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Ethan Cross: Ich bin der Schmerz (Shepherd #3)

Die Medien nennen ihn den „Anstifter“, und das Spiel, das er spielt, ist besonders perfide: Zuerst entführt er die Familie eines unbescholtenen Mannes, bevor er diesem befiehlt, einen anderen Menschen zu töten. Weigert sich der Erpresste, werden seine Lieben zerstückelt, begeht er die Untat, erhält er seine Familie wohlbehalten zurück. Nur die Shepherd Organization kann den Killer zur Strecke bringen.
Auf der Jagd erhalten Marcus Williams und sein Team Hilfe von Marcus‘ Bruder, dem Serienkiller Francis Ackerman jr. Marcus und Francis sind besonders motiviert, den Verbrecher zur Strecke zu bringen, denn hinter dem mysteriösen Anstifter verbirgt sich ihr Vater. Der, der Francis zu dem gemacht hat, was er ist: ein seelenloser Serienkiller …

„Ich bin der Schmerz“ ist Band 3 der Shepherd-Reihe und wieder ein echtes Highlight! Diese Reihe hat sich zu einer meiner Lieblingsserien entwickelt – und von denen habe ich nicht viele. In erzählerischer Hinsicht gilt für dieses Buch, was auch bereits für seine Vorgänger galt: Es ist spannend und actionreich und durch die kurzen Kapitel und die damit sehr oft verbundenen Perspektivwecksel erhält die Geschichte einen besonderen Drive, sodass man auch die Verfilmung schon vor sich sehen kann (könnte bitte jemand die Filmrechte kaufen!). Durch die kurzen Kapitel und die Perspektivwechsel gibt es auch hier wieder viele kleine Cliffhanger, und es gibt wieder Plottwists, die man (vermutlich) nicht kommen sah. Es geschehen zahllose Verbrechen, Morde, Menschen werden misshandelt und gefoltert – aber die Beschreibungen sind zu keinem Zeitpunkt allzu anschaulich und detailliert. Obwohl es im Buch natürlich einen Bösewicht auf der einen und die „Helden“ auf der anderen Seite gibt, gibt es keine Schwarzweißmalerei. Oder um es mit meinem „Lieblingshelden“ Francis Ackerman jr. zu sagen: „Mein Junge, wenn du älter und klüger bist, wirst du erkennen, dass auf dieser Welt wenige Dinge nur schwarz und nur weiß sind. Wie so viele erhabene Vorstellungen ist der Unterschied zwischen Gut und Böse oft nur eine Frage der Sichtweise“ (S. 430). Wieder geht Ethan Cross der Frage nach, inwiefern man ein Produkt seiner Gene oder seiner Umwelt ist – und am Beispiel von Ackerman jr. zeigt er wieder und wieder, dass es oft auch einfach eine Entscheidungssache ist: Will ich meinem inneren Bedürfnis nachgeben oder will ich mich so verhalten, wie mein Verstand es mir sagt?

Hinsichtlich der Charakterzeichnung der Protagonisten gibt es wieder deutliche Weiterentwicklungen: Marcus Williams versinkt zunehmend in Depressionen; er leidet sehr darunter, dass er einerseits Menschen helfen und Verbrecher zur Strecke bringen will. Andererseits weiß er aber auch, dass er der Sohn eines wahnsinnigen Psychologen/Psychopathen und Serienmörders ist – der seinen (Marcus‘) älteren Bruder gequält und gefoltert und ebenfalls zu einem kalten Serienmörder gemacht hat. Immer wieder sieht er sich vor der Frage, ob er wirklich zu den Guten gehört oder ob er nicht auch die Veranlagung zum Killer in sich trägt. Diese Entwicklung war zwar nachzuvollziehen, machte ihn aber zunächst einmal zu einem wenig sympathischen Helden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihm im Roman etwas Schreckliches zustößt (no Spoilers). In dieser Situation ist es gerade sein Bruder Francis, der ihm deutlich macht, dass die Schuld für viele seiner Probleme nicht bei ihm liegen, sondern bei seinem Vater (Ackerman senior), und dass es auch nach den schrecklichsten Taten noch die Möglichkeit gibt, Buße zu tun.

Überhaupt: Francis Ackerman jr. ist auch in diesem Buch wieder die spannendste Figur. Und auch die Figur mit den humorvollsten Zitaten (wenn man denn einen schwarzen Sinn für Humor hat):

„Oh ja, du trittst für den kleinen Mann ein. Es sei denn, du ermordest ihn im Schlaf.“
„Ich habe noch nie jemanden im Schlaf ermordet. Ich wecke sie vorher immer auf …“
(S. 26)

Ackerman dachte nach, dann hob er die Hände. „Na schön, du hast gewonnen. Ich gehöre dir, Bruder. Aber fass den Kinderwagen nicht an. Ist ’ne Bombe drin.“
„Eine Bombe in einem Kinderwagen. Auf so etwas Perverses kannst auch nur du kommen.“
Ackermans Lächeln kehrte zurück. „Wenigstens habe ich vorher das Baby rausgenommen.“
(Seite 48)

Nachdem ihm sein Bruder verraten hat, dass der gemeinsame Vater (Ackermann sr.) noch am Leben ist, lässt er sich bereitwillig festnehmen, um der Shepherd Organization bei der Jagd nach ihm zu unterstützen. Doch die CIA hat ein Sonderkommenado auf Ackerman jr. angesetzt, dass seine Aufgabe etwas zu genau nimmt – sodass man sich das eine oder andere Mal wirklich fragt, ob hier Ackerman tatsächlich der Böse ist oder ob nicht vielmehr die Regierungsvertreter die eiskalten Killer sind. Immer wieder wird dies deutlich – besonders, als Maggie (Marcus‘ Kollegin und Freundin) sich mit Francis auf einen Roadtrip begibt, um den Großvater der beiden Männer und Hinweise auf den Verbleib von Ackerman sr. zu finden. Gejagt werden sie dabei von den Männern des Sonderkommandos, denen es egal ist, wer Opfer ihrer Jagd wird. Und es ist ein Vergnügen, Ackerman hier in Aktion zu erleben, wie er einen nach dem anderen ausschaltet. Wer hätte in Band 1 Ich bin die Nacht erwartet, dass man irgendwann einmal auf der Seite des Antagonisten steht und hofft, dass er überlebt?!  Das gilt sowohl für seine Interaktion mit Maggie, die ihn einerseits hasst, weil er ein Serienmörder ist und ihre Familie von einem anderen Serienmörder umgebracht wurde – und weil er damit zu denen gehört, die sie gemeinsam mit der Shepherd Organization zur Strecke bringt. Aber es gilt vor allem für seine Interaktion mit seinem Bruder Marcus, für den er eine echte Zuneigung empfindet. Und für den er auch bereit ist, das Morden einzustellen. Mehrere Male steht er im Verlauf der Handlung an einem Scheideweg und muss entscheiden, ob er seinen Trieben/seiner Konditionierung folgt oder ob er diese zugunsten anderer (Dinge) zurückstellt. Und wieder und wieder entscheidet er sich für die Buße, die Wiedergutmachung. Ackerman rocks!

