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Sarah J. Maas: Erbin des Feuers (Throne of Glass #3)

Celaena hat Chaol offenbart, wer sie wirklich ist: die letzte Überlebende des Königshauses von Terrassen, Thronerbin Aelin Ashryver Galathyniuns. Sie ist zwar die Assassinin des Königs, unterstützt jedoch im Geheimen weiter seine Gegner. Als der König sie nach Wendlyn entsendet, damit sie die dortige Königsfamilie aus dem Weg räumt und die Verteidigungspläne des Landes stiehlt, nutzt Celaena die Chance, um ihre Urgroßtante Maeve – die Königin der Fae – zu finden und sie um Informationen über die Wyrdschlüssel zu bitten.
Statt Maeve trifft Celaena zunächst auf Rowan, einen der sechs Fae, die der Königin als Kriegsführer und Spione dienen. Er bringt sie zur Nebelwarte – einem Ort, an dem Halbfae ihre Fähigkeiten trainieren, um sich würdig zu erweisen, Doranelle – Maeves Königreich – zu betreten. Und genau das soll Celaena auch tun: ihre lange unterdrückten magischen Fähigkeiten trainieren. Erst dann wird Maeve ihr ihre Fragen zu den Wyrdschlüsseln beantworten.

„Erbin des Feuers“ ist Band 3 der „Throne of Glass“-Reihe von Sarah J. Maas, und ich muss feststellen, dass mir diese Saga mit jedem Band besser gefällt, weil sich Maas‘ Stil und die Geschichte immer ein Stückchen weiterentwickeln und an Tiefe gewinnen. Celaena wurde zwar im 1. Band „Die Erwählte“ als die berüchtigste Assassinin des Landes eingeführt, aber spüren konnte ich davon wenig. Auch plätscherte die (nicht wirklich vorhandene) Handlung im Einsteigerroman noch recht vor sich hin. Band 2 „Kriegerin im Schatten“ hat mich dann stärker gepackt. Die Geschichte nahm deutlich an Fahrt auf. Sie war vielfältiger und füllte auch tatsächlich ein so umfangreiches Buch.
Band 3 jedoch macht richtig viel Spaß. Das Interessante an diesem Buch: Die Geschichte wird nicht länger aus der Sicht von Calaena erzählt; es gibt zahllose Kapitel, in denen die Erlebnisse von Chaol, Dorian und – ganz neu – Sorscha (einer Heilerin), General Aedion (ein Krieger im Dienste des Königs und Cousin von Celaena) und der Ironteeth-Hexe Manon Blackbeak erzählt werden. Viele Rezensenten klagen darüber, dass sie durch die ständigen Perspektivwechsel den Anschluss an die Geschichte verpassen, aber mir ging anders: Durch die unterschiedlichen Perspektiven und die neuen Charaktere empfand ich die Geschichte als noch deutlich stärker und facettenreicher.
Dorian entdeckt z. B. eigene magische Fähigkeiten, die er vor seinem Vater geheim halten muss, und verliebt sich in diesem Zuge in die einfache Heilerin Sorscha, die am Hofe noch eigene Ziele verfolgt. Chaol befindet sich in einem Zwiespalt: Auf der einen Seite ist da die Loyalität zum Königshaus, auf der anderen seine Zuneigung zu Celaena und Dorian. Was mich an seiner Person in diesem Buch etwas störte, war seine Unentschlossenheit und sein mangelndes Selbstbewusstsein, das man in dieser Form in den Vorgängerbänden m. E. nicht findet. Die Hexe Manon ist eine Anführerin ihres Clans, die wie alle Hexen seit dem Verschwinden der Magie vor zehn Jahren nicht mehr fliegen kann und langsam altert. Der König bietet den Hexen jedoch an, seiner „fliegenden Armee“ beizutreten und nicht auf Besen, sondern auf eigens dafür gezüchteten Wyvern zu reiten. Und Aedion dient zwar dem König und trägt einen von dessen schwarzen Ringen – ist aber Celaenas Cousin, ein ehemals angesehener Krieger von Terrasen … und vielleicht doch kein Verräter.
Und dann ist da noch Rowan, einer der sechs Kriegsführer von Maeve und durch einen Bund der Königin der Fae verpflichtet. Er hat die Aufgabe, Celaena dabei zu helfen, ihre magischen Fähigkeiten zu entdecken und auszubauen, und tut dies auf teilweise brutale, aber am Ende doch sehr effiziente Weise. Dass mit seinem Auftreten der (unsägliche) Love Triangle zwischen Celaena, Chaol und Dorian ein Ende nimmt, ist nicht wirklich ein Spoiler. 😉 Zugegebenermaßen kommt Rowan ein wenig zu perfekt daher, und dass Celaena innerhalb weniger Monate gleich vier „große Lieben“ trifft, hat wohl wenig mit der Realität zu tun, aber hey, Rowan ist nun einmal wirklich toll. 😉

Fazit: Eine gelungene Fortsetzung, die der Saga noch einmal mehr Komplexität verleiht. Dass man mit Band 4 fortfahren muss, stand für mich nie außer Frage. 🙂

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Sarah J. Maas: Kriegerin im Schatten (Throne of Glass #2)

Celaena hat sich in einem unerbittlichen Wettkampf gegen ihre Konkurrenten durchgesetzt und ist nun Champion des Königs. Nach seinen Vorgaben soll sie unliebsame Gegner beseitigen, die dessen grausame Herrschaft beenden wollen. Doch statt sie aus dem Weg zu räumen, warnt Celaena seine Feinde und ermöglicht ihnen so die Flucht. Dieses Geheimnis verbirgt sie zunächst selbst vor Chaol, zu dem sie sich gegen ihren Willen immer mehr hingezogen fühlt. Wie sehr kann sie ihm vertrauen? Schließlich ist Chaol der Captain der königlichen Leibgarde.

Aber auch Celaenas Verbündete Nehemia und Prinz Dorian von Adarlan haben ihre Geheimnisse. Nehemia scheint mit Archer Finn, einem alten Freund von Celaena, in eine Verschwörung gegen den König verwickelt zu sein, hilft der Assassinin aber weiterhin, Wyrdzeichen zu lernen, um dem Mysterium um die Macht des Königs auf die Spur zu kommen. Und Kronprinz Dorian entdeckt, dass er magische Fähigkeiten besitzt – etwas, das seinen Tod bedeuten könnte, wenn jemand davon erfährt …

„Kriegerin im Schatten“ ist Band 2 der „Throne of Glass“-Fantasyserie von Sarah J. Maas. Das Buch hat mich stärker überzeugt als sein Vorgänger „Die Erwählte“. Celaena wurde zwar im 1. Band als die berüchtigste Assassinin des Landes eingeführt, aber spüren konnte ich davon wenig. Auch plätscherte die (nicht wirklich vorhandene) Handlung im Einsteigerroman noch recht vor sich hin. Band 2 hat mich jedoch stärker gepackt. Die Geschichte nimmt jetzt deutlich an Fahrt auf. Sie ist vielfältiger und füllt auch tatsächlich ein so umfangreiches Buch. Sprachlich gibt es immer noch einige unschöne Passagen/Begrifflichkeiten – Sätze, in denen z. B. zweimal das Wort „heute“ vorkommt, und die Autorin/Übersetzerin scheint auch eine nervtötende Vorliebe für das Verb „rasen“ zu haben (könnten wir das bitte so langsam mal durch „eilen“, „hasten“, „stürmen“ oder „rennen“ ersetzen?!) –, aber die Geschichte hat mich so mitgerissen, dass ich darüber hinweglesen konnte. Schön auch, dass man endlich etwas mehr über die Geschichte des Landes erfährt (nachzulesen auf den Seiten 386-389), was aber auch nötig ist, da die Jagd nach den Wyrdschlüsseln ja glaubwürdig motiviert sein muss.

