Veröffentlicht in Belletristik

Ulf Torreck: Fest der Finsternis

torreck-fest-der-finsternisParis im August 1805: Louis Marais, einst gefeierter Kommissar der Pariser Polizei, wird im Sommer 1805 von dem intriganten Polizeiminister Joseph Fouché von seinem Exil in Brest nach Paris zurückbeordert, um in einer unheimlichen Mordserie an jungen Frauen zu ermitteln. Einziges gemeinsames Merkmal: Alle Frauen wurden auf entsetzliche Weise verstümmelt und haben kurz vor ihrem Tod ein Kind zur Welt gebracht. Als Marais in einer der Leichen ein mysteriöses Kreuz entdeckt, dessen Bedeutung niemand kennt, erkennt er, dass er Unterstützung braucht.
Er zieht den berüchtigten Libertin und Schriftsteller Marquis de Sade als Berater heran, der gerade wieder einmal in eine Irrenanstalt verbannt wurde. Sade kennt die Abgründe des Bösen wie kein Zweiter. Das ungleiche Paar begibt sich auf eine Mörderjagd … immer weiter hinab in die menschlichen Abgründe. Als dann auch noch der Polizeipräfekt Jean-Marie Beaume dem grausamen Mörder zum Opfer fällt und man ihnen die Tat in die Schuhe schiebt, ist nicht länger klar, ob sie es mit einer politischen Verschwörung zu tun haben oder mit einer Satanistensekte, die bis in die höchsten Kreise reicht.

„Fest der Finsternis“ ist das erste Buch des Leipziger Schriftstellers Ulf Torreck, das ich gelesen habe, und definitiv nicht das letzte. Der historische Thriller ist sehr gut recherchiert. Man spürt, dass sich der Autor intensiv mit den historischen Gegebenheiten und Personen auseinandergesetzt hat. Natürlich sind die hier geschilderten Ereignisse um tatsächliche historische Persönlichkeiten wie dem Marquis de Sade, Louis Marais, Talleyrand und Joseph Fouché fiktiv, aber es fließen auch immer reale Fakten in die Handlung ein – z. B. die Werke de Sades und seine (sexuellen) Gepflogenheiten, politische Intrigen, gesellschaftliche Vorgänge. Einige Rezensenten bemängeln diese detailierten Beschreibungen und werfen dem Autor vor, dass er von der eigentlichen Handlung abschweift. Im Gegensatz dazu fand ich jedoch, dass diese mehr oder weniger relevanten Hintergrundinfos erstaunlich organisch in die Geschichte einfließen. Sie sorgten dafür, dass ich den Elend und den Dreck und das Chaos von Paris regelrecht vor mir sehen konnte und ein Verständnis für die gesellschaftlichen Zustände bekam: für die politischen Intrigen, die komplexen Machtverhältnisse, dafür, wie Menschen geendet sind, die keinen Nutzen mehr für die Gesellschaft hatten …  Ich habe bereits Bücher anderer (deutscher) Autoren gelesen, denen es weitaus weniger gut gelingt, ihre Recherchen auf eine Weise in ihren Roman einfließen zu lassen, dass ich nicht das Gefühl hatte, in einer Vorlesung zu sitzen.
Auch versteht es der Autor, eine gelungene Mischung an Action, deskriptiven Passagen und philosophischen/religiösen Ausführungen zu schaffen. Bei mir kam zu keiner Zeit Langeweile auf oder das Gefühl, dass Torreck sich Längen erlaubt. Im Gegenteil. Ich konnte das Buch über weite Strecken nicht aus der Hand legen, sondern war immer wieder gespannt darauf, welche Wendungen der Autor sich einfallen lässt. Wie de Sade und Marais habe ich bis zuletzt gerätselt, ob sich hinter den entsetzlichen Morden eine politische Verschwörung verbirgt oder die Rituale eines jahrhundertealten Satanistenkultes.