Mein Fazit: Mehr davon! Und her mit Band 4: Ich bin der Zorn. Es ist nicht zu viel verraten, wenn ich sage, dass Ackerman jr. hier stärker mit der Shepherd Organization zusammenarbeitet und seine ganz speziellen Fähigkeiten und Kenntnisse einbringen kann.

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Samantha Kane: The Courage to Love (Brothers in Arms 1)

Samantha KaneLondon, 1813: Seit ihr Ehemann vor drei Jahren auf der iberischen Halbinsel im Kampf gegen die französischen Truppen von Napoleon ums Leben kommen ist, schlägt Kate Collier sich als Mätresse reicher Männer durch. Doch als Lord Robertson, ihr letzter „Beschützer“, sie auf schreckliche Weise missbraucht, zieht sie sich aus der Gesellschaft zurück und kümmert sich nur noch um ihr Kleidergeschäft und ihre Nichte Veronica.
Da kehren Jason Randall und Anthony Richards – zwei Kameraden ihres verstorbenen Mannes – nach London zurück und haben nur noch ein Ziel vor Augen: die junge Frau zu erobern. Auch Kate liebt die beiden schon lange, doch spätestens nach ihrer schrecklichen Erfahrung mit Robertson wird Kate von der Gesellschaft geschnitten – und ist nicht länger willens, sich einem Mann anzuvertrauen, geschweige denn zwei Männern. Doch sie kann Jason und Tony einfach nicht widerstehen und beginnt, die Freundschaft mit den beiden, die sich schließlich zu einer Liebesbeziehung entwickelt, zu genießen.
Aber Robertson ist nicht bereit, sie kampflos den beiden ehemaligen Soldaten zu überlassen …

„The Courage to Love“ ist der erste Band der „Brothers in Arms“-Reihe der Amerikanerin Samantha Kane, die zu den bekanntesten Autorinnen erotischer (historischer) Liebesromane gehört, für die sie bereits eine ganze Reihe von Auszeichnungen erhalten hat. Die Autorin ist durchaus eine gute Erzählerin, die recht süffig und anschaulich schreibt. Allerdings sind die Regency-Aspekte ihrer literarischen Welt etwas unterrepräsentiert und die Sprache ist zu modern; wer mehr über die Zeit Anfang des 19. Jahrhunderts wissen will (Wie hat man damals gelebt? Wie sah das Leben der unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten aus? Welche Gepflogenheiten gab es? Wie sah London in dieser Zeit aus? etc.) sollte zu einem anderen Autor greifen. Meines Erachtens könnten diese Romane auch zu fast jeder anderen Zeit und an anderen Orten spielen. Hinzu kommt auch, dass es zu wenige Rahmenbeschreibungen gibt, aber zu viele 6szenen – die zwar geschmackvoll beschrieben sind, aber einfach zu gehäuft auftreten und auf Kosten einer guten Geschichte gehen.

Was aber das Besondere dieser „Brothers in Arms“-Reihe ist: Ein Grundmotiv zieht sich – mit der einen oder anderen Variation – durch alle 13 Romane dieser Serie: Eine Gruppe von Männern hat auf der iberischen Halbinsel in der britischen Armee gemeinsam gegen Napoleon gekämpft und dort einen „besonderen Weg“ gefunden, um mit den Schrecken fertigzuwerden: Entweder haben zwei von ihnen eine Beziehung miteinander begonnen oder sie haben sich vor Ort eine Frau geteilt. Nach dem Krieg beschließen sie nun, diesen Lebensstil aufrechtzuerhalten und sich eine Ehefrau zu suchen, die ihnen nicht nur ein respektables Leben in der Gesellschaft und Nachkommen ermöglicht, sondern auch bereit ist, ihr Leben auf diese ungewöhnliche Weise zu teilen.

Wenn man „The Courage to Love“ mit einer gewissen Portion suspension of disbelieve liest, muss man sagen, dass es Samantha Kane recht gut gelingt, eine solche Beziehung bzw. eine solche ungewöhnliche Partnerschaft auf eine Weise zu beschreiben, die relativ glaubwürdig wirkt – zumindest hat man als Leserin wirklich das Gefühl, dass die Figuren nicht nur um der Liebesszenen willen miteinander agieren, sondern weil sie eine tiefe Zuneigung füreinander empfinden. Protagonisten dieser ersten Geschichte sind zum einen Lord Jason Randall und Anthony Richards. Die beiden kennen sich aus ihrer Zeit in der Armee und beginnen damals, eine spanische Prostituierte miteinander zu teilen, die im Tross der britischen Truppen lebt. Zum einen tun sie dies, um dem Gefühl der inneren Abgestumpftheit aufgrund der ständigen Kampferfahrungen bzw. der Erfahrungen mit dem Tod etwas entgegenzusetzen; zum anderen fühlen sich beide zueinander hingezogen (ohne sich dies aber selbst, geschweige denn dem anderen einzugestehen) und sehen in diesem Dreier die einzige Möglichkeit, einander doch nahezukommen. Aber sie teilen noch etwas miteinander: die Liebe zu Kate Collier, der Ehefrau ihres Kameraden Harry, die für sie zu diesem Zeitpunkt aber noch unantastbar ist. Als Harry umkommt und der Krieg einige Monate später zu Ende ist, sehen sie ihre Chance gekommen – doch als sie Kate in London aufsuchen, müssen sie feststellen, dass diese bereits die Mätresse eines reichen Mannes ist. Und an ihrem schlechten Timing ändert sich auch in den darauffolgenden Jahren nichts, wenn sie immer wieder einmal von ihren Reisen in die britische Hauptstadt zurückkehren und den Kontakt suchen wollen.

