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Sarah J. Maas: Kriegerin im Schatten (Throne of Glass #2)

Celaena hat sich in einem unerbittlichen Wettkampf gegen ihre Konkurrenten durchgesetzt und ist nun Champion des Königs. Nach seinen Vorgaben soll sie unliebsame Gegner beseitigen, die dessen grausame Herrschaft beenden wollen. Doch statt sie aus dem Weg zu räumen, warnt Celaena seine Feinde und ermöglicht ihnen so die Flucht. Dieses Geheimnis verbirgt sie zunächst selbst vor Chaol, zu dem sie sich gegen ihren Willen immer mehr hingezogen fühlt. Wie sehr kann sie ihm vertrauen? Schließlich ist Chaol der Captain der königlichen Leibgarde.

Aber auch Celaenas Verbündete Nehemia und Prinz Dorian von Adarlan haben ihre Geheimnisse. Nehemia scheint mit Archer Finn, einem alten Freund von Celaena, in eine Verschwörung gegen den König verwickelt zu sein, hilft der Assassinin aber weiterhin, Wyrdzeichen zu lernen, um dem Mysterium um die Macht des Königs auf die Spur zu kommen. Und Kronprinz Dorian entdeckt, dass er magische Fähigkeiten besitzt – etwas, das seinen Tod bedeuten könnte, wenn jemand davon erfährt …

„Kriegerin im Schatten“ ist Band 2 der „Throne of Glass“-Fantasyserie von Sarah J. Maas. Das Buch hat mich stärker überzeugt als sein Vorgänger „Die Erwählte“. Celaena wurde zwar im 1. Band als die berüchtigste Assassinin des Landes eingeführt, aber spüren konnte ich davon wenig. Auch plätscherte die (nicht wirklich vorhandene) Handlung im Einsteigerroman noch recht vor sich hin. Band 2 hat mich jedoch stärker gepackt. Die Geschichte nimmt jetzt deutlich an Fahrt auf. Sie ist vielfältiger und füllt auch tatsächlich ein so umfangreiches Buch. Sprachlich gibt es immer noch einige unschöne Passagen/Begrifflichkeiten – Sätze, in denen z. B. zweimal das Wort „heute“ vorkommt, und die Autorin/Übersetzerin scheint auch eine nervtötende Vorliebe für das Verb „rasen“ zu haben (könnten wir das bitte so langsam mal durch „eilen“, „hasten“, „stürmen“ oder „rennen“ ersetzen?!) –, aber die Geschichte hat mich so mitgerissen, dass ich darüber hinweglesen konnte. Schön auch, dass man endlich etwas mehr über die Geschichte des Landes erfährt (nachzulesen auf den Seiten 386-389), was aber auch nötig ist, da die Jagd nach den Wyrdschlüsseln ja glaubwürdig motiviert sein muss.

