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Simon Scarrow: Im Zeichen des Adlers (Rom-Serie #1)

ScarrowRom, A. D. 42: Kaiser Claudius gewährt seinem Leibsklaven Cato die lang ersehnte Freiheit. Doch im Gegenzug muss sich der hochgebildete, jedoch kämpferisch völlig unerfahrene junge Mann zu zwanzig Jahren Dienst in der römischen Armee verpflichten. Kurz darauf befiehlt der Imperator das gefährlichste aller militärischen Abenteuer, an dem einst sogar Cäsar scheiterte: die Eroberung Britanniens. Cato steht auf der Insel aber nicht nur den wildesten Barbarenhorden gegenüber – auf direkten kaiserlichen Befehl muss er sich in einem tödlichen Netz aus Intrigen und Verschwörungen bewähren …

„Im Zeichen des Adlers“ ist Band 1 der Rom-Serie des britischen Autors Simon Scarrow, die mittlerweile 15 Bände umfasst. Sie setzt im Jahr 42 n. Chr. ein und schildert den Aufstieg der beiden römischen Soldaten Macro und Cato im Rahmen römischer Eroberungszüge und politischer Verschwörungen. Cato ist 16 Jahre alt, als der römische Kaiser Claudius den Sklaven zum Dank für die Dienste und die Treue seines Vaters freilässt – unter der Maßgabe, dass er zwanzig Jahre in der römischen Armee dient. So findet sich er wenig später als Optio (Stellvertreter eines Zenturios) in der Zweiten Legion Augusta unter Legionslegat Vespasian in Germanien wieder und in den Folgejahren auch bei der Eroberung Britanniens wieder. Cato ist als ehemaliger Leibsklave in militärischen Dingen völlig unerfahren und muss erst einmal lernen, sich in der für ihn neuen Welt zurechtzufinden. Aber er ist zäh, und was er nicht durch Körperkraft erreichen kann, erreicht er durch Cleverness – oder schieres (literarisch überzogenes) Glück. So zum Beispiel, als er mit einem kleinen Trupp in einem britannischen Moor eine alte Holzkiste mit Gold und Silber sucht und gleich mehrmals nicht nur über seine Füße, sondern auch über das Versteck und die Kiste stolpert. Hier vollzieht sich die Entwicklung vom unerfahrenen Soldaten zum Helden und Anführer einfach viel zu schnell und unglaubwürdig.
Sein Vorgesetzter Lucius Cornelius Macro wird nicht weniger glaubhaft beschrieben und lässt auch Facetten vermissen. Dieser dient bereits seit zwanzig Jahren im römischen Militär (damit dürfte er Mitte/Ende dreißig sein) und hat sich zum Zenturio hochgearbeitet. Allerdings sind die damit verbundenen Aufgaben (Diensteinteilung, Dienstpläne, Inspektionen, Listen etc.) für den erfahrenen Soldaten ein Gräuel. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und  ist im Grunde Analphabet, was er aber bislang vor allen geheimhalten konnte; die notwendigen Aufgaben erledigt für ihn der alte Schriftführer der Zenturie. Obwohl Offizierskameraden an der Eignung Catos (der Macros Assistent wird) zweifeln, sieht er mehr in dem Jungen und ist bereit, sein Vertrauen auf ihn zu setzen. Und das gilt spätestens dann, als dieser ihm bei einem germanischen Hinterhalt das Leben rettet.

Und Hinterhalte und Verschwörungen gibt es im Buch viele. Aber sie sind so durchschaubar, dass bei mir nicht wirklich Spannung aufkam. Einzig zum Ende hin, als Macro, Cato und ein kleiner Trupp die Schatzkiste suchen und finden, sich gegen die Verschwörer zur Wehr setzen müssen und dabei auch noch auf die herannahenden Britannier stoßen, kam bei mir Spannung auf. Sorry.