Was sie nicht wissen: Kate pflegt diesen Lebensstil nicht aus freiem Willen, sondern weil dies die einzige Möglichkeit ist, um sich und ihre Nichte Veronica durchzubringen (hier kommt aufseiten der beiden Männer m. E. eine gehörige Portion Naivität ins Spiel). Und bis zu ihrem dritten Beschützer kann sie damit auch recht gut leben – doch dieser (Robertson) nutzt die Situation aus und lässt zu, dass seine Freunde Kate an einem „geselligen“ Abend vergewaltigen. Seither lebt Kate sehr zurückgezogen und in ärmlichen Verhältnissen. Das Schöne an dieser Figur: Obwohl sie eine wirklich schreckliche Erfahrung gemacht hat und unter den Erinnerungen leidet, lässt sie sich davon nicht unterkriegen und versucht, ihr Leben wieder neu zu gestalten und sich eine eigene Zukunft unabhängig von einem Mann aufzubauen.

In dieser Situation machen ihr Jason und Tony ein ungewöhnliches Angebot: Kate, die die beiden Männer auch bereits seit Kriegszeiten liebt, soll Jason heiraten, der sich als Adliger gewissen gesellschaftlichen Verpflichtungen gegenübersieht und unbedingt eine Frau braucht. Und da er und Tony Kate beide lieben, wäre sie eine geeignete Kandidatin für eine Dreierbeziehung. Dies ist die Stelle, von der ich etwas weniger begeistert war: Obwohl Kate das Angebot zunächst ablehnt und die beiden Männer auch recht schnell erfahren, welches schreckliche Erlebnis Kate gezeichnet hat, drängen sie sie meines Erachtens viel zu stark zum ersten 6. Und das ist selbst angesichts der Zuneigung zwischen allen dreien imho unverantwortlich – es hat etwas von: Zwang ist in Ordnung, wenn man sich nur wirklich liebt. Und natürlich entdeckt Kate, dass ihr diese ungewöhnliche Art Beziehung mehr als nur zusagt – im Kontext der Geschichte ist das natürlich schön und bringt am Ende auch allen dreien Heilung, aber vom Konzept her kann ich es einfach nicht gutheißen.

Nichtsdestotrotz würde ich behaupten, dass es Samantha Kane gelingt, diese ungewöhnliche Beziehungskonstellation gut und ausgewogen zu beschreiben. Bei Dreierkonstellationen besteht ja die Gefahr, dass eine Figur nur das fünfte Rad am Wagen ist, dass sich eine von ihnen zurückgesetzt fühlt und (emotional) zu kurz kommt, aber ich habe den Eindruck, dass dies in diesem Roman nicht der Fall ist.

Ebenfalls ein großes Plus des Romans: Eine Reihe der Figuren, die in den weiteren Bänden der Serie eine tragende Rolle spielen werden, tritt in „The Courage to Love“ bereits am Rande auf und wecken definitiv mein Interesse an ihren jeweiligen Geschichten (z. B. Kates Nichte Veronica, die eine der drei Protagonisten von „Love’s Fortress“ ist).

Mein Fazit: Der Roman ist wirklich nur etwas für Fans von MMF-Literatur, Fans historischer Liebesromane finden die entsprechenden Szenen unter Umständen etwas zu grafisch. Dennoch ist der Roman unterhaltsam zu lesen (wenn man über Kanes Umgang mit Missbrauch hinwegsehen kann) und macht Lust, auch die Geschichten der Nebenfiguren zu lesen.

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Ethan Cross: Ich bin die Angst (Shepherd #2)

Der „Anarchist“, ein mysteriöser Killer, verbreitet in Chicago Angst und Schrecken. Er entführt Frauen und trinkt das Blut seiner Opfer, bevor er sie anzündet. Schlimmer noch: Er zwingt sie, ihm dabei unentwegt in die Augen zu schauen. Denn sie sollen sein wahres Gesicht sehen. Nicht das Gesicht des liebevollen Ehemannes und Vaters, das er seit Jahren für seine Familie aufsetzt, sondern das Gesicht des absolut Bösen.
Marcus Williams, der seit einem Jahr ein „Shepherd“ ist und Serienmörder jagt, wird auf den Fall angesetzt. Unterstützung erhalten er und sein Team dabei von unerwarteter Seite: Ausgerechnet sein Todfeind gibt ihm bei allen seinen Einsätzen immer wieder Hinweise – Francis Ackerman junior, der berüchtigste Serienkiller der Gegenwart, der fest davon überzeugt ist, dass es eine ganz besondere Verbindung zwischen ihm und Marcus gibt …

cross-ich-bin-die-angst2„Ich bin die Angst“ ist Band 2 der Shepherd-Reihe des amerikanischen Schriftstellers Ethan Cross aka Aaron Brown – und die wichtigste Info dazu gleich zu Beginn: Dieses Buch ist zwar unglaublich spannend und actionreich, aber man kann es im Gegensatz zu „Ich bin die Nacht“ abends vor dem Einschlafen lesen. 😉

cross-ich-bin-die-angst3Während Band 1 komplett in Schwarz gehalten war, hat man sich bei Band 2 für Rot entschieden. Autor und Buchtitel sind geprägt und auf dem Beschnitt werden diese Angaben noch einmal wiederholt. Das Buch ist daher schon rein optisch ein Genuss.

