“, schreibt sie im Film an ihre Schwester Rose. Sie ist also dabei, sich endgültig von ihrer irischen Heimat „abzunabeln“.
Doch dann wird Eilis‘ Entscheidung für Amerika und für ihre Unabhängigkeit auf die Probe gestellt: Sie bekommt eine traurige Nachricht aus Enniscorthy und kehrt für einen Besuch dorthin zurück. Und die Vertrautheit und das Gefühl, daheim zu sein, ist gleich wieder da. Doch gleichzeitig ist vieles dort plötzlich ganz alles anders als früher. Sie ist nicht mehr dieselbe, die vor einem Jahr nach Brooklyn gegangen ist. Sie ist selbstbewusster, unabhängiger, reifer, offener – und das spüren die Menschen. Ihre Mutter beispielsweise, die möchte, dass Eilis in Irland bleibt, damit für sie – die Mutter – gesorgt ist. Ein örtlicher Arbeitgeber merkt dies und bietet ihre eine Anstellung an.
Und die Männer spüren es. Sie lernt Jim kennen, einen jungen Iren, der zu ihrem Freundeskreis gehört – und verliebt sich in ihn. Jetzt steht sie ein weiteres Mal vor einer Entscheidung: Wird sie die Vertrautheit wählen, die alte Heimat; wird sie das tun, was „man“ (ihre Familie, ihre Freunde, die Nachbarn) von ihr erwartet, weil es sicher und vorhersehbar ist? Oder wird sie sich für Tony entscheiden, für ihr neues Leben, für die andere Eilis, die unabhäniger ist, die bereit ist, das Abenteuer anzunehmen und in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen? Eine sehr unangenehme Begegnung mit ihrer ehemaligen Arbeitgeberin in Enniscorthy führt ihr vor Augen, was sie tun muss …
Doch die Entscheidung ist gar nicht so einfach. Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern und Filmen ist hier keiner der beiden Männer der Richtige oder der Falsche. Beide könnten der Richtige sein – denn sie stehen für zwei unterschiedliche Lebensentwürfe, zwischen denen Eilis sich entscheiden muss. Und wenn man erwachsen wird (werden will), dann gehört dazu die Erkenntnis, dass man im Leben Entscheidungen treffen muss, Entscheidungen, denen man treu bleiben muss. Und mit jeder Entscheidung für eine Richtung schließt sich die Tür zu einer anderen Richtung.
Wie sie sich entscheidet, werde ich natürlich nicht verraten, aber ich fand diesen Roman, die Geschichte von Eilis sehr lebensnah. Das eine oder andere Mal dachte ich beim Lesen: Das kenne ich! So geht es mir auch! Und es kommt mir so vor, als würde die Geschichte von Eilis auch dem Leser, der sich mit ihr identifizieren kann, dabei helfen, sich auf das Ungewisse einzulassen. „Brooklyn“ erzählt eine universelle Geschichte: dass man die (innere) Heimat verlassen muss, um die eigene (innere) Heimat zu finden. Auch der Leser kennt diese Sehnsucht nach mehr, nach einem erfüllten Leben, wie man es bei Eilis sehen kann. Und wie Eilis versucht man, diese Sehnsucht mit Erfolg im Job, einem Lebenspartner, dem Engagement für eine Organisation u. a. zu stillen. Und man ist immer wieder versucht, sich auf das Vertraute, Vorhersehbare zu beschränken, weil es eben sicher ist.

Mein Fazit: Lesen! Unbedingt! Und der Film ist sowieso Pflicht!

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5 Kommentare zu „Colm Tóibín: Brooklyn

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