Die Figur der Celaena gibt in diesem Buch eine glaubwürdigere Assassinin ab. Zwar investiert sie ihren Lohn als Champion des Königs immer noch primär in typisch weibliche Dinge („Celaenas Lohn als Champion des Königs war beachtlich und sie gab ihn bis auf den letzten Cent aus. Für Schuhe, Hüte, Tuniken, Kleider, Schmuck, Waffen, Haarschmuck und Bücher. Ganze Stapel. So viele Bücher, dass Philippa ein neues Regal bringen lassen musste.“) und hat eine Schwäche fürs Ausschlafen und Essen, aber durch die Beschreibung unterschiedlicher Einsätze oder Kämpfe bekomme ich zumindest einen besseren Eindruck davon, warum sie so gefürchtet wird. Ihr fehlt zwar immer noch etwas Selbstdisziplin und Verschlagenheit, und sie ist auch oft erstaunlich naiv („Um Erileas Wohl betete Celaena, dass der König nie auch nur von Wyrdzeichen gehört hatte.“ Ähm, ja, an unterschiedlichen Stellen im Schloss finden sich Wyrdzeichen, dass der König diese in all den Jahren noch nicht entdeckt hat oder die Geschichte seines eigenen Landes nicht kennt – eher unwahrscheinlich), aber ihre Reaktion auf einen Todesfall oder einen Verrat (no spoilers …) verschafft mir als Leser eine Ahnung davon, inwiefern sie auch in der Lage ist, ihre Emotionen abzustellen, wenn es darauf ankommt. Allerdings ist sie eine so große Sympathieträgerin, dass sie unter ihren Taten leiden muss, damit sie weiter die edle Heldin bleibt. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass sie etwas mehr Entschlossenheit besäße, da sie zwar ihre Opfer gehen lässt und sich im Auftrag des Königs auf die Spur von Verschwörern begibt, aber damit verfolgt Celaena nicht wirklich ein Ziel … Sie ist sich bewusst, dass sie nicht frei ist – und es auch nie war -, aber selbst wenn sie frei wäre, wüsste sie vermutlich nicht, was sie mit dieser Freiheit anfangen sollte.
Chaol und Dorian bekommen in diesem zweiten Buch etwas mehr zu tun, aber vor allem der Captain der Leibgarde bleibt noch etwas blass. Wir erfahren, dass er täglich mit Celaena joggen geht, dass er die Wachen einteilt und kontrolliert – und dass er (zumindest) edelmütig auf die junge Frau verzichtet, weil er erkennt, dass sein Freund Dorian ebenfalls in sie verliebt hat. Allerdings muss er dann auch den Preis für seine schon penetrante Loyalität zahlen. Zum Ende des Buches hin bekommt man als Leser den Eindruck, dass er endlich aufgewacht ist …
Ein unangenehmes Erwachen erlebt auch Dorian. Er weiß zwar, welche Art Mensch sein Vater ist, wagt es aber zu keiner Zeit, auch nur innerlich dagegen zu rebellieren. Es gibt in „Kriegerin im Schatten“ (endlich) einen kleinen Plottwist, was seine Person angeht, die dazu führt, dass er wenigstens im Verborgenen aus seiner festgelegten Rolle ausbricht. Ich hoffe auch hier, dass er in den Folgebänden weitere Facetten bekommt.
Die letzte interessante Figur ist Prinzessin Nehemia, zu der ich an dieser Stelle allerdings nicht zu viel verraten will. Auch wenn sie die Einzige ist, die wirklich gegen den König aufsteht (Spoiler, ggf. markieren), ist ihr verfrühter Tod eine Verschwendung einer guten Figur. Natürlich war der Tod aus dramaturgischen Grünen notwendig – um Celaena zum Handeln/Aufstand zu bewegen -, aber ich hätte einfach gern mehr über ihre Fähigkeiten, ihre Geschichte erfahren.

Auch die Romantik spielt in diesem Buch eine etwas größere Rolle. In Band 1 deutete sich ja eine Verbindung zwischen Celaena und Dorian an. Allerdings schob die Assassinin dieser Zuneigung rasch einen Riegel vor – eine Beziehung zwischen ihr und dem Kronprinzen hätte nie eine Zukunft. Eine erstaunlich erwachsene Einsicht. In diesem Buch wendet sie sich nun Chaol zu, was sich aber ebenfalls in „Die Erwählte“ schon angedeutet hatte. Allerdings bleibt die Autorin hier auch in Stereotypen stecken, wenn sie die beiden Protas sich erst sträuben lässt – und dann bricht die alles verzehrende Liebe aus, die aber nach kürzester Zeit durch einen Schicksalsschlag zerbricht. Man könnte ja miteinander reden, einander vergeben … Eine erwachsene Form der Liebe hat offenbar in dieser Serie (noch) keinen Raum.

Mein Fazit: „Kriegerin im Schatten“ ist m. E. inhaltlich stärker als „Die Erwählte“. Die Entwicklung sowohl der drei zentralen Figuren als auch der Handlung macht mich auf die Fortsetzung wirklich neugierig, obwohl die Wendung/Offenbarum am Ende des Romans nun wirklich keine Überraschung war.

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Sarah J. Maas: Die Erwählte (Throne of Glass #1)

Celaena Sardothien ist jung, schön und schon mit 18 Jahren die berüchtigste Assassinin von Adarlan. Vor einem Jahr wurde sie an ihre Feinde verraten und zur Zwangsarbeit in einem Lager verurteilt – und da die Insassen dort nur noch eine geringe Lebenserwartung haben, ist dies ihr Todesurteil.
Doch dann taucht Chaol Westfall, Captain der Leibgarde, auf und bietet ihr eine einzige Chance zum Überleben. Der König von Adarlan, ein abgrundtief böser Mann, hat seine Vertrauten und Ratsmitglieder aufgerufen, Kandidaten aufzustellen, die sich in einen monatelangen Wettstreit liefern – der Sieger wird schließlich der „Champion“ des Königs werden. Oder mit anderen Worten: für eine bestimmte Zeit als Auftragsmörder arbeiten. Kronprinz Dorian hat für diesen Wettstreit Celaena auserwählt. Beide starten diesen Weg allerdings nicht ganz uneigennützig. Celaena kämpft um ihre Freiheit, Dorian handelt aus Trotz, will aber auch die Anerkennung seines Vaters erlangen.
Beim gemeinsamen Training mit Captain Westfall findet sie immer mehr Gefallen an dem jungen Mann. Und auch der Kronprinz lässt sie nicht kalt. Zeit, über ihre Gefühle nachzudenken, bleibt ihr allerdings nicht. Denn etwas abgrundtief Böses lauert im Dunkeln des Schlosses – und es tötet einen ihrer Konkurrenten nach dem anderen.

„Die Erwählte“ ist Band 1 der „Throne of Glass“-Reihe von Sarah J. Maas und ein durchaus gut zu lesender Fantasyroman – wenn auch sicher nicht der beste, den ich je gelesen habe. Das Buch beginnt – wie oft in Fantasyromanen der Fall – mit einer gezeichneten Karte, in der die unterschiedlichen Länder abgebildet sind, sodass man sich die Welt zumindest ansatzweise vorstellen kann.

