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Pierce Brown: Im Haus der Feinde (Red Rising #2)

Red RisingImmer war Darrow stolz darauf, als Minenarbeiter auf dem Mars den Planeten zu erschließen. Bis er herausfand, dass die Oberschicht, die Goldenen, längst in Saus und Braus leben und alle anderen ausbeuten. Unter Lebensgefahr schloss er sich dem Widerstand der Söhne des Ares an und ließ sich selbst in einen Goldenen verwandeln.
Seit zwei Jahren lebt er nun mitten unter seinen Feinden und versucht, die ungerechte Gesellschaft von innen heraus zu stürzen. Doch womit Darrow nicht gerechnet hat: Auch unter den Goldenen findet er Freundschaft, Respekt und sogar Liebe. Zumindest so lange ihn niemand verrät. Und der Verrat lauert überall.

„Im Haus der Feinde“ ist Band 2 der „Red Rising“-Trilogie des Amerikaners Pierce Brown und wieder einmal ein echter Pageturner. Die Geschwindigkeit, mit der Darrow gegen politische Verschwörer kämpft bzw. für seine Sache – sie steht ab einem bestimmten Punkt der Geschichte Band 1 in nichts nach. Im Gegenteil: Der Autor bleibt dem Rezept von „Red Rising“ treu: Es gibt eine Menge Kämpfe auf Leben und Tod, atemberaubende Brutalität und Rücksichtslosigkeit und eine derart derbe Sprache, die in YA-Romanen eher unüblich ist. Die Geschichte ist derart actionreich, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte, da es nur wenige Zeitpunkte gibt, an denen der Protagonist (und damit auch der Leser) einmal kurz durchatmen kann. Doch beschränkte sich die Geschichte des ersten Bandes noch auf das Überleben am Institut, geht es nun auf die nächste Ebene: die Weltengesellschaft und unser Sonnensystem.

Die Geschichte erinnert stärker als der Vorgänger an „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert: Familienclans werden vom regierenden Oberhaupt der Weltengesellschaft – derzeit Octavia au Lune – mit der Herrschaft über einen Planeten und der Ausbeutung seiner Ressourcen beauftragt und müssen dafür sorgen, dass „das Spice fließt“ – oder im Fall von Mars: dass das Helium-3 fließt, auf das die Weltengemeinschaft angewiesen ist.

Während auch im Vorgängerband die SciFi-Elemente relativ dezent einflossen, nehmen sie nun in „Im Haus der Feinde“ eine größere Rolle ein. Es kommt wiederholt zu großen Weltraumschlachten, in deren Rahmen dann die unterschiedlichsten Raumschiffe beschrieben werden. Ganz abgesehen von SciFi-Waffen, die auch hier verstärkt erwähnt bzw. eingesetzt werden. Es ist die Rede von Starshells, Storks, Ripwings, Leechcrafts, Wasps, Speederbikes, Spiders, Hoverskiffs, Railguns, Lurchers und vielen mehr – und da diese Begriffe höchstens bei ihrer ersten Erwähnung in einem (Neben-)Satz erklärt werden, hätte ich mir gewünscht, dass es im Anhang oder in der Klappe des Buches ein kleines Verzeichnis all dieser Begriffe und Kategorien gibt, mit man kurz nachschlagen kann, ob man es gerade mit einem Angriff durch einen kleinen Raumschiffjäger zu tun hat oder einem der gigantischen Ganzkörperschutzanzüge.

Ähnliches gilt übrigens auch für die Personenliste. Da der Fundus an handelnden Personen mittlerweile sehr umfangreich ist, geht dem Roman ein kurzes Verzeichnis voraus, in dem die zentralen Figuren kurz erläutert werden (z. B. Adrius au Augustus/Schakal: Sohn des Erzgouverneurs, Erbe des Hauses Augustus, Zwillingsbruder von Virginia). Dies ist durchaus recht hilfreich – aber da die Anzahl der Figuren in diesem zweiten Band schier explodiert, weil neben all den Goldenen auch zahllose Blaue, Graue, Obsidiane etc. eine zentrale Rolle spielen, hätte ich mir ein umfangreicheres Verzeichnis gewünscht. Das wäre gerade vor dem Hintergrund relevant/hilfreich gewesen, da die Loyalitäten teilweise innerhalb eines Familienclans variieren.