Die Figur der Celaena gibt in diesem Buch eine glaubwürdigere Assassinin ab. Zwar investiert sie ihren Lohn als Champion des Königs immer noch primär in typisch weibliche Dinge („Celaenas Lohn als Champion des Königs war beachtlich und sie gab ihn bis auf den letzten Cent aus. Für Schuhe, Hüte, Tuniken, Kleider, Schmuck, Waffen, Haarschmuck und Bücher. Ganze Stapel. So viele Bücher, dass Philippa ein neues Regal bringen lassen musste.“) und hat eine Schwäche fürs Ausschlafen und Essen, aber durch die Beschreibung unterschiedlicher Einsätze oder Kämpfe bekomme ich zumindest einen besseren Eindruck davon, warum sie so gefürchtet wird. Ihr fehlt zwar immer noch etwas Selbstdisziplin und Verschlagenheit, und sie ist auch oft erstaunlich naiv („Um Erileas Wohl betete Celaena, dass der König nie auch nur von Wyrdzeichen gehört hatte.“ Ähm, ja, an unterschiedlichen Stellen im Schloss finden sich Wyrdzeichen, dass der König diese in all den Jahren noch nicht entdeckt hat oder die Geschichte seines eigenen Landes nicht kennt – eher unwahrscheinlich), aber ihre Reaktion auf einen Todesfall oder einen Verrat (no spoilers …) verschafft mir als Leser eine Ahnung davon, inwiefern sie auch in der Lage ist, ihre Emotionen abzustellen, wenn es darauf ankommt. Allerdings ist sie eine so große Sympathieträgerin, dass sie unter ihren Taten leiden muss, damit sie weiter die edle Heldin bleibt. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass sie etwas mehr Entschlossenheit besäße, da sie zwar ihre Opfer gehen lässt und sich im Auftrag des Königs auf die Spur von Verschwörern begibt, aber damit verfolgt Celaena nicht wirklich ein Ziel … Sie ist sich bewusst, dass sie nicht frei ist – und es auch nie war -, aber selbst wenn sie frei wäre, wüsste sie vermutlich nicht, was sie mit dieser Freiheit anfangen sollte.
Chaol und Dorian bekommen in diesem zweiten Buch etwas mehr zu tun, aber vor allem der Captain der Leibgarde bleibt noch etwas blass. Wir erfahren, dass er täglich mit Celaena joggen geht, dass er die Wachen einteilt und kontrolliert – und dass er (zumindest) edelmütig auf die junge Frau verzichtet, weil er erkennt, dass sein Freund Dorian ebenfalls in sie verliebt hat. Allerdings muss er dann auch den Preis für seine schon penetrante Loyalität zahlen. Zum Ende des Buches hin bekommt man als Leser den Eindruck, dass er endlich aufgewacht ist …
Ein unangenehmes Erwachen erlebt auch Dorian. Er weiß zwar, welche Art Mensch sein Vater ist, wagt es aber zu keiner Zeit, auch nur innerlich dagegen zu rebellieren. Es gibt in „Kriegerin im Schatten“ (endlich) einen kleinen Plottwist, was seine Person angeht, die dazu führt, dass er wenigstens im Verborgenen aus seiner festgelegten Rolle ausbricht. Ich hoffe auch hier, dass er in den Folgebänden weitere Facetten bekommt.
Die letzte interessante Figur ist Prinzessin Nehemia, zu der ich an dieser Stelle allerdings nicht zu viel verraten will. Auch wenn sie die Einzige ist, die wirklich gegen den König aufsteht (Spoiler, ggf. markieren), ist ihr verfrühter Tod eine Verschwendung einer guten Figur. Natürlich war der Tod aus dramaturgischen Grünen notwendig – um Celaena zum Handeln/Aufstand zu bewegen -, aber ich hätte einfach gern mehr über ihre Fähigkeiten, ihre Geschichte erfahren.

Auch die Romantik spielt in diesem Buch eine etwas größere Rolle. In Band 1 deutete sich ja eine Verbindung zwischen Celaena und Dorian an. Allerdings schob die Assassinin dieser Zuneigung rasch einen Riegel vor – eine Beziehung zwischen ihr und dem Kronprinzen hätte nie eine Zukunft. Eine erstaunlich erwachsene Einsicht. In diesem Buch wendet sie sich nun Chaol zu, was sich aber ebenfalls in „Die Erwählte“ schon angedeutet hatte. Allerdings bleibt die Autorin hier auch in Stereotypen stecken, wenn sie die beiden Protas sich erst sträuben lässt – und dann bricht die alles verzehrende Liebe aus, die aber nach kürzester Zeit durch einen Schicksalsschlag zerbricht. Man könnte ja miteinander reden, einander vergeben … Eine erwachsene Form der Liebe hat offenbar in dieser Serie (noch) keinen Raum.

Mein Fazit: „Kriegerin im Schatten“ ist m. E. inhaltlich stärker als „Die Erwählte“. Die Entwicklung sowohl der drei zentralen Figuren als auch der Handlung macht mich auf die Fortsetzung wirklich neugierig, obwohl die Wendung/Offenbarum am Ende des Romans nun wirklich keine Überraschung war.

