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Simon Scarrow: Im Zeichen des Adlers (Rom-Serie #1)

ScarrowRom, A. D. 42: Kaiser Claudius gewährt seinem Leibsklaven Cato die lang ersehnte Freiheit. Doch im Gegenzug muss sich der hochgebildete, jedoch kämpferisch völlig unerfahrene junge Mann zu zwanzig Jahren Dienst in der römischen Armee verpflichten. Kurz darauf befiehlt der Imperator das gefährlichste aller militärischen Abenteuer, an dem einst sogar Cäsar scheiterte: die Eroberung Britanniens. Cato steht auf der Insel aber nicht nur den wildesten Barbarenhorden gegenüber – auf direkten kaiserlichen Befehl muss er sich in einem tödlichen Netz aus Intrigen und Verschwörungen bewähren …

„Im Zeichen des Adlers“ ist Band 1 der Rom-Serie des britischen Autors Simon Scarrow, die mittlerweile 15 Bände umfasst. Sie setzt im Jahr 42 n. Chr. ein und schildert den Aufstieg der beiden römischen Soldaten Macro und Cato im Rahmen römischer Eroberungszüge und politischer Verschwörungen. Cato ist 16 Jahre alt, als der römische Kaiser Claudius den Sklaven zum Dank für die Dienste und die Treue seines Vaters freilässt – unter der Maßgabe, dass er zwanzig Jahre in der römischen Armee dient. So findet sich er wenig später als Optio (Stellvertreter eines Zenturios) in der Zweiten Legion Augusta unter Legionslegat Vespasian in Germanien wieder und in den Folgejahren auch bei der Eroberung Britanniens wieder. Cato ist als ehemaliger Leibsklave in militärischen Dingen völlig unerfahren und muss erst einmal lernen, sich in der für ihn neuen Welt zurechtzufinden. Aber er ist zäh, und was er nicht durch Körperkraft erreichen kann, erreicht er durch Cleverness – oder schieres (literarisch überzogenes) Glück. So zum Beispiel, als er mit einem kleinen Trupp in einem britannischen Moor eine alte Holzkiste mit Gold und Silber sucht und gleich mehrmals nicht nur über seine Füße, sondern auch über das Versteck und die Kiste stolpert. Hier vollzieht sich die Entwicklung vom unerfahrenen Soldaten zum Helden und Anführer einfach viel zu schnell und unglaubwürdig.
Sein Vorgesetzter Lucius Cornelius Macro wird nicht weniger glaubhaft beschrieben und lässt auch Facetten vermissen. Dieser dient bereits seit zwanzig Jahren im römischen Militär (damit dürfte er Mitte/Ende dreißig sein) und hat sich zum Zenturio hochgearbeitet. Allerdings sind die damit verbundenen Aufgaben (Diensteinteilung, Dienstpläne, Inspektionen, Listen etc.) für den erfahrenen Soldaten ein Gräuel. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und  ist im Grunde Analphabet, was er aber bislang vor allen geheimhalten konnte; die notwendigen Aufgaben erledigt für ihn der alte Schriftführer der Zenturie. Obwohl Offizierskameraden an der Eignung Catos (der Macros Assistent wird) zweifeln, sieht er mehr in dem Jungen und ist bereit, sein Vertrauen auf ihn zu setzen. Und das gilt spätestens dann, als dieser ihm bei einem germanischen Hinterhalt das Leben rettet.

Und Hinterhalte und Verschwörungen gibt es im Buch viele. Aber sie sind so durchschaubar, dass bei mir nicht wirklich Spannung aufkam. Einzig zum Ende hin, als Macro, Cato und ein kleiner Trupp die Schatzkiste suchen und finden, sich gegen die Verschwörer zur Wehr setzen müssen und dabei auch noch auf die herannahenden Britannier stoßen, kam bei mir Spannung auf. Sorry.

Obwohl die Geschichte einen realen Hintergrund hat, blieb mir dieser viel zu blass. Als Fan der Romane von Bernard Cornwell habe ich bereits viel Historisches gelesen. Der große Pluspunkt der Cornwell-Roman ist, dass man durch sie wirklich etwas über britische Geschichte lernt. Man sieht die Schlachten vor sich, weiß, wann sich z. B. Franzosen und Briten auf der iberischen Halbinsel gegenüberstanden, wer der Anführer war, kann vor seinem inneren Auge sehen, wie viel Blut vergossen wurde, wie grausam Belagerung und Schlachten waren. Und das alles durch die Augen einer fiktiven Figur (fiktiver Gestalten – plural), die lebensnah beschrieben wird. Und am Ende eines Romans findet der Leser eine ausführliche Beschreibung der tatsächlichen historischen Vorgänge, sodass er alles gewissermaßen noch einmal kontrollieren/nachlesen kann.
Alles das war bei Scarrow m. E. nicht der Fall. Obwohl die handelnden Akteure überwiegend Römer sind, finden sich im Buch mit Ausnahme militärischer Ränge und lateinischer Namen von Orten keinerlei lateinische Begriffe, die ja auch zur (authentischen) Atmosphäre beigetragen hätten. Das gilt ebenso für die Beschreibungen der Umgebung. Der Autor sagt uns zwar, dass die Reise von Germanien über Durocortorum (Reims) nach Gesoriacum (Boulogne-sur-Mer) am heutigen Ärmelkanal lang und hart und von Hunger und Kälte gezeichnet ist, aber als Leser konnte ich das nicht nachempfinden. An dieser Stelle wäre vor allen Dingen auch eine kleine Landkarte sowie ein kleines Verzeichnis damaliger Bezeichnungen und heutiger Entsprechungen im Anhang des Buches hilfreich gewesen, damit die Beschreibungen lebendiger werden. Ganz zu schweigen von einem Postskriptum am Ende des Buches, in dem mir der Autor erklärt, was historischer Fakt und was Fiktion ist. So bleibt alles recht schwammig.

Mein Fazit: Mich persönlich hat das Buch leider nicht überzeugt; ich werde der Reihe nicht weiter folgen.

