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Karl May: Weihnacht

In den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts: Der junge Karl May (Sappho) und sein Freundes Hermann Lachner (Carpio) begeben sich wie so oft in ihren Weihnachtsferien auf eine mehrtägige Wanderung im Grenzgebiet des kaiserlichen Deutschlands und des Königreichs Böhmen. Im böhmischen Falkenau lernen sie die kleine, völlig verarmte Familie Wagner kennen – Großvater, Tochter und Enkel –, die sich auf der Flucht vor einer unbekannten Bedrängnis befindet. Mit ihrem letzten Geld helfen die beiden Freunde der Familie, sich bis nach Bremen durchzuschlagen, von wo aus sie in die USA auswandern wollen, wo sich bereits der Vater der Familie aufhält. Wenige Tage später treffen May und Carpio die drei noch einmal und werden Zeuge, wie der Großvater verstirbt.

Weston/Missouri, etwa zwanzig Jahre später: Aus dem jugendlichen Dichter May ist mittlerweile der berühmte Westmann Old Shatterhand geworden, der sich inkognito in der Kleinstadt Weston aufhält, um seiner Tätigkeit als Reiseschriftsteller nachzugehen. Durch Zufall wird er Zeuge, wie der „Prayer-Man“ – ein als Wanderprediger getarnter Verbrecher – einen Goldgräber um seinen Fund bringt und mit einem unbekannten Komplizen eine weitere Untat plant: Sie wollen zwei Greenhorns ein sogenanntes Finding-Hole verkaufen (eine Goldquelle, die sich in einem Loch in tiefem Wasser befindet) und den jüngeren zwingen, ihnen das Gold herauszuholen, bevor sie die beiden umbringen.
Außerdem stößt May dort wieder auf Frau Wagner, die in Wirklichkeit, so stellt sich nun heraus, von Hiller heißt. Ihr Ehemann – ein Fellhändler – wird von Krähenindianern gefangengehalten. Diese beschuldigen ihn, gemeinsam mit Schoschonen einige Stammesgenossen getötet zu haben, und fordern nun Lösegeld.
Gemeinsam mit seinem Blutsbruder Winnetou macht sich Old Shatterhand auf den Weg nach Wyoming, um Hiller zu befreien. Außerdem wollen die beiden versuchen, den Überfall auf die Greenhorns zu verhindern.
Einer dieser Greenhorns entpuppt sich als Carpio, der mittlerweile ebenfalls in die USA ausgewandert ist und dort von seinem bösartigen Onkel, dem anderen Goldsucher, ausgebeutet wird. Carpio schließt sich Old Shatterhand und Winnetou an …

„Weihnacht“ gehört neben einer Reihe anderer Karl-May-Romane zu den ersten „erwachsenen“ Büchern, die ich als ca. 10- bis 12-Jährige gelesen habe, die einzigen Bücher, die aus der Kinderheit bzw. Jugend meines Vaters übrig geblieben sind (er war/ist kein großer Leser). Und ich habe diesen Roman damals geliebt! Wenn ich das Buch heute lese, würde ich sagen, dass die Charaktere etwas zu eindimensional bzw. unsere Helden etwas zu fehlerfrei und großartig sind. Aber unterhalten hat mich die Geschichte auch heute noch sehr.

In „Weihnacht“ zeigt sich, dass Karl May ein großartiger Erzähler bzw. Beschreiber war. Auf dem hinteren Vorsatzpapier ist eine Landkarte der Gegend abgebildet, in der die Handlung des Romans spielt (Wyoming) – jeder kleine Creek, den Old Shatterhand, Winnetou und ihre kleine Gruppe auf der Suche nach Hiller und den Verbrechern zurücklegen. Und wenn man im Rahmen der Geschichte den Helden über die unterschiedlichsten Berge und Creeks und River folgt, hat man wirklich das Gefühl, dabei zu sein. Es gelingt May tatsächlich, die Landschaft vor den Augen des Lesers lebendig werden zu lassen. Es geht über Berge und Grasland und durch Wäldchen. Die Täler sind von dichtem Nebel erfüllt, der Hochwald mit glitzerndem Reif überzogen. Die Sonne scheint vor Schreck zu erbleichen und zu erkalten, denn ihre farblosen Strahlen verlieren zu Winterbeginn ihre Kraft …