Obwohl die Geschichte einen realen Hintergrund hat, blieb mir dieser viel zu blass. Als Fan der Romane von Bernard Cornwell habe ich bereits viel Historisches gelesen. Der große Pluspunkt der Cornwell-Roman ist, dass man durch sie wirklich etwas über britische Geschichte lernt. Man sieht die Schlachten vor sich, weiß, wann sich z. B. Franzosen und Briten auf der iberischen Halbinsel gegenüberstanden, wer der Anführer war, kann vor seinem inneren Auge sehen, wie viel Blut vergossen wurde, wie grausam Belagerung und Schlachten waren. Und das alles durch die Augen einer fiktiven Figur (fiktiver Gestalten – plural), die lebensnah beschrieben wird. Und am Ende eines Romans findet der Leser eine ausführliche Beschreibung der tatsächlichen historischen Vorgänge, sodass er alles gewissermaßen noch einmal kontrollieren/nachlesen kann.
Alles das war bei Scarrow m. E. nicht der Fall. Obwohl die handelnden Akteure überwiegend Römer sind, finden sich im Buch mit Ausnahme militärischer Ränge und lateinischer Namen von Orten keinerlei lateinische Begriffe, die ja auch zur (authentischen) Atmosphäre beigetragen hätten. Das gilt ebenso für die Beschreibungen der Umgebung. Der Autor sagt uns zwar, dass die Reise von Germanien über Durocortorum (Reims) nach Gesoriacum (Boulogne-sur-Mer) am heutigen Ärmelkanal lang und hart und von Hunger und Kälte gezeichnet ist, aber als Leser konnte ich das nicht nachempfinden. An dieser Stelle wäre vor allen Dingen auch eine kleine Landkarte sowie ein kleines Verzeichnis damaliger Bezeichnungen und heutiger Entsprechungen im Anhang des Buches hilfreich gewesen, damit die Beschreibungen lebendiger werden. Ganz zu schweigen von einem Postskriptum am Ende des Buches, in dem mir der Autor erklärt, was historischer Fakt und was Fiktion ist. So bleibt alles recht schwammig.

Mein Fazit: Mich persönlich hat das Buch leider nicht überzeugt; ich werde der Reihe nicht weiter folgen.

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Robert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks (Cormoran Strike #1)

Als das berühmte Model Lula Landry von ihrem schneebedeckten Balkon im Londoner Stadtteil Mayfair in den Tod stürzt, steht für die ermittelnden Beamten schnell fest, dass es Selbstmord war. Der Fall scheint abgeschlossen. Doch Lulas Bruder hat Zweifel – ein Privatdetektiv soll für ihn die Wahrheit ans Licht bringen.
Cormoran Strike hat in Afghanistan körperliche und seelische Wunden davongetragen, mangels Aufträgen ist er außerdem finanziell am Ende, und da er sich auch gerade von seiner Freundin getrennt hat, schläft er auf einer Campingliege in seinem Büro. Der spektakuläre neue Fall ist seine Rettung, doch der Privatdetektiv ahnt nicht, was die Ermittlungen ihm abverlangen werden. Während Strike immer weiter eindringt in die Welt der Reichen und Schönen, fördert er Erschreckendes zutage und gerät selbst in Gefahr …

„Der Ruf des Kuckucks“ ist Band 1 der bislang 3-bändigen Reihe um den Londoner Privatdetektiv Cormoran Strike des britischen Schriftstellers Robert Galbraith (Band 2: Der Seidenwurm, Band 3: Die Ernte des Bösen, Band 4: Lethal White [in Arbeit]), bei dem es sich aber nur – wie wahrscheinlich jeder mitbekommen hat – um ein Pseudonym handelt, hinter dem sich die „Harry Potter“-Autorin J. K. Rowling verbirgt. Die ersten beiden Bände der Serie wurden auch bereits mit Tom Burke (Die Musketiere, Krieg und Frieden) und Holliday Grainer (Lady Chatterley’s Lover, Tulpenfieber) in den Hauptrollen kongenial von der BBC verfilmt. Da ich die Verfilmungen kenne, wusste ich leider schon von Beginn des Buches an, was es mit dem Tod von Lula Landry auf sich hat, und war über die Auflösung des Falles nicht wirklich überrascht.