Was für die Handlung gilt, das gilt ebenfalls für die handelnden Figuren, allen voran Commissaire Louis Marais und der alternde Marquis de Sade. Auch der Fundus an interessanten Nebenfiguren ist sehr groß und überaus vielfältig – es gibt hohe Politiker, vielfältigen Polizisten, absonderliche Geistliche, Kopfjäger, Huren, Waisenkinder, Schreckgestalten … Wer das Gefühl hat, den Überblick zu verlieren, der kann aber jederzeit auf das Verzeichnis der dramatis personae zurückgreifen, das sich im Anhang des Buches befindet. Allerdings war dies für mich eigentlich nie nötig, da die relevanten Figuren nicht nur einen Namen haben, sondern auch hinsichtlich ihres Aussehens und Charakters so gut gestaltet sind, dass ich sie mir vorstellen konnte – und dass sie im Gedächtnis blieben.
So unterschiedlich, wie die Figuren sind, so unterschiedlich sind auch die beiden Protagonisten de Sade und Louis Marais. Auf der einen Seite der alternde Libertin, Philosoph und Schriftsteller, der seine Sexualität mit Angehörigen beider Geschlechter auslebt, weder an Gott noch an den Teufel glaubt und es liebt, Menschen in Wort und Tat zu schockieren. Dass sich hinter den Serienmorden etwas anderes verbergen könnte als eine politische Verschwörung und die Unmoral der hohen Gesellschaft, kommt für ihn nicht infrage. Auf der anderen Seite der tiefgläubige Katholik Marais, der aufgrund einer politischen Intrige strafversetzt wurde und gerade erst Frau und Kind verloren hat. Er ist der Auffassung, dass Gott ihn nach Paris zurückgeführt hat, damit er in dessen Namen die Satanistensekte zu Fall bringt, die der Verursacher der schrecklichen Morde ist. Als diese beiden aufeinanderstoßen, kommt es verständlicherweise nicht nur zu Spannungen, sondern auch zu interessanten Dialogen über – im wahrsten Sinne des Wortes – Gott und die Welt. Marais hat zwar in der Vergangenheit immer wieder einen Blick in die Abgründe der Menschheit werfen können, aber der Abgrund, der sich ihm in den Frauenmorden auftut, übersteigt seine Vorstellungskraft.
Dass ein Autor zwei so gegensätzliche Protagnisten auf die Jagd nach einem Mörder schickt, ist – wenn man sich die Kriminalliteratur anschaut – nichts Ungewöhnliches. Wohltuend fällt in „Fest der Finsternis“ auf, dass die beiden Helden nicht miteinander versöhnt sind oder gar gute Freunde werden. Am Ende trennen sich ihre Wege wieder (schade!), aber zumindest bleibt bei beiden ein gewisser Respekt für die Schläue des einen (die Cleverness eines de Sade) und die Integrität des anderen (Marais). Mit de Sade und Marais werden in „Fest der Finsternis“ zwei (historische) Gestalten lebendig, die zu einer Zeit leben, als die moderne Wissenschaft geboren wurde, als die Aufklärung den Aberglauben bzw. Glauben des Katholizismus vertrieb – wobei jeweils eine der Figuren für eine der beiden Seiten steht, wenn sich auch Marais hin und wieder modernen Mitteln bedient.
Positv fällt auch die Gestaltung der weiblichen Figuren auf. Diese sind im Roman alles andere als „Damsels in Distress“. Im Gegenteil. Sie sind selbstbewusst, selbstständig, ambitioniert, lieben ihre Freiheit und verfolgen ihre ganz eigenen Interessen – völlig unabhängig von den männlichen Figuren. Sie müssen nicht gerettet werden, sondern sind einfallsreich und durchsetzungsfähig genug, um die Antagonisten (mit) zu Fall zu bringen. Dass die Auflösung der Morde von einer Frau berichtet wird, war noch einmal ein ganz besonderer Schachzug des Autors – ein ganz besonders schockierender!