Die Geschichte, die in „Weihnacht“ erzählt wird, spielt zu zwei unterschiedlichen Zeiten und an zwei unterschiedlichen Handlungsorten: in den Jugendjahren des Ich-Erzählers (40er-Jahre des 19. Jahrhunderts) in der deutschen Heimat (bzw. im Grenzgebiet zu Böhmen) und in den Erwachsenenjahren (60er-Jahre) des Protagonisten, der einerseits als erfolgreicher Reiseschriftsteller in den Vereinigten Staaten/im Wilden Westen lebt, andererseits unter dem Kultnamen Old Shatterhand bekannt geworden ist. Hinsichtlich der Charakterisierung zeigt sich: Was den jungen May (May behauptete ja irgendwann, selbst der Held seiner Geschichten zu sein, was aber nicht stimmte) ausmachte – Liebe zur Natur, Glaube, die Bereitschaft, mit wenig auszukommen, Freigebigkeit, Liebe zu den Menschen, die weniger haben, Einfallsreichtum -, findet sich beim Erwachsenen in noch stärkeren Maße vertreten: Obwohl er durch seinen Blutsbruder Winnetou Zugriff auf unzählige Reichtümer hätte, verdient sich Old Shatterhand seinen Lebensunterhalt mit dem Verfassen von Reiseliteratur, er hat kein festes Zuhause, sondern reist mit Winnetou durchs Land, ist bereit, seine Pläne für die nächsten Wochen und Monate über den Haufen zu werfen, um Hiller zu befreien und den Krieg zwischen Krähen und Schoschonen zu verhindern, und dabei legt er einen großen Einfallsreichtum an den Tag … Ganz zu schweigen davon, dass er ein großartiger Kämpfer ist, die unterschiedlichsten Indianersprachen beherrscht und durch sein einnehmendes, selbstbewusstes Wesen alle Schwierigkeiten meistert. Ein wenig perfekt vielleicht und sein Selbstbewusstsein an der einen oder anderen Stelle etwas zu nervtötend. Aber ein Held, mit dem sich um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert sicher viele Leser identifizieren konnten und wollten.
Ähnliches kann man bei Winnetou feststellen, der in diesem Roman sehr detailliert beschrieben wird (S. 215-216). Interessanterweise stieß ich bei Nachforschungen darauf, dass offenbar folgender Absatz in den jetzigen Ausgaben fehlt:

Einen Bart trug er nicht; in dieser Beziehung war er ganz Indianer. Darum war der sanfte, liebreich milde und doch so energische Schwung seiner Lippen stets zu sehen, dieser halbvollen, ich möchte sagen, küßlichen Lippen, welche der süßesten Schmeicheltöne ebenso wie der furchterweckendsten Donnerlaute, der erquickendsten Anerkennung gleich so wie der schneidendsten Ironie fähig waren. Seine Stimme besaß, wenn er freundlich sprach, einen unvergleichlich ansprechenden, anlockenden gutturalen Timbre, den ich bei keinem andern Menschen gefunden habe und welcher nur mit dem liebevollen, leisen, vor Zärtlichkeit vergehenden Glucksen einer Henne, die ihre Küchlein unter sich versammelt hat, verglichen werden kann; im Zorne hatte sie die Kraft eines Hammers, welcher Eisen zerschlägt, und, wenn er wollte, eine Schärfe, welche wie zersetzende Säure auf den festesten Gegner wirkte. Wenn er, was aber sehr selten und dann nur bei hochwichtigen oder feierlichen Veranlassungen geschah, eine Rede hielt, so standen ihm alle möglichen Mittel der Rhetorik zur Verfügung. Ich habe nie einen besseren, überzeugenderen, hinreißenderen Redner gehört als ihn und kenne nicht einen einzigen Fall, daß es einem Menschen möglich gewesen wäre, der Beredsamkeit des großen, unvergleichlichen Apatschen zu widerstehen. Beredt auch waren die leicht beweglichen Flügel seiner sanftgebogenen, kräftigen, aber keineswegs indianisch starken Nase, denn in ihren Vibrationen sprach sich jede Bewegung seiner Seele aus. Das Schönste an ihm aber waren seine Augen, diese dunklen, sammetartigen Augen, in denen, je nach der Veranlassung, eine ganze Welt der Liebe, der Güte, der Dankbarkeit, des Mitleides, der Besorgnis, aber auch der Verachtung liegen konnte. Solch‘ ehrliche, treue, lautere Augen, in welchen beim Zorne heilige Flammen loderten oder aus denen das Mißfallen vernichtende Blitze schleuderte, konnte nur ein Mensch haben, der eine solche Reinheit der Seele, Aufrichtigkeit des Herzens, Unwandelbarkeit des Charakters, und stete Wahrheit des Gefühles besaß wie Winnetou. Es lag in diesen seinen Augen eine Macht, welche den Freund beglückte, den Feind mit Furcht und Angst erfüllte, den Unwürdigen in sein Nichts verwies und den Widerspenstigen zum Gehorsam zwang. Wenn er von Gott sprach, seinem großen, guten Manitou, waren seine Augen fromme Madonnen-, wenn er freundlich zusprach, liebevolle Frauen-, wenn er aber zürnte, drohende Odins-Augen. (http://karl-may-wiki.de/index.php/Winnetou)

Ich könnte mir denken, dass man diese Passage gestrichen hat, weil sie ein übertrieben vollkommenes Bild von Winnetou zeichnet (selbst die jetzigen Beschreibungen zeichnen ihn noch als Übermenschen) – und weil doch etwas Homoerotisches darin mitschwingt. Letzteres ist übrigens zum Teil in der jetzigen Ausgabe noch zwischen den Zeilen enthalten, will man es hineinlesen. Überhaupt empfand ich auch die Beziehung zwischen den Erwachsenen Lauschner und May etwas … sehr emotional. Und diese Emotionalität scheint bei Karl May beinahe schon Stilmittel zu sein. Hier wird geweint und in den Armen gehalten (bzw. an die Brust gezogen).

Was mir damals nicht bewusst war: die Rolle der Religion. Das Buch ist „knackfromm“. Der Protagonist und Ich-Erzähler (und einige Nebenfiguren) ist nicht nur kulturfromm, wie es Mitte des 19. Jahrhunderts in unserem Land noch üblich war, sondern sein Glaube bestimmt alle seine Überzeugungen und sein Handeln. Als Jugendlicher verfasst er ein Weihnachtsgedicht mit 24 Versen, für das er einen Geldpreis einheimst und das gedruckt wird – und das die komplette E’rlösungsbotschaft enthält (Jesus Christus kam als Sohn Gottes und Erlöser auf diese Welt, die Notwendigkeit zu Buße und Umkehr, das „endgültige“ Ziel des Lebens etc.) – genauso wie auch der Roman „Weihnacht“ die komplette Botschaft des Evangeliums verbreitet. Dieses Gedicht wird sich wie ein roter Faden durch die Geschichte ziehen – es wird wie der Schüler Sappho seinen Weg nach Amerika finden, alte Freunde und Bekannte werden sich daran erkennen, sein Missbrauch durch einen Antagonisten macht deutlich, dass dieser schon verloren ist, und die unterschiedlichsten Akteure werden daraus Trost und Kraft ziehen. Auch als Erwachsener im Wilden Westen – nun unter dem Namen Old Shatterhand – hält der Protagonist mit seinen religiösen Überzeugungen nicht hinter dem Berg. Im Gegenteil. Als Hiller seinen Glauben als Ammenmärchen bezeichnet und behauptet, kein vernünftiger Mensch könne daran glauben, ganz zu schweigen davon, dass er diesen Jesus Christus auch nicht brauche, ist das für Old Shatterhand Grund genug, den Stab über diese Figur zu brechen (S. 403-405).