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Tahereh Mafi: Zerstöre mich

In „Ich fürchte mich nicht“ ist Juliette die Flucht aus den Fängen des Reestablishments gelungen – indem sie dessen Anführer Warner eine Kugel in die Schulter jagte. Sie glaubte ihn tot zurückzulassen, doch Warner ist nur schwer verletzt. Und nimmt den Leser in „Zerstöre mich“ mit auf eine faszinierende Reise.
Denn Warner scheint hassenswert – grausam, gefühlskalt, berechnend – und ist doch voller innerer Zweifel, hin- und hergerissen zwischen seiner Erziehung durch seinen grausamen Vater und seiner Liebe zu Juliette, die er unbedingt wiedersehen muss – auch wenn sie ihn offensichtlich verabscheut. Und so kämpft der noch geschwächte Warner zum einen darum, die Disziplin auf der Militärbasis aufrecht zu erhalten, während er andererseits mit aller Macht darauf hinarbeitet, Juliette wieder in seine Gewalt zu bringen. Bis sein Vater, Oberbefehlshaber des Reestablishments, in Warners Basis auftaucht. Und als Warner dessen Pläne für Juliette erfährt, wird ihm klar, dass er sich endgültig entscheiden muss …

Die dystopische Trilogie von Tahereh Mafi war im Herbst 2015 für mich ein großes Lese-Highlight – und Liebe auf den ersten Blick. Meine Rezensionen dazu findet ihr hier: Ich fürchte mich nicht (Band 1), Rette mich vor dir (Band 2) und Ich brenne für dich (Band 3). Da Warner darin einen sehr interessanten Protagonisten abgab, war es keine Frage, dass ich auch die Kurzgeschichte „Zerstöre mich“ lesen würde, die die Ereignisse zwischen Band 1 und 2 aus seiner Sicht schildert. Er bleibt ja in der Trilogie über weite Strecken sehr mysteriös und undurchschaubar, daher war es interessant zu sehen, was in der Interaktion mit Juliette und vor allem mit seinem Vater, dem Oberbefehlshaber, in seinem Kopf vor sich geht. Und genau das erfährt man als Leser auch in dieser etwa 80 Seiten langen Kurzgeschichte.

Dass er trotz seiner Kälte einen gewissen Sinn für Humor hat, wird schon durch den Einstieg deutlich:

Ich wurde angeschossen. Und ich muss sagen: Eine Schusswunde ist wesentlich unangenehmer, als ich vermutet hätte.

Was dann aber auffällt, ist, dass der Schreibstil der Geschichte deutlich von dem der Trilogie abweicht. Und das ergibt ja auch durchaus Sinn. Der überbordende, chaotische Stil der Trilogie  spiegelt sehr schön die Innenwelt von Juliette, der Ich-Erzählerin, wider. Als wir in die Geschichte einsteigen, hat Juliette 264 Tage Einzelhaft hinter sich, wird seit vier Jahren in Anstalten und Gefängnissen gequält, und genau so ist auch ihre Sprache: Halbsätze, Wortfetzen, Gedankensplitter, sehr reduziert. Ihre Zerrissenheit wird darüber hinaus im Roman (bzw. in der kompletten Serie) immer wieder durch durchgestrichene Sätze kenntlich gemacht. Aber je mehr Zeit sie mit Adam und den Rebellen verbringt, desto stärker verwandelt sich auch ihre Sprache und wird zunehmend „normaler“.
Bei Warner ist dies anders. Er ist aufgrund seiner Erziehung und der Umstände ein äußerst strukturiert denkender, fühlender und handelnder Charakter. Unordnung jeder Art kann er nicht ertragen; sie ist für ihn ein persönlicher Angriff auf seine Person. Und da seine Gedanken geordnet, klar strukturiert und schnörkellos sind, ist es sein Stil ebenfalls:

Mein Hirn ist ein Lagerhaus sorgsam geordneter Emotionen. Ich sehe förmlich vor mir, wie es Bilder und Gedanken aussortiert. Was mir nicht weiterhilft, wird weggepackt.

