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Stephen King: The Stand – Das letzte Gefecht

king-standKalifornien, Juni 1990: Als in einer militärischen Basis ein tödliches grippeartiges Virus freigesetzt wird und die elektronischen Sicherheitsmaßnahmen nur verzögert greifen, gelingt einem der Wachleute die Flucht aus dem Stützpunkt. Gemeinsam mit Frau und Kind tritt er die Flucht durch Nevada an. Doch das Virus erwischt jeden, der mit ihm in Kontakt kommt, und so infiziert der Soldat auf seinem Weg in den Osten immer mehr Menschen. Innerhalb weniger Tage ist die gesamte amerikanische Bevölkerung mit „Captain Trips“ infiziert und die Todesrate liegt bei nahezu 100 Prozent.
Doch es gibt auch Menschen, die gegen dieses Grippevirus immun sind. Noch während sie versuchen, mit der neuen Situation zurechtzukommen, werden sie von Träumen heimgesucht. Träumen, in denen ein mysteriöser dunkler Mann auftritt – der teuflische Randall Flagg – und eine uralte Farbige mit göttlichen Visionen, Mutter Abagail.
Einige der Überlebenden begeben sich auf den Weg nach Westen, nach Las Vegas, wo sie unter der Führung von Randall Flagg, der übernatürliche Fähigkeiten besitzt, eine neue Gesellschaft gründen. Die übrigen machen sich auf nach Nebraska, um die alte Frau zu suchen, die die ersten Ankommenden wie ein moderner Mose nach Boulder, Colorado, führt, wo sie eine neue Zivilisation aufbauen wollen.
Doch auch in Boulder gibt es Menschen, die sich zum dunklen Mann hingezogen fühlen und für seine „Einflüsterungen“ offen sind …

„The Stand – Das letzte Gefecht“ stammt ursprünglich aus dem Jahr 1978. Allerdings war der Verlag damals der Auffassung, dass man den Lesern kein Buch zumuten könnte, das mehr als 12,95 Dollar kosten würde, denn ein Buch von (im Original) über 1 200 Seiten müssten rein kalkulatorisch teurer sein. Daraufhin wurde die Geschichte von Stephen King um 400 Seiten gekürzt. Doch 1990 hatte sich die Buchwelt ein Stückchen weiter gedreht, und man beschloss, die lange Version der Geschichte zu veröffentlichen, in die nun die meisten Kürzungen in der einen oder anderen Weise wieder eingeflossen sind. Die deutsche Taschenbuchausgabe, die im März 2016 in einer Neuausgabe im Heyne Verlag erschien, hat nun schlappe 1 712 Seiten!
Man müsste wohl eine epische Rezension verfassen, um diesem epischen Werk gerecht zu werden, aber ich will mich im Folgenden auf einige wenige Aspekte beschränken.

1. Ich liebe Kings Art, die Ausbreitung des Virus lakonisch und irgendwie distanziert zu beschreiben – aber so, dass man im Grunde beim Lesen schon beinahe lächeln muss:

In der Wüste Kaliforniens hatte jemand, unterstützt vom Geld der Steuerzahler, endlich einen Kettenbrief erfunden, der wirklich funktionierte. Einen ausgesprochen tödlichen Kettenbrief.
Am 19. Juni
[…] machte Harry Trent im östlichen Texas in einem Imbiss namens Babe’s Kwik-Eat Rast, weil er schnell etwas essen wollte. Er bestellte ein Cheeseburger-Menü und als Nachtisch ein Stück von Babes köstlicher Erdbeertorte. Er hatte eine leichte Erkältung, vielleicht eine Allergie, und musste ständig niesen und spucken. Beim Essen steckte er Babe an, den Tellerwäscher, zwei Trucker in der Ecke, den Brotlieferanten, den Mann, der die Schallplatten in der Musicbox auswechseln wollte. Dem süßen Ding, das an seinem Tisch bediente, gab er einen Dollar Trinkgeld, an dem der Tod klebte.
Als er ging, fuhr ein Kombi vor. […] Harry beschrieb dem Mann sehr genau, wie er zum Highway 21 kam. Er stellte gleichzeitig ihm und seiner ganzen Familie die Totenscheine aus, ohne es zu wissen.
(Stephen King: The Stand. Heyne Verlag, München, 2015, S. 125-126)

2. King gelingt es sehr gut, ein riesiges Universum an Figuren glaubwürdig zusammenzuhalten. Er verwebt unzählige Geschichten und Schicksale handelnder Figuren auf meisterhafte Weise. Bei vielen Autoren, die ebenfalls aus einem großen Figurenreichtum schöpfen, wünsche ich mir oft, ein Personenverzeichnis zu haben, um gewisse Dinge nachschlagen zu können. Das ist bei „The Stand“ nicht nötig; hier brennt sich dem Leser jede zentrale Figur so gut ins Gedächtnis ein, dass sie rasch zu alten Bekannten werden, deren Werdegang man immer im Hinterkopf hat. Nie müsste man nachschlagen, wieso sich eine Figur für die dunkle Seite entschieden hat oder warum ein bestimmter Protagonist sich so entwickelt, wie er dies tut.
Auch sind Kings Charaktere keine perfekten Helden, die mit stolzgeschwellter Brust selbstbewusst in die Schlacht ziehen. King schenkt uns reale Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Hoffnungen und Zweifeln, ihren Erfolgen und ihrem Scheitern. Menschen, die versagen und erkennen müssen, dass sie dem falschen Weg gefolgt sind. Menschen, die Dunkelheit oder Licht folgen, aber immer wieder vor der Entscheidung stehen, diese Wahl zu revidieren und doch noch auf die gute respektive böse Seite zu wechseln.