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Robert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks (Cormoran Strike #1)

Als das berühmte Model Lula Landry von ihrem schneebedeckten Balkon im Londoner Stadtteil Mayfair in den Tod stürzt, steht für die ermittelnden Beamten schnell fest, dass es Selbstmord war. Der Fall scheint abgeschlossen. Doch Lulas Bruder hat Zweifel – ein Privatdetektiv soll für ihn die Wahrheit ans Licht bringen.
Cormoran Strike hat in Afghanistan körperliche und seelische Wunden davongetragen, mangels Aufträgen ist er außerdem finanziell am Ende, und da er sich auch gerade von seiner Freundin getrennt hat, schläft er auf einer Campingliege in seinem Büro. Der spektakuläre neue Fall ist seine Rettung, doch der Privatdetektiv ahnt nicht, was die Ermittlungen ihm abverlangen werden. Während Strike immer weiter eindringt in die Welt der Reichen und Schönen, fördert er Erschreckendes zutage und gerät selbst in Gefahr …

„Der Ruf des Kuckucks“ ist Band 1 der bislang 3-bändigen Reihe um den Londoner Privatdetektiv Cormoran Strike des britischen Schriftstellers Robert Galbraith (Band 2: Der Seidenwurm, Band 3: Die Ernte des Bösen, Band 4: Lethal White [in Arbeit]), bei dem es sich aber nur – wie wahrscheinlich jeder mitbekommen hat – um ein Pseudonym handelt, hinter dem sich die „Harry Potter“-Autorin J. K. Rowling verbirgt. Die ersten beiden Bände der Serie wurden auch bereits mit Tom Burke (Die Musketiere, Krieg und Frieden) und Holliday Grainer (Lady Chatterley’s Lover, Tulpenfieber) in den Hauptrollen kongenial von der BBC verfilmt. Da ich die Verfilmungen kenne, wusste ich leider schon von Beginn des Buches an, was es mit dem Tod von Lula Landry auf sich hat, und war über die Auflösung des Falles nicht wirklich überrascht.

Bei diesem ersten Band der „Cormoran Strike“-Reihe handelt es sich um einen klassischen Whodunnit-Roman. Rowling taucht nicht tiefer in die Psyche der Figuren ein oder liefert eine soziale Studie der Akteure und ihres Handelns. Das Buch ist auch nicht sehr actionreich; es gibt keine rasanten Verfolgungsjagden, keine explodierenden Autors oder zahllose Mordversuche. Auch die beiden Hauptfiguren Cormoran Strike und Robin Ellacott sind durchaus klassisch geraten:
Der Privatdetektiv ist der typische Antiheld. Er ist der uneheliche Sohn eines weltberühmten Rockstars und eines Groupies, ist in wechselnden Orten mit den unterschiedlichsten Männern seiner Mutter groß geworden, hat sich dann aber für das geregelte Leben in der britischen Armee entschieden und in Afghanistan ein Bein verloren. Er ist ein Baum von einem Mann, übergewichtig und alles andere als ein Schönling, aber viele Frauen haben doch eine ausgesprochene Schwäche für ihn. So zum Beispiel seine Exverlobte Charlotte, die in allem das Gegenteil von ihm ist und jahrelang bei ihm bleibt – trotz seiner Verletzung und des ständigen Streitereien -, bis er schließlich doch den Schlussstrich zieht und sie verlässt. Zu Beginn des Romans zieht er gerade – völlig Pleite – mit einer Campingliege und einem Schlafsack in sein Büro und versucht, sich einen letzten Rest der Selbstdisziplin und des strukturierten Arbeitens und Lebens zu bewahren, die er im Militär kennen- und schätzen gelernt hat. Ja, diese Eigenschaften scheinen das zu sein, was ihm überhaupt noch Halt gibt.
Seine Assistentin Robin Ellacott ist mit ihren 25 Jahren etwa zehn Jahre jünger als er. Sie stammt aus geregelten Verhältnissen und ist gerade erst vom Land nach London gezogen, wo ihr Verlobter Matthew eine Anstellung gefunden hat. Als sie zu Strike stößt, hat sie ein abgebrochenes Psychologiestudium hinter sich und arbeitet bei einer Zeitarbeitsfirma. Doch die Arbeit bei und mit Strike begeistert sie vom ersten Augenblick an, ist die Arbeit eines Privatdetektivs doch etwas, nach dem sie sich schon seit Jahren sehnt. Und Strike muss schnell erkennen, dass Robin mehr ist als nur eine seiner Sekretärinnen, die Kaffee kochen und sich um seine Post kümmern. Sie ist einfallsreich, versteht sich auf die Recherche und mehr als willens, ihn in seinen Nachforschungen zu unterstützen. Zwar sucht sie – um die Erwartungen ihres Verlobten, aber auch ihre eigenen zu erfüllen – nach einem „richtigen“ Job, doch eigentlich ist schnell klar, dass sie bei Strike ihren Platz gefunden hat. Sie durchschaut rasch all das Scheitern in seinem Leben, ist aber gern bereit, schweigend darüber hinwegzusehen, damit er seinen Stolz nicht auch noch verliert.
Das weitere Figurenkabinett ist riesengroß: Es gibt Polizeibeamte, die den Fall untersucht haben und Strike teilweise Zugriff auf die offiziellen Untersuchungen oder die Zeugen geben, es gibt Lulas biologische oder Adoptiv-Familie, es gibt ihren Freundeskreis, ihre Nachbarn oder Personen, mit denen sie tagtäglich in Kontakt kam … Und jede(r) von ihnen könnte ein Zeuge oder uach potenzieller Verdächtiger sein.

Rowling lässt ihre beiden Protagonisten Ermittlungsaufgaben übernehmen (wobei Strike natürlich den größten Teil erledigt) und wechselt sehr organisch zwischen deren Erzählperspektiven hin und her. Dabei gehen die Akteure wieder ganz klassisch vor – Agatha Christie lässt grüßen: Strike befragt einen Verdächtigen (bzw. eine Verdächtige) nach dem anderen, zieht hier neue Schlüsse, findet dort neue Hinweise, sodass der Leser sich gemeinsam mit ihm auf die Jagd nach der Wahrheit begibt und den gleichen Ermittlungsstand hat wie die Hauptfiguren.
Eine große Stärke des Buches – die aber andere Rezensenten u. U. etwas langweilig finden – sind die Beschreibungen von Orten und Räumen. Wenn Strike einen Raum oder eine Wohnung betritt, erfährt der Leser auch, welche Farbe die Tapeten oder die Teppiche haben, wo ein Tisch mit einer Vase steht oder die Gitarre des Musikers liegt. Wenn er zu Fuß oder mit der U-Bahn London durchquert, um seinen Lieblingspub aufzusuchen oder mögliche Zeugen, dann ist man als Leser ebenfalls hautnah mit dabei und erfährt alle Details. Ich hege sogar die Vermutung, dass man – wenn man mit dem Buch in der Hand durch London schlendern würde – exakt das vorfändet, was Rowling sehr detailreich beschreibt: die Gerüche, die Geschäfte, die Einrichtungen, die Farbe der Haustüren in Mayfair … Hier schreibt m. E. wirklich jemand, der London erkundet hat.