Obwohl das Buch, wie gesagt, wirklich gut zu lesen ist, hapert es erzählerisch an der einen oder anderen Stelle. Es werden Begriffe oder Redewendungen benutzt, die m. E. nichts in einem eher mittelalterlich anmutenden Roman zu suchen haben. Ich gehe davon aus, dass ein Teil davon auf die deutsche Übersetzung zurückzuführen ist; spätestens im Lektorat hätte man Begriffe wie „Partys“ oder „ausrasten“ angemessener formulieren müssen. Auch war ich sehr unglücklich darüber, dass Ortsbezeichnungen nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Das empfand ich als sehr störend. Die Autorin erfindet ja zahllose Namen für ihre Orte und neuen Wesen, die es sowieso nicht in der Realität gibt. Warum hat sich der deutsche Verlag dann nicht dafür entschieden, auch die englischen Begrifflichkeiten zu übersetzen? Warum nennt man die „Red Desert“ in der deutschen Ausgabe nicht „die Rote Wüste“ oder den „Great Ocean“ nicht das „Große Meer“? Die „Frozen Waters“ nicht „Eiswasser“ oder „Witch Kingdom“ das „Königreich der Hexen“ oder „Hexenreich“? Warum ist Chaol der Captain der Garde und nicht der Hauptmann? Wo liegt da das Problem? In der deutschen Ausgabe von „Der Herr der Ringe“ heißt es ja auch nicht „Shire“, sondern „Auenland“ und „Hobbingen“ statt des Englischen „Hobbington“. Die Begriffe in der deutschen Ausgabe von „Throne of Glass“ zu übersetzen, wäre nun wirklich keine große oder anspruchsvolle Aufgabe gewesen.

Die Beschreibung der Welt Erilea bzw. ihrer Geschichte hätte ebenfalls durchaus breiter geschildert werden können. Ich hätte gern noch mehr politische Hintergründe erfahren oder andere Details, die mir die Welt besser erklärt hätten. Vor allem in High-Fantasy-Büchern spielt der Aufbau einer glaubwürdigen Welt eine große Rolle, wenn es darum geht, ob ich entweder völlig in die Geschichte eintauchen kann oder gar nicht erst hineinfinde. Es gab bei Maas einfach nicht genug Details dafür, dass ich jetzt sagen könnte, ob mir die Welt gefällt oder nicht. Und dass diese Welt eine sehr interessante und faszinierende Geschichte hat, kann man zumindest aufgrund der Elena-Episoden erahnen.

Mit der Protagonistin hatte ich ebenfalls streckenweise meine Probleme. Celaena wird von Beginn an als die gefürchtetste Assassinin des Landes bezeichnet. Vor zehn Jahren hat sie ihre Eltern durch einen schrecklichen Mord verloren. Arobynn Hamel, der König der Assassinen, fand sie halb ertrunken am Ufer eines eiskalten Flusses und nahm sie unter seine Fittiche. Ihr Mentor unterzog sie einer äußerst strengen Ausbildung und machte sie zu dem, was sie heute ist … Doch nur selten konnte ich ihr in dem Buch abnehmen, dass sie wirklich so furchterregend ist, dass man sie mit einem halben Dutzend Wachen umgeben muss. Stattdessen wird sie spätestens nach ihrer Ankunft im Schloss als junge Frau geschildert, die eine unglaubliche Schwäche für schöne Kleider und den Luxus hat, der sie dort umgibt. Sie liebt Partys, ist eine Leseratte und spielt unglaublich gut Klavier. Sie scheint ständig zu erröten, wenn sie Dorian erblickt, und fühlt sich auch zu Chaol hingezogen. Sie kam mir oft nur wie ein Teeniemädel vor, das die üblichen Dinge im Kopf hat. Ich habe dann versucht, über solche Passagen mit dem Gedanken „Na ja, sie ist ja erst 18 und hat vielleicht einiges nachzuholen“ hinwegzulesen. Aber nachdem ich gefühlte tausendmal davon gelesen hatte, dass sie eine höchstgefährliche Mörderin ist, auf die die Männer aber nur mit Gedanken wie „Sie ist so unglaublich schön … Ich glaube, ich bin in sie verliebt … Ich möchte sie küssen …“ reagieren, war ich dann doch etwas genervt. Vor allem nach Passagen wie der folgenden fiel es mir auch schwer, das wirklich zu glauben:

„Süßigkeiten!“ Auf einem Kissen stand eine große Papiertüte, die mit allen möglichen Leckereien gefüllt war. Es war kein Briefchen dabei, der Absender hatte nicht einmal seinen Namen auf die Tüte geschrieben. Mit einem Achselzucken und strahlenden Augen griff Celaena hinein. Sie liebte Süßigkeiten! Sie lachte vergnügt und steckte sich das erste Teil in den Mund. Stück für Stück kaute sie sich durch das ganze Sortiment … (S. 326)

Ähm, ja, essen wir einfach einmal einen Beutel Süßigkeiten, den irgendjemand in unserem Schlafzimmer hinterlassen hat – dass diese vergiftet sein könnten, weil irgendjemand ja auch die Konkurrenz aus dem Weg räumt … Who cares?! Hinzu kam dann noch, dass Celaena ihre kämpferischen Fähigkeiten auch zu wenig einsetzen kann. Ständig weist man den Leser auf ihr Können und ihre Stärke hin, aber wirklich detailliert angewendet werden diese Fähigkeiten nur an ganz wenigen Stellen. Andererseits entpuppt sie sich aber auch als eine überaus sympathische Person (was im Grunde aber erneut dem „Sie ist die schimmste Assassinin, die es in unserem Land gibt!“ widerspricht), die man als Leser durchaus gern kennenlernen möchte. Zumindest ging es mir so. Maas hat mich aber spätestens mit dem abschließenden Kampf zwischen Celaena und ihrem Widersacher Cain neugierig gemacht, was sich wirklich hinter den mysteriösen übernatürlichen Ereignissen verbergen könnte … und darauf, dass es noch eine ganze Menge an Geheimnissen zu entschlüsseln gilt.

Auch die beiden männlichen Protagonisten, Prinz Dorian und Captain Chaol, fand ich nicht wirklich überzeugend. Beide fühlen sich mehr als offensichtlich zu Celaena hingezogen und machen dies auch ständig durch unangemeldete Besuche deutlich. Dorian, der sowieso den Hofdamen zugeneigt ist, tritt hier noch deutlich forscher auf, obwohl sich auch Chaol so seine Gedanken macht … 🙂 Dass diese nächtlichen Besuche auch bei einer „normalen“ Schlossbewohnerin unangebracht wären, lasse ich hier außen vor, und auch, dass solche Besuche angesichts von Celaenas Ruf zu gefährlich wären. Würden die Gespräche, die die beiden mit Celaena bei diesen Gelegenheiten führen, die Beziehungen wirklich nennenswert vertiefen oder die Handlung weiterbringen, wäre das ein Pluspunkt gewesen; tun sie aber nicht wirklich.

Mein Fazit: Ein solider Auftakt zu einer YA-Fantasyreihe. Da einige Aspekte angerissen werden, die (hoffentlich) in den Folgebänden weiter vertieft werden (z. B. Verschwörungen, die Fae, der übernatürliche Kampf Gut gegen Böse) werde ich Band 2 noch eine Chance geben.