Und das gilt auch für den Inhalt: Der Autor verzichtet erneut auf tiefschürfende Ausführungen oder Beschreibungen – zugunsten einer atemlosen Nonstopp-Jagd nach dem Killer „Anarchist“. Auch in diesem Buch gibt es wieder zwei Wendungen, die ich nicht wirklich kommen sah, und das begeisterte mich erneut sehr! Auch dieser zweite Band ist gut und flüssig geschrieben; obwohl der Antagonist (und die übrigen Gegenspieler) eine Reihe von schlimmen Untaten begehen, überlässt der Autor deren Ausmalung der Fantasie des Lesers und beschreibt sie nicht im Detail. Und durch die zahlreichen kurzen Kapitel, die den Leser immer wieder zu einem Protagonisten und seinem jeweiligen Blickwinkel der Handlung führen, kann man die Verfilmung dieser Geschichte schon vor dem inneren Auge sehen.
Interessant ist hier, dass es Cross gelingt, aus dem Antagonisten bis zu einem gewissen Grad einen Sympathieträger zu machen – wie schon im ersten Band bei Serienmörder Francis Ackerman junior. Es gibt zwar auch hier den Killer und seinen Gegenspieler, aber keien Schwarz-Weiß-Zeichnung. Genauso, wie Michael gegen seine Dämonen ankämpft, so ist auch der Antagonist (die Antagonisten?) nicht einfach nur ein seelenloser Killer. Auch Scofield (im Grunde kein Spoiler, dem Leser wird die wahre Identität des Täters schon früh offenbart) hat eine schlimme Kindheit hinter sich. Seine minderjährige Mutter verbrachte einige Zeit in einer Satanistensekte und wurde dort auch schwanger. Und der „Prophet“ dieser Sekte erkor Scofield aus, der Antichrist zu sein und die Apokalyse herbeizuführen. Der erste Versuch misslang, doch Jahre später befindet sich Scofield noch immer im Griff des charismatischen Anführers, und obwohl er eine Familie hat und nach außen hin ein perfektes Leben führt, wird er weiterhin vom Propheten gesteuert.
Scofields Gegenspieler ist (erneut) Marcus Williams, der in diesem Roman weitere Facetten und damit mehr Tiefgang bekommt. Marcus ist nun seit einiger Zeit Teil der Shepherd-Organisation, der geheimen Organisation im Justizministerium, doch obwohl er von der Richtigkeit seines (ihres) Handelns überzeugt ist, leidet er gleichzeitig darunter, dass oft die Grenzen zwischen dem Verhalten der Killer, die er jagt, und seinem eigenen verschwimmen. Ist er nicht ein Killer im Dienste des Staates, wenn er seine Gegner ggf. ohne Gerichtsverhandlung aus dem Weg räumt? Auch hat er das Gefühl, dass irgendetwas nicht mit ihm stimmt; was das ist, erfährt der Leser am Ende des Buches … 🙂
Auch wenn Andrew, Marcus‘ Partner bei Shepherd, und Maggie, seine … Nicht-Freundin, ebenfalls mit von der Partie sind, ist der wichtigste und auch interessanteste „Partner“ Serienmörder Francis Ackerman junior. Dieser hat sich mithilfe eines Hackers Zugang zum Shepherd-Server verschafft und verfolgt die Ermittlungen der Organisation und besonders die von Marcus – in diesem Fall, aber auch bei den Vorgängerfällen. Er ist fest davon überzeugt, dass es eine besondere Beziehung zwischen ihm und Marcus gibt – dass dieser gewissermaßen das Yin zu seinem Yang ist. Wie im ersten Band mochte den Psychopathen Ackerman und seinen besonderen Sinn für Humor auch hier wider Willen; für mich persönlich ist er ein größerer „Sympathieträger“ als Marcus, der in diesem Buch – erneut – etwas zu selbstbewusst rüberkommt. Was ich allerdings etwas seltsam fand: Ackerman scheint keine Stimmen mehr zu hören – allerdings ist das m. E. darauf zurückzuführen, dass er nun mit Marcus ein reales Gegenüber hat.

Mein Fazit: Band 3 „Ich bin der Schmerz“ muss her!

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Ethan Cross: Ich bin die Nacht (Shepherd #1)

Der Serienmörder Francis Ackerman junior schlachtet nicht nur einfach Menschen ab, er bietet ihnen vor ihrem Tod an, ein Spiel mit ihm zu spielen – und wenn sie sich an die Regeln halten und ihn besiegen, werden sie leben. Doch er spielt nur, wenn er weiß, dass er auch gewinnen wird. Und dann wird das Ende seiner Opfer schrecklich sein …
Marcus Williams hat seinen Job als New Yorker Cop nach einem Zwischenfall an den Nagel gehängt und zieht in das texanische Städtchen Asherton, wo ihm eine verstorbene Tante eine Farm vermacht hat. Als er seine nächste Nachbarin besuchen will, findet er diese auf schreckliche Weise ermordet vor, und alle Indizien deuten darauf hin, dass Ackerman der Mörder ist.
Doch als er weitere Nachforschungen anstellt und diesen schließlich findet, stellt sich heraus, dass nicht nur Ackerman und Williams Leichen im Keller haben …

Eine (kurze) Inhaltsangabe zu „The Shepherd“ zu verfassen, dem ersten Band der sogenannten Shepherd-Serie des amerikanischen Schriftstellers Ethan Cross (wobei es sich aber bei diesem Namen lediglich um ein Pseudonym handelt – in Wahrheit verbirgt sich dahinter der Thrillerautor Aaron Brown), ist gar nicht so einfach. Zu groß ist die Gefahr, dass man zu viel verrät, denn der Clou der Geschichte ist ein deutlich anderer als nur die Jagd nach einem brutalen Serienmörder. Shepherd1Das Buch trägt im Deutschen den Titel „Ich bin die Nacht“, was zwar ausgesprochen reißerisch klingt, und die „Verpackung“ des Buches mit hervorstehender Prägung und schwarzem Beschnitt, in dem sich Titel und Autor des Buches in weißen Lettern wiederholen, ist auch ein echter Hingucker! Aber leider trifft der Titel den Inhalt des Buches nicht wirklich. Im Englischen trägt der Roman, wie gesagt, den Titel „The Shepherd“, was sich in den Überschriften der Teile widerspiegelt: 1. Die Herde, 2. Der Wolf und der Hirte, 3. Stecken und Stab, 4. Der Wolf im Schafspelz. Mehr sei aber an dieser Stelle nicht verraten …
Im Grunde müsste man das Buch mit einer Warnung versehen:

Achtung, unter den folgenden Bedingungen sollten Sie vom Lesen des Buches absehen:

– wenn Sie in Kürze schlafen gehen möchten.
– wenn es dunkel ist.
– wenn Sie Angst im Dunkeln haben.
– wenn Sie allein zu Hause sind.
– wenn Sie zu viel Fantasie haben oder/und einen Hang zu Verschwörungstheorien.
– wenn Sie ein Weichei sind.