Mein Fazit: Ein klassischer Whodunnit für Fans von etwas … altmodischer (und das meine ich nicht negativ) Kriminalliteratur und Menschen, die die britische Hauptstadt lieben. Mir hat das Buch Lust gemacht, weitere Bände aus der Reihe zu lesen.

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Ethan Cross: Spectrum

cross-spektrumAugust Burke ist anders. Irgendwie seltsam, geradezu wunderlich. Doch Burke ist auch ein Genie: Er erkennt Zusammenhänge, die allen anderen verborgen bleiben. Als es in einer Bank in Las Vegas zu einer Geiselnahme kommt, wendet sich Special Agent Samuel Carter vom FBI an ihn. Denn die Täter verhalten sich extrem ungewöhnlich und verschwinden schließlich sogar unbemerkt aus dem umstellten Gebäude. Mit Burkes Hilfe entdeckt das FBI den Zugang zu einem Geheimlabor unter der Bank – das eigentliche Ziel des Überfalls. Was haben die Räuber dort gesucht? Und haben sie es gefunden? Zusammen mit Carter und Officer Dominic Juliano vom SWAT folgt Burke ihrer Spur – und bekommt es mit einem Feind zu tun, der bereit ist, Tausende Menschenleben zu opfern.

„Spectrum“ ist der Auftaktband zu einer neuen Serie des amerikanischen Schriftstellers Ethan Cross (wahrer Name: Aaron Brown), der bisher vor allem durch seine „Shepherd“-Reihe um den Serienmörder Francis Ackerman jr. bekannt geworden ist (1: Ich bin die Nacht; 2: Ich bin die Angst; 3: Ich bin der Schmerz; 4: Ich bin der Zorn). Und was für die „Shepherd“-Reihe gilt, gilt auch für „Spectrum“: Der Roman ist ein gut geschriebener Pageturner, actionreich und sehr spannend. Auch hier werde ich das Gefühl nicht los, der Autor hat ihn mit dem Gedanken an eine Verfilmung verfasst: Die Kapitel sind sehr kurz und bringen eigentlich fast immer einen Perspektivwechsel sich. Dadurch erhält man nicht nur Einblick in das Handeln und die Gedanken der Ermittler, sondern auch in die der Verbrecher und sogar der Opfer. Doch, Achtung: Nicht jede Figur, die einen Namen, ein Gesicht und eine Biografie erhält, wird auch das Ende des Buches erleben. Das sorgt auf der Negativseite dafür, dass das Figurenkabinett ausgesprochen groß ist und man sich wieder und wieder neue Namen merken muss; andererseits hält Cross dadurch aber auch die Spannung aufrecht. Der Leser darf sich nie in Sicherheit wiegen, ob die Figur, in deren Schuhe er gerade in gewisser Weise schlüpft, auch tatsächlich das Kapitel überleben wird. Aber für die meisten der zentralen Figuren gilt, dass sie facettenreich gestaltet sind und dadurch Tiefe bekommen; die wenigsten der handelnden Figuren sind einfach nur gut oder böse, Grautöne sind hier beinahe an der Tagesordnung.

Vor allem folgt Cross auf der Seite der Sicherheitsbehörden FBI Special Agent Samuel Carter. Dieser ist schon etwas älter und wurde an den Schreibtisch verbannt. Der (vermeintliche) Bankbüberfall bietet ihm endlich eine Möglichkeit, wieder im Außendienst zu arbeiten und selbst aktiv zu werden. Carter ist verwitwet und ein väterlicher Freund von August Burke, den er nicht nur unterstützt und fördert, weil er ein Freund von dessen Vater ist. Burke ist wirklich der Sohn, den Carter und seine Frau nie hatten, und er ist der Einzige, der erkennt, dass der junge Mann mit dem Aspeger-Syndrom nicht verrückt ist, sondern eine besondere Sicht der Welt hat und ein Genie ist, wenn es um Technik geht. Und durch diesen Antrieb, der ihm auch besondere Durchsetzungskraft verleiht, ist er jemand, mit dem man zu jeder Zeit rechnen muss – auch wenn er äußerlich vielleicht nicht so wirkt.
Burke wiederum ist zwar ein Technikgenie – wenn er auch lieber seine Zeit damit verbringen würde, alte Autos zu restaurieren -, versteht aber wie so viele Autisten (korrigiert mich) das zwischenmenschliche Miteinander nicht und lehnt Körperkontakt ab. Wieder und wieder eckt er im Roman an, weil er Menschen mit seiner Art und seinen Worten vor den Kopf stößt – was ihm bei einigen von ihnen zumindest in gewisser Weise leidtut, bei anderen, die für ihn nicht wichtig sind oder die er schlicht für dumm hält, ist es ihm gleichgültig. Dies lässt den Leser im Verlauf des Romans das eine oder andere Mal schmunzeln oder auch staunen, wenn Burke Schlüsse zieht, die überraschend, aber bei näherer Betrachtung aber logisch sind.
Ein Polizist, den Burke mit seiner Art nicht vor den Kopf stößt, sondern der ebenfalls erkennt, dass Burke ein ganz besonderer Mensch ist, ist Dominic „Nic“ Juliano, der Leiter des SWAT-Teams. Nic wird hoffentlich in den Folgebänden mehr Raum einnehmen, denn er hat eine der interessanteren Biografien in diesem Roman: Er stammt aus einer mächtigen New Yorker Mafia-Familie und musste schon als Dreizehnjähriger zum ersten Mal im Auftrag seines Vaters, des Capo, einen Menschen foltern und ermorden, hat sich jedoch irgendwann entschlossen, auf die andere Seite zu wechseln und selbst Verbrecher zu bekämpfen. Dadurch hat er ebenfalls eine ganz besondere Sicht und zögert nicht, auch einmal ein wenig … durchzugreifen, falls dies nötig sein sollte.
Last but not least kämpft auf der Seite der Guten auch Constable Isabel Price von der südafrikanischen Polizei. Sie hat bei einem Massaker in einem Squatter-Camp ihren (zukünftigen Pflege-)Sohn verloren und jagt nun um die halbe Welt, um den Mörder zur Strecke zu bringen. Mit allen Mitteln. Dabei greift sie auf die Unterstützung des mysteriösen Kopfes einer weltumspannenden Verbrecherorganisation zurück – sein Name ist Möbius -, der selbst von dem Mörder hintergangen wurde und nun seine Chance gekommen sieht: Wenn er Isabel bei ihrer Jagd unterstützt, muss er sich die Hände nicht selbst schmutzig machen und hat die junge Beamtin darüber hinaus in der Hand. An der Figur von Isabel Price bekommt der Leser zumindest einen Eindruck davon, was ein Mensch zu tun bereit ist, um die zu rächen, die er liebt – Menschen, die bereit sind, in den Grauzonen zu arbeiten. Hier befindet sie sich in guter Gesellschaft mit den Figuren aus den „Shepherd“-Romanen, die ja ebenfalls Teil einer Task Force werden, weil sie außerhalb des Gesetzes Kriminelle zur Strecke bringen wollen, denen man mit dem Gesetz nicht unbedingt beikommen kann. Auch Isabel wird in den Folgebänden hoffentlich mehr Raum einnehmen. In „Spectrum“ kann man aber zumindest erahnen, dass mehr in dieser gequälten Figur steckt.
Neben den interessanten Protagonisten gibt es mit Krüger und seiner Ehefrau Zarina noch (mindestens) zwei faszinierende Antagonisten, wenn auch Zarina etwas blass bleibt, da sie ausschließlich aus der Sicht von Krüger beschrieben wird. Beide kennen sich bereits seit ihrer Kindheit und haben ihre Familien auf der Flucht verloren – und mussten dabei mit ansehen, wie geliebte Menschen von wilden Tieren zerfleischt wurden. Was der Grund ist für Zarinas Blutdurst und dafür, dass auch Krüger eine zweite Persönlichkeit, ein Alter Ego namens Idris, entwickelt hat, die im Gegensatz zu dem gewissenlosen, eiskalten Mörder ein eher traditionelles Leben führt.