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David Benioff: Stadt der Diebe

Leningrad im Januar 1942: Seit Monaten wird die Stadt von deutschen und finnischen Truppen belagert. Niemand kommt hinein oder hinaus, und die Lebensmittel sind bereits mehr als knapp. Weil er während der nächtlichen Ausgangssperre die Leiche eines deutschen Soldaten nach Essbarem durchsucht hat, wird der 17-jährige Lew sofort verhaftet – auf Plündern steht die Todesstrafe. Nach endlosen Stunden in einer kargen Gefängniszelle wird er allerdings nicht aufs Schafott, sondern zusammen mit seinem Mithäftling Kolja vor den Geheimdienstchef der Stadt geführt. Der stellt die beiden vor eine schier unlösbare Aufgabe – im Tausch gegen ihr Leben sollen sie innerhalb von sechs Tagen im ausgehungerten Leningrad zwölf Eier für die Hochzeitstorte seiner Tochter auftreiben.
Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der den schüchternen, introvertierten Lew schicksalhaft an Kolja schweißt – einen schlitzohrigen, charmanten Frauenhelden und notorischen Lügner, der ihm ständig schmerzhaft bewusst macht, dass er selbst so gar nicht zum Abenteurer taugt. Als die beiden die Hoffnung, in Leningrad Eier zu finden, aufgeben müssen, fasst Kolja einen aberwitzigen Plan: Er will sich mit Lew zu einer Geflügelfarm jenseits der feindlichen Linien durchschlagen, in ein Dorf südlich von Leningrad. Ein selbstmörderisches Unterfangen, wären da nicht Koljas Kaltschnäuzigkeit, eine unerschrockene Partisanin namens Vika und Lews Schachtalent.

„Stadt der Diebe“ ist der zweite Roman des Amerikaners David Benioff (allerdings der erste, der auf Deutsch erschienen ist), der sich bislang vor allem als Drehbuchautor einen Namen gemacht hat ( Troja, Drachenläufer und X-Men Origins: Wolverine, Game of Thrones). Mit diesem Buch habe ich mich in vieler Hinsicht auf neues Terrain gewagt: 1. Der Zweite Weltkrieg ist nicht gerade ein glorreiches Kapitel in der Geschichte der Deutschen. Würde man sagen, wir haben Schreckliches angerichtet, wäre das untertrieben. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich mich gern mit Literatur auseinandersetze, in dem dies auch noch detailliert beschrieben wird. Gerade bei amerikanischen Autoren habe ich schon das eine oder andere Mal die Erfahrung gemacht, dass die Deutschen per se nicht gut wegkommen, sondern ausschließlich stereotype Abziehbilder des fiesen Nazis sind (und die Amerikaner im Gegenzug strahlende Helden). 2. Darüber hinaus ist „Stadt der Diebe“ – falls ich mich recht erinnere – auch das erste Buch über eine echte Männerfreundschaft, in der beide füreinander bis zum Äußersten gehen. Männer sind natürlich in Romanen immer wieder befreundet, aber dass ihre nicht-sexuelle Beziehung derart im Mittelpunkt eines Romans steht, ist bei den von mir gelesenen Romanen fast nie der Fall. Es geht in den Gesprächen zwar oft um Frauen und um Sex (zumindest bei Kolja), aber immer auf eine Art und Weise, die nicht obszön ist, sondern zur Atmosphäre des Buches passt.

Um es gleich zu sagen: Das Buch hat mich vom ersten Kapitel an begeistert und in seiner Gesamtheit überzeugt. Der Autor hat einen derart fesselnden, klaren und gradlinigen Schreibstil, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Abschweifende Beschreibungen, die nicht nötig sind für Handlung oder Charakterisierung, gibt es meines Erachtens keine. Wenn die beiden Protagonisten Lew und Kolja auf der Suche nach den Eiern, nach Lebensmitteln allgemein oder einer Unterkunft durch die Stadt Leningrad (heute wieder St. Petersburg) hasten und dabei über die Kamenno-Ostrowski-Brücke kommen und auf der Kamenny-Insel landen oder den Newski-Prospekt entlanggehen, um zum Heumarkt – dem Schwarzmarkt – zu gelangen, glaubt man beinahe, die Straßen und Häuser vor sich zu sehen und ihrem Weg selbst folgen zu können.

Die Handlung des Romans selbst ist auch überzeugend – spannend und erschreckend, aber immer mit einer Portion Humor, ohne dass es zu überzogen ist. Sehr anschaulich schildert Benioff das Leid, den unglaublichen Überlebenswillen der Menschen, ihre Erschöpfung und Verzweiflung und vor allem ihren Hunger:

Der Junge verkaufte sogenannten Bücherei-Lebkuchen, die hergestellt wurden, indem man den Einband von Büchern abriss, den Leim vom Buchrücken abkratzte, ihn einkochte und daraus längliche Stüßcke formte, die in Papier eingewickelt wurden. Das Zeug schmeckte wie Wachs, aber der Leim enthielt Protein, Protein hielt dich am Leben, und so verschwanden die Bücher der Stadt genauso wie die Tauben. (S. 83)

Oder auch:

Als der Riese die Tür zumachte, bauschte sich das Laken wie das Kleid einer Frau im Wind. Unmittelbar bevor es wieder heraubfil, sah ich, was sich dahinter befand – kein Bett, überhaupt keine Möbel, nur große weiße Fleischstücke an Haken, die mit schweren Ketten an einem Heizungsrohr befestigt waren, und darunter auf dem Boden eine Plastikplane, um das heraubtropfende Blut aufzufangen. Den Bruchteil einer Sekunde lang dachte ich, es sei ein Schwein, vielleicht versuchten mein Vertand meinen Augen einzureden, dass sie nicht das sahen, was sie da sahen: einen enthüteteen Schenke, der nur der Schenkel einer Frau sein konnte, den Brustkopb eines Kindes, einen abgetrennten Arm, an dessen Hand der Ringfinger fehlte. […]
„Genossen“, sagte Kolja […], „in dem Haus da hinten sind Kannibalen. Wir konnten ihnen gerade noch entkommen.“
„In jedem Haus gibt’s Kannibalen“, sagte der Fahrer. „Willkommen in Leningrad.“ (S. 93.96)

Obwohl es einige solcher Passagen gibt, die zutiefst schockierend sind, nimmt der Schrecken beim Lesen nie überhand. Leser, die es gern etwas gruselig haben, kommen hier auf ihre Kosten. Aber die Grausamkeiten haben immer eine Funktion und dienen nicht ihrer Sensationslust. Und Leser, die zu zartbesaitet sind, können sich damit trösten, dass hier eben Tatsachen beschrieben werden – Krieg ist niemals schön und unter den „richtigen“ Bedingungen ist jede(r) von uns zu allem fähig!  – und dass auch die Protagonisten auf diesen Schrecken nicht mit Furcht, sondern mit Galgenhumor reagieren. In den Danksagungen bekommt man auch einen kleinen Einblick darin, wie fundiert das Beschriebene ist, wenn Benioff die Buchtitel erwähnt, die ihm bei seinen Nachforschungen gute Dienste geleistet haben.

Auch die Charaktere haben mich begeistert. Kolja ist Mitte zwanzig und entspricht mit seinen blonden Haaren und den blauen Augen eher dem Bild des arischen Deutschen, ist aber natürlich Russe. Er hat eine große Schwäche für Frauen, für Wetten und ist einfach nicht in der Lage, seinem autonomen Mundwerk Einhalt zu gebieten. 😉 Er hat Humor, ist einfallsreich und gibt die Hoffnung einfach nicht auf; sein Selbstbewusstsein triumphiert auch über den schlimmsten Schrecken. Er lässt die Menschen an allem teilhaben, was ihm durch den Kopf (oder auch durch den Darm) geht – ob sie es wollen oder nicht. Die daraus entstehende Situationskomik ist einfach zu köstlich. Ihm gelingt es im Verlauf des Romans immer wieder, den 17-jährigen Lew mitzuziehen/-reißen, ihm Hoffnung zu schenken, Auswege aufzuzeigen – und ihn zu Dingen zu bewegen, die Lew ohne ihn niemals getan hätte. Und genauso, wie Lew angesichts des Hungers, des Schreckens, des Tötens und Sterbens (durch Kolja) nicht in Verzweiflung versinkt, leuchtet auch für den Leser immer wieder ein Licht der Hoffnung auf – egal, wie entsetzlich die realen Ereignisse auch sind …

