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Ethan Cross: Ich bin die Angst (Shepherd #2)

Der „Anarchist“, ein mysteriöser Killer, verbreitet in Chicago Angst und Schrecken. Er entführt Frauen und trinkt das Blut seiner Opfer, bevor er sie anzündet. Schlimmer noch: Er zwingt sie, ihm dabei unentwegt in die Augen zu schauen. Denn sie sollen sein wahres Gesicht sehen. Nicht das Gesicht des liebevollen Ehemannes und Vaters, das er seit Jahren für seine Familie aufsetzt, sondern das Gesicht des absolut Bösen.
Marcus Williams, der seit einem Jahr ein „Shepherd“ ist und Serienmörder jagt, wird auf den Fall angesetzt. Unterstützung erhalten er und sein Team dabei von unerwarteter Seite: Ausgerechnet sein Todfeind gibt ihm bei allen seinen Einsätzen immer wieder Hinweise – Francis Ackerman junior, der berüchtigste Serienkiller der Gegenwart, der fest davon überzeugt ist, dass es eine ganz besondere Verbindung zwischen ihm und Marcus gibt …

cross-ich-bin-die-angst2„Ich bin die Angst“ ist Band 2 der Shepherd-Reihe des amerikanischen Schriftstellers Ethan Cross aka Aaron Brown – und die wichtigste Info dazu gleich zu Beginn: Dieses Buch ist zwar unglaublich spannend und actionreich, aber man kann es im Gegensatz zu „Ich bin die Nacht“ abends vor dem Einschlafen lesen. 😉

cross-ich-bin-die-angst3Während Band 1 komplett in Schwarz gehalten war, hat man sich bei Band 2 für Rot entschieden. Autor und Buchtitel sind geprägt und auf dem Beschnitt werden diese Angaben noch einmal wiederholt. Das Buch ist daher schon rein optisch ein Genuss.

Und das gilt auch für den Inhalt: Der Autor verzichtet erneut auf tiefschürfende Ausführungen oder Beschreibungen – zugunsten einer atemlosen Nonstopp-Jagd nach dem Killer „Anarchist“. Auch in diesem Buch gibt es wieder zwei Wendungen, die ich nicht wirklich kommen sah, und das begeisterte mich erneut sehr! Auch dieser zweite Band ist gut und flüssig geschrieben; obwohl der Antagonist (und die übrigen Gegenspieler) eine Reihe von schlimmen Untaten begehen, überlässt der Autor deren Ausmalung der Fantasie des Lesers und beschreibt sie nicht im Detail. Und durch die zahlreichen kurzen Kapitel, die den Leser immer wieder zu einem Protagonisten und seinem jeweiligen Blickwinkel der Handlung führen, kann man die Verfilmung dieser Geschichte schon vor dem inneren Auge sehen.
Interessant ist hier, dass es Cross gelingt, aus dem Antagonisten bis zu einem gewissen Grad einen Sympathieträger zu machen – wie schon im ersten Band bei Serienmörder Francis Ackerman junior. Es gibt zwar auch hier den Killer und seinen Gegenspieler, aber keien Schwarz-Weiß-Zeichnung. Genauso, wie Michael gegen seine Dämonen ankämpft, so ist auch der Antagonist (die Antagonisten?) nicht einfach nur ein seelenloser Killer. Auch Scofield (im Grunde kein Spoiler, dem Leser wird die wahre Identität des Täters schon früh offenbart) hat eine schlimme Kindheit hinter sich. Seine minderjährige Mutter verbrachte einige Zeit in einer Satanistensekte und wurde dort auch schwanger. Und der „Prophet“ dieser Sekte erkor Scofield aus, der Antichrist zu sein und die Apokalyse herbeizuführen. Der erste Versuch misslang, doch Jahre später befindet sich Scofield noch immer im Griff des charismatischen Anführers, und obwohl er eine Familie hat und nach außen hin ein perfektes Leben führt, wird er weiterhin vom Propheten gesteuert.
Scofields Gegenspieler ist (erneut) Marcus Williams, der in diesem Roman weitere Facetten und damit mehr Tiefgang bekommt. Marcus ist nun seit einiger Zeit Teil der Shepherd-Organisation, der geheimen Organisation im Justizministerium, doch obwohl er von der Richtigkeit seines (ihres) Handelns überzeugt ist, leidet er gleichzeitig darunter, dass oft die Grenzen zwischen dem Verhalten der Killer, die er jagt, und seinem eigenen verschwimmen. Ist er nicht ein Killer im Dienste des Staates, wenn er seine Gegner ggf. ohne Gerichtsverhandlung aus dem Weg räumt? Auch hat er das Gefühl, dass irgendetwas nicht mit ihm stimmt; was das ist, erfährt der Leser am Ende des Buches … 🙂
Auch wenn Andrew, Marcus‘ Partner bei Shepherd, und Maggie, seine … Nicht-Freundin, ebenfalls mit von der Partie sind, ist der wichtigste und auch interessanteste „Partner“ Serienmörder Francis Ackerman junior. Dieser hat sich mithilfe eines Hackers Zugang zum Shepherd-Server verschafft und verfolgt die Ermittlungen der Organisation und besonders die von Marcus – in diesem Fall, aber auch bei den Vorgängerfällen. Er ist fest davon überzeugt, dass es eine besondere Beziehung zwischen ihm und Marcus gibt – dass dieser gewissermaßen das Yin zu seinem Yang ist. Wie im ersten Band mochte den Psychopathen Ackerman und seinen besonderen Sinn für Humor auch hier wider Willen; für mich persönlich ist er ein größerer „Sympathieträger“ als Marcus, der in diesem Buch – erneut – etwas zu selbstbewusst rüberkommt. Was ich allerdings etwas seltsam fand: Ackerman scheint keine Stimmen mehr zu hören – allerdings ist das m. E. darauf zurückzuführen, dass er nun mit Marcus ein reales Gegenüber hat.

