Veröffentlicht in Sachtitel

Max Lucado: Du bist reich beschenkt

Max Lucado gehört zu den wichtigsten christlichen US-Autoren unserer Zeit. Seit Mitte der Achtzigerjahre hat er Dutzende von Bestsellern geschrieben, die vielfach auch ins Deutsche übersetzt wurden. Seine große Stärke sind sicher seine liebevolle, seelsorgerliche Art – und seine Fähigkeit, bekannte biblische Geschichten auf eine Weise zu erzählen, dass auch der Leser immer wieder neue Facetten dieser Berichte und Bezüge zum eigenen Leben entdecken kann. Wie oft dachte ich schon beim Lesen seiner Bücher: Was? So habe ich das ja noch nie gesehen!?
In seinem neuen Buch beschäftigt sich Bestsellerautor Max Lucado am Beispiel von Josua und dem Volk Israel mit dem „Gelobten Land“. In biblischer Hinsicht geht es in seinem neuen Buch darum, was die Israeliten davon abhielt, ins Gelobte Land einzuziehen, wie der Einzug sich vollzog, welche Kämpfe ausgefochten werden mussten, wie das Leben im Gelobten Land aussah. Aber in jedem Kapitel, in dem Lucado einen Schritt auf dieser Reise nachzeichnet, zieht er auch immer wieder Parallelen zu unserem eigenen Leben. Denn im Grunde geht es hier nicht nur um die unterhaltsame Nacherzählung einer biblischen Geschichte, sondern darum, wie wir eine Brücke schlagen können zwischen dem Menschen, der wir sind, und dem, der wir sein wollen.
Im stärksten Kapitel – aber wahrscheinlich kommt es mir nur so vor, weil ich eine Frau bin – wendet er sich zum Beispiel an Menschen, die nicht verstehen können, warum Gott sie in all ihrer Zerbrochenheit annehmen könnte. Das illustriert er sehr schön am Beispiel von Rahab.

Ich sehe schon vor mir, wie sich ein halbes Dutzend Männer durch die enge Kopfsteingasse im Rotlichtviertel zwängt. Es ist spät abends. Die mit Fackeln erleuchteten Kneipen sind geöffnet und die Kunden stockbesoffen. Sie rufen den Männern des Königs obszöne Bemerkungen nach, aber die Soldaten reagieren nicht. Sie gehen weiter, bis sie vor der Holztür eines steinernen Hauses direkt an der berühmten Stadtmauer von Jericho stehen bleiben. Die Laterne davor brennt nicht, und die Soldaten fragen sich, ob wohl jemand zu Hause ist. Der Hauptmann hämmert an die Tür. Drinnen hört man schlurfende Schritte. Rahab macht auf. Sie trägt mehrere Schichten Make-up und hat ihre Augen schwarz geschminkt. Unter ihrem tief ausgeschnittenen Gewand kann man ein paar gute Stücke von „Victoria’s Secret“ sehen. Ihre raue Stimme verrät, dass sie Kettenraucherin ist. Sie stemmt eine Hand in die Hüfte und hält in der anderen einen Martini.
„Tut mir leid, Jungs, wir sind für heute Nacht ausgebucht.“
„Deswegen sind wir nicht hier“, fährt der Hauptmann sie an. „Wir kommen wegen der Hebräer.“
„Hebräer?“ Fragend neigt sie den Kopf zur Seite. „Ich dachte, ihr wolltet ein bisschen Spaß haben.“
Sie zwinkert mit ihren schwarz getuschten Wimpern einem jungen Soldaten zu. Er wird rot, aber der Hauptmann lässt sich nicht von seinem Auftrag abbringen.
„Wir suchen die Spione. Wo sind sie?“
Sie tritt vor die Tür, schaut nach links und nach rechts und raunt ihnen dann zu: „Ihr habt sie gerade verpasst. Kurz bevor die Stadttore geschlossen wurden, haben sie sich davongeschlichen. Wenn ihr euch beeilt, kriegt ihr sie noch.“
Die Männer des Königs machen kehrt und rennen los. Als sie um die Ecke verschwunden sind, rennt Rahab die Treppe zum Dach hinauf, wo sich die beiden Späher versteckt haben. Sie sagt ihnen, dass die Luft rein ist. „Die ganze Stadt spricht von euch und eurer Armee. Alle haben Schiss. Der König kann nicht mehr schlafen und den Leuten ist der Appetit vergangen. Sie schlucken Beruhigungsmittel, als seien es Tic Tacs. Das letzte bisschen Mut ist mit dem Morgentau verdunstet“ (Josua 2,9–11; FNL – frei nach Lucado).