Neben den Charakteren hat aber auch die Handlung des Romans an sich hohes Unterhaltungspotenzial. Die Protagonisten und oft auch der Leser können oft nur erahnen, welche wahren Ziele ihre Gegner verfolgen. Der Werbetext des Buches verrät es ja schon: Obwohl der Roman mit einem Massaker in Südafrika und einem Banküberfall in Las Vegas beginnt, geht es in „Spectrum“ um so ziemlich alles andere als einen Banküberfall. Immer wieder verbergen sich Pläne hinter Plänen, werden in Wirklichkeit ganz andere Ziele verfolgt, als viele der handelnden Figuren und selbst der beteiligten Kriminellen ahnen. Das verlangt natürlich dem Leser ab, dass er der Handlung aufmerksam folgt und bereit ist, sich auf immer noch Wendungen und Überraschungen einzulassen.

Mein Fazit: Noch sind die Protagonisten nicht so „charismatisch“ (ähem) und mit der nötigen Tiefe versehen wie Francis Ackerman jr. und sein Bruder Marcus Williams, aber das Buch ist ein derartiger Pageturner, dass ich einen möglichen Folgeband auf jeden Fall lesen würde.

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Jen Turano: Ein Kindermädchen zum Verlieben

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Millie Longfellow ist in einem Waisenhaus aufgewachsen und deshalb liegen ihr Kinder besonders am Herzen. Daher hat sie beschlossen, die beste Nanny zu sein, die die wohlhabenden Familien an der amerikanischen Ostküste je gesehen haben. Doch leider stößt ihre unkonventionelle Art bei ihren bisherigen Arbeitgebern nicht gerade auf Begeisterung, was auch der Grund dafür ist, dass sie bislang nie eine Stelle lange gehalten hat.
Everett Mulberry ist Junggeselle, hat aber nach dem unerwarteten Tod eines guten Freundes und seiner Frau deren drei Kinder geerbt. Und diese drei sind so wild, dass alle Kindermädchen schon nach kurzer Zeit die Flucht ergreifen. Als er beschließt, den Sommer mit seiner standesgemäßen Freundin in Newport zu verbringen, ist er wieder einmal verzweifelt auf der Suche nach einer Nanny.
Everett und Millie sind beide mit ihrem Latein am Ende, als die Mitarbeiterin der Arbeitsagentur ihnen eine letzte Chance gibt: miteinander. Während Millie sich rasch in den jungen Mann verliebt, bemüht sich Everett darum, die Erwartungen der guten Gesellschaft zu erfüllen und eine Dame aus guter Familie zu ehelichen.
Doch als er Zeit mit Millie und den drei Kindern verbringt und den verdächtigen Tod ihrer Eltern untersucht, beginnt er zu ahnen, dass zu einem guten Leben mehr gehört als Geld, eine Vernunftehe und die Anerkennung der Gesellschaft.