Warum? Weil es schon lange nicht mehr vorgekommen ist, dass ich ein Buch abends vor dem Einschlafen nicht lesen konnte – meiner liebsten Lesezeit -, weil ich dann hinter jeder Tür, unter jedem Bett, in jedem Schatten und hinter jedem Geräusch einen Serienmörder vermutet habe. Aber was soll man auch erwarten bei einem Buch, dessen Protagonist mit Vorliebe nachts am Bett seiner Opfer steht oder sich in der Dämmerung Zutritt zu Wohnungen verschafft? Im Buch gibt es eine Szene, die im nächtlichen Schlafzimmer zweiter Kinder spielt – und ich brauchte lange, bis ich an diesem Abend einschlafen konnte! Lange Rede, kurzer Sinn: Das Buch gehört zum Packendsten, Spannendsten, Gruseligsten, das mir seit einer ganzen Weile untergekommen ist – und das, obwohl es ohne übernatürliche Wesen und Monster auskommt. Und warum? Weil es u. a. viele der tiefsitzenden Urängste anspricht, die wir Menschen haben. Die Angst vor der Dunkelheit, vor mysteriösen nächtlichen Geräuschen, vor dem Alleinsein u. v. m.

Der Thriller ist gut und flüssig geschrieben. Mit komplexeren Sätzen oder Begriffen gibt sich Ethan Cross nicht ab. Die Story ist unglaublich actionreich – nicht eine Sekunde lang gibt Cross dem Leser Gelegenheit, durchzuatmen und sich vom letzten Schrecken zu erholen. Er gibt sich nicht mit (detaillierten) Schilderungen von Umgebungen und Landschaften und Personen ab, wofür ich teilweise dankbar war, da z. B. die schrecklichen Tötungsarten von Ackerman nicht näher beschrieben werden – der Autor erspart sich hier ein Blutfest. Der Leser sollte sich rasch in die Handlung einfinden, denn Kapitel 1 zeigt bereits den Protagonisten in allen Details bei der Arbeit.
Auch die Charaktere werden nicht in allen Einzelheiten beschrieben und charakterisiert, wodurch ihnen natürlich definitiv Tiefgang fehlt. Man kommt sich im Grunde wie in einem der „Stirb langsam“-Filme vor: Die Handlung ist völlig überzogen, der Held ist einerseits ein normaler Mensch, aber dann doch larger than life und hastet von einer Actionszene zur nächsten, ist nie unterzukriegen, auch wenn er zunehmend mitgenommen aussieht, und das Ganze endet mit dem großen Showdown zwischen Held und Antagonist – nicht, ohne dass es viel zu lange Dialoge zwischen den beiden gibt und der Zuschauer sich fragt, warum zum Teufel der Held nicht einfach schießt. 😉 Im Grunde kann man die Verfilmung dieses Buches schon vor sich sehen – die zahlreichen kurzen Kapitel laden regelrecht dazu ein. Und dann erst die beiden großen unerwarteten Wendungen, die ich absolut nicht kommen sah! Leider wird man dadurch um das Vergnügen gebracht, den Roman noch einmal so … ungespoilert und ahnungslos zu lesen; ich könnte mir vorstellen, dass er beim zweiten Mal nicht mehr ganz so faszinierend ist.

Im Zentrum der Geschichte stehen u. a. Antagonist Francis Ackerman junior, ein Serienmörder, der gewissermaßen von seinem Vater dazu konditioniert wurde. Dieser, ein Psychologeprofessor, hatte die Theorie aufgestellt, dass Menschen zu Mördern gemacht und nicht als solche geboren werden – dass sie also die Produkte ihrer Umwelt sind. Und mithilfe von Experimenten an seinem eigenen Sohn Francis – damals noch ein Kind! – versuchte er, diese Theorie zu beweisen: Francis wurde durch Misshandlung und Folter dazu gebracht, andere zu töten, und ist nun genau das, wozu ihn sein Vater machen wollte: ein eiskalter Mörder. Ackerman junior hat ein perverses Vergnügen daran, seine Opfer zu grausamen Spielchen zu zwingen, um zumindest den Anschein zu erwecken, dass sie eine Überlebenschance haben. Über weite Strecken ringt er im Roman mit seiner dunklen Seite; Telefonate mit einem katholischen Pater machen dies deutlich. Doch spätestens als seine Spielchen mit Marcus beginnen, ändert sich dies und er findet in seine Bestimmung hinein. Erstaunlicherweise fällt es das eine oder andere Mal schwer, diese Figur zu hassen, weiß man doch genau, warum er so geworden ist.
Sein Gegenspieler ist Marcus Williams, ein junger Excop aus New York, der sein früheres Leben nach einem Zwischenfall (der im Verlauf des Romans eine Rolle spielen wird) an den Nagel gehängt hat und scheinbar zufällig über die Leiche seiner Nachbarin stolpert. Seine Erfahrungen in New York und seine Frustration über Verbrechen, die nicht gesühnt werden, oder Verbrecher, die ihrer gerechten Strafe entkommen, ist ein treibender Motor der Story. Er trifft bereits relativ früh auf Ackerman, der ihn zum Helden der „Geschichte“ auserwählt – und da jeder Held einen Gegenspieler braucht, findet auch Ackerman endlich in seine wahre Rolle hinein.

Mein Fazit: Unbedingt lesen. Aber nicht abends vor dem Einschlafen. Oder wenn ihr alleine seid. 🙂 Ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzungen, denn es wird zumindest angedeutet, dass es eine unerwartete Verbindung zwischen den zwei Protagonisten der Geschichte gibt.