Wo viel Licht ist, da gibt es natürlich auch Schatten – die Kritikpunkte an diesem Buch.
Zum einen wird immer wieder auf eine Vorgeschichte hingewiesen, auf Kriminalfälle, bei denen sich de Sade und Marais kennengelernt haben, Fälle, die dazu führten, dass Marais nach Brest verbannt wurde, die zum Bruch mit z. B. Beaume und Fouché geführt haben und noch Jahre später dafür verantwortlich sind, dass man ihm die vermeintlich irrtümliche Verurteilung einer jungen Frau vorwirft. Ich dachte lange, dass ich schlicht das falsche Buch aus der Reihe zuerst gelesen habe, musste aber erkennen, dass die Vorgeschichte nach (?) „Fest der Finsternis“ veröffentlicht wurde – leider nur als E-Book.
Der weitaus größere Kritikpunkt an „Fest der Finsternis“ ist das wirklich nachlässige Korrektorat. „Gewöhnliche“ Rechtschreibfehler gab es nur wenige. Aber schon lange habe ich kein Buch eines etablierten Verlages gelesen, das so viele Zeichensetzungsfehler enthielt wie dieser Roman; die Anzahl der fehlenden Kommas ist enorm (und auch die der falsch gesetzten). Auch die fehlerhafte Groß- bzw. Kleinschreibung der Personalpronomen in den Dialogen war von Zeit zu Zeit ausgesprochen ärgerlich. Ich hatte hin und wieder das Gefühl, dass der Autor sich teilweise nicht entscheiden konnte, ob er die höfliche Anrede „Sie“ wählen sollte oder „Ihr“ – oder vielleicht war auch das nur auf eine fehlerhafte Großschreibung zurückzuführen.
Weiterhin gibt es eine 6szene im Buch, die so dezent ist, dass ich noch einmal zurückblättern musste, als mir klar wurde, dass ich sie überlesen haben musste. Da der Autor auch keine Hemmungen hatte, die schrecklichen Szenen um die jungen ermordeten Mädchen zu schildern, fand ich dies ausgesprochen überraschend.
Und zum Ende des Buches hin (S. 610) stellt der Messdiener eines Gemeindepriesters den Korb mit dem Messwein auf einer Seite vor Schreck gleich zweimal ab. 😉

Mein Fazit: Trotz der letztgenannten Kritikpunkte ist „Fest der Finsternis“ ein exzellenter historischer Krimi, der mir persönlich Lust gemacht hat, in Zukunft noch mehr von diesem Autor zu lesen. Wenn er denn noch weitere historische Romane verfassen würde.

Veröffentlicht in Belletristik

Mary Calmes: All Kinds of Tied Down (Marshals #1)

Deputy US Marshal Miro Jones wird von seinen Kollegen dafür geschätzt, dass er auch in haarigen Situationen einen kühlen Kopf bewahrt und sich immer an die Vorschriften hält. Deshalb hat man ihm einen Partner zugeteilt, der das genaue Gegenteil von ihm ist. Ian Doyle ist ein Ex-Special-Forces-Soldat und eher ein „Erst schießen, dann fragen“-Typ. Doch wider Erwarten sind aus den beiden so verschiedenen Männern in den vergangenen drei Jahren gute Freude geworden, die sich blind vertrauen. Miro weiß, dass Ian ihm trotz seiner unkonventionellen Vorgehensweise immer Rückendeckung geben wird. Doch mittlerweile wünscht er sich noch viel mehr von seinem Partner …