Mein Fazit: Band 3 „Ich bin der Schmerz“ muss her!

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Ethan Cross: Ich bin die Nacht (Shepherd #1)

Der Serienmörder Francis Ackerman junior schlachtet nicht nur einfach Menschen ab, er bietet ihnen vor ihrem Tod an, ein Spiel mit ihm zu spielen – und wenn sie sich an die Regeln halten und ihn besiegen, werden sie leben. Doch er spielt nur, wenn er weiß, dass er auch gewinnen wird. Und dann wird das Ende seiner Opfer schrecklich sein …
Marcus Williams hat seinen Job als New Yorker Cop nach einem Zwischenfall an den Nagel gehängt und zieht in das texanische Städtchen Asherton, wo ihm eine verstorbene Tante eine Farm vermacht hat. Als er seine nächste Nachbarin besuchen will, findet er diese auf schreckliche Weise ermordet vor, und alle Indizien deuten darauf hin, dass Ackerman der Mörder ist.
Doch als er weitere Nachforschungen anstellt und diesen schließlich findet, stellt sich heraus, dass nicht nur Ackerman und Williams Leichen im Keller haben …

Eine (kurze) Inhaltsangabe zu „The Shepherd“ zu verfassen, dem ersten Band der sogenannten Shepherd-Serie des amerikanischen Schriftstellers Ethan Cross (wobei es sich aber bei diesem Namen lediglich um ein Pseudonym handelt – in Wahrheit verbirgt sich dahinter der Thrillerautor Aaron Brown), ist gar nicht so einfach. Zu groß ist die Gefahr, dass man zu viel verrät, denn der Clou der Geschichte ist ein deutlich anderer als nur die Jagd nach einem brutalen Serienmörder. Shepherd1Das Buch trägt im Deutschen den Titel „Ich bin die Nacht“, was zwar ausgesprochen reißerisch klingt, und die „Verpackung“ des Buches mit hervorstehender Prägung und schwarzem Beschnitt, in dem sich Titel und Autor des Buches in weißen Lettern wiederholen, ist auch ein echter Hingucker! Aber leider trifft der Titel den Inhalt des Buches nicht wirklich. Im Englischen trägt der Roman, wie gesagt, den Titel „The Shepherd“, was sich in den Überschriften der Teile widerspiegelt: 1. Die Herde, 2. Der Wolf und der Hirte, 3. Stecken und Stab, 4. Der Wolf im Schafspelz. Mehr sei aber an dieser Stelle nicht verraten …
Im Grunde müsste man das Buch mit einer Warnung versehen:

Achtung, unter den folgenden Bedingungen sollten Sie vom Lesen des Buches absehen:

– wenn Sie in Kürze schlafen gehen möchten.
– wenn es dunkel ist.
– wenn Sie Angst im Dunkeln haben.
– wenn Sie allein zu Hause sind.
– wenn Sie zu viel Fantasie haben oder/und einen Hang zu Verschwörungstheorien.
– wenn Sie ein Weichei sind.