3. Vielfach fühlte ich mich an „The Walking Dead“ erinnert – weniger hinsichtlich der Zombies, sondern vielmehr darum, dass King sich auf die Spur derselben Fragestellung begibt wie viele Jahre später die TWD-Erfinder: Was macht es mit einem Menschen, wenn das, was ihm Halt gibt, plötzlich wegbricht? Wenn die Gesellschaft, in der man seinen Platz hat (auch wenn man mit diesem Platz vielleicht unzufrieden war), von einem Tag auf den anderen nicht mehr da ist? Wird man daran zerbrechen, wie einige Figuren in „The Stand“, oder wird man Stärken und Kräfte entdecken, von denen man vorher keine Ahnung hatte? Werden Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zugunsten von Selbstsucht und dem „Survival of the Fittest“ einen schnellen Tod sterben oder ist die Menschheit doch inhärent gut? (Die Antwort lautet natürlich Nein.) Mit welchen Mechanismen bekommt man es beim Aufbau einer neuen Gesellschaft zu tun – mit welchen Schwierigkeiten ist man konfrontiert? Sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, dazu lädt „The Stand“ sicherlich ebenfalls ein.

4. Und wie es bei einem Roman, in dem es um den alten Kampf Gut gegen Böse, Gott gegen Satan geht, gar nicht anders sein kann, beschäftigt sich King auch mit religiösen Fragen. Allerdings nicht mit den unsympathischen engstirnigen Fanatikern, die Ungläubige in der Hölle schmoren sehen, oder Sonntagschristen, die lediglich  an christlichen Symbolen hängen, sondern ganz zentral mit einer zutiefst gläubigen Frau wie Abagail Freemantle, die keine Symbole braucht, sondern ganz „natürlich“ ihren Alltag mit Gott lebt – und wie ein moderne Mose das auserwählte Volk Israel ins Gelobte Land führt. Und dabei nicht fehlerlos ist. Das „Witzige“ bei dieser Beschäftigung mit Religion ist, dass die übrigen Protagonisten des Romans fast ausnahmslos Atheisten oder Agnostiker sind, in deren Leben der Glaube überhaupt keinen Platz hat. Und die „Werkzeuge“, durch die Gott dann sein Werk tut, sind ausnahmslos alte, zurückgebliebene oder kranke Menschen – und das ist im Rahmen des Romans noch nicht einmal als Kritik zu verstehen. Nach dem Motto: Nur die Alten, die Kranken oder Zurückgebliebenen glauben an etwas so Dämliches wie an einen Gott. Nein, die anderen sind schlicht nicht in der Lage, auch nur in Betracht zu ziehen, dass es um mehr gehen könnte als ein simples fehlgeschlagenes militärisches Experiment.

5. Und schlussendlich wird ein Hardcore-King-Fan sicher einige Aspekte und Personen erkennen, die in späteren Werken des Autors noch eine Rolle spielen werden – wo schon Figuren angedeutet werden, die man aus anderen King-Werken kennt. Randall Flagg ist bspw. die Nemesis der Hauptfigur aus „Der dunkle Turm“. Die Supergrippe „Captain Trips“ wird z. B. auch in der Kurzgeschichte „Nächtliche Brandung“ erwähnt.

Mein Fazit: Ein großartiges, zeitloses Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte! Für das man aber aufgrund seines Umfanges viel Zeit und einen langen Atem braucht.

(via Youtube*)

* Der wahrscheinlich schlechteste Trailer der Welt

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Deborah Harkness: Das Buch der Nacht

harkness das buch der nachtNach ihrer Zeitreise in das London Elisabeths I. kehren die Hexe Diana Bishop und der Vampir Matthew Clairmont zurück in die Gegenwart, wo sie neue Herausforderungen, vor allem aber alte Feinde erwarten. In Sept-Tour, der Heimat von Matthews Ahnen, werden sie schon von ihren Familien und Freunden erwartet. Die Freude über das Wiedersehen wird jedoch von der Nachricht über einen tragischen Verlust überschattet, der besonders Diana tief trifft.
Neue Herausforderungen erwarten das Paar, denn bald wird klar, dass nicht nur ihre Lieben sie vermisst haben – auch alte Feinde verfolgen jeden Schritt, den die beiden tun. Allen voran Benjamin Fuchs, Matthews Vampirsohn, der mit seinem Vater noch eine Rechnung zu begleichen hat.
Die wahre Bedrohung betrifft jedoch „Ashmole 782“, ein verschollenes Manuskript, das sowohl Vampire als auch Hexen und Dämonen für sich beanspruchen, da es der Legende nach Aufschluss gibt über ihre Herkunft.