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Philip Pullman: Der Rubin im Rauch (Sally Lockhart #1)

London, Oktober 1872: Die 16-jährige Sally erhält nach dem Tod ihres Vaters einen geheimnisvollen Brief. Der Schiffsmakler hatte vermutet, dass es bei den Chinageschäften seines Partners nicht mit rechten Dingen zugeht, und war nach Asien gereist, um Nachforschungen anzustellen. Auf dem Rückweg war er dann beim Untergang seines Schiffes ums Leben gekommen. Aber nicht, ohne Sally noch eine Nachricht zukommen zu lassen, der sie vor den Sieben Wohltaten warnt und auf einen Mann namens Marchbanks hinweist.
Bei ihren Nachforschungen stößt sie auf immer neue Rätsel. Ein Kollege ihres Vaters erleidet einen Herzinfarkt, als sie sich nach den Sieben Wohltaten erkundigt, und auch Major Marchbanks, den sie ausfindig machen kann, scheint Todesangst zu haben. Er übergibt ihr ein Tagebuch, mit dem Hinweis, dass sie darin alle Antworten finden wird.
Sally ahnt nicht, dass sie in Mrs Holland, der Besitzerin einer „Pension“ und der Kopf einer Verbrecherorganisation, eine äußerst gefährliche Feindin hat. Unterstützung findet sie bei ihrer Suche bei dem jungen Fotografen Frederick. Bei ihm und seiner Schwester kommt sie unter, als sie vor ihrer lieblosen Tante flüchtet, die es nur auf ihr Erbe abgesehen hat. Auch Jim, der Botenjunge der Schiffsgesellschaft, deren Miteigentümer ihr Vater war, hilft ihr. Doch auch ihre Freunde können nicht verhindern, dass ihr das Tagebuch gestohlen wir. Nun bleibt Sally nur der mysteriöse Hinweis, dass irgendwo ein Schatz versteckt ist, der ihr zusteht – ein Rubin. Gemeinsam mit ihren Freunden macht sie sich auf die Suche nach dem kostbaren Edelstein, begleitet von der Ahnung, dass ein immer wiederkehrender Albtraum die Lösung für alle ihre Fragen birgt …

Der Rubin im Rauch ist der erste Band der vierbändigen Sally-Lockhart-Reihe (Der Rubin im Rauch, Der Schatten im Norden, Der Tiger im Brunnen, Das Banner des roten Adlers) des Bestsellerautors Philip Pullman, der durch seine His Dark Materials-Reihe bekannt wurde. Die beiden ersten Bücher wurden auch von der BBC mit Billie Piper (Doctor Who) in der Hauptrolle verfilmt. Es handelt sich bei dieser Reihe um historische Kriminalromane, die zwischen 1872 und 1882 in Großbritannien spielen.

Protagonistin ist die (zu Beginn) 16-jährige Sally Lockhart, die in Indien geboren wurde, wo ihr Vater stationiert war, und nach dem (angeblich) frühen Tod ihrer Mutter von diesem aufgezogen wurde. (Damals) Typisch weibliche Fertigkeiten hat sie von ihm nicht gelernt, jedoch kann sie schießen und kann außerordentlich gut mit Zahlen umgehen, was ihr zugutekommt, als sie zu dem Fotografen Frederick und seiner Schwester Rose zieht, die beinahe pleite sind. Sally ist ein überaus hübsches Mädchen, selbstbewusst, mutig, entschlossen und ausgesprochen einfallsreich. Aber nicht in übertriebener Weise, wie dies nur allzu oft bei Protagonistinnen von Jugendromanen der Fall ist. Damit könnte sie die ideale Identifikationsfigur für die Leserin sein … wenn sie darüber hinaus nicht ein wenig zu blass und eindimensional geraten wäre. Der Roman krankt ein wenig an „show, don’t tell“ – der Leser erfährt durch die Ereignisse und durch Sallys eigene Gedanken, die immer wieder einfließen, dass Sally all dies ist, aber die psychologische Tiefe fehlt ihr. Man bekommt eigentlich nie einen Einblick in ihr Gefühlsleben – ob es nun der Tod ihres Vaters ist, den sie gar nicht nennenswert zu betrauern scheint. Was ein Wunder ist, da er die einzige Bezugsperson ist, die sie im Leben hat. Oder ob es um die aufregenden Ereignisse geht, die mit der Suche nach dem Rubin verbunden sind: Es geschehen dramatische, teils schlimme Dinge, aber was Sally  fühlen, spürt man als Leser kaum.
Das gilt übrigens auch für die anderen Figuren. Frederick und seine Schwester Rosa zeichnen sich ebenfalls dadurch aus, dass sie ausgesprochen schön sind; auch sind sie Freigeister, abenteuerlustig und ebenfalls ausgesprochen einfallsreich und mutig. Und das gilt ebenfalls für Botenjunge Jim, der zu der kleinen Gruppe hinzustößt. Aber selbst wenn die Kinder bzw. jungen Erwachsenen mit „erwachsenen“ Themen konfrontiert werden (Opiumsucht, Kriminalität, Gewalt und Mord, moderne Sklaverei etc.), scheinen sie das Erlebte relativ schnell wegzustecken. Was emotional in ihnen vorgeht, spielt im Grunde überhaupt keine Rolle.
Erwachsene spielen in diesem Buch nur eine sekundäre Rolle – und stellen den gesamten Fundus an Antagonisten! Was sehr ungewöhnlich ist. Wobei: Wenn man einen Blick auf typische Teenagerserien oder -filme wirft, ist es häufiger der Fall, dass Erwachsene lediglich Statistenrollen haben bzw. fast nahezu gar nicht in Erscheinung treten.

Allerdings ist der Roman durchaus nicht so schlecht, wie es aufgrund der bisherigen Ausführungen den Anschein könnte. Pullman ist im Grunde ein sehr guter Erzähler. Die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird relativ detailliert geschildert – so detailliert, wie es für ein Jugendbuch möglich und sinnvoll ist. Man bekommt eine Ahnung vom Elend vieler Menschen, davon, wie gefährlich es für die ärmeren Menschen in London war (gerade für die Kinder!), und meint, den Gestank der Elendsviertel regelrecht riechen zu können. Man bekommt auch einen Einblick in die zerstörerischen Auswirkungen des Opiums, in den fehlgeleiteten britischen Kolonialpolitik … Auch versteht es Pullman, von Beginn an hier und da kleine Hinweise in die spannungsreiche Handlung einzustreuen, die dem Leser dabei helfen, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Allerdings muss man wirklich auf der Hut sein, um diese Andeutungen nicht zu verpassen.

Fazit: Ein guter historischer Jugendkrimi, der trotz einiger Schwächen Lust auf die Fortsetzung macht.