Warum? Weil es schon lange nicht mehr vorgekommen ist, dass ich ein Buch abends vor dem Einschlafen nicht lesen konnte – meiner liebsten Lesezeit -, weil ich dann hinter jeder Tür, unter jedem Bett, in jedem Schatten und hinter jedem Geräusch einen Serienmörder vermutet habe. Aber was soll man auch erwarten bei einem Buch, dessen Protagonist mit Vorliebe nachts am Bett seiner Opfer steht oder sich in der Dämmerung Zutritt zu Wohnungen verschafft? Im Buch gibt es eine Szene, die im nächtlichen Schlafzimmer zweiter Kinder spielt – und ich brauchte lange, bis ich an diesem Abend einschlafen konnte! Lange Rede, kurzer Sinn: Das Buch gehört zum Packendsten, Spannendsten, Gruseligsten, das mir seit einer ganzen Weile untergekommen ist – und das, obwohl es ohne übernatürliche Wesen und Monster auskommt. Und warum? Weil es u. a. viele der tiefsitzenden Urängste anspricht, die wir Menschen haben. Die Angst vor der Dunkelheit, vor mysteriösen nächtlichen Geräuschen, vor dem Alleinsein u. v. m.

Der Thriller ist gut und flüssig geschrieben. Mit komplexeren Sätzen oder Begriffen gibt sich Ethan Cross nicht ab. Die Story ist unglaublich actionreich – nicht eine Sekunde lang gibt Cross dem Leser Gelegenheit, durchzuatmen und sich vom letzten Schrecken zu erholen. Er gibt sich nicht mit (detaillierten) Schilderungen von Umgebungen und Landschaften und Personen ab, wofür ich teilweise dankbar war, da z. B. die schrecklichen Tötungsarten von Ackerman nicht näher beschrieben werden – der Autor erspart sich hier ein Blutfest. Der Leser sollte sich rasch in die Handlung einfinden, denn Kapitel 1 zeigt bereits den Protagonisten in allen Details bei der Arbeit.
Auch die Charaktere werden nicht in allen Einzelheiten beschrieben und charakterisiert, wodurch ihnen natürlich definitiv Tiefgang fehlt. Man kommt sich im Grunde wie in einem der „Stirb langsam“-Filme vor: Die Handlung ist völlig überzogen, der Held ist einerseits ein normaler Mensch, aber dann doch larger than life und hastet von einer Actionszene zur nächsten, ist nie unterzukriegen, auch wenn er zunehmend mitgenommen aussieht, und das Ganze endet mit dem großen Showdown zwischen Held und Antagonist – nicht, ohne dass es viel zu lange Dialoge zwischen den beiden gibt und der Zuschauer sich fragt, warum zum Teufel der Held nicht einfach schießt. 😉 Im Grunde kann man die Verfilmung dieses Buches schon vor sich sehen – die zahlreichen kurzen Kapitel laden regelrecht dazu ein. Und dann erst die beiden großen unerwarteten Wendungen, die ich absolut nicht kommen sah! Leider wird man dadurch um das Vergnügen gebracht, den Roman noch einmal so … ungespoilert und ahnungslos zu lesen; ich könnte mir vorstellen, dass er beim zweiten Mal nicht mehr ganz so faszinierend ist.