Bei diesem ersten Band der „Cormoran Strike“-Reihe handelt es sich um einen klassischen Whodunnit-Roman. Rowling taucht nicht tiefer in die Psyche der Figuren ein oder liefert eine soziale Studie der Akteure und ihres Handelns. Das Buch ist auch nicht sehr actionreich; es gibt keine rasanten Verfolgungsjagden, keine explodierenden Autors oder zahllose Mordversuche. Auch die beiden Hauptfiguren Cormoran Strike und Robin Ellacott sind durchaus klassisch geraten:
Der Privatdetektiv ist der typische Antiheld. Er ist der uneheliche Sohn eines weltberühmten Rockstars und eines Groupies, ist in wechselnden Orten mit den unterschiedlichsten Männern seiner Mutter groß geworden, hat sich dann aber für das geregelte Leben in der britischen Armee entschieden und in Afghanistan ein Bein verloren. Er ist ein Baum von einem Mann, übergewichtig und alles andere als ein Schönling, aber viele Frauen haben doch eine ausgesprochene Schwäche für ihn. So zum Beispiel seine Exverlobte Charlotte, die in allem das Gegenteil von ihm ist und jahrelang bei ihm bleibt – trotz seiner Verletzung und des ständigen Streitereien -, bis er schließlich doch den Schlussstrich zieht und sie verlässt. Zu Beginn des Romans zieht er gerade – völlig Pleite – mit einer Campingliege und einem Schlafsack in sein Büro und versucht, sich einen letzten Rest der Selbstdisziplin und des strukturierten Arbeitens und Lebens zu bewahren, die er im Militär kennen- und schätzen gelernt hat. Ja, diese Eigenschaften scheinen das zu sein, was ihm überhaupt noch Halt gibt.
Seine Assistentin Robin Ellacott ist mit ihren 25 Jahren etwa zehn Jahre jünger als er. Sie stammt aus geregelten Verhältnissen und ist gerade erst vom Land nach London gezogen, wo ihr Verlobter Matthew eine Anstellung gefunden hat. Als sie zu Strike stößt, hat sie ein abgebrochenes Psychologiestudium hinter sich und arbeitet bei einer Zeitarbeitsfirma. Doch die Arbeit bei und mit Strike begeistert sie vom ersten Augenblick an, ist die Arbeit eines Privatdetektivs doch etwas, nach dem sie sich schon seit Jahren sehnt. Und Strike muss schnell erkennen, dass Robin mehr ist als nur eine seiner Sekretärinnen, die Kaffee kochen und sich um seine Post kümmern. Sie ist einfallsreich, versteht sich auf die Recherche und mehr als willens, ihn in seinen Nachforschungen zu unterstützen. Zwar sucht sie – um die Erwartungen ihres Verlobten, aber auch ihre eigenen zu erfüllen – nach einem „richtigen“ Job, doch eigentlich ist schnell klar, dass sie bei Strike ihren Platz gefunden hat. Sie durchschaut rasch all das Scheitern in seinem Leben, ist aber gern bereit, schweigend darüber hinwegzusehen, damit er seinen Stolz nicht auch noch verliert.
Das weitere Figurenkabinett ist riesengroß: Es gibt Polizeibeamte, die den Fall untersucht haben und Strike teilweise Zugriff auf die offiziellen Untersuchungen oder die Zeugen geben, es gibt Lulas biologische oder Adoptiv-Familie, es gibt ihren Freundeskreis, ihre Nachbarn oder Personen, mit denen sie tagtäglich in Kontakt kam … Und jede(r) von ihnen könnte ein Zeuge oder uach potenzieller Verdächtiger sein.

Rowling lässt ihre beiden Protagonisten Ermittlungsaufgaben übernehmen (wobei Strike natürlich den größten Teil erledigt) und wechselt sehr organisch zwischen deren Erzählperspektiven hin und her. Dabei gehen die Akteure wieder ganz klassisch vor – Agatha Christie lässt grüßen: Strike befragt einen Verdächtigen (bzw. eine Verdächtige) nach dem anderen, zieht hier neue Schlüsse, findet dort neue Hinweise, sodass der Leser sich gemeinsam mit ihm auf die Jagd nach der Wahrheit begibt und den gleichen Ermittlungsstand hat wie die Hauptfiguren.
Eine große Stärke des Buches – die aber andere Rezensenten u. U. etwas langweilig finden – sind die Beschreibungen von Orten und Räumen. Wenn Strike einen Raum oder eine Wohnung betritt, erfährt der Leser auch, welche Farbe die Tapeten oder die Teppiche haben, wo ein Tisch mit einer Vase steht oder die Gitarre des Musikers liegt. Wenn er zu Fuß oder mit der U-Bahn London durchquert, um seinen Lieblingspub aufzusuchen oder mögliche Zeugen, dann ist man als Leser ebenfalls hautnah mit dabei und erfährt alle Details. Ich hege sogar die Vermutung, dass man – wenn man mit dem Buch in der Hand durch London schlendern würde – exakt das vorfändet, was Rowling sehr detailreich beschreibt: die Gerüche, die Geschäfte, die Einrichtungen, die Farbe der Haustüren in Mayfair … Hier schreibt m. E. wirklich jemand, der London erkundet hat.

Mein Fazit: Ein klassischer Whodunnit für Fans von etwas … altmodischer (und das meine ich nicht negativ) Kriminalliteratur und Menschen, die die britische Hauptstadt lieben. Mir hat das Buch Lust gemacht, weitere Bände aus der Reihe zu lesen.