„Bleibt es, in wessen Namen Ihr wollt, nur nicht in Gottes Namen, denn es gibt keinen Gott! Wenn ich da nicht Recht habe, so mag mir der erste, beste Grizzlybär das Gehirn ausfressen!“

Diese Worte von Hiller werden im späteren Verlauf der Geschichte übrigens Wahrheit, als seine Unterkunft durch eine Lawine verschüttet wird und ein hungriger Grizzly sich über den Schädel eines gesetzlosen Toten hermacht und auch Hiller umzubringen droht. Dieses Ereignis führt bei der Romanfigur dann konsequenterweise eine Lebensveränderung bzw. einen Gesinnungswandel herbei, und so beendet Hiller seine Geschichte als überzeugter Christ und neuer Mensch. Und zur Belohnung kehrt er geläutert zu Familie und nach Österreich/Böhmen zurück, um Besitz und Titel wieder zu übernehmen. Überhaupt findet sich im Buch mehrere Male die Vorstellung, dass Leid Gott gewollt ist (zumindest sein könnte), um den Menschen zu läutern und zu sich zurückzuziehen.

Mein Fazit: „Weihnacht“ hat bei mir das Interesse an Karl May wiedergeweckt. Ich hätte durchaus Lust, den einen oder anderen Roman wieder hervorzukramen.

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Robin Schone: The Lady’s Tutor

London, 1886: Elizabeth Petre wurde mit siebzehn Jahren mit ihrem Mann Edward verheiratet. In den sechszehn Jahren ihrer kalten Ehe hat sie ihm zwei Söhne geschenkt und unterstützt den Schatzkanzler in seinen politischen Bestrebungen, in dem sie wohltätige Aufgaben und repräsentative Pflichten erfüllt. Als sie erkennt, dass ihr Mann eine Geliebte hat und weil sie sich auch selbst nach der Berührung eines Mannes sehnt, Edward aber treu bleiben will, beschließt sie, ihn zu verführen. Und sie kennt nur einen Mann, der sie die erotischen Geheimnisse der Liebe lehren kann.
Ramiel Devington, Lord Safyre, ist der Bastard einer englischen Gräfin und eines Scheichs ist sowohl in der britischen als auch der arabischen Kultur zu Hause – doch von der guten Gesellschaft wird er geschnitten. Als eines Tages die Frau des Schatzkanzlers um seine Hilfe bittet, kann er der Versuchung nicht widerstehen, sie mit sinnlichen Vergnügungen bekannt zu machen.
Aber schon bald geschieht, was beide nicht erwartet haben: Obwohl beide aus unterschiedlichen Welten kommen, fühlen sie sich zueinander hingezogen, und Elizabeth muss sich zwischen ihren familiären Verpflichtungen und einer verbotenen Leidenschaft entscheiden …