Im Zentrum der Geschichte stehen u. a. Antagonist Francis Ackerman junior, ein Serienmörder, der gewissermaßen von seinem Vater dazu konditioniert wurde. Dieser, ein Psychologeprofessor, hatte die Theorie aufgestellt, dass Menschen zu Mördern gemacht und nicht als solche geboren werden – dass sie also die Produkte ihrer Umwelt sind. Und mithilfe von Experimenten an seinem eigenen Sohn Francis – damals noch ein Kind! – versuchte er, diese Theorie zu beweisen: Francis wurde durch Misshandlung und Folter dazu gebracht, andere zu töten, und ist nun genau das, wozu ihn sein Vater machen wollte: ein eiskalter Mörder. Ackerman junior hat ein perverses Vergnügen daran, seine Opfer zu grausamen Spielchen zu zwingen, um zumindest den Anschein zu erwecken, dass sie eine Überlebenschance haben. Über weite Strecken ringt er im Roman mit seiner dunklen Seite; Telefonate mit einem katholischen Pater machen dies deutlich. Doch spätestens als seine Spielchen mit Marcus beginnen, ändert sich dies und er findet in seine Bestimmung hinein. Erstaunlicherweise fällt es das eine oder andere Mal schwer, diese Figur zu hassen, weiß man doch genau, warum er so geworden ist.
Sein Gegenspieler ist Marcus Williams, ein junger Excop aus New York, der sein früheres Leben nach einem Zwischenfall (der im Verlauf des Romans eine Rolle spielen wird) an den Nagel gehängt hat und scheinbar zufällig über die Leiche seiner Nachbarin stolpert. Seine Erfahrungen in New York und seine Frustration über Verbrechen, die nicht gesühnt werden, oder Verbrecher, die ihrer gerechten Strafe entkommen, ist ein treibender Motor der Story. Er trifft bereits relativ früh auf Ackerman, der ihn zum Helden der „Geschichte“ auserwählt – und da jeder Held einen Gegenspieler braucht, findet auch Ackerman endlich in seine wahre Rolle hinein.

Mein Fazit: Unbedingt lesen. Aber nicht abends vor dem Einschlafen. Oder wenn ihr alleine seid. 🙂 Ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzungen, denn es wird zumindest angedeutet, dass es eine unerwartete Verbindung zwischen den zwei Protagonisten der Geschichte gibt.

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Philip Pullman: Der Rubin im Rauch (Sally Lockhart #1)

London, Oktober 1872: Die 16-jährige Sally erhält nach dem Tod ihres Vaters einen geheimnisvollen Brief. Der Schiffsmakler hatte vermutet, dass es bei den Chinageschäften seines Partners nicht mit rechten Dingen zugeht, und war nach Asien gereist, um Nachforschungen anzustellen. Auf dem Rückweg war er dann beim Untergang seines Schiffes ums Leben gekommen. Aber nicht, ohne Sally noch eine Nachricht zukommen zu lassen, der sie vor den Sieben Wohltaten warnt und auf einen Mann namens Marchbanks hinweist.
Bei ihren Nachforschungen stößt sie auf immer neue Rätsel. Ein Kollege ihres Vaters erleidet einen Herzinfarkt, als sie sich nach den Sieben Wohltaten erkundigt, und auch Major Marchbanks, den sie ausfindig machen kann, scheint Todesangst zu haben. Er übergibt ihr ein Tagebuch, mit dem Hinweis, dass sie darin alle Antworten finden wird.
Sally ahnt nicht, dass sie in Mrs Holland, der Besitzerin einer „Pension“ und der Kopf einer Verbrecherorganisation, eine äußerst gefährliche Feindin hat. Unterstützung findet sie bei ihrer Suche bei dem jungen Fotografen Frederick. Bei ihm und seiner Schwester kommt sie unter, als sie vor ihrer lieblosen Tante flüchtet, die es nur auf ihr Erbe abgesehen hat. Auch Jim, der Botenjunge der Schiffsgesellschaft, deren Miteigentümer ihr Vater war, hilft ihr. Doch auch ihre Freunde können nicht verhindern, dass ihr das Tagebuch gestohlen wir. Nun bleibt Sally nur der mysteriöse Hinweis, dass irgendwo ein Schatz versteckt ist, der ihr zusteht – ein Rubin. Gemeinsam mit ihren Freunden macht sie sich auf die Suche nach dem kostbaren Edelstein, begleitet von der Ahnung, dass ein immer wiederkehrender Albtraum die Lösung für alle ihre Fragen birgt …

Der Rubin im Rauch ist der erste Band der vierbändigen Sally-Lockhart-Reihe (Der Rubin im Rauch, Der Schatten im Norden, Der Tiger im Brunnen, Das Banner des roten Adlers) des Bestsellerautors Philip Pullman, der durch seine His Dark Materials-Reihe bekannt wurde. Die beiden ersten Bücher wurden auch von der BBC mit Billie Piper (Doctor Who) in der Hauptrolle verfilmt. Es handelt sich bei dieser Reihe um historische Kriminalromane, die zwischen 1872 und 1882 in Großbritannien spielen.