Kolja erzählt Lew im Laufe des Romans die Geschichte seines Romans mit dem Titel „Der Hofhund“. In dem (noch nicht niedergeschriebenen Roman) geht es um Radtschenko, der in einem alten Haus in Leningrad lebt, aber offenbar unter Agoraphobie leidet und nie das Haus verlässt. Auch wenn er von Frauen – aus der Ferne – umschwärmt wird, kommt er ihnen nicht nah; auch zu den anderen Parteien in dem Mehrfamilienhaus hat er keine Beziehung. Die knöpft er erst zu einem alten Straßenköter, der eines Tages im Innenhof liegt und bleibt, nachdem Radtschenko ihm einmal etwas zu essen zugeworfen hat. Die beiden beginnen eine „Fern-Beziehung“, und Radtschenko verlässt zum ersten Mal seit Jahren das Haus, als das Tier stirbt und beerdigt werden muss.
Diese Geschichte steht symbolhaft für die Freundschaft von Kolja und Lew. Meines Erachtens ist in dieser Geschichte Lew mit Radtschenko gleichzusetzen und Kolja mit dem alten Hund: Kolja ist ein echter Lebemann, der das Leben und die Frauen genießt, aber es scheint so zu sein, dass Lew der Erste ist, dem er sich wirklich öffnet und zu dem er eine echte Beziehung aufbaut. Lew hingegen lebt in einem alten großen Wohnhaus, hat aber keine richtige Beziehung zu den anderen Parteien und auch nicht zum Leben selbst. Auch leidet er unter einem Minderwertigkeitskomplex (schließlich ist er aber auch erst 17 Jahre) und bewundert die Lebenslust und -erfahrung von Kolja und lässt sich von diesem zu dem Abenteuer mit der Eiersuche aus seinem Schneckenhaus „herauslocken“. Gestützt wird diese Deutung von den Parallelen zwischen dem Ende des Hundes und dem Schicksal von Kolja …

Mein Fazit: Ein Must Read-Buch! Und eine echte Bereicherung für meine Büchersammlung.

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Patrick Rothfuss: Der Name des Windes

Kvothe ist der Sohn fahrender Spielleute. Als er eines Tages – er ist gerade 12 Jahre alt – im Wald für seine Mutter Salbei pflückt und verspätet ins Lager zurückkehrt, findet er dieses verwüstet vor. Seine Eltern und die anderen tot, ermordet von den geheimnisvollen Chandrian. Um ihnen auf die Spur zu kommen, riskiert Kvothe alles. Er lebt drei Jahre als Straßenjunge in der Hafenstadt Tarbean, bis er den Entschluss fasst, um Aufnahme im Arkanum zu bitten, der Universität für hohe Sympathie (Magie). Von einem Namenszauber – dem Namen des Windes -, der ihn als Kind fast das Leben gekostet hätte, erhofft sich Kvothe die Macht, das Geheimnis der sagenumwobenen Dämonen aufzudecken und sich an diesen zu rächen …

„Der Name des Windes“, das Erstlingswerk des Amerikaners Patrick Rothfuss, stand schon seit sieben Jahren in meinem Bücherregal, und seit Jahren sagten mir alle Fantasyfans, dass ich dieses Buch unbedingt lesen müsse … Wahrscheinlich stand es deshalb so lange ungelesen herum, da ich zum einen Respekt vor diesem etwa 850 Seiten dicken Schmöker hatte, zum anderen hatte ich Angst, enttäuscht zu werden. Zu oft habe ich schon erlebt, dass mir jemand (oder mehrere Jemande) begeistert von einem Buch oder einer Reihe erzählt hat und ich dann mit der jeweiligen Geschichte doch nichts anfangen konnte. Schließlich habe ich das Buch von Rothfuss doch zur Hand genommen. Mein erster Gedanke nach den ersten Kapiteln war: Verflixt, ist das gut geschrieben! Der zweite: Verflixt, das ist ja nur der Auftaktband zu einer Trilogie!

Das Buch handelt von dem Musiker, Magier und (offenbar – da im ersten Buch noch nicht thematisiert) Königsmörder Kvothe, der die Geschichte seines Lebens einem Chronisten diktiert. Dies zieht sich augenscheinlich über drei Tage hin, wobei „Der Name des Windes“ den ersten Tag abdeckt. Tag 2 wird in dem Doppelband „Die Furcht des Weisen“ erzählt; Tag 3 ist noch nicht erschienen.
Kvothe ist Mitglied einer fahrenden Truppe, der Sprössling von Menschen, die es verstehen, Geschichten zu erzählen und so die Aufmerksamkeit der Zuhörer und Zuschauer zu fesseln. Und genau das gelingt Rothfuss auch. Sein Roman ist einerseits recht gradlinig erzählt. Damit meine ich, dass er sich nicht in irgendwelchen Nebensächlichkeiten oder Beschreibungen von Dingen verliert, um „mit aller (literarischen) Gewalt“ eine Atmosphäre zu erschaffen. Nur gelegentlich hatte ich das Gefühl, dass Worte verwendet werden bzw. dass es Aspekte gibt, die dieser eher mittelalterlichen Welt einfach nicht angemessen sind. Zum Beispiel die Drogenproblematik. Andererseits versteht Rothfuss es aber, Emotionen auf eine Weise zu beschreiben, dass man ihm nur mit offenem Mund folgen kann. Bestes Beispiel sind sicher die beiden Kapitel über die drei unterschiedlichen Arten von Stille (Prolog und Epilog): Die erste Stille ist die Stille, die entsteht, wenn kein Geräusch zu vernehmen ist. Der Wind weht nicht, es sind keine Menschen versammelt, die fröhlich miteinander plaudern oder Musik machen. Die zweite Stille beschreibt die Stille zwischen zwei Männern, die beisammensitzen, sich zwar unterhalten, aber über das Wesentliche bewusst schweigen, wodurch sie der Stille etwas Mürrisches geben. Die dritte Stille ist tiefer, schweigender, bedeutungsschwanger, aber nicht weniger greifbar; sie schweigt über das Entsetzliche, das geschehen ist, und ist eine Vorbotin des Todes.