Bei Warner fällt auf, dass sein Erzählstil zunächst sehr geordnet ist, dann aber allmählich etwas unstrukturierter wird – in dem Maße, in dem er auch die Macht über seine Außen- bzw. Innenwelt ein Stückchen weit verliert:

In meinem Gesicht brechen Risse auf, pflanzen sich über die Arme fort, über den Brustkorb, die Beine.

Wichtiger ist aber sicher, dass man durch „Zerstöre mich“ mehr über die Beweggründe seines Handelns erfährt und warum er Juliette eingekerkert und beobachtet hat: Seit seiner Kindheit wird er von seinem Vater misshandelt und missbraucht (emotional und verbal). Auf Juliette wurde er durch ihre Akten aufmerksam, die ihm verrieten, dass sie eine schreckliche Kindheit und Jugend hinter sich hatte und bereits seit über 260 Tagen eingekerkert war, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren; stattdessen wirkte sie äußerlich ruhig und gelassen. Bei seinem Vater und den Männern in seinem Umfeld behauptet er jedoch, sie aufgrund ihrer besonderen Gabe als innovative Waffe nutzen zu wollen.
Doch spätestens, als er (nach ihrer Flucht) ihr Tagebuch liest, erkennt er, wie ähnlich sie einander aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen sind. Und sie hat etwas erkannt, das sonst niemand bislang erkannt hat:

Etwas in ihrem Blick gibt mir das Gefühl, wertlos zu sein – sie als Einzige scheint verstanden zu haben, dass ich innerlich komplett hohl bin. Sie hat die Risse in dem Panzer entdeckt, den ich tagtäglich tragen muss, und das lähmt mich.

Mein Fazit: Es wäre interessant gewesen, diese Geschichte vor Band 2 der Trilogie zu lesen. Aber vermutlich hätte dies ein wenig die Spannung genommen, ob Warner nun einer der Guten oder der Bösen ist. 🙂 Auf jeden Fall macht es mich erneut traurig, dass die Trilogie nach „Ich brenne für dich“ endete …

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Sarah J. Maas: Die Erwählte (Throne of Glass #1)

Celaena Sardothien ist jung, schön und schon mit 18 Jahren die berüchtigste Assassinin von Adarlan. Vor einem Jahr wurde sie an ihre Feinde verraten und zur Zwangsarbeit in einem Lager verurteilt – und da die Insassen dort nur noch eine geringe Lebenserwartung haben, ist dies ihr Todesurteil.
Doch dann taucht Chaol Westfall, Captain der Leibgarde, auf und bietet ihr eine einzige Chance zum Überleben. Der König von Adarlan, ein abgrundtief böser Mann, hat seine Vertrauten und Ratsmitglieder aufgerufen, Kandidaten aufzustellen, die sich in einen monatelangen Wettstreit liefern – der Sieger wird schließlich der „Champion“ des Königs werden. Oder mit anderen Worten: für eine bestimmte Zeit als Auftragsmörder arbeiten. Kronprinz Dorian hat für diesen Wettstreit Celaena auserwählt. Beide starten diesen Weg allerdings nicht ganz uneigennützig. Celaena kämpft um ihre Freiheit, Dorian handelt aus Trotz, will aber auch die Anerkennung seines Vaters erlangen.
Beim gemeinsamen Training mit Captain Westfall findet sie immer mehr Gefallen an dem jungen Mann. Und auch der Kronprinz lässt sie nicht kalt. Zeit, über ihre Gefühle nachzudenken, bleibt ihr allerdings nicht. Denn etwas abgrundtief Böses lauert im Dunkeln des Schlosses – und es tötet einen ihrer Konkurrenten nach dem anderen.