Protagonistin ist die (zu Beginn) 16-jährige Sally Lockhart, die in Indien geboren wurde, wo ihr Vater stationiert war, und nach dem (angeblich) frühen Tod ihrer Mutter von diesem aufgezogen wurde. (Damals) Typisch weibliche Fertigkeiten hat sie von ihm nicht gelernt, jedoch kann sie schießen und kann außerordentlich gut mit Zahlen umgehen, was ihr zugutekommt, als sie zu dem Fotografen Frederick und seiner Schwester Rose zieht, die beinahe pleite sind. Sally ist ein überaus hübsches Mädchen, selbstbewusst, mutig, entschlossen und ausgesprochen einfallsreich. Aber nicht in übertriebener Weise, wie dies nur allzu oft bei Protagonistinnen von Jugendromanen der Fall ist. Damit könnte sie die ideale Identifikationsfigur für die Leserin sein … wenn sie darüber hinaus nicht ein wenig zu blass und eindimensional geraten wäre. Der Roman krankt ein wenig an „show, don’t tell“ – der Leser erfährt durch die Ereignisse und durch Sallys eigene Gedanken, die immer wieder einfließen, dass Sally all dies ist, aber die psychologische Tiefe fehlt ihr. Man bekommt eigentlich nie einen Einblick in ihr Gefühlsleben – ob es nun der Tod ihres Vaters ist, den sie gar nicht nennenswert zu betrauern scheint. Was ein Wunder ist, da er die einzige Bezugsperson ist, die sie im Leben hat. Oder ob es um die aufregenden Ereignisse geht, die mit der Suche nach dem Rubin verbunden sind: Es geschehen dramatische, teils schlimme Dinge, aber was Sally  fühlen, spürt man als Leser kaum.
Das gilt übrigens auch für die anderen Figuren. Frederick und seine Schwester Rosa zeichnen sich ebenfalls dadurch aus, dass sie ausgesprochen schön sind; auch sind sie Freigeister, abenteuerlustig und ebenfalls ausgesprochen einfallsreich und mutig. Und das gilt ebenfalls für Botenjunge Jim, der zu der kleinen Gruppe hinzustößt. Aber selbst wenn die Kinder bzw. jungen Erwachsenen mit „erwachsenen“ Themen konfrontiert werden (Opiumsucht, Kriminalität, Gewalt und Mord, moderne Sklaverei etc.), scheinen sie das Erlebte relativ schnell wegzustecken. Was emotional in ihnen vorgeht, spielt im Grunde überhaupt keine Rolle.
Erwachsene spielen in diesem Buch nur eine sekundäre Rolle – und stellen den gesamten Fundus an Antagonisten! Was sehr ungewöhnlich ist. Wobei: Wenn man einen Blick auf typische Teenagerserien oder -filme wirft, ist es häufiger der Fall, dass Erwachsene lediglich Statistenrollen haben bzw. fast nahezu gar nicht in Erscheinung treten.

Allerdings ist der Roman durchaus nicht so schlecht, wie es aufgrund der bisherigen Ausführungen den Anschein könnte. Pullman ist im Grunde ein sehr guter Erzähler. Die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts wird relativ detailliert geschildert – so detailliert, wie es für ein Jugendbuch möglich und sinnvoll ist. Man bekommt eine Ahnung vom Elend vieler Menschen, davon, wie gefährlich es für die ärmeren Menschen in London war (gerade für die Kinder!), und meint, den Gestank der Elendsviertel regelrecht riechen zu können. Man bekommt auch einen Einblick in die zerstörerischen Auswirkungen des Opiums, in den fehlgeleiteten britischen Kolonialpolitik … Auch versteht es Pullman, von Beginn an hier und da kleine Hinweise in die spannungsreiche Handlung einzustreuen, die dem Leser dabei helfen, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Allerdings muss man wirklich auf der Hut sein, um diese Andeutungen nicht zu verpassen.

Fazit: Ein guter historischer Jugendkrimi, der trotz einiger Schwächen Lust auf die Fortsetzung macht.