Ebenfalls gelungen ist Rothfuss die Charakterisierung der Figuren. Sie sind sehr anschaulich und facettenreich beschrieben, nur wenige sind einfach nur eindimensionale Gestalten. Rothfuss verpasst seinem Protagonisten eine sehr detailreiche und authentische Hintergrundgeschichte, aber diese Beschreibungen werden nicht schlicht als Informationen vermittelt, sondern fließen ungemein organisch in die Handlung ein. Kvothe stammt, wie gesagt, von Spielleuten ab und wächst in den ersten zwölf Jahren in einer Atmosphäre der Liebe und Zuneigung auf; Fröhlichkeit, Herzlichkeit, Kreativität und Wissbegierde zeichnen seine Kindheit. Schon früh bringen ihm seine Eltern und die anderen Mitglieder seiner Truppe auf natürlichem Wege alles bei, was er als Spielmann wissen muss. Als die Truppe dann einen Arkanisten (Wissenschaftler & Magier) aufnimmt, unterweist auch dieser ihn in seinen Fähigkeiten, wobei Kvothe sich als Naturtalent entpuppt. Nach dem Unglück lebt er einige Jahre als Straßenkind in Tarbean, wo er weitere Fähigkeiten entwickelt, die ihm später zugutekommen werden, und wo er sich in der kalten Atmosphäre des täglichen Überlebenskampfes auch rein menschlich weiterentwickelt. Wiederum drei Jahre später gelingt ihm die Aufnahme in das Arkanum, wo er die gelernten Fähigkeiten durch neue Kenntnisse erweitert und sein Charakter durch Herausforderungen und neue Erfahrungen ein weiteres Mal geformt wird. Kvothe entpuppt sich zwar bei all dem als resistenter, hyperintelligenter Überlebenskünstler mit großem Herz, ist aber dennoch nicht perfekt und hat, wie wir alle, seine Schwächen und Makel: Er trifft übereilte Entscheidungen, ist hin und wieder ausgeprochen naiv, stößt Menschen durch seine Art vor den Kopf und macht sich so Feinde etc., womit er in vieler Hinsicht eine erfrischend „normale“ Figur mit hohem Identifikationspotenzial ist.
Die zweite für die Handlung wichtige Figur ist sicher Denna, zu der ich aber ein etwas gespaltenes Verhältnis hatte, weil ich mir ihr Verhalten größtenteils nicht wirklich erklären konnte. Oft habe ich mich gefragt, ob sie schlicht eine Überlebenskünstlerin ist, die eben tut, was sie tun muss, ob sie in vieler Hinsicht naiv und unbedarft ist oder ob es da Informationen gibt, die mir als Leser (und Kvothe ebenfalls) einfach noch nicht zur Verfügung stehen. Sie ist wunderschön, wodurch sie die Aufmerksamkeit aller Männer auf sich zieht und sich so ihr Überleben sichert. Natürlich erobert sie auch Kvothes Herz, dessen sie sich durchaus bewusst ist; andererseits lässt sie ihn aber in gewisser Hinsicht am ausgestreckten Arm verhungern und verschwindet für Wochen, ohne sich bei ihm zu melden – um dann mit einem neuen „Gönner“ aufzutauchen. Da Protagonisten in Romanen oft einfach zu perfekt sind, zu fehlerlos, ist sie damit aber ebenfalls eine erfrischend facettenreiche Gestalt, denn wer von denen, die diese Bücher lesen, ist denn schon so perfekt wie die Figuren in einer Geschichte?

Die hohe erzählerische Qualität des Romans zeigt sich aber nicht nur bei der Charakterzeichnung. Auch die Handlung selbst überzeugt. Rothfuss führt den Leser gemeinsam mit Kvothe an die unterschiedlichsten Orte und erweckt diese regelrecht zum Leben: zu einer Truppe von Spielleuten und auf die schmutzigen Straßen (und Dächer) der Stadt Tarbean, in die „magische Universität“ (die sich beim Bau neuer Gebäude so unerbittlich und chaotisch ausgedehnt hat, dass man einige Räume gar nicht mehr oder nur über sehr verschlungene Wege erreicht), in die unterschiedlichsten Schenken, in denen Kvothe lebt oder sich ein wenig Geld verdient, oder in das Hinterland, wo Kvothe nicht nur Spuren von den Chandrian findet, sondern auch einen Drachen trifft … Überall begegnet er neuen Menschen, steht vor neuen Herausforderungen, erlebt neue Abenteuer, muss um sein Überleben kämpfen.  Und all das wird von Rothfuss so natürlich und gleichzeitig packend geschildert, dass es schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen.

Mein Fazit: „Der Name des Windes“ ist tatsächlich einer der besten (Fantasy-)Romane, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe. Jetzt weiß ich, warum alle Fantasyfans schon seit Jahren davon schwärmen, und werde mir auch die beiden Folgebände zu Gemüte führen.

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Adrian J. Walker: Am Ende aller Zeiten

Edgar Hill ist Mitte dreißig und er hat sein Leben gründlich satt. Er ist unzufrieden mit sich und seinem Alltag in Schottland als Angestellter, Familienvater und Eigenheimbesitzer. Seinen beiden kleinen Töchtern steht er recht distanziert gegenüber, die Beziehung zu seiner Frau ist abgekühlt. Stattdessen flüchtet er sich in das Feierabendbier und den Fernseher. Er fragt sich: War das sein Leben? Hat das alles irgendwann einmal ein Ende? Er ahnt nicht, dass sich die Katastrophe bereits anbahnt.
Als das Ende kommt, kommt es von oben: Ein dramatischer Asteroidenschauer, den die Regierungen der Welt bis zum Vorabend vor den Menschen geheimgehalten haben, verwüstet (nicht nur) die Britischen Inseln. Das Chaos ist gigantisch, die Katastrophe total. Ganze Städte werden ausgelöscht. Straßen, das Internet, die Zivilisation selbst gehören plötzlich der Vergangenheit an. England liegt in Schutt und Asche. Ist dies der Weltuntergang?
Edgar und seine Familie können sich in ihren Keller retten und werden eine Woche später von militärischen Suchtrupps gefunden. Während es zunächst den Anschein hat, als … , werden die vier während der Evakuierung voneinander getrennt, und ihm bleibt nur eine Wahl: Will er Frau und Kinder jemals wiedersehen, muss er innerhalb von etwa drei Wochen 500 Meilen weit laufen, um das rettende Schiff zur Südhalbkugel zu erwischen – durch ein zerstörtes Land, von Edinburgh nach Cornwall.
Zusammen mit einer Handvoll Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Lauf durch ein sterbendes Land. Doch sein Weg ist gefährlich: Im postapokalyptischen England kämpft jeder gegen jeden ums blanke Überleben.

„Am Ende aller Zeiten“ ist schon rein äußerlich ein Hingucker. Das Buch des Australiers erinnert an ein Notizbuch mit einem schon strapzierten Gummizug, der an mehreren Stellen festgetuckert wurde, und dieser „Gummizug“ wurde auf das Cover des Buches aufgeprägt, was sich sehr schön anfühlt, wenn man darüberstreicht (ja, ich habe es mehrmals getan :-)).

Die Geschichte selbst ist aber auch sehr gut und packend erzählt. Es fiel mir immer wieder schwer, das Buch aus der Hand zu legen, obwohl es zwangsläufig viele unangenehme Szenen enthält. Man glaubt es kaum, dass es sich bei „Am Ende aller Zeiten“ wirklich um einen Erstling handelt! Wenn man wollte, könnte man höchstens kritisieren, dass der Wechsel von grausamen, spannenden Szenen zu Atempausen – für den Leser und für Ed und seine kleine Gruppe – sich zu durchschaubar vollzieht. Walker (wenn hier mal nicht der Name Programm ist!) beschreibt die Umwelt so ausführlich, wie es notwendig ist, aber keinen Satz mehr. Das Gleiche gilt auch für gelegentliche Rückblicke in Eds Kindheit: Der Leser erfährt das, was er über Ed wissen muss (wie er zu dem wurde, der er heute ist, und dass er schon in seiner Kindheit „prophetische“ Träume davon hatte, dass er einmal ganz allein sein würde), aber auch nicht mehr als nötig. Auch die Welt nach dem Einschlag der Asteroiden wird zwar sehr realitätsnah und sehr düster beschrieben, aber nicht mit einer derartigen detaillierten „Freude“ an der Grausamkeit und der Zerstörung, wie man sie bspw. bei The Walking Dead findet. Walker interessiert vielmehr , wie die „Gesellschaft danach“ aussieht: kalt. Grausam.