„Ein Kindermädchen zum Verlieben“ ist der zweite Band in Jen Turanos Reihe „A Class of Their Own“, die die Abenteuer der drei Freundinnen Hannah, Millie und Lucetta schildert – oder vielmehr wie sie ihren Platz im Leben und ihren „Prince Charming“ finden. Buch 1 – „Braut auf Zeit“ – schilderte die Geschichte von Hannah und war ganz offensichtlich inspiriert von „Pretty Woman“, der Geschichte einer jungen Frau, die zu einer niedrigen Gesellschaftsschicht gehört, dann aber von einem reichen Mann engagiert wird, seine Verlobte zu spielen – und natürlich endet das Ganze mit einem Happyend. Dieses zweite Buch ist deutlich angelehnt an Jane Austens Klassiker „Stolz und Vorurteil“ und nimmt auch Anleihen bei „Mary Poppins“ und klassischen Märchenelementen. Es wird aus der Perspektive der beiden Protagonisten erzählt; die einzige Ausnahme bildet der Epilog, der aus der Sicht des Reverends geschrieben ist und als Aufhänger für den Abschlussband der Trilogie dient.
Millie ist witzig, nicht auf den Mund gefallen und liebt Kinder über alles. Sie will ihnen das geben, was sie nie hatte: ein Zuhause, in dem sie geliebt werden, in dem sie geborgen sind und wachsen und sich weiterentwickeln können. Das einzige Problem ist, dass sie eine sehr unkonventionelle Art hat und ihre Methoden leider bei den dazugehörigen Eltern – die zur Oberschicht gehören – auf wenig Begeisterung stoßen, was der Grund dafür ist, dass sie wieder und wieder ihre Anstellung verliert. Und das Beste: Sie ist ein echter Bücherwurm, der sich ständig weiterbildet. Als sie ihre Anstellung bei Everett antritt und zur Sommerfrische nach Long Island reist, werden ihre Prioritäten deutlich: Zuerst packt sie ihre Lieblingswörterbücher ein, dann einen Thesaurus, ihre Bibel, einige von Shakespeares Werken und dann noch zwei Bücher von Jane Austen; und in die restlichen Lücken in ihrem Koffer steckt sie dann noch ein bisschen Kleidung. Eine solche literarische Figur muss man doch lieben, oder? Allerdings ist Millie in gesellschaftlicher Hinsicht natürlich nicht standesgemäß, als sie sich in Everett verliebt, aber sie ist die Frau, die er rein menschlich braucht. Denn sie ist ein Gegenüber, das ihn nicht nur ungeachtet seiner gesellschaftlichen Position liebt (im Gegensatz zu seiner Freundin, für die er ausschließlich aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung von Interesse ist), sondern an dem er sich auch „reiben“ kann, weil sie ihn zum Nachdenken bringt. Bis Everett dies aber erkennt und akzeptiert, geht allerdings eine Weile ins Land.
Everett hat seine drei Kinder nach dem unerwarteten Tod eines befreundeten Ehepaar geerbt, hat aber als Junggeselle wenig Ahnung, wie man mit den drei kleinen Teufelskerlen umgeht. Was auch der Grund dafür ist, dass ihm die Kindermädchen davonlaufen und seine Verzweiflung schließlich so groß ist, dass er Millie einstellen muss, um seine Freundin (und potenzielle Zukünftige) zur Sommerfrische nach Long Island zu begleiten. Doch durch den Kontakt mit Millie, die ihm unerwartet nicht den Respekt erweist, wie er dies gewohnt ist, sondern ihm ihre Meinung geradeheraus kundtut und ihn dadurch zum Nachdenken bringt, erkennt er, dass er in seinem Leben die falschen Prioritäten setzt. Dass Dinge wie Familie und ein gutes Lebensfundament wichtiger sind als der soziale Status und die Meinung der Mitmenschen. Es war schön, miterleben zu dürfen, wie er sich als Mensch in dieser Zeit weiterentwickelt und wie er wächst und – um mit Jane Austen  und „Stolz und Vorurteil“ zu reden – wie er sich an die Werte erinnert, die man ihm früher mitgegeben hat, und sich von einem überheblichen Snob in einen wahren Gentleman verwandelt, den Millie bereit ist zu heiraten.
Und wie in „Stolz und Vorurteil“, so gibt es auch in „In Good Company“ eine Antagonistin namens Caroline (hier allerdings nicht Bingley, sondern Dixon), und man spürt, dass Turano viel Freude hatte, eine so unangenehme Zeitgenossin zu schreiben. Sie ist hochmütig, berechnend, herzlos … Es macht wirklich Spaß, ihre Szenen zu lesen, weil man nie weiß, was sie nun wieder ausheckt. Und das Gute an der Geschichte: Turano nimmt auch diese Figur so ernst, dass sie ihr kein plattes Ende à la „Sie ist die Gegenspielerin, also wird sie mit einem schrecklichen Schicksal ‚belohnt'“ schenkt, sondern sie einfach das Leben leben lässt, das sie sich erwünscht hat – ohne die „Segnungen“, die eine echte Partnerschaft mit sich bringt.

Die Geschichte bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen humorvoll und irrwitzig und beschenkt den Leser mit vielen witzigen Dialogen und Szenen. Und da das Buch in einem konfessionellen Verlag erschienen ist, webt Jen Turano auch Glaubensdinge organisch in die Geschichte ein. Die Kinder und auch Millie beschäftigt die Frage, wie Gott den frühen Verlust ihrer Eltern zulassen konnte (die alte Frage „Wo ist Gott, wenn Menschen leiden?“), und vor allem Everett erfährt, welchen Unterschied ein Fundament des Glaubens in einer Ehe und in der Beziehung zu den (eigenen) Kindern macht, im Vergleich zu den Beziehungen, die er sonst in seinem gesellschaftlichen Umfeld sieht.

Mein Fazit: Ich habe das Buch mit großem Genuss gelesen und bin schon sehr gespannt, wie die Geschichte von Lucetta Plum, der letzten der drei Freundinnen, ausgehen wird!

PS: Die deutsche Ausgabe von Band 3 der Reihe – Playing the Part – wird im Juni 2018 erscheinen.

 

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Ulf Torreck: Fest der Finsternis

torreck-fest-der-finsternisParis im August 1805: Louis Marais, einst gefeierter Kommissar der Pariser Polizei, wird im Sommer 1805 von dem intriganten Polizeiminister Joseph Fouché von seinem Exil in Brest nach Paris zurückbeordert, um in einer unheimlichen Mordserie an jungen Frauen zu ermitteln. Einziges gemeinsames Merkmal: Alle Frauen wurden auf entsetzliche Weise verstümmelt und haben kurz vor ihrem Tod ein Kind zur Welt gebracht. Als Marais in einer der Leichen ein mysteriöses Kreuz entdeckt, dessen Bedeutung niemand kennt, erkennt er, dass er Unterstützung braucht.
Er zieht den berüchtigten Libertin und Schriftsteller Marquis de Sade als Berater heran, der gerade wieder einmal in eine Irrenanstalt verbannt wurde. Sade kennt die Abgründe des Bösen wie kein Zweiter. Das ungleiche Paar begibt sich auf eine Mörderjagd … immer weiter hinab in die menschlichen Abgründe. Als dann auch noch der Polizeipräfekt Jean-Marie Beaume dem grausamen Mörder zum Opfer fällt und man ihnen die Tat in die Schuhe schiebt, ist nicht länger klar, ob sie es mit einer politischen Verschwörung zu tun haben oder mit einer Satanistensekte, die bis in die höchsten Kreise reicht.

„Fest der Finsternis“ ist das erste Buch des Leipziger Schriftstellers Ulf Torreck, das ich gelesen habe, und definitiv nicht das letzte. Der historische Thriller ist sehr gut recherchiert. Man spürt, dass sich der Autor intensiv mit den historischen Gegebenheiten und Personen auseinandergesetzt hat. Natürlich sind die hier geschilderten Ereignisse um tatsächliche historische Persönlichkeiten wie dem Marquis de Sade, Louis Marais, Talleyrand und Joseph Fouché fiktiv, aber es fließen auch immer reale Fakten in die Handlung ein – z. B. die Werke de Sades und seine (sexuellen) Gepflogenheiten, politische Intrigen, gesellschaftliche Vorgänge. Einige Rezensenten bemängeln diese detailierten Beschreibungen und werfen dem Autor vor, dass er von der eigentlichen Handlung abschweift. Im Gegensatz dazu fand ich jedoch, dass diese mehr oder weniger relevanten Hintergrundinfos erstaunlich organisch in die Geschichte einfließen. Sie sorgten dafür, dass ich den Elend und den Dreck und das Chaos von Paris regelrecht vor mir sehen konnte und ein Verständnis für die gesellschaftlichen Zustände bekam: für die politischen Intrigen, die komplexen Machtverhältnisse, dafür, wie Menschen geendet sind, die keinen Nutzen mehr für die Gesellschaft hatten …  Ich habe bereits Bücher anderer (deutscher) Autoren gelesen, denen es weitaus weniger gut gelingt, ihre Recherchen auf eine Weise in ihren Roman einfließen zu lassen, dass ich nicht das Gefühl hatte, in einer Vorlesung zu sitzen.
Auch versteht es der Autor, eine gelungene Mischung an Action, deskriptiven Passagen und philosophischen/religiösen Ausführungen zu schaffen. Bei mir kam zu keiner Zeit Langeweile auf oder das Gefühl, dass Torreck sich Längen erlaubt. Im Gegenteil. Ich konnte das Buch über weite Strecken nicht aus der Hand legen, sondern war immer wieder gespannt darauf, welche Wendungen der Autor sich einfallen lässt. Wie de Sade und Marais habe ich bis zuletzt gerätselt, ob sich hinter den entsetzlichen Morden eine politische Verschwörung verbirgt oder die Rituale eines jahrhundertealten Satanistenkultes.