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Sabrina Paige: Her Bodyguard

Alexandra ist die Tochter des Königs von Protrovia – aber sie liebt Partys und Alkoholexzesse mehr als ihre Aufgaben als Prinzessin. Keiner ihrer Bodyguards hat es bislang mehr als 18 Tage mit ihr ausgehalten. Da bittet ihr Bruder einen alten Armeefreund um Hilfe. Max hat Albert in Afghanistan das Leben gerettet und nimmt dessen Angebot, der Bodyguard seiner Schwester zu werden, nur zu gern an, laufen seine Eltern doch Gefahr, ihr Haus an die Bank zu verlieren.
Doch Alex macht ihm das Leben mehr als nur schwer. Unablässig versucht sie, Wege zu finden, wie sie ihm und dem Palast entkommen kann, um mit ihren Freunden zu feiern. Doch gleichzeitig fühlt sie sich immer mehr zu ihrem Bodyguard hingezogen, der sich von ihrer arroganten Art nicht einschüchtern lässt …

„Her Bodyguard“ ist Band 2 in einer zweiteiligen Minireihe der amerikanischen Autorin Sabrina Paige (und die Fortsetzung von „Prince Albert“), deren Ich-Erzähler zum einen Prinzessin Alexandra „Alex“ von Protrovia ist und zum anderen ihr amerikanischer Bodyguard Max Donnelly.
Alex erinnert sehr stark an Prinzession Eleanor aus „The Royals“: Sie ist selbstbewusst, wild, arrogant, liebt Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll – und Kleidung zu tragen, die alles andere als angemessen oder jugendfrei ist. Und sie liebt es, die Regeln zu brechen.
Im Gegensatz zu ihr ist Max Donnelly ein bodenständiger Junge vom Land. Er kommt aus Kentucky, hat für sein Land in Afghanistan gekämpft, wo er auch Prinz Albert kennengelernt und ihm das Leben gerettet hat, und er lebt (wieder) bei seinen Eltern, um ihnen dabei zu helfen, ihr Haus nicht zu verlieren. Dies ist auch der Grund, warum er das Angebot des Prinzen annimmt, seine Schwester zu bewachen.
Diese Gegensätze sollten eigentlich viel Stoff für humorvolle Szenen und Dialoge bieten, sollten dafür sorgen, dass Alex ein wenig mehr Bodenhaftung bekommt und Max vielleicht einen Schuss Wildheit. Dass die beiden sich zueinander hingezogen fühlen würde, dass sie sich verlieben und sicher auch Sex haben werden – daran zweifelt niemand, der dieses Buch kauft. Aber was geschieht? Max beginnt irgendwann, sich wie ein Höhlenmensch zu verhalten. Er schreibt ihr vor, was sie zu tragen (oder nicht zu tragen) hat, was sie zu tun und zu lassen hat, wann sie zu reden und wann zu schweigen hat. Als er dann die Handschellen und die Fesseln herausholt und sie übers Knie legt, hat die Autorin leider mein Interesse verloren. Die Beschreibungen dieser schon exzessiven Dominanzspielchen war einfach nicht mehr mein Ding. Darüber konnten mich dann auch „sanftere“, romantischere Passagen nicht hinwegtrösten, in denen die beiden sich wirklich besser kennenlernen und der Protagonist sich tatsächlich so verhält, wie ich es von ihm erwartet hatte. Warum verkaufen uns nur so viele AutorInnen von erotischer Literatur Caveman-Geschichten, in denen sich eine selbstbewusste Frau, die auf eigenen Beinen steht, plötzlich in ein hilfloses Dummchen verwandelt, wenn das Alpha-Männchen sie in seine Höhle schleppt, als die großße Liebe?!
Der einzige Lichtblick war für mich die „Eiskönigin“, Bellas Mutter, die vor der Heirat mit Alex‘ Vater, dem König von Protrovia, steht. Sie ist die Einzige, die am Ende erkennt, dass die die beiden jungen Menschen sich wirklich lieben und eine Chance verdienen – und das, obwohl sie wirklich in den Augen der Prinzessin eine berechnende Amerikanerin ist, die ihren Vater nur wegen des Titels heiratet.

Mein Fazit: Das Buch ist wirklich nur für Leserinnen geeignet, die eine Schwäche für diese  Art „Dominanz-Literatur“ haben. Schade, ich wollte es nämlich wirklich mögen!

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Justin Cronin: Der Übergang (Passage-Trilogie #1)

Cronin Der UebergangAmy Harper Bellafonte ist gerade einmal sechs Jahre alt, als sie von ihrer überforderten alleinerziehenden Mutter – einer Prostituierten – in einem Nonnenkloster zurückgelassen wird. Schon bald darauf wird Amy jedoch von dem FBI-Agenten Brad Wolgast und seinem Kollegen Doyle entführt, die sie zu einer abgeschiedenen militärischen Forschungseinrichtung in Colorado bringen. Hier soll Amy, die besondere Fähigkeiten zu besitzen scheint, an einer streng geheimen medizinischen Versuchsreihe teilnehmen, die nichts Geringeres zum Ziel hat, als die Menschen mithilfe eines mysteriösen Virus unsterblich zu machen. Doch dann gerät das Experiment außer Kontrolle, und in rasender Geschwindigkeit breitet sich eine Welle der Zerstörung und Gewalt über den amerikanischen Kontinent aus, die die gesamte Menschheit zu vernichten droht.
Von schweren Gewissensbissen geplagt, das wehrlose Mädchen einem grausamen Menschenversuch ausgeliefert zu haben, gelingt es Wolgast, Amy in letzter Sekunde zu befreien und mit ihr in die Wälder zu fliehen. Doch als Wolgast als Folge einer Strahlenerkankung stirbt, verliert sich Amys Spur in den Wirren der Apokalypse um sie herum.
Erst später, viele Jahrzehnte später, taucht Amy wieder auf. Sie steht eines Tages vor den hermetisch abgeschirmten Toren einer Kolonie weniger Überlebender des fatalen Desasters. Die Kolonisten begegnen ihr, der geheimnisvollen Fremden, die erst etwa fünfzehn Jahre zu sein scheint, mit Misstrauen. Bis eine Handvoll von ihnen begreift, dass Amy vielleicht die Einzige ist, die die Menschheit noch retten kann.