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Sabrina Paige: Her Bodyguard

Alexandra ist die Tochter des Königs von Protrovia – aber sie liebt Partys und Alkoholexzesse mehr als ihre Aufgaben als Prinzessin. Keiner ihrer Bodyguards hat es bislang mehr als 18 Tage mit ihr ausgehalten. Da bittet ihr Bruder einen alten Armeefreund um Hilfe. Max hat Albert in Afghanistan das Leben gerettet und nimmt dessen Angebot, der Bodyguard seiner Schwester zu werden, nur zu gern an, laufen seine Eltern doch Gefahr, ihr Haus an die Bank zu verlieren.
Doch Alex macht ihm das Leben mehr als nur schwer. Unablässig versucht sie, Wege zu finden, wie sie ihm und dem Palast entkommen kann, um mit ihren Freunden zu feiern. Doch gleichzeitig fühlt sie sich immer mehr zu ihrem Bodyguard hingezogen, der sich von ihrer arroganten Art nicht einschüchtern lässt …

„Her Bodyguard“ ist Band 2 in einer zweiteiligen Minireihe der amerikanischen Autorin Sabrina Paige (und die Fortsetzung von „Prince Albert“), deren Ich-Erzähler zum einen Prinzessin Alexandra „Alex“ von Protrovia ist und zum anderen ihr amerikanischer Bodyguard Max Donnelly.
Alex erinnert sehr stark an Prinzession Eleanor aus „The Royals“: Sie ist selbstbewusst, wild, arrogant, liebt Sex, Drugs & Rock ’n‘ Roll – und Kleidung zu tragen, die alles andere als angemessen oder jugendfrei ist. Und sie liebt es, die Regeln zu brechen.
Im Gegensatz zu ihr ist Max Donnelly ein bodenständiger Junge vom Land. Er kommt aus Kentucky, hat für sein Land in Afghanistan gekämpft, wo er auch Prinz Albert kennengelernt und ihm das Leben gerettet hat, und er lebt (wieder) bei seinen Eltern, um ihnen dabei zu helfen, ihr Haus nicht zu verlieren. Dies ist auch der Grund, warum er das Angebot des Prinzen annimmt, seine Schwester zu bewachen.
Diese Gegensätze sollten eigentlich viel Stoff für humorvolle Szenen und Dialoge bieten, sollten dafür sorgen, dass Alex ein wenig mehr Bodenhaftung bekommt und Max vielleicht einen Schuss Wildheit. Dass die beiden sich zueinander hingezogen fühlen würde, dass sie sich verlieben und sicher auch Sex haben werden – daran zweifelt niemand, der dieses Buch kauft. Aber was geschieht? Max beginnt irgendwann, sich wie ein Höhlenmensch zu verhalten. Er schreibt ihr vor, was sie zu tragen (oder nicht zu tragen) hat, was sie zu tun und zu lassen hat, wann sie zu reden und wann zu schweigen hat. Als er dann die Handschellen und die Fesseln herausholt und sie übers Knie legt, hat die Autorin leider mein Interesse verloren. Die Beschreibungen dieser schon exzessiven Dominanzspielchen war einfach nicht mehr mein Ding. Darüber konnten mich dann auch „sanftere“, romantischere Passagen nicht hinwegtrösten, in denen die beiden sich wirklich besser kennenlernen und der Protagonist sich tatsächlich so verhält, wie ich es von ihm erwartet hatte. Warum verkaufen uns nur so viele AutorInnen von erotischer Literatur Caveman-Geschichten, in denen sich eine selbstbewusste Frau, die auf eigenen Beinen steht, plötzlich in ein hilfloses Dummchen verwandelt, wenn das Alpha-Männchen sie in seine Höhle schleppt, als die großße Liebe?!
Der einzige Lichtblick war für mich die „Eiskönigin“, Bellas Mutter, die vor der Heirat mit Alex‘ Vater, dem König von Protrovia, steht. Sie ist die Einzige, die am Ende erkennt, dass die die beiden jungen Menschen sich wirklich lieben und eine Chance verdienen – und das, obwohl sie wirklich in den Augen der Prinzessin eine berechnende Amerikanerin ist, die ihren Vater nur wegen des Titels heiratet.

Mein Fazit: Das Buch ist wirklich nur für Leserinnen geeignet, die eine Schwäche für diese  Art „Dominanz-Literatur“ haben. Schade, ich wollte es nämlich wirklich mögen!