Was für die Handlung gilt, das gilt ebenfalls für die handelnden Figuren, allen voran Commissaire Louis Marais und der alternde Marquis de Sade. Auch der Fundus an interessanten Nebenfiguren ist sehr groß und überaus vielfältig – es gibt hohe Politiker, vielfältigen Polizisten, absonderliche Geistliche, Kopfjäger, Huren, Waisenkinder, Schreckgestalten … Wer das Gefühl hat, den Überblick zu verlieren, der kann aber jederzeit auf das Verzeichnis der dramatis personae zurückgreifen, das sich im Anhang des Buches befindet. Allerdings war dies für mich eigentlich nie nötig, da die relevanten Figuren nicht nur einen Namen haben, sondern auch hinsichtlich ihres Aussehens und Charakters so gut gestaltet sind, dass ich sie mir vorstellen konnte – und dass sie im Gedächtnis blieben.
So unterschiedlich, wie die Figuren sind, so unterschiedlich sind auch die beiden Protagonisten de Sade und Louis Marais. Auf der einen Seite der alternde Libertin, Philosoph und Schriftsteller, der seine Sexualität mit Angehörigen beider Geschlechter auslebt, weder an Gott noch an den Teufel glaubt und es liebt, Menschen in Wort und Tat zu schockieren. Dass sich hinter den Serienmorden etwas anderes verbergen könnte als eine politische Verschwörung und die Unmoral der hohen Gesellschaft, kommt für ihn nicht infrage. Auf der anderen Seite der tiefgläubige Katholik Marais, der aufgrund einer politischen Intrige strafversetzt wurde und gerade erst Frau und Kind verloren hat. Er ist der Auffassung, dass Gott ihn nach Paris zurückgeführt hat, damit er in dessen Namen die Satanistensekte zu Fall bringt, die der Verursacher der schrecklichen Morde ist. Als diese beiden aufeinanderstoßen, kommt es verständlicherweise nicht nur zu Spannungen, sondern auch zu interessanten Dialogen über – im wahrsten Sinne des Wortes – Gott und die Welt. Marais hat zwar in der Vergangenheit immer wieder einen Blick in die Abgründe der Menschheit werfen können, aber der Abgrund, der sich ihm in den Frauenmorden auftut, übersteigt seine Vorstellungskraft.
Dass ein Autor zwei so gegensätzliche Protagnisten auf die Jagd nach einem Mörder schickt, ist – wenn man sich die Kriminalliteratur anschaut – nichts Ungewöhnliches. Wohltuend fällt in „Fest der Finsternis“ auf, dass die beiden Helden nicht miteinander versöhnt sind oder gar gute Freunde werden. Am Ende trennen sich ihre Wege wieder (schade!), aber zumindest bleibt bei beiden ein gewisser Respekt für die Schläue des einen (die Cleverness eines de Sade) und die Integrität des anderen (Marais). Mit de Sade und Marais werden in „Fest der Finsternis“ zwei (historische) Gestalten lebendig, die zu einer Zeit leben, als die moderne Wissenschaft geboren wurde, als die Aufklärung den Aberglauben bzw. Glauben des Katholizismus vertrieb – wobei jeweils eine der Figuren für eine der beiden Seiten steht, wenn sich auch Marais hin und wieder modernen Mitteln bedient.
Positv fällt auch die Gestaltung der weiblichen Figuren auf. Diese sind im Roman alles andere als „Damsels in Distress“. Im Gegenteil. Sie sind selbstbewusst, selbstständig, ambitioniert, lieben ihre Freiheit und verfolgen ihre ganz eigenen Interessen – völlig unabhängig von den männlichen Figuren. Sie müssen nicht gerettet werden, sondern sind einfallsreich und durchsetzungsfähig genug, um die Antagonisten (mit) zu Fall zu bringen. Dass die Auflösung der Morde von einer Frau berichtet wird, war noch einmal ein ganz besonderer Schachzug des Autors – ein ganz besonders schockierender!

Wo viel Licht ist, da gibt es natürlich auch Schatten – die Kritikpunkte an diesem Buch.
Zum einen wird immer wieder auf eine Vorgeschichte hingewiesen, auf Kriminalfälle, bei denen sich de Sade und Marais kennengelernt haben, Fälle, die dazu führten, dass Marais nach Brest verbannt wurde, die zum Bruch mit z. B. Beaume und Fouché geführt haben und noch Jahre später dafür verantwortlich sind, dass man ihm die vermeintlich irrtümliche Verurteilung einer jungen Frau vorwirft. Ich dachte lange, dass ich schlicht das falsche Buch aus der Reihe zuerst gelesen habe, musste aber erkennen, dass die Vorgeschichte nach (?) „Fest der Finsternis“ veröffentlicht wurde – leider nur als E-Book.
Der weitaus größere Kritikpunkt an „Fest der Finsternis“ ist das wirklich nachlässige Korrektorat. „Gewöhnliche“ Rechtschreibfehler gab es nur wenige. Aber schon lange habe ich kein Buch eines etablierten Verlages gelesen, das so viele Zeichensetzungsfehler enthielt wie dieser Roman; die Anzahl der fehlenden Kommas ist enorm (und auch die der falsch gesetzten). Auch die fehlerhafte Groß- bzw. Kleinschreibung der Personalpronomen in den Dialogen war von Zeit zu Zeit ausgesprochen ärgerlich. Ich hatte hin und wieder das Gefühl, dass der Autor sich teilweise nicht entscheiden konnte, ob er die höfliche Anrede „Sie“ wählen sollte oder „Ihr“ – oder vielleicht war auch das nur auf eine fehlerhafte Großschreibung zurückzuführen.
Weiterhin gibt es eine 6szene im Buch, die so dezent ist, dass ich noch einmal zurückblättern musste, als mir klar wurde, dass ich sie überlesen haben musste. Da der Autor auch keine Hemmungen hatte, die schrecklichen Szenen um die jungen ermordeten Mädchen zu schildern, fand ich dies ausgesprochen überraschend.
Und zum Ende des Buches hin (S. 610) stellt der Messdiener eines Gemeindepriesters den Korb mit dem Messwein auf einer Seite vor Schreck gleich zweimal ab. 😉

Mein Fazit: Trotz der letztgenannten Kritikpunkte ist „Fest der Finsternis“ ein exzellenter historischer Krimi, der mir persönlich Lust gemacht hat, in Zukunft noch mehr von diesem Autor zu lesen. Wenn er denn noch weitere historische Romane verfassen würde.