„The Lady’s Tutor“ ist ein erotischer Roman der amerikanischen Bestsellerautorin Robin Schone, die schon zahlreiche literarische Preise erhalten hat, darunter die Auszeichnung für ihr Lebenswerk im Bereich „Most Innovative Historical Romances“ (2008). Der Roman stammt aus dem Jahr 1999 – einer Zeit, in der die AutorInnen Gott sei Dank noch nicht der Auffassung waren, dass alle Frauen insgeheim das Bedürfnis verspüren, sich dem Mann sexuell unterzuordnen, oder dass die Tatsache, dass ein Mann seine Geliebte rücksichtslos behandelt, in Wahrheit ein Zeichen seiner Zuneigung ist. Im Gegenteil: „The Lady’s Tutor“ erzählt die Geschichte zweier Menschen, die einander Vergnügen bereiten und so auch selbst Vergnügen erleben. Zu sexuellen Handlungen kommt es erst nach knapp 2/3 des Buches, aber die bis dahin geschilderten Gespräche der beiden über das Thema „Lust“ sind imho erotischer als viele explizite Liebesszenen, die man in gängigen Liebesromanen detailliert nachlesen kann. Natürlich gilt das für die dann beschriebenen 6szenen umso mehr. 😉 Die Beschreibungen sind darüber hinaus nicht primitiv und vulgär, sondern ebenfalls sehr sinnlich. In „The Lady’s Tutor“ sind die 6szenen wirklich organischer Teil der Liebesgeschichte; hier gibt es keine Beschreibungen sexueller Vorgänge, um einer schwachen Geschichte noch ein wenig Würze zu verleihen, wie das leider oft in Erotikromanen der Fall ist. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Zwar kann sich die Autorin nicht völlig von Stereotypen freimachen (Ramiel hat natürlich keine sexuellen Begegnungen mehr mit anderen Frauen, nachdem er Elizabeth kennengelernt hat; er ist in gewissr Hinsicht eine gequälte Seele, die durch Elizabeth Heilung findet; die Protagonisten sind durch und durch gut, die Antagonisten sind durch und durch böse etc.), fühlte ich mich so gut unterhalten, dass ich bis tief in die Nacht hinein im Buch gelesen habe, weil ich es einfach nicht aus der Hand legen konnte.

Elizabeth ist eine überaus sympathische Heldin, die – ohne es zu wissen – von den Menschen, den sie am meisten vertraut, zutiefst betrogen wird. Ihr gesamtes Leben ist im Grunde eine Täuschung, ohne dass sie sich dessen bewusst wäre. Obwohl sie den Lebensweg eingeschlagen hat, der ihr aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung vorherbestimmt war (ihr Vater ist britischer Premierminister), und keine Chance hatte, sich ihren Ehemann auszusuchen, erfüllt sie ihre Rolle perfekt. Ihr Mann ist ein aufstrebender Politiker, der von ihrem Vater protegiert wird, und so ist sie gemeinsam mit ihrer Mutter in verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen tätig und nimmt gemeinsam mit  Edward an gesellschaftlichen Anlässen teil. Doch obwohl sie ihrem Mann eine treue Ehefrau sein und ihren Pflichten in jeder Hinsicht nachkommen will, hat er sie seit zwölf Jahren nicht mehr berührt (zwölf Jahre, fünf Monate, eine Woche und drei Tage, um genau zu sein) – seit der Zeugung ihres jüngsten Sohnes. Da ihr Mann nachts oft nicht nach Hause kommt, nimmt sie darüber hinaus an, dass er eine Geliebte hat, von der er das bekommt, was er bei ihr nicht suchen will. Deshalb ist sie bereit, über ihren Schatten zu springen, um den berüchtigten Lord Safyre um Hilfe zu bitten, der – so hat sie gehört – sich auf sexuelle Dinge so gut versteht, dass eine Frau ihrem Mann nie untreu werden würde, wenn er im Bett nur halb so gut wäre wie Ramiel Devington. Dieser lässt sich auf ihre Bitte ein und beginnt, die wohlerzogene Frau mithilfe von The Perfumed Garden von Scheich Nefzaoui (ein real existierendes Buch, offenbar das arabische Kamasutra) mit den sinnlichen Freuden bekannt zu machen. Es war schön zu sehen, wie die gut erzogene Frau sich irgendwann nicht mehr davor fürchtet, offene Fragen zu diesen Dingen zu stellen und ihre Meinung zu bestimmten Praktiken zu äußern. Und genauso, wie ihre falsche Scham in sexuellen Dingen schwindet, wird sie auch in anderen Dingen mutiger und ist bereit, ihr Leben stärker zu hinterfragen. Je selbstbewusster (im besten Sinne selbst-bewusst) sie wird und je mehr sie ihren Wert als Frau erkennt, desto weniger ist sie bereit, alles, was in ihrem Leben vor sich geht, einfach so hinzunehmen. Aber die Wahrheit ist schrecklicher, als sie ahnt.

