Veröffentlicht in Belletristik

Pierce Brown: Red Rising (Red Rising #1)

Red Rising 1Darrows Welt ist brutal und dunkel. Wie alle Roten schuftet er in den Minen des Mars, um ein Leben auf der Oberfläche des Planeten möglich zu machen.
Doch dann wird seine große Liebe getötet, und Darrow erfährt ein schreckliches Geheimnis: Der Mars ist längst erschlossen, und die Oberschicht, die Goldenen, leben in dekadentem Luxus.
Darrow schließt sich dem Widerstand an – den Söhnen des Ares -, die ihn in einem monatelangen schmerzhaften Prozess in einen Goldenen verwandeln. Schließlich gelingt es ihm sogar, sich dank einer neuen Identität Zutritt zu einem sagenumwobenen Institut zu verschaffen, in dem die Elite der mächtigen Familien herangezogen wird. Er will einer von ihnen werden – um sie dann zu stürzen …

„Red Rising“ ist der Auftaktband zur gleichnamigen Dystopie des Amerikaners Pierce Brown und im Grunde eine Hardcore-Version von Büchern wie „Harry Potter“, „Die Tribute von Panem“, „Der Herr der Fliegen“ oder „Battle Royale“. Der Autor erfindet also das Rad nicht neu, aber er schildert eine sehr unterhaltsame Geschichte. Eine Geschichte, die definitiv nichts für zarte Gemüter ist!

Ausgangspunkt ist sicher ein Gedanke, der eingangs auch von Erzgouverneur Nero au Augustus – Darrows Erzfeind – in Worte gefasst wird: dass die Geschichte jeder Gesellschaft in drei Stadien verläuft: Zu Anfang herrscht ein unziviliserter Zustand, dann kommen Aufstieg und Niedergang durch Verweichlichung. Diese Erfahrung mussten in der Geschichte der Menschheit schon viele Kulturen machen – und wenn ich raten dürfte, würde ich sagen, dass auch Augustus‘ Herrschaft diesen Weg gehen wird.

Rein äußerlich beinhaltet die Buchausgabe zwei Aspekte, die ich gewöhnlich nicht mag: 1. Der Text ist in einer serifenlosen Schrift abgedruckt, was ich normalerweise nicht so angenehm zu lesen finde. 2. Die Geschichte wird Präsens erzählt. Aber vermutlich ist es gerade dieser Aspekt, durch den die Story zusätzlich an Fahrt gewinnt. Denn die Geschichte legt von Beginn an ein enormes Tempo vor. Einige Rezensenten  berichten davon, dass sie eine Weile gebraucht haben, um in die Handlung bzw. die beschriebene Welt hineinzufinden. Mir ging es nicht so; von Anfang an konnte ich die unterirdische Welt der Roten vor mir sehen. Tiefe, kilometerlange Minenschächte, in denen die Roten unter Einsatz ihres Lebens das wertvolle Helium-3 fördern, von dem sie glauben, dass man es für das Terraforming des Planeten Mars benötigt, damit die Menschheit dort Zuflucht suchen und finden kann.