„Das Buch der Nacht“ ist der Abschlussband der „Diana & Matthew Trilogie“ der Historikerin Deborah Harkness (Band 1: Die Seelen der Nacht; Band 2: Wo die Nacht beginnt). Ich habe zugegebenermaßen einige Wochen gebraucht, um das Buch zu lesen – weniger, weil es eine Enttäuschung war, sondern weil ich wusste, wenn ich erst einmal Seite 764 erreicht habe, ist die großartige Geschichte zu Ende. Und ein größeres Lob kann ich einem Buch, kann ich einer Romanserie nicht aussprechen.

Der Roman setzt da an, wo sein Vorgänger geendet hat: Diana und Matthew lassen das 16. Jahrhundert hinter sich und kehren nach Hause zurück – mit einer Überraschung für ihre Familien und ihre Freunde: Diana ist schwanger. Mit Zwillingen. Im Gegenzug erwartet sie dort aber auch eine traurige Nachricht: Bei einem Angriff durch ihre Gegner ist ein Familienmitglied ums Leben gekommen.
Und schon überschlagen sich die Ereignisse dieses actionreichen Romans: Diana und Matthew beschließen, ihre Unabhängigkeit zu erlangen, indem sie sich vom Clermont-Stammbaum „abspalten“ – auf diese Weise muss Matthew den Anweisungen seines alten Clans nicht länger Folge leisten und kann diesen gleichzeitig vor den Repressalien durch die Kongregation – dem zentralen Organ der übernatürlichen Wesen, in dem immer zwei Vampire, zwei Hexen und zwei Dämonen vertreten sind – schützen, das die Verbindung von Hexe und Vampir zutiefst ablehnt. Dadurch kommt jedoch etwas Entsetzliches ans Licht: Viele von Matthews Vampirkindern haben seinen Blutrausch geerbt – und solche Vampire, die gewöhnlich ihren Blutdurst nicht unter Kontrolle haben, müssen eigentlich von ihren „Eltern“ vernichtet werden. Eines von diesen wahnsinnigen Vampirkindern ist Benjamin Fuchs, den Diana bereits während ihrer Reise in die Vergangenheit kennengelernt hat. Er hasst seinen Vater zutiefst – vor allem, als er erkennt, dass es diesem gelungen ist, mit Diana biologische Kinder zu zeugen. Und so missbraucht und tötet er schon seit Jahrhunderten Hexen in dem Versuch herauszufinden, warum aus dieser unwahrscheinlichen und verbotenen Verbindung doch Kinder hervorgegangen sind. Dazu ist auch er auf der Jagd nach „Ashmole 782“ …
Viele alte Bekannte tauchen im Verlauf der Geschichte auf, viele neue Freunde und Familienmitglieder stoßen hinzu … aber trotz allem gelingt es Deborah Harkness, diesen riesigen Fundus an Akteuren glaubwürdig einzubauen und zumindest auch begrenzt auszugestalten. Allerdings war das auch der Punkt, an dem ich mir gewünscht hätte, dass der Verlag ein Personenverzeichnis anfügt, in dem alle aufgelistet sind – mit dem Hinweis darauf, ob es sich dabei um Vampire, Hexen, Dämonen oder schlicht Menschen handelt. So manches Mal musste ich eben doch grübeln, mit welcher Art Wesen ich es zu tun hatte.
Darüber hinaus liebe ich aber den Schreibstil der Autorin. Er ist zwar nicht übermäßig philosphisch und tiefschürfend, aber sehr flüssig und die Story spannend und schlüssig! Es gibt sehr Rührendes und auch brutale Szenen, die aber alle ihren Platz haben und nicht die Schaulust des Lesers bedienen. Rührend fand ich z. B. die Handlung rund um Gallowglass – Achtung, Spoiler (das Folgende ggf. markieren): Es stellt sich nämlich heraus, dass Dianas Vater ihn bei seiner eigenen Reise in die Vergangenheit gebeten hat, auf seine Tochter aufzupassen (wenn diese dann in den 1970ern geboren werden wird), und so war Diana in ihrem Leben eigentlich nie allein, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst war. Und wenn das auch dazu geführt hat, dass Gallowglass sich ebenfalls in Diana verliebt hat. Er hat sich zu einer wirklich interessanten Figur entwickelt, und ich hoffe, dass Deborah Harkness sich vielleicht dafür entscheidet, uns in einem nächsten Buch mehr von ihm zu erzählen. Ach, was sage ich: Die Autorin hat so viele Figuren eingeführt und ausgestaltet, dass ich gern über eine ganze Reihe von ihnen mehr erfahren möchte.

