Veröffentlicht in Belletristik

Agatha Christie: Das fehlende Glied in der Kette (Ein Fall für Poirot)

Das fehlende Glied in der KetteEssex, Juli 1917: Arthur Hastings wird nach einer Verwundung von der Front nach Hause geschickt, wo er auf seinen alten Bekannten John Cavendish trifft. Dieser lädt ihn nach Styles ein, auf das Landgut seiner Stiefmutter, Mrs Emily Inglethorp. Dort leben in den Wirren des Ersten Weltkrieges eine ganze Reihe von Verwandten: John Cavendish und seine Frau Mary, Lawrence, der jüngere Sohn von Emily Inglethorp, Cynthia, die Tochter verstorbener Freunde von Mrs Inglethorp, und Evelyn Howard, Haushälterin und Faktotum der Familie.
Hastings bemerkt schon kurz nach Eintreffen Spannungen. Emily Inglethorp hat bereits nach kurzer Bekanntschaft den deutlich jüngeren Alfred geheirtat, der – da sind sich alle andere sicher – es doch nur auf das Geld der alten Dame abgesehen hat. Der Verdacht erhärtet sich, als die wohlhabende Mrs Inglethorp kurz nach Hastings‘ Ankunft vergiftet wird und vor ihrem Tod noch den Namen ihres Mannes flüstert.
Doch wer steckt wirklich hinter dem Mord?

„Das fehlende Glied“ ist der erste Kriminalroman der britischen Autorin Agatha Christie und (folglich) der erste Roman mit dem großen belgischen Detektiv Hercule Poirot. Auch wenn Agatha Christie, die spätere Grande Dame der britischen Kriminalromane, dieses Buch bereits 1916 während ihrer Zeit als Krankenschwester im Ersten Weltkrieg geschrieben hat, erscheint der Roman erst Jahre später im Herbst 1920 in den USA bzw. Anfang 1921 in Großbritannien.

Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Perspektive von Arthur Hastings, einem alten Freund Poirots, der noch in weiteren Romanen der Britin auftauchen wird. Er hat gewissermaßen die Sichtweise des Lesers inne und lässt diesen an seinen Beobachtungen und Vermutungen teilhaben. Poirot hingegen ist nicht nur seinem Freund Hastings, sondern auch den Leser in seinen Schlüssen und Beobachtungen einen Schritt voraus, als er in seinem ersten Fall den verdächtigen Tod von Emily Inglethorp untersucht.

Die „Zutaten“ des Krimis sind mittlerweile echte Klassiker:
Das Setting des Romans ist typisch für diese Art Kriminalliteratur: Die Akteure kommen auf einem englischen Landgut zusammen bzw. der Mord ereignet sich dort. Man könnte der Autorin u. U. vorwerfen, dass die einführenden Kapitel, in denen Hastings sich auf Styles einrichtet, etwas langatmig sind, allerdings dienen sie auch dazu, den Leser mit den Akteuren und möglichen Motiven bekannt zu machen; sie legen gewissermaßen das Fundament seiner Ermittlungsarbeit.
Der begrenzte Kreis der Verdächtigen setzt sich aus stereotypen Charakteren mit den üblichen Motiven zusammen: Der offensichtlichste Verdächtige ist Alfred Inglethorpe, der böse, geldgierige Ehemann der alten Dame, der mit seinem schwarzen Bart und seiner hochmütigen Art nicht gerade die Sympathien seiner neuen Familie gewonnen hat. Erst vor wenigen Monaten ist er wie aus dem Nichts aufgetaucht, wurde zuerst ihr Sekretär und hat die reiche Dame dann recht schnell erobert. Nicht nur die Bewohner von Styles sind fest davon überzeugt, dass er hinter dem Giftmord steckt.
Weitere Verdächtige sind ihre beiden Stiefsöhne John und Lawrence, deren Vater in zweiter Ehe mit Emily verheiratet war und ihr bei seinem Tod Wohnrecht auf Lebenszeit zugestanden hat sowie den größten Teil seines Vermögens – wollen die beiden endlich die missliebige Stiefmutter loswerden?
Dann wäre dann noch die ruppige Haushälterin Evelyn Howard, die erst wenige Tage zuvor nach einem bösen Streit von Mrs Inglethorpe entlassen worden ist, nachdem sie dieser ganz offen von ihrem Verdacht erzählt hat: dass Alfred Inglethorpe nur ein Erbschleicher ist und eine Affäre mit der Ehefrau eines örtlichen Farmers hat.
Und last but not least Cynthia, die im Nebenzimmer angeblich nichts von dem Todeskampf mitbekommen hat und an ihrem Arbeitsplatz in der Apotheke des Krankenhauses Zugang zum Giftschrank hat.
Auch das Ende des Romans bietet etwas, das für Christie-Romane oder für die klassische Kriminalliteratur allgemein sehr typisch ist: Alle Verdächtige werden noch einmal am Ort des Geschehens zusammengerufen, und dann legt der Detektiv/Kommissar den Fall in allen Einzelheiten dar – und enthüllt den wahren Täter.
Einzig die Durchführung des Mordes stellt den Leser – und die Behörden – vor ein Rätsel. Zwar ist dem Leser bereits vor dem Mord klar, wie dieser ausgeführt werden wird – die Bewohner des Gutes unterhalten sich über Giftmorde -, aber dennoch ist die Durchführung nicht so unproblematisch wie gedacht, denn das gefundene Strychnin hätte die Dame bereits kurz nach der Einnahme töten müssen und nicht erst in den Morgenstunden. Die Auflösung des Rätsels ist der einzige Wermutstropfen für mich: Hier verfügt Poirot über ein Zusatzwissen, das weder Ich-Erzähler Hastings noch die Polizei, geschweige denn der Leser besitzt (außer er ist Chemiker bzw. Apotheker) und das es Letzterem im Grunde unmöglich macht, das Rätsel vollständig zu lösen.

Mein Fazit: „Das fehlende Glied“ lässt schon erahnen, dass Agatha Christie einmal eine großartige Kriminalschriftstellerin werden würde – wie sehr, das können wir heute vermutlich nicht mehr beurteilen, da wir durch die unzähligen Kriminalfilme und -romane schon entsprechend „konditioniert“ sind und eine gewisse Erwartungshaltung an das Schema dieses Genres haben. Der Roman macht definitiv Lust, weitere Romane der Schriftstellerin zu lesen.

 

 

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5 Kommentare zu „Agatha Christie: Das fehlende Glied in der Kette (Ein Fall für Poirot)

      1. Das sagt mir leider so gar nichts! 😉

        Agatha Christie habe ich damals immer gern gelesen, bin davon aber aus unerfindlichen Gründen irgendwann abgekommen. Angesichts der Tatsache, dass es 32(?) Poirot-Romane gibt, habe ich da noch einiges aufzuarbeiten. 🙂 Das wäre doch mal eine Idee für den vor uns liegenden Winter…

        Gefällt 1 Person

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