„Die Erwählte“ ist Band 1 der „Throne of Glass“-Reihe von Sarah J. Maas und ein durchaus gut zu lesender Fantasyroman – wenn auch sicher nicht der beste, den ich je gelesen habe. Das Buch beginnt – wie oft in Fantasyromanen der Fall – mit einer gezeichneten Karte, in der die unterschiedlichen Länder abgebildet sind, sodass man sich die Welt zumindest ansatzweise vorstellen kann.

Obwohl das Buch, wie gesagt, wirklich gut zu lesen ist, hapert es erzählerisch an der einen oder anderen Stelle. Es werden Begriffe oder Redewendungen benutzt, die m. E. nichts in einem eher mittelalterlich anmutenden Roman zu suchen haben. Ich gehe davon aus, dass ein Teil davon auf die deutsche Übersetzung zurückzuführen ist; spätestens im Lektorat hätte man Begriffe wie „Partys“ oder „ausrasten“ angemessener formulieren müssen. Auch war ich sehr unglücklich darüber, dass Ortsbezeichnungen nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Das empfand ich als sehr störend. Die Autorin erfindet ja zahllose Namen für ihre Orte und neuen Wesen, die es sowieso nicht in der Realität gibt. Warum hat sich der deutsche Verlag dann nicht dafür entschieden, auch die englischen Begrifflichkeiten zu übersetzen? Warum nennt man die „Red Desert“ in der deutschen Ausgabe nicht „die Rote Wüste“ oder den „Great Ocean“ nicht das „Große Meer“? Die „Frozen Waters“ nicht „Eiswasser“ oder „Witch Kingdom“ das „Königreich der Hexen“ oder „Hexenreich“? Warum ist Chaol der Captain der Garde und nicht der Hauptmann? Wo liegt da das Problem? In der deutschen Ausgabe von „Der Herr der Ringe“ heißt es ja auch nicht „Shire“, sondern „Auenland“ und „Hobbingen“ statt des Englischen „Hobbington“. Die Begriffe in der deutschen Ausgabe von „Throne of Glass“ zu übersetzen, wäre nun wirklich keine große oder anspruchsvolle Aufgabe gewesen.

Die Beschreibung der Welt Erilea bzw. ihrer Geschichte hätte ebenfalls durchaus breiter geschildert werden können. Ich hätte gern noch mehr politische Hintergründe erfahren oder andere Details, die mir die Welt besser erklärt hätten. Vor allem in High-Fantasy-Büchern spielt der Aufbau einer glaubwürdigen Welt eine große Rolle, wenn es darum geht, ob ich entweder völlig in die Geschichte eintauchen kann oder gar nicht erst hineinfinde. Es gab bei Maas einfach nicht genug Details dafür, dass ich jetzt sagen könnte, ob mir die Welt gefällt oder nicht. Und dass diese Welt eine sehr interessante und faszinierende Geschichte hat, kann man zumindest aufgrund der Elena-Episoden erahnen.

Mit der Protagonistin hatte ich ebenfalls streckenweise meine Probleme. Celaena wird von Beginn an als die gefürchtetste Assassinin des Landes bezeichnet. Vor zehn Jahren hat sie ihre Eltern durch einen schrecklichen Mord verloren. Arobynn Hamel, der König der Assassinen, fand sie halb ertrunken am Ufer eines eiskalten Flusses und nahm sie unter seine Fittiche. Ihr Mentor unterzog sie einer äußerst strengen Ausbildung und machte sie zu dem, was sie heute ist … Doch nur selten konnte ich ihr in dem Buch abnehmen, dass sie wirklich so furchterregend ist, dass man sie mit einem halben Dutzend Wachen umgeben muss. Stattdessen wird sie spätestens nach ihrer Ankunft im Schloss als junge Frau geschildert, die eine unglaubliche Schwäche für schöne Kleider und den Luxus hat, der sie dort umgibt. Sie liebt Partys, ist eine Leseratte und spielt unglaublich gut Klavier. Sie scheint ständig zu erröten, wenn sie Dorian erblickt, und fühlt sich auch zu Chaol hingezogen. Sie kam mir oft nur wie ein Teeniemädel vor, das die üblichen Dinge im Kopf hat. Ich habe dann versucht, über solche Passagen mit dem Gedanken „Na ja, sie ist ja erst 18 und hat vielleicht einiges nachzuholen“ hinwegzulesen. Aber nachdem ich gefühlte tausendmal davon gelesen hatte, dass sie eine höchstgefährliche Mörderin ist, auf die die Männer aber nur mit Gedanken wie „Sie ist so unglaublich schön … Ich glaube, ich bin in sie verliebt … Ich möchte sie küssen …“ reagieren, war ich dann doch etwas genervt. Vor allem nach Passagen wie der folgenden fiel es mir auch schwer, das wirklich zu glauben:

„Süßigkeiten!“ Auf einem Kissen stand eine große Papiertüte, die mit allen möglichen Leckereien gefüllt war. Es war kein Briefchen dabei, der Absender hatte nicht einmal seinen Namen auf die Tüte geschrieben. Mit einem Achselzucken und strahlenden Augen griff Celaena hinein. Sie liebte Süßigkeiten! Sie lachte vergnügt und steckte sich das erste Teil in den Mund. Stück für Stück kaute sie sich durch das ganze Sortiment … (S. 326)

Ähm, ja, essen wir einfach einmal einen Beutel Süßigkeiten, den irgendjemand in unserem Schlafzimmer hinterlassen hat – dass diese vergiftet sein könnten, weil irgendjemand ja auch die Konkurrenz aus dem Weg räumt … Who cares?! Hinzu kam dann noch, dass Celaena ihre kämpferischen Fähigkeiten auch zu wenig einsetzen kann. Ständig weist man den Leser auf ihr Können und ihre Stärke hin, aber wirklich detailliert angewendet werden diese Fähigkeiten nur an ganz wenigen Stellen. Andererseits entpuppt sie sich aber auch als eine überaus sympathische Person (was im Grunde aber erneut dem „Sie ist die schimmste Assassinin, die es in unserem Land gibt!“ widerspricht), die man als Leser durchaus gern kennenlernen möchte. Zumindest ging es mir so. Maas hat mich aber spätestens mit dem abschließenden Kampf zwischen Celaena und ihrem Widersacher Cain neugierig gemacht, was sich wirklich hinter den mysteriösen übernatürlichen Ereignissen verbergen könnte … und darauf, dass es noch eine ganze Menge an Geheimnissen zu entschlüsseln gilt.

Auch die beiden männlichen Protagonisten, Prinz Dorian und Captain Chaol, fand ich nicht wirklich überzeugend. Beide fühlen sich mehr als offensichtlich zu Celaena hingezogen und machen dies auch ständig durch unangemeldete Besuche deutlich. Dorian, der sowieso den Hofdamen zugeneigt ist, tritt hier noch deutlich forscher auf, obwohl sich auch Chaol so seine Gedanken macht … 🙂 Dass diese nächtlichen Besuche auch bei einer „normalen“ Schlossbewohnerin unangebracht wären, lasse ich hier außen vor, und auch, dass solche Besuche angesichts von Celaenas Ruf zu gefährlich wären. Würden die Gespräche, die die beiden mit Celaena bei diesen Gelegenheiten führen, die Beziehungen wirklich nennenswert vertiefen oder die Handlung weiterbringen, wäre das ein Pluspunkt gewesen; tun sie aber nicht wirklich.

Mein Fazit: Ein solider Auftakt zu einer YA-Fantasyreihe. Da einige Aspekte angerissen werden, die (hoffentlich) in den Folgebänden weiter vertieft werden (z. B. Verschwörungen, die Fae, der übernatürliche Kampf Gut gegen Böse) werde ich Band 2 noch eine Chance geben.