Im Gegensatz zu ihr kennt Ramiel Devington, Lord Safyre, schon relativ früh die Wahrheit über ihren Mann, hält diese aber vor Elizabeth geheim, um ihr nicht wehzutun. Er ist der Sohn einer britischen Adligen, die als Siebzehnjährige in Italien entführt und schließlich an einen Scheich verkauft wurde; obwohl sich die beiden ineinander verliebten, ging die Countess nach einigen mit ihrem wieder nach England zurück, weil das Leben in einem Harem zu gefährlich für sie war. Dennoch hat sie ihren Sohn, als dieser zwölf war, für einige Jahre zu seinem Vater zurückgeschickt, damit er auch dessen Kultur kennenlernt. Allerdings wurde Ramiel einige Jahre später nach einem schrecklichen Vorfall, über den er mit niemandem spricht, nach England zurückgeschickt. Obwohl er und seine Mutter von der „guten Gesellschaft“ geschnitten werden, ist der exotische Halbaraber bei den Frauen ausgesprochen beliebt und hat sich einen gewissen Ruf erworben, der auch Elizabeth zu ihm führt. 😉 Obwohl der verführerische Ramiel in der Tradition der „echten Kerle“ steht und die wohlerzogene Frau mit einer manchmal provozierenden Offenheit in die sinnlichen Vergnügungen einführt, legt er immer nur Respekt vor ihr und anderen Frauen an den Tag. An keiner Stelle entsteht auch nur der Eindruck, dass er Frauen dazu „missbraucht“, eigene Bedürfnisse zu erfüllen, oder ihnen zeigen will, „wie es geht“ (wie das leider heutzutage bei literarischen Helden der Fall ist).

Der Ausgang von Ramiels „erotischer Ausbildung“ ist der Leserin natürlich von Beginn an klar, aber durch den interessanten Weg dorthin, die Veränderungen, die sich in der Protaginistin vollziehen, und die überaus sympathischen Akteure nimmt man der Autorin dies nicht übel.

Mein Fazit: Wer einen wirklich schönen, geschmackvollen erotischen Roman lesen möchte, dem kann ich dieses Buch von Robin Schone nur empfehlen! Es macht wirklich Lust (pun intended) auf mehr von dieser Autorin.

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Kathleen E. Woodiwiss: Wie Staub im Wind

woodiwiss-wie-staub-im-windNew Orleans, 1863: In den letzten Wirren des ausgehenden amerikanischen Bürgerkriegs treffen in New Orleans zwei Menschen aufeinander, wie man sie sich gegensätzlicher kaum vorstellen kann: Alaina MacGaren, die temperamentvolle, überaus selbstbewusste und stolze tochter eines Plantagenbesitzers aus den Südstaaten, und Cole Latimer, ein plfichtbewusster, braver Yankee aus dem Norden.
Doch Gegensätze ziehen sich an: Die leichtsinnige Schöne aus dem Süden verfällt dem etwas steifen, schlaksigen Cole, der als Arzt und Offizier der Nordstaatenarmee zu den verhassten Besatzungstruppen gehört, ebenso, wie er nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht nicht mehr von Alaina loskommt.
Aber ungeahnte Schwierigkeiten stehen ihrem Glück im Wege. Durch eine üble Täuschung wird Cole gezwungen, Alainas Cousine Roberta zu heiraten. Und Alaine wird zu Unrecht bezichtigt, an einem Raubüberfall teilgenommen zu haben, und wird von der Nordstaatenarmee steckbrieflich gesucht. Cole dagegen muss wieder ein den Krieg.
Doch die Trennung soll nicht endgültig sein. Alle Intrigen, alle dunklen Machenschaften und die Grausamkeiten des Krieges können nicht verhindern, dass am Ende die Liebe triumphiert …

