Veröffentlicht in Belletristik

Tahereh Mafi: Zerstöre mich

In „Ich fürchte mich nicht“ ist Juliette die Flucht aus den Fängen des Reestablishments gelungen – indem sie dessen Anführer Warner eine Kugel in die Schulter jagte. Sie glaubte ihn tot zurückzulassen, doch Warner ist nur schwer verletzt. Und nimmt den Leser in „Zerstöre mich“ mit auf eine faszinierende Reise.
Denn Warner scheint hassenswert – grausam, gefühlskalt, berechnend – und ist doch voller innerer Zweifel, hin- und hergerissen zwischen seiner Erziehung durch seinen grausamen Vater und seiner Liebe zu Juliette, die er unbedingt wiedersehen muss – auch wenn sie ihn offensichtlich verabscheut. Und so kämpft der noch geschwächte Warner zum einen darum, die Disziplin auf der Militärbasis aufrecht zu erhalten, während er andererseits mit aller Macht darauf hinarbeitet, Juliette wieder in seine Gewalt zu bringen. Bis sein Vater, Oberbefehlshaber des Reestablishments, in Warners Basis auftaucht. Und als Warner dessen Pläne für Juliette erfährt, wird ihm klar, dass er sich endgültig entscheiden muss …

Die dystopische Trilogie von Tahereh Mafi war im Herbst 2015 für mich ein großes Lese-Highlight – und Liebe auf den ersten Blick. Meine Rezensionen dazu findet ihr hier: Ich fürchte mich nicht (Band 1), Rette mich vor dir (Band 2) und Ich brenne für dich (Band 3). Da Warner darin einen sehr interessanten Protagonisten abgab, war es keine Frage, dass ich auch die Kurzgeschichte „Zerstöre mich“ lesen würde, die die Ereignisse zwischen Band 1 und 2 aus seiner Sicht schildert. Er bleibt ja in der Trilogie über weite Strecken sehr mysteriös und undurchschaubar, daher war es interessant zu sehen, was in der Interaktion mit Juliette und vor allem mit seinem Vater, dem Oberbefehlshaber, in seinem Kopf vor sich geht. Und genau das erfährt man als Leser auch in dieser etwa 80 Seiten langen Kurzgeschichte.

Dass er trotz seiner Kälte einen gewissen Sinn für Humor hat, wird schon durch den Einstieg deutlich:

Ich wurde angeschossen. Und ich muss sagen: Eine Schusswunde ist wesentlich unangenehmer, als ich vermutet hätte.

Was dann aber auffällt, ist, dass der Schreibstil der Geschichte deutlich von dem der Trilogie abweicht. Und das ergibt ja auch durchaus Sinn. Der überbordende, chaotische Stil der Trilogie  spiegelt sehr schön die Innenwelt von Juliette, der Ich-Erzählerin, wider. Als wir in die Geschichte einsteigen, hat Juliette 264 Tage Einzelhaft hinter sich, wird seit vier Jahren in Anstalten und Gefängnissen gequält, und genau so ist auch ihre Sprache: Halbsätze, Wortfetzen, Gedankensplitter, sehr reduziert. Ihre Zerrissenheit wird darüber hinaus im Roman (bzw. in der kompletten Serie) immer wieder durch durchgestrichene Sätze kenntlich gemacht. Aber je mehr Zeit sie mit Adam und den Rebellen verbringt, desto stärker verwandelt sich auch ihre Sprache und wird zunehmend „normaler“.
Bei Warner ist dies anders. Er ist aufgrund seiner Erziehung und der Umstände ein äußerst strukturiert denkender, fühlender und handelnder Charakter. Unordnung jeder Art kann er nicht ertragen; sie ist für ihn ein persönlicher Angriff auf seine Person. Und da seine Gedanken geordnet, klar strukturiert und schnörkellos sind, ist es sein Stil ebenfalls:

Mein Hirn ist ein Lagerhaus sorgsam geordneter Emotionen. Ich sehe förmlich vor mir, wie es Bilder und Gedanken aussortiert. Was mir nicht weiterhilft, wird weggepackt.

Bei Warner fällt auf, dass sein Erzählstil zunächst sehr geordnet ist, dann aber allmählich etwas unstrukturierter wird – in dem Maße, in dem er auch die Macht über seine Außen- bzw. Innenwelt ein Stückchen weit verliert:

In meinem Gesicht brechen Risse auf, pflanzen sich über die Arme fort, über den Brustkorb, die Beine.

Wichtiger ist aber sicher, dass man durch „Zerstöre mich“ mehr über die Beweggründe seines Handelns erfährt und warum er Juliette eingekerkert und beobachtet hat: Seit seiner Kindheit wird er von seinem Vater misshandelt und missbraucht (emotional und verbal). Auf Juliette wurde er durch ihre Akten aufmerksam, die ihm verrieten, dass sie eine schreckliche Kindheit und Jugend hinter sich hatte und bereits seit über 260 Tagen eingekerkert war, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren; stattdessen wirkte sie äußerlich ruhig und gelassen. Bei seinem Vater und den Männern in seinem Umfeld behauptet er jedoch, sie aufgrund ihrer besonderen Gabe als innovative Waffe nutzen zu wollen.
Doch spätestens, als er (nach ihrer Flucht) ihr Tagebuch liest, erkennt er, wie ähnlich sie einander aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen sind. Und sie hat etwas erkannt, das sonst niemand bislang erkannt hat:

Etwas in ihrem Blick gibt mir das Gefühl, wertlos zu sein – sie als Einzige scheint verstanden zu haben, dass ich innerlich komplett hohl bin. Sie hat die Risse in dem Panzer entdeckt, den ich tagtäglich tragen muss, und das lähmt mich.

Mein Fazit: Es wäre interessant gewesen, diese Geschichte vor Band 2 der Trilogie zu lesen. Aber vermutlich hätte dies ein wenig die Spannung genommen, ob Warner nun einer der Guten oder der Bösen ist. 🙂 Auf jeden Fall macht es mich erneut traurig, dass die Trilogie nach „Ich brenne für dich“ endete …

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