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Ethan Cross: Spectrum

cross-spektrumAugust Burke ist anders. Irgendwie seltsam, geradezu wunderlich. Doch Burke ist auch ein Genie: Er erkennt Zusammenhänge, die allen anderen verborgen bleiben. Als es in einer Bank in Las Vegas zu einer Geiselnahme kommt, wendet sich Special Agent Samuel Carter vom FBI an ihn. Denn die Täter verhalten sich extrem ungewöhnlich und verschwinden schließlich sogar unbemerkt aus dem umstellten Gebäude. Mit Burkes Hilfe entdeckt das FBI den Zugang zu einem Geheimlabor unter der Bank – das eigentliche Ziel des Überfalls. Was haben die Räuber dort gesucht? Und haben sie es gefunden? Zusammen mit Carter und Officer Dominic Juliano vom SWAT folgt Burke ihrer Spur – und bekommt es mit einem Feind zu tun, der bereit ist, Tausende Menschenleben zu opfern.

„Spectrum“ ist der Auftaktband zu einer neuen Serie des amerikanischen Schriftstellers Ethan Cross (wahrer Name: Aaron Brown), der bisher vor allem durch seine „Shepherd“-Reihe um den Serienmörder Francis Ackerman jr. bekannt geworden ist (1: Ich bin die Nacht; 2: Ich bin die Angst; 3: Ich bin der Schmerz; 4: Ich bin der Zorn). Und was für die „Shepherd“-Reihe gilt, gilt auch für „Spectrum“: Der Roman ist ein gut geschriebener Pageturner, actionreich und sehr spannend. Auch hier werde ich das Gefühl nicht los, der Autor hat ihn mit dem Gedanken an eine Verfilmung verfasst: Die Kapitel sind sehr kurz und bringen eigentlich fast immer einen Perspektivwechsel sich. Dadurch erhält man nicht nur Einblick in das Handeln und die Gedanken der Ermittler, sondern auch in die der Verbrecher und sogar der Opfer. Doch, Achtung: Nicht jede Figur, die einen Namen, ein Gesicht und eine Biografie erhält, wird auch das Ende des Buches erleben. Das sorgt auf der Negativseite dafür, dass das Figurenkabinett ausgesprochen groß ist und man sich wieder und wieder neue Namen merken muss; andererseits hält Cross dadurch aber auch die Spannung aufrecht. Der Leser darf sich nie in Sicherheit wiegen, ob die Figur, in deren Schuhe er gerade in gewisser Weise schlüpft, auch tatsächlich das Kapitel überleben wird. Aber für die meisten der zentralen Figuren gilt, dass sie facettenreich gestaltet sind und dadurch Tiefe bekommen; die wenigsten der handelnden Figuren sind einfach nur gut oder böse, Grautöne sind hier beinahe an der Tagesordnung.