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Mary Calmes: All Kinds of Tied Down (Marshals #1)

Deputy US Marshal Miro Jones wird von seinen Kollegen dafür geschätzt, dass er auch in haarigen Situationen einen kühlen Kopf bewahrt und sich immer an die Vorschriften hält. Deshalb hat man ihm einen Partner zugeteilt, der das genaue Gegenteil von ihm ist. Ian Doyle ist ein Ex-Special-Forces-Soldat und eher ein „Erst schießen, dann fragen“-Typ. Doch wider Erwarten sind aus den beiden so verschiedenen Männern in den vergangenen drei Jahren gute Freude geworden, die sich blind vertrauen. Miro weiß, dass Ian ihm trotz seiner unkonventionellen Vorgehensweise immer Rückendeckung geben wird. Doch mittlerweile wünscht er sich noch viel mehr von seinem Partner …

„All Kinds of Tied Down“ ist Band 1 der sogenannten Marshal-Reihe (die im Deutschen unter dem Namen „Verliebte Partner“ erhältlich ist), auf die ich als Fan der sog. „Cut & Run“-Serie von Madelaine Urban und Abigail Roux aufmerksam wurde. Auch hier geht es um zwei völlig verschiedene Männer, die (zunächst gegen ihren Willen) Partner werden und sich zusammenraufen müssen. Allerdings setzt „All Kinds of Tied Down“ bereits zu einem Zeitpunkt ein, in dem die beiden beste Freunde geworden sind und den anderen trotz oder gerade wegen seiner Unterschiedlichkeit schätzen.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Miro. Dieser ist in unterschiedlichen Pflegefamilien aufgewachsen, hat aber nach einigen kleineren Delikten die Kurve noch bekommen und nicht nur die Schule beendet, sondern auch ein Studium begonnen. Dort hat er seine vier besten Freunde oder vielmehr beste Freundinnen kennengelernt, die heute seine wahre Familie sind. Er ist homosexuell und hat – Stereotyp-Alarm – eine Schwäche für edle Klamotten. Für meinen Geschmack wird viel zu häufig erwähnt, dass sein Mantel X Dollar gekostet hat und von Marke XYZ stammt oder seine weichen und für den Job völlig ungeeigneten Stiefel von ZYX stammen und XY Dollar gekostet haben. Na ja. Schon von Beginn an gesteht uns Ich-Erzähler Miro, dass er in seinen Partner völlig verliebt ist – und durch die wirklich nicht allzu dezent eingestreuten Hinweise Zaunpfähle wissen wir ebenfalls, dass sein Partner Ian auch mehr als nur freundschaftliche Zuneigung für ihn empfindet.
Ian hat zwar eine feste Freundin, aber es ist für den Leser von vornherein offensichtlich, dass die beruflich erfolgreiche Emma und der Green Baret wenig gemein haben und nicht wirklich zusammenpassen. Abgesehen von der Tatsache, dass die beiden auch im Bett nicht harmonieren, hat Emma eher eine Schwäche für Anzugträger und edle Restaurants – im Gegensatz zu dem T-Shirt und Cargohosen tragenden Ian. Ganz abgesehen davon, dass Ian zwar beruflich alles im Griff hat, emotional aber ganz offensichtlich auf Miro angewiesen ist, gefühlt nirgendwo ohne seinen Partner hingeht und immer wieder das Bedürfnis verspürt, diesen zu berühren (Zaunpfahl!).
Daneben ist das Buch angefüllt mit witzigen Freunden, großartigen Kollegen, einem verständnisvollen, aber toughen schwulen Boss – die beiden netten Männer scheinen auch primär nur von netten Zeitgenossen umgeben zu sein.
Und einer statitisch unwahrscheinlichen Menge an homosexuellen Kollegen.

Ein großer Schwachpunkt der Geschichte ist die Tatsache, dass die Handlung an sich eher auf schwachen Füßen steht. Gefühlte 140 Seiten lang (ca. die Hälfte des Buches) besteht die Handlung aus Mini-Episoden à la „Dann sind wir mit einem Haftbefehlt zu XYZ gefahren und haben den örtlichen Behörden geholfen, ihn festzunehmen“. Vorher wird lediglich einmal ein Serienmörder Craig Hartley erwähnt, der sich einiger Zeit im Knast sitzt, aber offenbar einen Fan hat, der seine Morde nach dessen Vorlage durchführt. Hartley hat ein … deutliches Interesse an Miro und bringt diesen dazu, ihn regelmäßig im Gefängnis zu besuchen. Aber in diesem ersten Band läuft dieser Handlungsstrang noch ins Leere … Ein zweiter – der wichtige – Handlungsstrang berichte von Miros und Ians Fahrt nach Tennessee, wo sie einen Zeugen davor bewahren müssen, von einem Killerkommando ermordet zu werden. Drake Ford, so der Name des jugendlichen Zeugen, hat einen Mafia-Mord mitangesehen und soll nun aussagen und mit seinem Freund in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden. Was natürlich nicht ohne die obligatorische Verfolgungsjagd mitsamt Schießerein vonstatten geht. Aber abgesehen von diesem Handlungsstrang, der erst ab ca. 54 % des Buches langsam einsetzt, sind die bis dahin geschilderten Episoden reine Füller, eine Aneinanderreihung von unwesentlichen Details – oder um es mit anderen Worten zu sagen: Man hätte das Buch deutlich straffen können!

Ach ja, die obligatorischen 6zenen gibt es ebenfalls, angefangen von der üblichen „Waaas? Du liebst mich? Komm, lass dich an einem öffentlichen Ort hinter die Büsche ziehen, damit ich dir einen BJ geben kann“-Szene bis zu „Standardszenen“, in denen wir erfahren, dass es bei Ian und Emma im Bett deshalb so mies läuft, weil der Exsoldat nicht gern die Führung übernimmt, falls ihr versteht, was ich meine.