„All Kinds of Tied Down“ ist Band 1 der sogenannten Marshal-Reihe (die im Deutschen unter dem Namen „Verliebte Partner“ erhältlich ist), auf die ich als Fan der sog. „Cut & Run“-Serie von Madelaine Urban und Abigail Roux aufmerksam wurde. Auch hier geht es um zwei völlig verschiedene Männer, die (zunächst gegen ihren Willen) Partner werden und sich zusammenraufen müssen. Allerdings setzt „All Kinds of Tied Down“ bereits zu einem Zeitpunkt ein, in dem die beiden beste Freunde geworden sind und den anderen trotz oder gerade wegen seiner Unterschiedlichkeit schätzen.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Miro. Dieser ist in unterschiedlichen Pflegefamilien aufgewachsen, hat aber nach einigen kleineren Delikten die Kurve noch bekommen und nicht nur die Schule beendet, sondern auch ein Studium begonnen. Dort hat er seine vier besten Freunde oder vielmehr beste Freundinnen kennengelernt, die heute seine wahre Familie sind. Er ist homosexuell und hat – Stereotyp-Alarm – eine Schwäche für edle Klamotten. Für meinen Geschmack wird viel zu häufig erwähnt, dass sein Mantel X Dollar gekostet hat und von Marke XYZ stammt oder seine weichen und für den Job völlig ungeeigneten Stiefel von ZYX stammen und XY Dollar gekostet haben. Na ja. Schon von Beginn an gesteht uns Ich-Erzähler Miro, dass er in seinen Partner völlig verliebt ist – und durch die wirklich nicht allzu dezent eingestreuten Hinweise Zaunpfähle wissen wir ebenfalls, dass sein Partner Ian auch mehr als nur freundschaftliche Zuneigung für ihn empfindet.
Ian hat zwar eine feste Freundin, aber es ist für den Leser von vornherein offensichtlich, dass die beruflich erfolgreiche Emma und der Green Baret wenig gemein haben und nicht wirklich zusammenpassen. Abgesehen von der Tatsache, dass die beiden auch im Bett nicht harmonieren, hat Emma eher eine Schwäche für Anzugträger und edle Restaurants – im Gegensatz zu dem T-Shirt und Cargohosen tragenden Ian. Ganz abgesehen davon, dass Ian zwar beruflich alles im Griff hat, emotional aber ganz offensichtlich auf Miro angewiesen ist, gefühlt nirgendwo ohne seinen Partner hingeht und immer wieder das Bedürfnis verspürt, diesen zu berühren (Zaunpfahl!).
Daneben ist das Buch angefüllt mit witzigen Freunden, großartigen Kollegen, einem verständnisvollen, aber toughen schwulen Boss – die beiden netten Männer scheinen auch primär nur von netten Zeitgenossen umgeben zu sein.
Und einer statitisch unwahrscheinlichen Menge an homosexuellen Kollegen.

Ein großer Schwachpunkt der Geschichte ist die Tatsache, dass die Handlung an sich eher auf schwachen Füßen steht. Gefühlte 140 Seiten lang (ca. die Hälfte des Buches) besteht die Handlung aus Mini-Episoden à la „Dann sind wir mit einem Haftbefehlt zu XYZ gefahren und haben den örtlichen Behörden geholfen, ihn festzunehmen“. Vorher wird lediglich einmal ein Serienmörder Craig Hartley erwähnt, der sich einiger Zeit im Knast sitzt, aber offenbar einen Fan hat, der seine Morde nach dessen Vorlage durchführt. Hartley hat ein … deutliches Interesse an Miro und bringt diesen dazu, ihn regelmäßig im Gefängnis zu besuchen. Aber in diesem ersten Band läuft dieser Handlungsstrang noch ins Leere … Ein zweiter – der wichtige – Handlungsstrang berichte von Miros und Ians Fahrt nach Tennessee, wo sie einen Zeugen davor bewahren müssen, von einem Killerkommando ermordet zu werden. Drake Ford, so der Name des jugendlichen Zeugen, hat einen Mafia-Mord mitangesehen und soll nun aussagen und mit seinem Freund in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden. Was natürlich nicht ohne die obligatorische Verfolgungsjagd mitsamt Schießerein vonstatten geht. Aber abgesehen von diesem Handlungsstrang, der erst ab ca. 54 % des Buches langsam einsetzt, sind die bis dahin geschilderten Episoden reine Füller, eine Aneinanderreihung von unwesentlichen Details – oder um es mit anderen Worten zu sagen: Man hätte das Buch deutlich straffen können!