Protagonist und Ich-Erzähler ist der 16-jährige Darrow, der als Höllentaucher in den Minen arbeitet und damit den gefährlichsten Job der Bergarbeiter hat. Seit einigen Monaten ist er mit der gleichaltrigen Eo verheiratet, die im Gegensatz zu ihm das Schicksalm der Roten nicht so … romantisch sieht. Während Darrow der Propaganda glaubt, dass die Arbeit der Roten ehrenvoll wichtig ist, dass er und seine Kollegen die Vorhut sind, damit die Menschheit einmal die Planten Erde und Mond hinter sich zu lassen kann, und während er glaubt, dass dieses Schicksal gewissermaßen eine Ehre ist, gibt ihm Eo immer wieder zu verstehen, dass sie eigentlich nicht mehr sind als Sklaven. Sie träumt davon, in einer freien und gerechten Gesellschaft zu leben. Doch Darrow will davon nichts wissen.
Doch dann wird er ein Opfer des Systems – das übliche literarische Mittel, um aus einer Figur dazu zu motiveren, sich gegen das System zu wenden und zum Helden zu werden – und findet sich in einer Verschwörung wieder. Die „Söhne des Ares“ holen ihn aus seiner Unterwelt heraus und zeigen ihm die Wahrheit: Schon seit langer, langer Zeit ist der Mars erschlossen und wird von den Goldenen beherrscht, die alle andere Farben unterworfen haben. Und endlich wacht Darrow auf und ist bereit, sich gegen das System zur Wehr zu setzen. Mithilfe von vielen medizinischen Eingriffen macht man ihn zu einem Goldenen und man trainiert seine geistigen Fähigkeiten; er erhält eine (fiktive) Familiengeschichte und besteht schließlich die Aufnahmeprüfung für das Institut, eine Einrichtung, in der die Elite der Weltengemeinschaft geformt wird.
Nach einer ersten Prüfung werden die Studenten für eines der zwölf Häuser ausgewählt und müssen gemeinsam mit den übrigen Mitgliedern ihres Hauses die übrigen besiegen. Darrow wird aufgrund seiner Fähigkeiten und Eigenschaften dem Haus Mars zugeordnet.
Und er muss erkennen, dass er – und die anderen Auserwählten Schüler – nur unzureichend auf das vorbereitet sind, was sie nun erwartet: Er weiß zwar, wie man sich durchschlägt, und hat eine Ahnung davon, wie man kämpft, aber er muss erst lernen, wie man führt: wie man Menschen auf seine Seite zieht, die nicht zur eigenen Familie bzw. dem eigenen Clan gehören und deren Loyalität man erst erlangen muss. Wie man Menschen motiviert, in den Kampf zu ziehen, die eigene Beweggründe antreiben – die Alphamenschen ebenso wie die vermeintlich Schwachen. Wie man verschlagen kämpft und die Regeln bricht, wie man Dinge tut, die noch nie jemand getan hat, weil die Gesetze von der eigenen Kultur vorgegeben werden. „Der Wert eines Menschen misst sich daran, was er tut, wenn er Macht hat“, sagt Darrow an einer Stelle. Und das ist auch die Erfahrung, die er machen muss. Doch trotz alledem übernimmt Darrow die Schwarz-Weiß-Denke seiner Leidensgenossen nicht. So manches Mal stößt ihn das Handeln seiner Verbündeten ab, und doch ist er sich bewusst, dass man die Gesetze brechen und eigene Grundsätze über Bord werfen muss, um das eigene Ziel zu erreichen. Er ist kein strahlender Held, der bis zum Ende an seinen moralischen Überzeugungen festhält.
Das Schöne und Gute dabei ist, dass er ab einem bestimmten Punkt auch bereit ist, Ratschlägen seiner Verbündeten Gehör zu schenken, bevor er als Anführer eine Entscheidung trifft. Die Interaktion mit seinen Freunden/Verbündeten/Kommilitonen führt dazu, dass er sich als Held weiterentwickelt.
Daber verbündet er sich schon sehr früh mit einer der interessantesten Figuren des Romans: Sevro, der Wolf, der von allen missachtet wird, weil er so gar nicht dem Bild des großgewachsenen, schönen Goldenen entspricht, sondern von Beginn an als Außenseiter kämpft. Ich hoffe sehr, dass er in den Folgebänden wieder auftauchen wird, denn ich könnte mir vorstellen, dass er als Außenseiter der geeignete Verbündeten eines Helden ist, der das System stürzen will.
Im Verlauf der kämpferischen Auseinandersetzungen um Lebensmittel, Waffen und Macht werden aus Feinden Freunde, aus Freunden Feinde – und zu kaum einer Zeit kann man einander wirklich vertrauen. Niemand ist hier wirklich sicher. Vor allem nicht, weil das Spiel manipuliert wird.

Als Leser von „Die Tribute von Panem“ und „Battle Royale“ ist man einiges an Gewalt gewöhnt, aber das, was Brown hier abliefert, setzt dem Ganzen die Krone auf. Viele Studierende verlieren hier ihr Leben. Sie hungern, werden missbraucht und misshandelt, werden verletzt und ermordet … Es fällt schwer zu glauben, dass man es hier mit jungen Menschen zu tun hat, die vermutlich alle zwischen 16 und 20 Jahre alt sind.

Großartig hat mir gefallen, dass Pierce Brown griechische und römische Mythologie in seinen Science-Fiction-Roman einfließen lässt: Die Häuser tragen die Namen der römischen Götter: Jupiter, Minerva, Mars, Venus, Apollo, Diana, Merkur, Ceres, Juno, Neptun, Vesta und Vulcanus. Viele der handelnden Figuren wie z. B. Cassius, Julian, Nexus, Titus oder Pax tragen ebenfalls römische bzw. Namen italienischer Abstammung. Andere Begriffe oder Namen entstammen der griechischen Kultur: Priamos, Ares, die Einteilung in Farben ist angelehnt an Platos Politeia (Der Staat).

Gut gefallen hat mir ebenfalls, dass uns der Autor mit dem obligatorischen Liebesdreieck verschont. Es zeichnet sich zwar eine Liebesgeschichte ab, aber ob daraus mehr wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen.

Zwei Mankos hat das Buch allerdings: Die Geschichte spielt zwar auf einem (terrageformten) Mars, aber die Welt der grasbewachsenen Ebenen, der Wälder mit Wolfen und Bären, der kargen Felsen und Berge, der Sommermonate und Winterkälte könnte sich genau so gut auf der Erde befinden. In den Bereich der SciFi gehören eher einige der Waffen sowie Gravstiefel (die das Fliegen ermöglichen), Schutzschilde oder ein schwebender Olympus, auf dem sich die Vorsteher der Häuser befinden.

Universal Pictures hat sich bereits die Rechte an der Trilogie gesichert; der deutsch-schweizerische Regisseur Marc Forster (u. a. Monster’s Ball, Wenn Träume fliegen lernen, Der Drachenläufer, Ein Quantum Trost) soll Regie führen.

Mein Fazit: Lesen! Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen. Und jetzt ziehe ich los und hole mir gleich den nächsten Band der Reihe!

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7 Kommentare zu „Pierce Brown: Red Rising (Red Rising #1)

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