Vor allem folgt Cross auf der Seite der Sicherheitsbehörden FBI Special Agent Samuel Carter. Dieser ist schon etwas älter und wurde an den Schreibtisch verbannt. Der (vermeintliche) Bankbüberfall bietet ihm endlich eine Möglichkeit, wieder im Außendienst zu arbeiten und selbst aktiv zu werden. Carter ist verwitwet und ein väterlicher Freund von August Burke, den er nicht nur unterstützt und fördert, weil er ein Freund von dessen Vater ist. Burke ist wirklich der Sohn, den Carter und seine Frau nie hatten, und er ist der Einzige, der erkennt, dass der junge Mann mit dem Aspeger-Syndrom nicht verrückt ist, sondern eine besondere Sicht der Welt hat und ein Genie ist, wenn es um Technik geht. Und durch diesen Antrieb, der ihm auch besondere Durchsetzungskraft verleiht, ist er jemand, mit dem man zu jeder Zeit rechnen muss – auch wenn er äußerlich vielleicht nicht so wirkt.
Burke wiederum ist zwar ein Technikgenie – wenn er auch lieber seine Zeit damit verbringen würde, alte Autos zu restaurieren -, versteht aber wie so viele Autisten (korrigiert mich) das zwischenmenschliche Miteinander nicht und lehnt Körperkontakt ab. Wieder und wieder eckt er im Roman an, weil er Menschen mit seiner Art und seinen Worten vor den Kopf stößt – was ihm bei einigen von ihnen zumindest in gewisser Weise leidtut, bei anderen, die für ihn nicht wichtig sind oder die er schlicht für dumm hält, ist es ihm gleichgültig. Dies lässt den Leser im Verlauf des Romans das eine oder andere Mal schmunzeln oder auch staunen, wenn Burke Schlüsse zieht, die überraschend, aber bei näherer Betrachtung aber logisch sind.
Ein Polizist, den Burke mit seiner Art nicht vor den Kopf stößt, sondern der ebenfalls erkennt, dass Burke ein ganz besonderer Mensch ist, ist Dominic „Nic“ Juliano, der Leiter des SWAT-Teams. Nic wird hoffentlich in den Folgebänden mehr Raum einnehmen, denn er hat eine der interessanteren Biografien in diesem Roman: Er stammt aus einer mächtigen New Yorker Mafia-Familie und musste schon als Dreizehnjähriger zum ersten Mal im Auftrag seines Vaters, des Capo, einen Menschen foltern und ermorden, hat sich jedoch irgendwann entschlossen, auf die andere Seite zu wechseln und selbst Verbrecher zu bekämpfen. Dadurch hat er ebenfalls eine ganz besondere Sicht und zögert nicht, auch einmal ein wenig … durchzugreifen, falls dies nötig sein sollte.
Last but not least kämpft auf der Seite der Guten auch Constable Isabel Price von der südafrikanischen Polizei. Sie hat bei einem Massaker in einem Squatter-Camp ihren (zukünftigen Pflege-)Sohn verloren und jagt nun um die halbe Welt, um den Mörder zur Strecke zu bringen. Mit allen Mitteln. Dabei greift sie auf die Unterstützung des mysteriösen Kopfes einer weltumspannenden Verbrecherorganisation zurück – sein Name ist Möbius -, der selbst von dem Mörder hintergangen wurde und nun seine Chance gekommen sieht: Wenn er Isabel bei ihrer Jagd unterstützt, muss er sich die Hände nicht selbst schmutzig machen und hat die junge Beamtin darüber hinaus in der Hand. An der Figur von Isabel Price bekommt der Leser zumindest einen Eindruck davon, was ein Mensch zu tun bereit ist, um die zu rächen, die er liebt – Menschen, die bereit sind, in den Grauzonen zu arbeiten. Hier befindet sie sich in guter Gesellschaft mit den Figuren aus den „Shepherd“-Romanen, die ja ebenfalls Teil einer Task Force werden, weil sie außerhalb des Gesetzes Kriminelle zur Strecke bringen wollen, denen man mit dem Gesetz nicht unbedingt beikommen kann. Auch Isabel wird in den Folgebänden hoffentlich mehr Raum einnehmen. In „Spectrum“ kann man aber zumindest erahnen, dass mehr in dieser gequälten Figur steckt.
Neben den interessanten Protagonisten gibt es mit Krüger und seiner Ehefrau Zarina noch (mindestens) zwei faszinierende Antagonisten, wenn auch Zarina etwas blass bleibt, da sie ausschließlich aus der Sicht von Krüger beschrieben wird. Beide kennen sich bereits seit ihrer Kindheit und haben ihre Familien auf der Flucht verloren – und mussten dabei mit ansehen, wie geliebte Menschen von wilden Tieren zerfleischt wurden. Was der Grund ist für Zarinas Blutdurst und dafür, dass auch Krüger eine zweite Persönlichkeit, ein Alter Ego namens Idris, entwickelt hat, die im Gegensatz zu dem gewissenlosen, eiskalten Mörder ein eher traditionelles Leben führt.

Neben den Charakteren hat aber auch die Handlung des Romans an sich hohes Unterhaltungspotenzial. Die Protagonisten und oft auch der Leser können oft nur erahnen, welche wahren Ziele ihre Gegner verfolgen. Der Werbetext des Buches verrät es ja schon: Obwohl der Roman mit einem Massaker in Südafrika und einem Banküberfall in Las Vegas beginnt, geht es in „Spectrum“ um so ziemlich alles andere als einen Banküberfall. Immer wieder verbergen sich Pläne hinter Plänen, werden in Wirklichkeit ganz andere Ziele verfolgt, als viele der handelnden Figuren und selbst der beteiligten Kriminellen ahnen. Das verlangt natürlich dem Leser ab, dass er der Handlung aufmerksam folgt und bereit ist, sich auf immer noch Wendungen und Überraschungen einzulassen.

Mein Fazit: Noch sind die Protagonisten nicht so „charismatisch“ (ähem) und mit der nötigen Tiefe versehen wie Francis Ackerman jr. und sein Bruder Marcus Williams, aber das Buch ist ein derartiger Pageturner, dass ich einen möglichen Folgeband auf jeden Fall lesen würde.