Ach ja, die obligatorischen 6zenen gibt es ebenfalls, angefangen von der üblichen „Waaas? Du liebst mich? Komm, lass dich an einem öffentlichen Ort hinter die Büsche ziehen, damit ich dir einen BJ geben kann“-Szene bis zu „Standardszenen“, in denen wir erfahren, dass es bei Ian und Emma im Bett deshalb so mies läuft, weil der Exsoldat nicht gern die Führung übernimmt, falls ihr versteht, was ich meine.

Mein Fazit: Auch wenn es nach diesen Ausführungen nicht so klingt: Die Beziehungsseite von „All Kinds of Tied Down“ ist sehr unterhaltsam und vor allem warmherzig. Ich  mag die witzigen Dialoge und die innige Freundschaft der beiden Männer, aber wenn ich ehrlich bin, ist vieles daran sehr stereotyp. Und die eigentliche Story viel zu langatmig.  

Veröffentlicht in Belletristik

Thomas Franke: Das Licht scheint in die Finsternis

Thomas FrankeAls Jonathan Brendel nach der Testamentseröffnung erfährt, dass seine Mutter ihm 150.000 Euro vermacht hat, kann er sein Glück kaum fassen. Allerdings hat die Sache einen Haken: Er kann das Erbe nur gemeinsam mit seinem Bruder Maik antreten, der allerdings vor vielen Jahren spurlos verschwunden ist. Also macht Jonathan sich auf die Suche nach seinem Bruder. Doch schon bald muss er erkennen, dass Maik offenbar in irgendwelche illegalen Geschäfte verwickelt ist, denn es will niemand wirklich mit ihm über seinen Bruder reden.
Bei seiner Suche lernt er die Krankenschwester Mara kennen. Schnell merkt er, dass sich in ihrem Leben etwas Schreckliches ereignet hat, von dem sie aber nicht so richtig erzählen will …

„Das Licht scheint in die Finsternis“ ist ein neuer Roman des Berliner Schriftstellers Thomas Franke, den ich sehr schätze, weil er ein begnadeter Erzähler ist, dem es gelingt, eine gut erzählte, packende Story und glaubwürdige Charaktere mit einer (geistlichen) Botschaft zu verbinden. Allerdings vermittelt er seine spirituelle Botschaft immer sehr dezent, sodass sich auch ein nichtchristlicher Leser nicht angepredigt fühlt. Darüber hinaus verfasst er auch primär „besondere“ Romane – Romane, die gekonnt reale Ereignisse und Fantasy-Elemente in sich vereinen. Romane, die noch (mindestens) eine zweite (Erzähl-)Ebene haben und mich als Leser zum Nachdenken einladen.
So auch in „Das Licht scheint in die Finsternis“, wo es neben Jonathans Suche nach seinem Bruder noch eine zweite Erzählebene gibt, in der ein Mann namens Sokjan in einer Gruft zu sich kommt. Er weiß nicht, wie er in diese Gruft gekommen ist, die sich wiederum in einer verfallenden Festung in der Wüste befindet. Während er durch die Festung irrt, stößt er auf zwei mysteriöse Wesen: einen kleinen Jungen und eine böse Schattengestalt. Diese stehen – das wird im Laufe der Handlung deutlich – für die zwei Seiten seines Wesens: den vertrauensvollen, offenen Jungen, der er einmal war, und der böse Erwachsene, der seine Emotionen unterdrückt und Masken trägt und niemanden und nichts an sich heranlässt. Die Interaktion mit den beiden stellt ihn schließlich vor eine Entscheiden: Für welche der beiden Gestalten – für welche der beiden Ich – wird sich Sokjan entscheiden? Und wer ist Sokjan überhaupt wirklich?
Auf der Gegenwartsebene sucht Jonathan, wie gesagt, nach seinem verschollenen Bruder Maik. Jonathan ist erfrischend normal. Er ist – im Gegensatz zu viel zu vielen männlichen Protas – kein wunderschöner, gut gebauter, charmanter Adonis, dem die Frauen reihenweise zu Füßen fallen. Nein, er ist ein eher ruhiger Zeitgenosse, der seine ganze Zeit und Energie in seinen Job steckt: Er arbeitet als freiberuflicher Lektor, der in Berlin gemeinsam mit einer Freundin eine Agentur eröffnet hat und nun auf der Suche nach potenziellen Autoren ist. Hier gibt Thomas Franke einen kleinen Einblick in den Literaturbetrieb – der Kampf um gute Autoren und wie viele auch abstruse Manuskripte Lektorate erhalten. Herzlich lachen musste ich bei der Erwähnung von „Ralf Müllers Visionen“, einem Manuskript, in dem es um die abartigen sexuellen Fantasien eines cracksüchtigen Soziologiestudenten geht:

„Eine Handlung war nicht erkennbar, und der Text war im Plusquamperfekt verfasst, was der Autor damit begründete, dass der Roman auf den letzten synaptischen Verbindungen des bereits erkaltenden Leichnams des Protagonisten beruhte, der sich in einem kannibalistischen Akt der Selbstverstümmlung versehentlich suizidiert hatte.
Das Exposé enthielt keine Inhaltsangabe, da diese, wie der Autor selbstbewusst feststellte, dem künstlerischen Wert des Gesamtwerks niemals gerecht werden könne, stattdessen gab es einen detaillierten Vorschlag für die zukünftige Marketingstrategie und eine sehr selbstbewusst vorgetragene Vorgabe für die zu erwartenden Honorarverhandlungen.“

Köstlich!

Bei seiner Suche lernt Jonathan die Krankenschwester Mara kennen. Diese trägt eine schreckliche Narbe im Gesicht, unter der sie verständlicherweise sehr leidet. Über den Grund für ihre Verletzung erzählt sie Jonathan lange nichts, doch der Hass auf den Verursacher prägt bis in die Gegenwart ihr Leben und hat zweifellos ihren Wunsch geprägt, Menschen als Krankenschwestern zu helfen und zu heilen. Obwohl sie ein eher zurückgezogenes Leben führt und Jonathan immer wieder auf Distanz hält, gibt dieser nicht auf und lädt sie wiederholt ein. Und sie lässt sich darauf ein. Ich habe mich ehrlich gesagt lange gefragt, was Jonathan so zu ihr hinzieht. Aber eine Antwort habe ich darauf nicht gefunden – es muss etwas sein, das sich zwischen „Sie sieht halt – abgesehen von ihrer Narbe – unheimlich gut aus“ und „Jonathan hat das Helfersyndrom“ liegt. Nichtsdestotrotz schafft Franke es sehr schön, dem Leser zu vermitteln, dass Mara zutiefst hin- und hergerissen ist zwischen ihrer Rache und der Erkenntnis, dass diese Rache nichts an ihrer Vergangenheit ändern, sondern auch ihre Zukunft zerstören wird. Und dass Vergebung der Schlüssel sein kann … oder ist.
Aber wie dem auch sei: Schließlich wird sich im Roman herausstellen, dass das „Schicksal“ einen grausamen Sinn für Humor hat, denn es gelingt Franke geschickt, die Geschichten von Jonathan und Mara und auch von Maik zusammenfließen zu lassen.

Mein Fazit: Ein actionreicher Roman mit leichten Schwächen in der Charakterisierung von Mara, der mich einlädt, über Vergebung und authentisch leben nachzudenken. Thumbs up!