Die Romane der amerikanischen Schriftstellerin Kathleen E. Woodiwiss waren damals die ersten Liebesromane, die ich als etwa Vierzehn- oder Fünfzehnjährige gelesen habe. Und sie kamen mir unglaublich erotisch vor – die Art von Romanen, die man unter der Bettdecke oder mit abgelegtem Schutzumschlag liest, damit niemand es mitbekommt. Doch wenn ich die Romane von Woodiwiss mit den erotischen Romanen vergleiche, die heutzutage in diesem Genre verkauft werden, muss ich sagen, dass sie wirklich ausgesprochen harmlos sind. 🙂 So ändern sich eben die Zeiten.

Nichtsdestotrotz sind ihre Bücher auch heute noch sehr unterhaltsam und lassen sich an einem sonnigen Nachmittag auf dem Balkon oder am Strand „weglesen“. Woodiwiss ist eine sehr gute Erzählerin, der es gelingt, die Zeit, in der sie spielen – in diesem Fall der amerikanische Bürgerkrieg -, vor den Augen der Leserin Wirklichkeit werden zu lassen, ohne dass sie allzu tief in die Materie bzw. die Hintergründe für die Auseinandersetzungen eintaucht. Man erfährt das, was man wissen muss – hier im Buch zum Beispiel, wie es sich für die Bewohner von New Orleans (die wohl eine ganz spezielles Spezies sind) angefühlt hat, von einer Besatzungsmacht in ihrem Alltagsleben eingeschränkt zu werden; wie es war, wenn geliebte Menschen nicht nach Hause kamen; wie schlimm das Elend in den Krankenhäusern war; dass es auch in dieser Zeit, in der es allen schlecht ging, noch Menschen gab, die andere ausgebeutet oder betrogen haben … Das Schema des Buches ist zwar nichts Neues (man lernt sich kennen und lieben, es kommt zu einem großen Mitverständnis, was zum Bruch führt, aber schließlich folgt das Happyend), aber die Autoren macht ihre Aufgabe gut und unterhält durch die unterschiedlichsten Wendungen exzellent.

Die Hauptfiguren sind sympathische Menschen, mit denen man im Verlauf des Romans mitfiebert, mitlacht und mittrauert. Alaina ist – wie so üblich in historischen Liebesromanen – etwas emanzipierter und selbstständiger, als es bei Frauen damals vermutlich der Fall war. Aber nichtsdestotrotz ist sie eine starke Persönlichkeit, die sehr viel Einfallsreichtum an den Tag legt, wenn es darum geht, ihr Überleben, das ihrer erweiterten Familie oder auch ihrer Plantage zu sichern. Zum Beispiel schneidet sie sich ihre (schönen) Haare ab, schlüpft in Jungenkleidung und sorgt dafür, dass sie ständig schmutzig ist, um sich von ihrer Plantage nach New Orleans zu ihren letzten Verwandten durchzuschlagen und dort eine Anstellung in einem Lazarett zu bekommen.

Auf diese Weise lernt sie auch den Yankee Cole Latimer kennen, der den vermeintlich hilflosen Jungen vor Straßenschlägern bewahrt und ihm Essen und eine Anstellung besorgt.  Und Cole lernt ihre Cousine Roberta kennen, die – aufgrund des durch den Bürgerkrieg verursachten Männermangels – gleich ein Auge auf ihn wirft und durch eine Intrige auch seine Frau wird. Der Nordstaatler ist ein Mann von Ehre, und obwohl er sich in eine geheimnisvolle Witwe verliebt, die ihm immer wieder über den Weg läuft, ist er bereit, Roberta zu heiraten und mit nach Hause zu nehmen, obwohl er weiß, dass sie ihn betrogen hat.

Mein Fazit: Woodiwiss‘ Romane sind sicher keine hohe Literatur, und wer etwas Erotisches sucht, wird heutzutage sicher zu anderen Autoren greifen, aber auch nach vielen Jahren hatte ich noch viel Vergnügen beim Lesen von „Wie Staub im Wind“.