Mein Fazit: Genau das Richtige für Fans von richtig gut geschriebener (historischer) Fantasyliteratur, für Fans von übernatürlichen Wesen, die immer noch nicht genug haben von Hexen und Vampiren. Denn dieses Buch bietet definitiv mehr als die durchschnittliche Vampirkost, hier wartet den Leser eine hochklassige Geschichte mit vielen Facetten, die sich so manches Mal erst beim zweiten oder dritten Lesen entfalten. Ich bin jetzt schon gespannt, womit uns Deborah Harkness beim nächsten Mal überrascht!

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Deborah Harkness: Die Seelen der Nacht

Deborah HarknessDie junge Amerikanerin Diana Bishop ist Historikerin mit Leib und Seele. Dass in ihr zudem das Blut eines uralten Hexengeschlechts fließt, dass ihre Eltern ebenfalls mächtige Hexen waren und eine Vorfahrin zu den in Salem getöteten Frauen gehört, versucht sie im Alltag mit aller Kraft zu ignorieren. Doch als Diana in der altehrwürdigen Bodleian-Bibliothek in Oxford ein magisches Manuskript in die Hände fällt, kann sie ihre Herkunft nicht länger verleugnen. Seit Jahrhunderten sind Hexen, Dämonen und Vampire auf der Suche nach diesem Manuskript, erhoffen die einen sich davon Aufschluss über die Herkunft übersinnlicher Wesen, halten andere es für das „Ur-Zauberbuch“ überhaupt und erhoffen sich wiederum andere Hinweise darauf, wie sie andere Übersinnliche töten können. Diana ist es als Einziger bislang gelungen, das Buch wenigstens kurzzeitig in ihren Besitz zu bekommen. Nun heften sich Vampire, Dämonen und Hexen an ihre Fersen, um ihr das geheime Wissen zu entlocken – wenn nötig mit Gewalt.
Hilfe erfährt Diana ausgerechnet von Matthew Clairmont, Naturwissenschaftler, 1.500 Jahre alter Vampir – und der Mann, der Diana bald schon mehr bedeuten wird als ihr eigenes Leben … Für beide unerwartet, verlieben sie sich ineinander. Was eigentlich nicht weiter schlimm wäre, gäbe es da nicht ein Gesetz, das Verbindungen zwischen unterschiedlichen Übersinnlichen verbietet. Aufgestellt wurde das Gesetz vor 1.000 Jahren, um einen lange währenden Krieg zu beenden. Über die Einhaltung des Gesetzes wacht die Kongregation, eine Gruppe von neun mächtigen Übersinnlichen, die alles tun werden, um die Verbindung von Diana und Matthew zu zerstören. Selbst wenn sie dafür einen Krieg auslösen und die Entdeckung durch Menschen riskieren.

Ich habe in den vergangenen Wochen und Monaten viele gute und sehr gute Bücher gelesen, aber Deborah Harkness hat mit ihrem Erstlingsroman „Die Seelen der Nacht“ etwas geschafft, das schon lange kein Buch mehr geschafft hat: Ich bin morgens später zur Arbeit gefahren, um „noch ein Kapitel mehr“ lesen zu können, habe auf den Fernseher verzichtet, um „noch ein Kapitel mehr“ lesen zu können, bin abends später schlafen gegangen, um „noch ein Kapitel mehr“ lesen zu können. 😉 Der Roman bietet anspruchsvollere Unterhaltung, aber vor allem all das, was die gängigen Fantasy-/Urban-Fantasy-Romane nicht bieten: glaubwürdig gezeichnete, vielschichtige Charaktere, eine gut durchdachte, spannende Handlung, in der die Helden sich nicht in Kapitel 1 zueinander hingezogen fühlen und spätestens in Kapitel 5 miteinander im Bett landen – und dann noch das gewisse Etwas, das einen guten Fantasy von einem sehr guten unterscheidet. Im Fall von „Die Seelen der Nacht“ ist das der Metaliteratur-Aspekt. Man spürt sofort, dass die Amerikanerin Deborah Harkness eine anerkannte Historikerin ist, die sich sehr gut im Bereich Wissenschaftsgeschichte und Medizin auskennt – und auch wirklich etwas von Wein versteht. Aber es gelingt ihr, ihr Wissen auf eine Weise einfließen zu lassen, dass man beispielsweise selbst Hunger bekommt – sie beschreibt das Aroma von Wein, die Geschichte unterschiedlicher Weine und die damit einhergehenden Gerichte so lecker und nachvollziehbar, dass man gleich selbst eine Flasche guten Roten öffnen möchte. 🙂 Dann wieder lässt sie ihren Helden so faszinierend von Begegnungen mit historischen Figuren berichten, dass man zum einen mehr über diese erfährt, als man aus einem gewöhnlichen Geschichtsbuch erfahren würde, zum anderen wird die historische Persönlichkeit aber wirklich auf unterhaltsame Weise lebendig. Man spürt richtiggehend, dass die Autorin ihren Beruf und seine Geschichte über alles liebt. Es kommt dem Leser am Ende so vor, als sei er wirklich in die Welt der Kreuzritter, der Alchimisten und der Wissenschaftler eingetaucht und ein Stückchen klüger geworden (und was kann man sich schon mehr wünschen, als auf unterhaltsame Weise etwas zu lernen?). Und schließlich handelt es sich bei Diana und Matthew um zwei Wissenschaftler, die im altehrwürdigen Oxford lehren – vermutlich wäre „Die Seelen der Nacht“ sogar als Reiseführer geeignet, würde man das Buch auf eine Reise nach England mitnehmen. So anschaulich beschreibt Harkness die Universitätsgebäude, die Restaurants und Cafés und vor allem die unterschiedlichen Bibliotheken. Großartig!