Justin Cronin ist ein amerikanischer Autor, der für seine bisherigen vier Romane schon einige Auszeichnungen eingeheimst hat. Und vor dem Hintergrund von „Der Übergang“ muss ich sagen: Nicht zu unrecht. Ich habe dieses Buch bereits zum zweiten Mal gelesen und es hat sich nichts an meiner Begeisterung geändert.
Das Buch selbst besteht aus zwei großen Teilen. Im ersten Teil, der ca. 1/3 des Buches ausmacht, werden die Ereignisse vor der Katastrophe bzw. ganz zu Beginn des Ausbruchs erzählt. Der zweite Teil setzt 92 Jahre nach den Ereignissen ein und schildert das Leben einer kleinen Kolonie von Überlebenden, die seit Jahrzehnten in einem abgeschirmten Bereich in Kalifornien leben und zu ahnen beginnen, dass ihre Schutzmaßnahmen kurz davor stehen zu versagen. Darüber hinaus gibt es über das Buch verteilt elf kleinere Teile, die sich an der Struktur der Handlung bzw. der Ereignisse orientieren. Und um dem Ganzen noch den Anschein von Authentizität zu verleihen, ist das Buch mit einer Reihe von E-Mails, Tagebucheintragungen, Zeitungsberichten etc. gespickt, von denen ein Teil im Zentrum zur Erforschung menschlicher Kulturen und Konflikte an der Universität von New South Wales, in der Indo-Australischen Republik, im Jahr 1003 nach dem Virus vorliegen.

Der Ausgangspunkt der Geschichte ist nichts Neues und wurde schon in zahllosen Filmen und Büchern thematisiert: Im bolivianischen Urwald wird ein Forscher mit einem mysteriösen Fledermausvirus infiziert (Patient Zero), und aufgrund bestimmter Entwicklungen kommt das amerikanische Militär auf die Idee, einen Supersoldaten zu „züchten“, der nicht nur über besondere Kräfte verfügt, sondern auch über lange Lebensdauer bzw. gute Selbstheilungskräfte. Und weil man so etwas natürlich nicht an „guten“, „brauchbaren“ Menschen testet, bedient sich das Militär zwölf zum Tode Verurteilten (von denen aber einer – Carter – unschuldig ist), die sich daraufhin in haarlose, bluttrinkende, ausgesprochen agile nachtaktive Lebewesen verwandeln. Und mehr oder weniger die Fähigkeit besitzen, willensschwache Menschen telepathisch zu beeinflussen. Amy, die weibliche Hauptfigur, wird ausgewählt, da sie Halbwaise ist, ihre Mutter wegen Mordes gesucht wird und ihr Gehirn als Sechsjährige noch nicht voll entwickelt – oder um es ganz deutlich zu sagen: Niemand wird dieses Mädchen vermissen. Sie bekommt eine finale Version des Virus, allerdings zeigt sie außer einem Fieber und einer gewissen Widerstandskraft gegen Erkrankungen bzw. guter Selbstheilungskräfte keine Nebenwirkungen. All das ist im Grunde nichts Neues, aber so gut geschrieben, dass man zum Beispiel die gleiche Art von ängstlicher Bedrückung empfindet wie die Soldaten der Einrichtung, die so manche einsame Stunde über die Versuchspersonen wachen müssen.
Und dann geht es im zweiten Teil, der ein knappes Jahrhundert später spielt, weiter: Hier ist die Hoffnungslosigkeit, die Verzweiflung ein ständiger Begleiter: Man begegnet einer kleinen Gruppe von Überlebenden – den Nachkommen der Kinder, die beim Ausbruch des Virus an die Westküste geschickt wurden, die damals vermeintlich sicher war. Sie leben in einer von hohen Mauern und Flutlichtern umgebenen Kolonie, beginnen aber langsam zu ahnen, dass ihre Schutzmaßnahmen nicht ewig halten werden. Auch gibt es immer weniger von ihnen, denn die Nacht wiederum ist fest in der Hand der sogenannten Virals, den von Zero und den Zwölfen Infizierten. Diese haben sich über die kompletten USA – und, so nehmen sie an, die ganze Welt – ausgebreitet und jagen die letzten Menschen und Tiere.
Die Welt in diesem Teil des Buches wird so exzellent vom Autor beschrieben, dass man sich einen Staat nach der Apokalypse wirklich vorstellen kann: was mit Städten wie Las Vegas oder der Technologie geschieht, nachdem die Natur hundert Jahre sich selbst überlassen war. Der Verfall der Kultur, das Vergessen der (eigenen) Geschichte, wenn es nur noch ums Überleben geht. Oder die Verzweiflung der Menschen, die sich vor der Dunkelheit fürchten, da sie dort der Tod erwartet. Die Hoffnungslosigkeit, wenn man weiß, dass es auf der einen Seite nur noch eine Handvoll Menschen, auf der anderen aber Millionen von Virals gibt. Den Verfall der menschlichen Moral, wenn man auch bereit ist, sich mit dem Feind zu verbünden, um das eigene Überleben zu sichern.
Auch die einzelnen Charaktere selbst sind exzellent beschrieben und so facettenreich, dass der Leser wirklich glaubwürdigen Figuren begegnet. Dabei verzichtet der Autor auf simple Schwarz-Weiß-Zeichnungen, sondern erschafft handelnde Figuren mit allen ihren Stärken, aber auch Schwächen. Es gäbe noch viel mehr zu den Ideen des Autors zu sagen, aber ich fürchte, dann würde ich unnötig spoilern.

Mein Fazit: der im wahrsten Sinne des Wortes gut 1.000 Seiten starke Eröffnungsband einer Trilogie, den man vielleicht nicht unbedingt abends vor dem Einschlafen lesen sollte, von dem aber keine einzige Seite überflüssig ist. Macht definitiv Lust auf die Fortsetzung („Die Zwölf“)!

PS: 2010 haben FOX und Ridley Scotts Filmgesellschaft die Rechte an der Verfilmung des Stoffes erworben. Auf IMDB gibt es bereits eine umfangreiche Darstellerliste und den Hinweis, dass die Verfilmung als TV-Serie ab 2018 zu sehen sein wird. Zum Beispiel wird FBI-Agent Brad Wolgast, der Amy entführt und zur Forschungseinrichtung bringt bzw. sie später daraus rettet, von Mark-Paul Gosselaar (Franklin & Bash; Pitch) dargestellt; Peter, neben Amy die Hauptfigur des Buches, wird von B. J. Britt (Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D., UnREAL) gespielt.