Mein Fazit: Auch wenn es nach diesen Ausführungen nicht so klingt: Die Beziehungsseite von „All Kinds of Tied Down“ ist sehr unterhaltsam und vor allem warmherzig. Ich  mag die witzigen Dialoge und die innige Freundschaft der beiden Männer, aber wenn ich ehrlich bin, ist vieles daran sehr stereotyp. Und die eigentliche Story viel zu langatmig.  

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Thomas Franke: Das Licht scheint in die Finsternis

Thomas FrankeAls Jonathan Brendel nach der Testamentseröffnung erfährt, dass seine Mutter ihm 150.000 Euro vermacht hat, kann er sein Glück kaum fassen. Allerdings hat die Sache einen Haken: Er kann das Erbe nur gemeinsam mit seinem Bruder Maik antreten, der allerdings vor vielen Jahren spurlos verschwunden ist. Also macht Jonathan sich auf die Suche nach seinem Bruder. Doch schon bald muss er erkennen, dass Maik offenbar in irgendwelche illegalen Geschäfte verwickelt ist, denn es will niemand wirklich mit ihm über seinen Bruder reden.
Bei seiner Suche lernt er die Krankenschwester Mara kennen. Schnell merkt er, dass sich in ihrem Leben etwas Schreckliches ereignet hat, von dem sie aber nicht so richtig erzählen will …

„Das Licht scheint in die Finsternis“ ist ein neuer Roman des Berliner Schriftstellers Thomas Franke, den ich sehr schätze, weil er ein begnadeter Erzähler ist, dem es gelingt, eine gut erzählte, packende Story und glaubwürdige Charaktere mit einer (geistlichen) Botschaft zu verbinden. Allerdings vermittelt er seine spirituelle Botschaft immer sehr dezent, sodass sich auch ein nichtchristlicher Leser nicht angepredigt fühlt. Darüber hinaus verfasst er auch primär „besondere“ Romane – Romane, die gekonnt reale Ereignisse und Fantasy-Elemente in sich vereinen. Romane, die noch (mindestens) eine zweite (Erzähl-)Ebene haben und mich als Leser zum Nachdenken einladen.
So auch in „Das Licht scheint in die Finsternis“, wo es neben Jonathans Suche nach seinem Bruder noch eine zweite Erzählebene gibt, in der ein Mann namens Sokjan in einer Gruft zu sich kommt. Er weiß nicht, wie er in diese Gruft gekommen ist, die sich wiederum in einer verfallenden Festung in der Wüste befindet. Während er durch die Festung irrt, stößt er auf zwei mysteriöse Wesen: einen kleinen Jungen und eine böse Schattengestalt. Diese stehen – das wird im Laufe der Handlung deutlich – für die zwei Seiten seines Wesens: den vertrauensvollen, offenen Jungen, der er einmal war, und der böse Erwachsene, der seine Emotionen unterdrückt und Masken trägt und niemanden und nichts an sich heranlässt. Die Interaktion mit den beiden stellt ihn schließlich vor eine Entscheiden: Für welche der beiden Gestalten – für welche der beiden Ich – wird sich Sokjan entscheiden? Und wer ist Sokjan überhaupt wirklich?
Auf der Gegenwartsebene sucht Jonathan, wie gesagt, nach seinem verschollenen Bruder Maik. Jonathan ist erfrischend normal. Er ist – im Gegensatz zu viel zu vielen männlichen Protas – kein wunderschöner, gut gebauter, charmanter Adonis, dem die Frauen reihenweise zu Füßen fallen. Nein, er ist ein eher ruhiger Zeitgenosse, der seine ganze Zeit und Energie in seinen Job steckt: Er arbeitet als freiberuflicher Lektor, der in Berlin gemeinsam mit einer Freundin eine Agentur eröffnet hat und nun auf der Suche nach potenziellen Autoren ist. Hier gibt Thomas Franke einen kleinen Einblick in den Literaturbetrieb – der Kampf um gute Autoren und wie viele auch abstruse Manuskripte Lektorate erhalten. Herzlich lachen musste ich bei der Erwähnung von „Ralf Müllers Visionen“, einem Manuskript, in dem es um die abartigen sexuellen Fantasien eines cracksüchtigen Soziologiestudenten geht:

„Eine Handlung war nicht erkennbar, und der Text war im Plusquamperfekt verfasst, was der Autor damit begründete, dass der Roman auf den letzten synaptischen Verbindungen des bereits erkaltenden Leichnams des Protagonisten beruhte, der sich in einem kannibalistischen Akt der Selbstverstümmlung versehentlich suizidiert hatte.
Das Exposé enthielt keine Inhaltsangabe, da diese, wie der Autor selbstbewusst feststellte, dem künstlerischen Wert des Gesamtwerks niemals gerecht werden könne, stattdessen gab es einen detaillierten Vorschlag für die zukünftige Marketingstrategie und eine sehr selbstbewusst vorgetragene Vorgabe für die zu erwartenden Honorarverhandlungen.“

Köstlich!

Bei seiner Suche lernt Jonathan die Krankenschwester Mara kennen. Diese trägt eine schreckliche Narbe im Gesicht, unter der sie verständlicherweise sehr leidet. Über den Grund für ihre Verletzung erzählt sie Jonathan lange nichts, doch der Hass auf den Verursacher prägt bis in die Gegenwart ihr Leben und hat zweifellos ihren Wunsch geprägt, Menschen als Krankenschwestern zu helfen und zu heilen. Obwohl sie ein eher zurückgezogenes Leben führt und Jonathan immer wieder auf Distanz hält, gibt dieser nicht auf und lädt sie wiederholt ein. Und sie lässt sich darauf ein. Ich habe mich ehrlich gesagt lange gefragt, was Jonathan so zu ihr hinzieht. Aber eine Antwort habe ich darauf nicht gefunden – es muss etwas sein, das sich zwischen „Sie sieht halt – abgesehen von ihrer Narbe – unheimlich gut aus“ und „Jonathan hat das Helfersyndrom“ liegt. Nichtsdestotrotz schafft Franke es sehr schön, dem Leser zu vermitteln, dass Mara zutiefst hin- und hergerissen ist zwischen ihrer Rache und der Erkenntnis, dass diese Rache nichts an ihrer Vergangenheit ändern, sondern auch ihre Zukunft zerstören wird. Und dass Vergebung der Schlüssel sein kann … oder ist.
Aber wie dem auch sei: Schließlich wird sich im Roman herausstellen, dass das „Schicksal“ einen grausamen Sinn für Humor hat, denn es gelingt Franke geschickt, die Geschichten von Jonathan und Mara und auch von Maik zusammenfließen zu lassen.

Mein Fazit: Ein actionreicher Roman mit leichten Schwächen in der Charakterisierung von Mara, der mich einlädt, über Vergebung und authentisch leben nachzudenken. Thumbs up!