Aber auch die Charaktere an sich sind, wie gesagt, glaubwürdig gezeichnet. Bis zu einem gewissen Grad kann sich auch Harkness den Stereotypen zwangsläufig nicht entziehen, aber wer möchte schon eine Geschichte über hässliche Vampire und mit Warzen übersäte Hexen lesen, die nur deshalb zusammenarbeiten, weil sie sich abstoßend finden? 🙂 Diana und Matthew sind facettenreiche Charaktere, die eine glaubwürdige Geschichte haben, welche ihr Verhalten im Verlauf des Romans schlüssig erklärt. Dianas Eltern – beide mächtige Hexen – wurden auf brutale Weise ermordet, als Diana sieben Jahre alt war. Ihr Glaube, dass deren magische Kräfte dafür verantwortlich waren, und die Tatsache, dass das Mädchen in ihrem eigenen Leben sieht, in welcher Weise diese Fähigkeiten andere Menschen/Übersinnliche beeinflussen, hat dafür gesorgt, dass sie sich weigert, ihre Kräfte einzusetzen (natürlich gibt es auch humorvolle Ausrutscher), und sich mit so etwas Nüchternem wie Wissenschaftsgeschichte beschäftigt. Aber natürlich lassen sich solche Kräfte nicht auf ewig verleugnen, sondern suchen sich ihren Weg nach draußen – und das bringt Diana in Kontakt mit Ashmole 782, ein altes Buch über Alchemie, das sich als mehr entpuppt und den Stein ins Rollen bringt.

Matthew hingegen ist ein 1.500 Jahre alter, zurückgezogen lebender Vampir aus einer alten französischen Familie, der schon seit Generationen (auf die eine oder andere Weise) in Oxford studiert und forscht. Als er merkt, welches Manuskript Diana in „seiner“ Bibliothek entdeckt hat und dass daraufhin unzählige übersinnliche Wesen in Oxford aufkreuzen, beschließt er, die störrische junge Frau zu beschützen. Und gerade das Einfühlungsvermögen, mit dem Deborah Harkness dieses Kennenlernen und das Näherkommen der beiden Protagonisten beschreibt, ist in meinen Augen etwas ganz Besonderes. Sie beweist, dass ein Autor eben nicht die Hammermethode (sprich: seitenlang in allen Details beschriebenen 6) braucht, um zwei Figuren zueinanderzubringen. So viel sei verraten: Unsere beiden Helden haben bis zum Ende des Romans nicht ein einziges Mal 6, obwohl sie an einem Punkt sogar heiraten. Und das ist auch gar nicht schlimm, denn hier stimmt alles andere! Und wahrscheinlich haben die LeserInnen, die sich darüber beklagen, dass die beiden Protagonisten sich (gefühlt stundenlang) über ein paar Flaschen Wein und einem Menü in ihrem winzigen Zimmer in Oxford über Nichtigkeiten unterhalten, schlicht nicht gemerkt, dass diese Szene erotischer ist als die Beschreibung eines Aktes selbst. Aber keine Sorge: Ganz ohne hormonelle „Anfälle“ kommt auch diese Geschichte nicht aus. 😉

Aber die Story an sich ist eben so packend geschildert, dass man die Bettszenen als Leser auch gar nicht vermisst. Ob jemand nun zu diesem Buch greift, weil er Literatur liebt, sich für Wissenschaftsgeschichte oder die Geschichte der Menschheit und all ihre kriegerischen Auseinandersetzungen interessiert oder schlicht Romane über Vampire, Hexen und andere übersinnliche Wesen schätzt: Hier ist für jeden etwas dabei!

Mein Fazit: Wer dieses Buch nicht liest, ist selbst schuld. Unbedingte Leseempfehlung!

PS: Bei „Die Seelen der Nacht“ handelt es sich um Band 1 der „All Souls“-Trilogie. Der zweite Teil wird am 18. März 2013 unter dem Titel „Wo die Nacht beginnt“ auf Deutsch erscheinen.