Was mich immer wieder berührt, wenn ich postapokalyptische Romane lese: Die Autoren sind sich erschreckend einig darin (ja, ich weiß, das macht das Wesen einer Dystopie aus …), dass die Menschheit sich unweigerlich negativ entwickeln wird. Gibt es eigentlich überhaupt einen Autoren, der glaubt, dass in der Menschheit auch nur ein Hauch von Menschlichkeit steckt?! Bei Walker ist dies auch der Fall: Schon bevor das Unglück eintrifft, beginnt der Kampf um Lebensmittel und (Über-)Lebensraum, und daran ändert sich  zwangsläufig auch nach der Katastrophe nichts. Die Menschen rotten sich zusammen, denn in der neuen Welt kann ein Einzelner kaum überleben. Man rottet sich zusammen, um Lebensmittel zu sichern, um stärker zu sein als andere Überlebende, die denselben Kampf ausfechten. Und schnell zeigt sich, dass die Überlebenden vor nichts, aber auch gar nichts zurückschrecken, um ihr neugefundenes Stück vom Kuchen zu verteidigen. Und erstaunlicherweise hat mich noch nicht einmal die Episode mit der Bauernfamilie und ihren Schweinen überrascht – spätestens seit Deadwood wissen wir ja, was man mit Schweinen so alles anfangen kann …

Ein wenig enttäuscht war ich darüber, wie wenig Raum die Tatsache einnimmt, dass die kleine Gruppe Überlebender, die gemeinsam mit Ed auf dem Weg nach Cornwall ist, die weite Strecke läuft. Ja, das wird erwähnt, und es gibt auch immer einmal kurze Passagen, in denen die Auswirkungen des Laufens auf Ed beschrieben werden. Aber der Werbetext auf der U4 des Buches versprach mehr, oder: „Zusammen mit einigen wenigen Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Ultra-Marathon durch ein sterbendes Land.“ Ja, die Gruppe muss laufen, um Cornwall bis zum Weihnachtstag zu erreichen, aber für die eigentliche Geschichte ist nur der Zeitfaktor wichtig, aber nicht unbedingt, dass die Gruppe rennt. Korrigiert mich, wenn ich mich irre. Einen viel größeren und wichtigeren Raum nehmen die zahllosen Begegnungen auf dem Weg, der wiederholte Kampf, die Opferbereitschaft der verschworenen Gruppe und Edgars Erkenntnis ein, dass er nun „seinen Hintern hochkriegen muss“, wenn er seine Familie wiedersehen will. Protagonist Ed bietet vor diesem Hintergrund mit seinem Phlegma und seiner Neigung, sich nach der Arbeit mit einem Bierchen vor den Fernseher zu flüchten, hohes identifikationspotenzial – und wenn man sich darauf einlässt auch Gedankenanstöße fürs eigene Leben und die eigenen Prioritäten.

Ein auch sehr nachdenkenswerter Aspekt: Die Asteroideneinschläge betreffen überwiegend die nördliche Halbkugel und die dort lebenden Menschen müssen in Ländern der Südhalbkugel „Asyl“ suchen. Dies kehrt doch die aktuellen Ereignisse sehr anschaulich um – und natürlich ist es auch hier so, dass nur eine begrenzte Menge an Überlebenden dort aufgenommen werden!

Mein Fazit: Ein wirklich packender Erstling, der schon Lust macht, den nächsten Roman des Autors zu lesen, der wohl im September 2017 unter dem Titel „The Last Dog on Earth“ auf Englisch erscheint.

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Anne Rice: Die Mumie

rice-mumie„Seid gewarnt: Ich schlafe, wie Erde unter dem Nachthimmel oder dem Schnee des Winters schläft; werde ich geweckt, bin ich keines Menschen Diener.“

Nur wenige Stunden nachdem der Archäologe Lawrence Stratford diese mysteriöse Inschrift im Grab Ramses‘ II. entdeckt hat, wird er von seinem geldgierigen Neffen Henry ermordet. Was dieser nicht weiß: Der ägyptische Pharao hat vor Tausenden von Jahren vom Wasser des Lebens gekostet und ist seitdem dazu verdammt, auf Erden umherzuirren, gequält von einem unstillbaren Verlangen nach Essen, Wein und Frauen. Und jetzt ist er wieder erwacht und hat den Mord mitangesehen. Als der skrupellose Henry dann auch noch versucht, Lawrence Stratfords schöne Tochter Julie umzubringen, erwacht Ramses zu neuem Leben …

Anne Rice, die „Königin der Vampirromane“, beschäftigt sich in ihrem Roman aus dem Jahr 1989 (1992 auf Deutsch) einmal mit einem anderen klassischen Ungeheuer: der Mumie. Der Roman spielt kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, nur wenige Jahre vor der Zeit, in der Mumien nicht nur in die frühen Kinos, sondern alles Ägyptische im Westen auch in Einrichtung und Mode Einzug hielt. Und entsprechend hat der Erzählstil des Romans ein etwas altmodisches Feeling. Es gibt Action, einen schier übermenschlichen Protagonisten, schablonenhafte Gegenspieler, eine Damsel in Distress und natürlich (mindestens) eine Mumie. Allerdings ahnt man, dass Rice nicht allzu viele Nachforschungen angestellt hat, denn die wenigen Hintergrundinfos zu Historie und historischen Persönlichkeiten, die es gibt, gehören schon beinahe zur Allgemeinbildung. Das ist schade, denn Ramses II. war einer der bedeutendsten Pharaonen und Ägypten hat in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht nie wieder eine solche Hoch-Zeit erlebt wie unter seiner Herrschaft. Darüber hätte ich wirklich gern mehr erfahren …

Der Roman ist in zwei Teile geteilt: Teil 1 spielt (mit Ausnahme des Kapitels, in dem die Mumie im ägyptischen Sand entdeckt wird) in London/England, Teil 2 in Ägypten. Rice verzichtet auf lange Beschreibungen oder Erkärungen, sondern liefert eine gradlinige Story mit viel Action sowie einem Schuss (schwarzen) Humor und natürlich Horrorelementen. Aber da das Buch, wie gesagt, ein (hoffentlich absichtiges) altmodisches Feeling hat, sind Humor und Horror eher subtiler Natur.

Allerdings blieben für mich die Figuren seltsam fremd und distanziert. Protagonistin ist Julie, die Tochter des steinreichen Archäologen und Industriellen Lawrence Stratford. Im ersten Teil des Romans wirkt sie wie eine toughe junge Frau, die auf eigenen Beinen steht, zwar verlobt ist, aber eigentlich lieber ihren eigenen Weg gehen würde. Und die ihre neue Lebenssituation mutig anpackt, wenn sie auch den Tod ihres Vaters erstaunlich schnell überwindet – genauso schnell, wie sie den Gedanken akzeptiert, dass der gutaussehende Mann in ihrem Wohnzimmer noch vor wenigen Momenten eine jahretausendealte Mumie war und vor ihren Augen zum Leben erwacht ist. Allerdings wird sie ein wenig „Opfer“ ihrer eigenen Libido, da sie ihren Geschäftssinn, den sie ganz offensichtlich besitzt, sowie ihr Selbstbewusstsein über Bord wirft, als sie mit Ramses nach Ägypten reist. Zum einen übergibt sie die Verantwortung für das vom Vater geerbte Unternehmen an ihren charakterschwachen Onkel Randolph, obwohl sie weiß, dass er schon ihren Vater betrogen hat, um die Spielschulden seines noch charakterschwächeren ( 🙂 ) Sohnes Henry zu begleichen. Zum anderen, und das hat mich persönlich beinahe schon geärgert, entwickelt sie sich im zweiten Teil des Buches zu einer dauerheulenden hilflosen jungen Frau, die im Hotel darauf wartet, dass ihr Geliebter von seinen mysteriösen Streifzügen zurückkehrt, die übrigens in einer Katastrophe nach der anderen enden. Alle Brücken bricht sie hinter sich ab – ihr Leben dreht sich fortan nur noch um Ramses, und wenn er nicht Teil ihres Lebens ist, will auch sie nicht länger leben. Ich werde mich nie wieder über die Klischees in „Twilight“ beklagen … versprochen.
Julie verdanken wir übrigens auch den schrecklichsten kitschigsten schwülstigsten Ausspruch des Buches:

„Öffne das Tor“, flüsterte sie. „Das jungfräuliche Tor. Ich bin immer dein.“

Die restlichen Dialoge sind übrigens auch nicht wirklich tiefgehender. Als Leser verdreht man immer wieder einmal die Augen über kitschige, klischeehafte Wortwechsel. Angeblich war der Roman ursprünglich als Drehbuch für einen Mumien-Film geplant. Vor diesem Hintergrund ergeben vermutlich die oberflächlichen Dialoge und die zahllosen Perspektiv- und Ortswechsel einen Sinn.
Ramses, der unsterbliche Pharao selbst, ist eine sehr interessante Figur. Ursprünglich ein gewalttätiger, wenn auch sehr erfolgreicher Anführer, der der Unsterblichkeit hinterherjagt, erkennt er nach Erreichung seines Ziels, dass die Unsterblichkeit einen Preis hat. Und hier werden dann die Parallelen zu Rice‘ Vampirgestalten deutlich: Nach Einnahme des Elixiers wird Ramses nicht nur unsterblich, sondern auch wunderschön, übermenschlich stark, besitzt ein sehr schnelles Auffassungsvermögen (sehr praktisch, wenn man gezwungen ist, sich immer wieder an neue Kulturen und Sprachen zu gewöhnen) – und eine stark gesteigerte Libido. Während die Vampire Kinder der Nacht sind und das Sonnenlicht nicht ertragen, ist es bei Ramses genau umgekehrt: Er fällt bei lang anhaltender Dunkelheit in einen todesähnlichen Schlaf; Sonnenlicht hingegen schenkt ihm Leben. Und während Vampire für ihr Überleben Blut zu sich nehmen müssen, ist Ramses dazu verdammt, einen Hunger zu empfinden, den nichts zu stillen vermag – weder Nahrungsmittel noch Wein noch Frauen. Immer ist er hungrig – obwohl er nichts zu sich nehmen muss, um zu überleben. Unablässig trinkt Ramses Alkohol oder raucht Zigarren, um seine Sinne zufrieden zu stellen.
Doch das ist nicht die ganze Tragik. Wie Rice‘ Vampire versucht auch er, andere an seinem unsterblichen Segen teilhaben zu lassen. Zunächst in dem er Vieh und Getreide mit dem mysteriösen Elixier tränkt, um den Hunger der Bevölkerung auf immer zu stillen. Doch hier entpuppt sich der Segen schnell als Fluch, als die Menschen, die das Vieh essen, und gewöhnliches Vieh, das das Getreide zu sich nimmt, einen schrecklichen Tod sterben, weil die unsterbliche Natur sich auch in den Mägen wieder erneuert. Ramses kann das Elixier auch nicht verbrennen oder wegschütten, da es sich selbst als Asche oder stark verdünnt erneuert und den Fluch der Unsterblichkeit verbreitet.
Aber auch im Beziehungsbereich ist die Unsterblichkeit für Ramses zum Fluch geworden. Er streift zunächst jahrhundertelang allein durch die Welt und steht seinen Nachkommen lediglich von Zeit zu Zeit als Berater zur Seite. Irgendwann zieht er sich – müde geworden – in eine Gruft zurück, bis ihn Königin Kleopatra herausruft, weil sie seine Hilfe braucht. Ramses verliebt sich unsterblich (pun intended) in die wunderschöne und kluge junge Frau und steht ihr selbst dann noch bei, als sie sich erst in Julius Caesar und dann in Markus Antonius verliebt. Zu einem ersten Bruch kommt es, als die beiden Ramses darum bitten, für sie eine unsterbliche Armee zu erschaffen, was der Pharao jedoch ablehnt. Und zum endgültigen Bruch kommt es dann nach dem Tod Mark Antons, den Ramses entgegen Kleopatras Wunsch ebenfalls nicht unsterblich gemacht hat – sie selbst lehnt Ramses‘ Angebot ab und begeht Selbstmord.
Als Ramses nun nach Ägypten zurückkehrt, zeigt sich ein weiteres Mal der Fluch der Unsterblichkeit, als er die ehemalige Geliebte – deren Mumie er im Ägyptischen Museum gefunden hat – zum Leben erweckt. Und diese sich als  die Art von Mumie entpuppt, die wir aus Horrorfilmen kennen: zunächst noch sehr … unvollständig regeneriert, aber dann bis in alle Ewigkeit ein seelenloses Wesen, dem menschliches Leben nichts bedeutet. Doch verständlicherweise muss Ramses erst einmal mit seiner Vergangenheit abschließen, bevor er seine Zukunft mit Julie beginnen kann.

Ramses und Julie sind natürlich nicht die einzigen Figuren. Es gibt z. B. noch Alex Summerfield, Julies adligen … Verlobten, der sie unbedingt heiraten will bzw. muss, da der Familie das Geld ausgegangen ist. Doch er besitzt in etwa die charakterliche Tiefe einer Pfütze. Er ist höchstens „arm candy“ und besitzt vermutlich keine Charakterzüge außer der Treue eines kleinen Hündchens, denn er folgt Julie blind nach Ägypten, obwohl er ziemlich genau weiß, dass er bei ihr keine Schnitte (mehr) hat. Sorry. Sein Vater Elliott hingegen ist die interessanteste Figur des Buches – oder könnte es zumindest sein, wenn Rice ihm etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Er war in seiner Jugend der Liebhaber von Julies Vater und ist ein wissbegieriger Mensch, der sofort ahnt, dass es sich bei dem unerwartet in London aufgetauchten Ramsey in Wahrheit um Ramses den Großen handelt. Immer wieder führt er in den nächsten Wochen Gespräche mit dem Unsterblichen, die deutlich mehr (philosophische) Tiefe bekommen hätten, wenn Rice, wie gesagt, etwas mehr Interesse an dieser Figur oder überhaupt dem philosophischen Unterbau gezeigt hätte. Und dann gibt es noch Samir – und wenn wir schon bei Parallelen zur Vampirmythologie waren: Er ist der Renfield von Ramses‘ Dracula.

Meine Lieblingsszene ist definitiv die (sorry, Spoiler), in der ägyptische Geschäftemacher die Leiche des ermordeten Henry in eine Mumie verwandeln und diese dann Elliott zum Kauf anbieten, Julies Schwiegervater in spe und Henrys ehemaligem Geliebten. Übrigens ist Sexualität auch in diesem Roman eher fließend und nicht auf verschiedengeschlechtliche Paare beschränkt. Wie in den Vampirromanen gibt es auch hier eine Reihe von gleichgeschlechtlichen Paaren: Elliott und Lawrence sind beide bisexuell (sie waren in ihren Zwanzigern Liebende, haben aber beide geheiratet und Kinder bekommen). Und auch Henry genießt die Gesellschaft von Frauen und Männern – wobei jedoch aus dem Roman nicht ganz klar hervorgeht, ob er vor Jahren nur deshalb eine kurze Affäre mit Elliott hatte, um diesen erpressen zu können.

Mein Fazit: „Die Mumie“ gehört zu den Romanen, die ich schon unzählige Male gelesen habe. Aber ich muss feststellen, dass er mir mit jedem Mal weniger gefällt. Ich würde dies wahrscheinlich auf die Darstellung der Protagonistin zurückführen, die im Laufe des Romans eine so … unangenehme Entwicklung durchmacht. Als ich den Roman mit Anfang zwanzig zum ersten Mal gelesen habe, fiel mir dies offenbar nicht so negativ auf.