Im Gegensatz zum ersten Buch brauchte ich bei „Im Haus der Feinde“ ein paar Kapitel, um in die Handlung hineinzufinden bzw. mich von dieser packen zu lassen. Der Grund ist vermutlich sehr einfach: Band 1 endet mit einem Sieg des Über-Menschen Darrow. Er hat die Regeln gesprengt, hat sich von seiner Rache antreiben lassen und das „Spiel“ gewonnen: Er hat auf dem Institut gegen die unterschiedlichen Häuser gekämpft, hat einige besiegt, andere als Verbündete gewonnen – aber vor allem hat er die Protektoren, die das „Spiel“ geleitet und manipuliert haben, mit brutaler Gewalt ausgeschaltet. Doch in „Im Haus der Feinde“ stolpert Darrow zunächst von einer Niederlage zur nächsten – das machte mir es etwas schwer, mich mit ihm zu identifizieren oder zumindest mit ihm zu sympathisieren.
Nun ist er Lanzenreiter von Nero au Augustus – dem Erzgouverneur von Mars, der das „Spiel“ zugunsten seines eigenen Sohnen manipuliert hat und die Schuld am Tod von Eo trägt, Darrows Frau. Doch Darrow muss feststellen, dass das Leben auf der Akademie, wo er sich das Zeug verdient, ein Flottenkapitän des Hauses Augustus zu werden, mehr von ihm verlangt, als zu kämpfen. Auch hier ist das „Spiel“ manipuliert, auch hier gibt es mächtige Kräfte, die gegen ihn arbeiten und alles dafür tun, dass er scheitert und damit auch sein Haus. Und dieses Mal unterliegt der Protagonist. Darrow macht auf diese Weise noch stärker als in „Red Rising“ die Bekanntschaft von politischen Verschwörungen, ein Terrain, auf dem er sich (zunächst) nicht zu Hause fühlt. Er muss lernen, sich nicht nur auf seine körperliche Überlegenheit zu verlassen, sondern sich auch mit unterschiedlichsten Personen und Familien zu verbünden. Während es in „Red Rising“ darum ging, im Rahmen des Spiels auf dem Mars die Mitglieder anderer Häuser nicht als Sklaven, sondern als Verbündete auf seine Seite zu ziehen, geht es in „Im Haus der Feinde“ nun stärker darum, die Mitglieder anderer Farben aus ihrer kulturellen Sklaverei zu befreien und zu loyalen Verbündeten zu machen, die aus eigener Entscheidung für ihn kämpfen. Während in „Red Rising“ primär Rache der treibende Motor für Darrows Handeln war, ist es in „Im Haus der Feinde“ zunehmend der Kampf für die Gerechtigkeit.
Einige seiner Pläne werden aufgehen, andere scheitern, weil sowohl Darrow als auch der Leser sich nie sicher sein kann, ob nicht ein Verbündeter ein doppeltes Spiel spielt. Und da auch die Pläne seiner Gegner ebenfalls das eine oder andere Mal scheitern, bleibt es bis zuletzt spannend, wer den Sieg davontragen wird. Denn nicht alle sind auf seiner Seite, als sie seine wahre Identität erkennen – und dass er ihre liebgewordene gesellschaftliche Position aufweichen will.
Der Leser nimmt in diesem Kontext auch gemeinsam mit Darrow Abschied von alten Freunden – niemand ist vor dem literarischen Tod gefeit. Und auch hier ist nicht jede Figur, die das Buch als Verbündeter und Freund beginnt, bis zum Ende auf Darrows Seite. Ich als Leserin war vermutlich am Ende genauso schockiert wie Darrow, als … Ach nein, Spoiler. 🙂

Mein Fazit: Mir bleibt die Luft weg. Ich muss das Ende der Geschichte erfahren! Gott sei Dank habe ich mit dem Lesen der Serie gewartet, bis alle Bände lieferbar waren …