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Cassandra Clare: City of Ashes (Chroniken der Unterwelt 2)

„City of Ashes“ setzt dort ein, wo „City of Bones“ geendet hat:

Valentin hat einen jungen Hexenmeister bezahlt, damit dieser Agramon, den Dämon der Angst, heraufbeschwört – was der junge Magier mit dem Leben bezahlen wird. Dem Schattenjäger selbst kann der Dämon nichts anhaben, da Valentin im Besitz des Kelches der Engel ist, was ihm Macht über den Dämon verleiht.
Nachdem ihre Mutter nach der Entführung durch Valentin im Krankenhaus in einer Art Koma liegt, lebt Clary mittlerweile bei Luke, während Jace nach den Ereignissen von „City of Bones“ von Maryse Lightwood aus dem Institut geworfen wird und ebenfalls zunächst bei Luke unterkommt, als er einen Streit in einer Werwolfbar vom Zaun bricht. Die Ereignisse überschlagen sich, als die Inquisitorin nach New York kommt, um die Ereignisse um Valentin zu untersuchen. Nachdem Jace sie verärgert hat (und da er der Sohn von Valentin ist), lässt sie ihn in der Stadt der Stille ins Gefängnis werfen. Eines Nachts vernimmt er die Schreie der Stillen Brüder, die das Schwert der Engel (ein weiteres Heiligtum der Schattenjäger) hüten. Valentin ist in die City of Bones eingedrungen, hat die Bruderschaft ermordet und das Schwert an sich genommen – ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Vernichtung der Ordnung der Schattenhüter -, nicht jedoch, ohne vorher Jace das Angebot unterbreitet zu haben, an seiner Seite zu kämpfen. Jace lehnt ab.
Clary, Isabelle und Alec gelingt es schließlich, ihn zu befreien, er wird jedoch von der Inquisitorin bei Magnus Bane (dem Hexenmeister von Brooklyn) unter Hausarrest gestellt. Dennoch beschließen sie, der Einladung der Elfenkönigin an den Lichten Hof zu folgen, um sich deren Unterstützung im Kampf gegen Valentin zu versichern. Doch leider geht das Treffen nicht so aus, wie die Freunde sich dies erhofft haben. Stattdessen endet es in einem Streit zwischen Jace und Clary – und Simons verzweifelter Entscheidung, sich in das Hauptquartier der örtlichen Vampire zu begeben, was wiederum mit seiner Verwandlung in ein Geschöpf der Nacht endet …
Jace sucht Valentin auf, um mehr über dessen Pläne zu erfahren, und dieser bietet ihm erneut auf, auf seiner Seite zu kämpfen. Und abermals lehnt Jace ab. Schließlich kommt es zu einem Showdown zwischen Valentin und seinen Dämonen auf der einen und den Schattenjägern auf der anderen Seite, den nicht nur viele mit dem Leben bezahlen müssen, sondern der auch für Clare und Simon einige überraschende Wendungen mit sich bringt.

„City of Ashes“ ist der zweite Roman in den Chroniken der Unterwelt. Er ist wieder sehr gut geschrieben (sprachlich besser als vieles, was sonst auf dem Markt ist), actionreich und packend. Auch dieser Roman ist frei von Längen – und mit seinen knapp 480 Seiten immer noch zu kurz. 🙂 Die relevanten Charaktere bekommen neuen Facetten und dürfen sich glaubwürdig weiterentwickeln: Clary wird langsam zu einer Schattenjägerin, entdeckt ihre besonderen Fähigkeiten und beschließt, sich im Beziehungsdreieck (Clary – Simon – Jace) für Simon zu entscheiden, nachdem ans Licht gekommen ist, dass sie und Jace offenbar Geschwister sind. Dennoch ist diese Situation für alle Beteiligten schwierig und endet für Simon mit der sehr überstürzten, dummen Entscheidung, einen Selbstmordversuch zu unternehmen (indem er sich in das Vampirhauptquartier begibt), als er erkennen muss, dass Clarys Liebe weiterhin Jace gehört. Dieser muss sich nicht nur mit der verbotenen Zuneigung zu Clary auseinandersetzen, sondern auch mit dem Misstrauen vonseiten der Inquisitorin und der Ablehnung durch seine Ziehmutter Maryse. Seine Ziehschwester Isabelle hingegen darf in diesem Roman lernen, dass andere Mädchen/Frauen nicht unbedingt Konkurrenz sind, sondern verlässliche Freunde sein können, während ihr Bruder Alec im Verborgenen seine Beziehung zu Magnus Bane vertieft. Kurzum: Cassandra Clare hat Charaktere geschaffen, mit denen man wirklich mitfühlen, mitleiden und mitkämpfen kann – und zwar nicht nur mit den beiden Hauptfiguren, sondern auch mit den Nebenfiguren.

Fazit: Unbedingte Leseempfehlung! Und am besten gleich den abschließenden Band „City of Glass“ mitbestellen, damit die Wartezeit nach Beendigung von Band 2 nicht so lang ist. 🙂

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Thomas E. Sniegoski: Soul Trade (Angel-Roman 8)