Ob Sie es glauben oder nicht, Rahab fand Gott. Oder besser ausgedrückt: Gott fand Rahab. Er hatte in dieser knallharten Stadt ein weiches Herz entdeckt und kam zu ihr, um sie zu retten. Er hätte die ganze Stadt gerettet, aber niemand sonst sehnte sich danach. Andererseits war Rahab den anderen gegenüber im Vorteil. Sie hatte nichts zu verlieren. Sie war ganz unten auf der sozialen Leiter. Sie hatte ihren Ruf, ihr gesellschaftliches Ansehen und ihre Aufstiegschancen schon verspielt. Sie war ganz unten.
Vielleicht sind Sie das auch.
Sie haben vermutlich nicht Ihren Körper verkauft, aber Ihre Loyalität, Ihre Zuneigung, Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Gaben. Sie haben alles verkauft. Das haben wir alle. Wir alle fragen uns: Das Leben, nach dem wir uns sehnen? Das können vielleicht die anderen führen, aber nicht ich. Ich bin … zu schmutzig, zu dreckig, zu belastet. Ich habe zu viel gesündigt, bin zu oft gestrauchelt, zu oft ins Schwimmen geraten. Ich bin auf dem Müllhaufen der Gesellschaft gelandet. Für mich gibt es keine glorreichen Zeiten mehr.
Gott hat eine ganz kurze Antwort auf solche Zweifel: Rahab!
Damit wir nicht denken, dass Gottes verheißenes Land nur für ein paar wenige Auserwählte gedacht sei, hat er ihre Geschichte an den Anfang gestellt. Der Autor widmet ihr ein ganzes Kapitel. Unglaublich! Sie bekommt mehr Text als die Priester, die Späher oder Josuas Gehilfe. Wenn Quantität und Reihenfolge in der Theologie irgendwie von Bedeutung sind, dann besagt Rahabs Story, dass Gott einen Platz hat für die Rahabs dieser Welt.

Lucado spricht aber auch Christen an, die „Ägypten“ bereits verlassen haben und sich jetzt oder auch schon seit Jahren darüber wundern, warum sie nicht in den Genuss der Vorteile eines „Gelobten Landes“ kommen. Warum fühlen sie sich immer noch entmutigt und irgendwie unfrei? Warum entwickeln sie sich geistlich nicht weiter?
Max Lucado nimmt die Hindernisse auf dem Weg ins Gelobte Land und auch im Gelobten Land unter die Lupe und hat eine gute Nachricht für den Leser: Wir sind wirklich Kinder Gottes, Miterben Jesu und dürfen darauf vertrauen, dass wir die Reise nicht alleine bewältigen müssen. Und wenn wir unser Ziel erreicht haben, dann erleben wir wirklich einen lebensverändernden Glauben …
Das Buch lebt dieses Mal weniger von Lucados seelsorgerlicher Art, die den Leser dort abholt, wo er steht – auch wenn dieses Buch sicher sehr einfühlsam und seelsorgerlich geschrieben ist. „Du bist reich beschenkt“ ist eher eine sehr unterhaltsame „Bibelarbeit“ über das Buch Josua. Lucado geht in den 16. Kapitel seines Buches die insgesamt 23 Kapitel des biblischen Buches Josua detailliert durch. Und er spricht mit seinen Nacherzählungen biblischer Ereignisse (siehe oben) und seinen Illustrationen mit Geschichten aus dem wahren Leben problemlos das Herz des Lesers an.

Das Buch ist übrigens auch rein äußerlich ein Genuss und etwas ganz Besonderes. Der Haupttitel des Buches ist so auf den Schutzumschlag eingeprägt, dass er erhaben hervorsteht, und der Umschlag selbst ist wiederum mit unzähligen Punkten versehen, die aus einer goldenen Heißfolie bestehen. Ein Klick auf das obige Foto des Buches verrät euch mehr.

Mein Fazit: Ich liebe die Bücher von Max Lucado sehr – aber ich war schon lange nicht mehr so begeistert von einem religiösen Buch wie bei „Du bist reich beschenkt“.

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2 Kommentare zu „Max Lucado: Du bist reich beschenkt

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