David Bentone ist ein leidenschaftlicher Spieler. Eines Tages setzt er wieder einmal viel zu viel Geld auf ein Pferd – und verliert eine Riesensumme. Als er darüber nachdenkt, die Stadt zu verlassen und seine Familie zurückzulassen, spricht ihn ein geheimnisvoller Mann an, der ihm einen Deal anbietet: Er bezahlt Bentones Schulden und dieser übergibt ihm die Seele seiner kleinen Tochter. Da Bentone sehr verzweifelt ist und darüber hinaus auch nicht an die Existenz der Seele glaubt, willigt er schließlich ein. Doch als er den Kollektor, den ihm Anton Meskal – so der Name des Mannes – gegeben hat, einsetzt und seiner Tochter die Seele nimmt, fällt diese in eine Art Koma.
Unterdessen ist Angel durch eine von Doyles Visionen auf den Fall aufmerksam geworden und beginnt zu ermitteln. Das Schicksal des kleinen Mädchens erinnert ihn zu sehr an den zu frühen Tod seiner Schwester. Als er Bentone in dessen Wohnung aufsucht, wird dieser gerade von drei Homunculi überfallen, da er versucht hat, von seinem „Geschäftspartner“ Meskal mehr Geld zu erpressen. Während der Auseinandersetzung wird Bentone schließlich getötet, und es gelingt den Homunculi, mit der Seele seiner Tochter zu flüchten.
Angel erfährt von einem Informanten, daß es eine neue Droge namens Uforia gibt, die aus Seelen hergestellt wird und sich unter den Dämonen gerade großer Beliebtheit erfreut. Er findet heraus, daß Meskal auch für die Drogengeschäfte verantwortlich ist, und stellt diesem eine Falle. Es gelingt Meskal zwar zu entkommen, doch die magischen Kräfte, die er dabei gegen Angel einsetzen muß, schwächen ihn und lassen ihn rapide altern – denn im Grunde ist Anton Meskal bereits über 800 Jahre alt. Den verlangsamten Alterungsprozeß verdankt er seiner Verbindung zu einem Kurgarru-Dämon namens Shugg, den er zu Beginn des 13. Jahrhunderts aus einer anderen Dimension befreit hat. Aus Dank dafür – Shugg war der Letzte einer Dämonenart, die sich ausschließlich von den Seelen der Angehörigen ihrer Rasse ernährte – hat ihn dieser in das Geheimnis eingeweiht, wie man durch die Aufnahme von Seelen das eigene Leben verlängern kann.
Es kommt schließlich zu einem Showdown in einer alten Horrorvilla, bei dem nicht nur die Seele des kleinen Mädchens auf dem Spiel steht …

„Soul Trade“ ist ein geradliniger Monsterroman, der recht unterhaltsam (und gelegentlich richtig schön eklig) ist – jedoch nicht mehr. Auch hier steht wieder eine Episode aus Angels Vergangenheit im Mittelpunkt: der Mord an seiner kleinen Schwester, was ihn im Rahmen des Romans gleich in zwei Fällen zum Handeln veranlaßt, als Kinder in Gefahr schweben. Leider enthält die Story nur zwei kurze Rückblenden in die Vergangenheit der Figuren, so daß man nichts Neues über die Geschichte unseres „Helden“ erfährt. Sehr interessant ist es jedoch, daß endlich einmal ein Schriftsteller auf die Idee kommt, Angel seiner Seele zu berauben – ein Konzept, aus dem man viel mehr hätte herausholen können.

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John Passarella: Avatar (Angel-Roman 7)

Elliot Grundy, ein eher mittelmäßig aussehender Computerfreak Mitte 20, erhält eines Tages Botschaften von einem körperlosen Vishrak-Dämon. Dieser verspricht ihm die Erfüllung aller seiner Wünsche, wenn Elliot ihm dabei hilft, wieder Gestalt anzunehmen. Elliot willigt ein. Um den Wiederherstellungsprozeß zu vollenden (über den an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden soll), knüpft Elliot über Chatrooms Kontakt zu Singles und vereinbart mit diesen ein Treffen. Der Dämon bedient sich dann Elliots Energie, um menschliche Gestalt anzunehmen (und den Chattern so ihren jeweiligen Traumpartner vorzugaukeln) und sich mit ihnen zu treffen. Durch tentakelähnliche Gebilde beraubt er die jungen Leute ihrer Organe, ihres Blutes etc., bis nur noch leere Hüllen zurückbleiben.
Durch eine von Doyles Visionen wird Angel auf den Dämon aufmerksam. Als er an einem Tatort ankommt, findet er dort auch Kate vor, die ihn um seine Mitarbeit bittet.
Doch nicht nur Angel und die Polizei haben ein Interesse daran, den Dämon zu stoppen. Auch die Bruderschaft von Vishrak führt ein Ritual durch – jedoch nicht in der Absicht, ihn zu stoppen, sondern um ihn unter ihre Kontrolle zu bringen.
Schließlich gelingt es den Detektiven, in Erfahrung zu bringen, wo und nach welchen Kriterien der Dämon seine Opfer aussucht. Cordelia spielt den Lockvogel, und verdeckt nehmen sie Kontakt zu ihm auf. Schließlich kommt es zu einem Showdown zwischen Angel, der Bruderschaft und dem Vishrak-Dämon.

„Avatar“ ist ein spannender Roman, der eine richtige Monsterstory bietet – mit einigen ausgesprochen unappetitlichen Szenen. Das Zusammenspiel zwischen Doyle, Cordelia und Angel ist genauso witzig und bewegend wie in der Serie „Angel“ selbst. Sehr schön wird die problematische Beziehung zwischen Cordelia und Doyle thematisiert, der sich immer noch nicht traut, ihr seine wahre Identität zu offenbaren. Auch Angels Schwierigkeit, Beziehungen zu Frauen aufzubauen, wird angesprochen. Fazit: Das Buch ist sehr empfehlenswert.

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Jeff Mariotte: Der Preis der Unsterblichkeit (Angel-Roman 4)

„Der Preis der Unsterblichkeit“ (engl. „Close to the Ground“) von Jeff Mariotte ist der vierte Roman in der Angel-Reihe. Die Handlung spielt irgendwann zwischen den Folgen „Party mit Biß“ und „Helden wie wir“, einer Zeitspanne, an der die Angel-Autoren wohl einen Narren gefressen haben. Angel Investigations steht auf wackligen finanziellen Füßen und hat – wie immer – kaum zahlende Kundschaft. Cordelia hofft immer noch darauf, daß sie entdeckt und damit endlich berühmt wird. Doyle hadert mit Spielschulden und Angel erträgt das ihn umgebende Chaos mit der ihm eigenen stoischen Ruhe.
Diesmal führt Doyles Vision Angel zu einem verwöhnten Reiche-Leute-Kind. Karinna ist die Tochter von Jack Willits, dem Kopf von Monument Pictures – einem der größten Studios im Filmgeschäft. Angel kann Karinna gerade noch davor bewahren, von ihren eigenen Bodyguards zusammengeschlagen zu werden. Willits‘ Dank für die Rettung seiner Tochter schlägt sich in einem Bodyguardjob für Angel und in Cordelias Debüt in der Filmbranche nieder. Ihre Begeisterung hält sich allerdings in Grenzen, als sie feststellen muß, daß sie nicht der Star des nächsten Films sein wird, sondern nur Führungen auf dem Studiogelände zu leiten hat.
Unbemerkt von Angel stellt sich in LA Besuch aus der alten Heimat ein. Der Zauberer Modractus, der die meiste Zeit seiner 500 Jahre auf einer unwirtlichen irischen Insel verbracht hat, kommt mit einem bunten Gefolge aus irischen Helfershelfern und keltischen Fabelwesen in die Stadt der Engel, um mit Angels Hilfe sein großes Problem zu lösen: Die Zaubersprüche, die sein ewiges Leben garantieren sollten, wirken nicht mehr und er droht an Altersschwäche zu sterben, bevor er seinen großen Plan vollenden kann. Er beabsichtigt nämlich, den keltischen Gott des Todes, Balor, herbeizurufen und ihn auf die zivilisierte Welt loszulassen. Doch die „Hilfe“, die sich Modractus von Angel erhofft, ist für alles andere als ungefährlich!

Für „Der Preis der Unsterblichkeit“ hat Jeff Mariotte wohl intensive Irland-Recherchen betrieben. Denn wer glaubt, der Todesgott Balor sei eine Erfindung des Autors, irrt gewaltig. Zwar hat Joss Whedon einmal angemerkt, daß er sich kurzerhand seine Dämonen selbst ausgedacht hat, nachdem ein paar fruchtlose Stunden im Internet keine Ergebnisse gebracht hätten (also gibt es wohl doch keine Dämonendatenbank mit dem vielsagenden Namen „Demons, Demons, Demons“ im Internet). In diesem Fall beruht aber der Hintergrund der Modractus-Storyline auf alter keltischer Mythologie. Jeff Mariotte hat sich reichlich bei den farbenfrohen Geschichten der Iren bedient.
Für alle Interessierten gibt es hier einen kleinen Einblick: Die Kelten gingen davon aus, daß sie das Land von den Göttern (Tuatha De Danaan) übernommen haben, die jetzt unter der Erde, in der „Otherworld“ leben. Daher werden sie auch „People of the Side“ (Side meint irische Begräbnishügel) genannt. Die Fomoire, die auch in dem Buch erwähnt werden, sind eine Rasse „böser“ Götter, Eindringlinge, die Irland für sich zu gewinnen versuchen. Balor letztendlich, ist einer dieser Formoire. Ein Gott, der mit seinem einen Auge seine Feinde durch bloßes Ansehen vernichten kann und der später in der Schlacht von Mag Tuired von seinem Enkel, dem Gott Lug, geschlagen wird.
Letztendlich macht dieser Mythos aber nur die Basis der Handlung aus. „Der Preis der Unsterblichkeit“ ist ein gelungener Angel-Roman mit einer gut gelaunten Cordy, einem nicht ganz ernstzunehmenden Bösewicht und einem Angel, der für jede Situation eine passende Punchline parat hat (ein gewöhnungsbedürftiger Zug an unserem sonst so wortkargen dunklen Rächer). Flashbacks wurden diesmal nur sparsam verwendet, dafür aber umso effektiver. Alles in allem eine unterhaltsame Geschichte über die Unbillen eines Bodyguards, das harte Leben einer verwöhnten Tochter, das Filmgeschäft und Cordelias Versuch, es endlich zu schaffen.