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Pierce Brown: Tag der Entscheidung (Red Rising #3)

brown-red-rising3Mutig bis zuletzt hat der ehemalige Minenarbeiter Darrow gekämpft, um die verhasste Oberschicht, die Goldenen, zu stürzen. Aber dann wird er heimtückisch verraten, und nun scheint alles verloren zu sein: Fern aller Menschen, die er einst liebte, ist er gefangen. An einem grauenvollen, unmenschlichen Ort.
Und doch ist Darrow die einzige Hoffnung der Menschheit. Nur er kann eine neue, eine gerechtere Zeit einläuten und alle einen: die mutlose Unterschicht, die verhassten Goldenen und seine ehemaligen Freunde, die er schon einmal im Stich gelassen hat …

„Tag der Entscheidung“ ist der Abschlussband der „Red Rising“-Trilogie des Amerikaners Pierce Brown – und wieder ein Buch mit einem enormen Spannungsbogen. Auch in erzählerischer Hinsicht ist der Roman ein wahres Vergnügen – eine wahres Feuerwerk an Ideen und Verwicklungen. Gerade kurz vor Ende gab es noch einmal eine Entwicklung, die ich nicht kommen sah und die mir nur ein WTF entlockte!

Als die Geschichte beginnt, ist Protagonist und Ich-Erzähler Darrow wieder ganz unten angekommen. Verbündete haben sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere gegen ihn gewandt. Gerade als Nero au Augustus ihn als Sohn und Erben einsetzen will, zeigen vermeintliche Freunde und Verbündete ihr wahres Gesicht, ermorden viele von denen, die am seiner Seite für die Eroberung des Mars gekämpft haben, und nehmen ihn gefangen. Neun Monate lang wird Darrow gefoltert und auf schreckliche Weise eingekerkert, doch als sein „Kerkermeister“ (no Spoilers 🙂 ) ihn an die Octavia au Lune übergeben will, gelingt es dem Söhnen des Ares ihm zu befreien.
Doch Darrow muss erkennen, dass sich während seiner Gefangenschaft vieles verändert hat. Die Aufständischen, die mittlerweile von Sevro angeführt werden, stehen mit dem Rücken zur Wand. Ihre Kämpfer, die den unterschiedlichsten Farben angehören, werden von den vereinten gegnerischen Truppen zurückgedrängt und dezimiert. Aber vor allem erkennt Darrow, dass er selbst sich verändert hat bzw. ändern muss. Er trifft auch hier noch schnelle Entscheidungen, doch zunehmend weiß er auch den Rat seiner Verbündeten zu schätzen. Er hat erkannt, dass er zum Teil selbst die Schuld daran trägt, dass sich einige ehemalige Freunde gegen ihn gewandt haben.
„Tag der Entscheidung“ gibt stärker als seine Vorgänger in das Handeln und Denken sowie die Entwicklung auch anderer Personen – natürlich nur in dem begrenzten Maß, wie dies bei einem Roman möglich ist, der aus der Ich-Perspektive erzählt wird: u. a. Sevro, der die Rebellion nach Darrows vermeintlichem Tod weitertreibt und unter einem enormen Druck steht – was wird er tun, wenn Darrow zurückkehrt? Wird er die Führungsrolle abgeben und akzeptieren, dass Darrow eine ganz andere Vorgehensweise hat? Wird es Ragnar gelingen, seine Schwester Sefi und vor allem seine Mutter auf seine Seite zu ziehen – und diese dazu bringen, sich gegen die Goldenen Götter zu wenden? Was treibt die ehemaligen Freunde von Darrow an, die sich gegen ihn gewendet haben? Werden sie für den Verrat mit ihrem Leben bezahlen oder wird es am Ende doch eine Versöhnung geben?
Gerade die Beschäftigung mit diesen und ähnlichen Fragen macht eine der Stärken des Buches aus. Die Figuren sind nicht (länger) schwarz-weiß; es gibt viele Grautöne, Widersprüche, innere Auseinandersetzungen, Kompromisse, wodurch die Figuren sehr authentisch wirken. Allen voran natürlich Darrow, der spätestens jetzt länger von Rache, sondern von Gerechtigkeit getrieben wird und immer wieder bereit ist, alten Freunden noch eine zweite Chance zu geben. Oder die Augen zuzudrücken, wenn er oder einer seiner Verbündeten Gewaltakte begeht oder begehen muss, die seinen moralischen Überzeugungen eigentlich widersprechen.

Mit „Tag der Entscheidung“ findet die Geschichte um Darrow und den Aufstand der Roten bzw. der Gegner von Octavia au Lune einen glaubwürdigen Abschluss; alle Fäden werden glaubwürdig zusammengeführt.

Mein Fazit: „Red Rising“ ist eine in vieler Hinsicht qualitativ hochwertige Trilogie, deren Verfilmung ich nur zu gern anschauen würde! Die gute Nachricht ist, dass im Januar 2018 Band 1 einer neuen Trilogie erscheint: Iron Gold. Autor Pierce Brown hat in einem Interview verraten, dass die Handlung dieser neuen Trilogie etwa zehn Jahre nach den Ereignissen von „Red Rising“ spielt und von neuen und alten Herausforderungen erzählt, denen die Solar Republic unter der Regentschaft von Darrow und Musting gegenübersteht.

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Pierce Brown: Im Haus der Feinde (Red Rising #2)

Red RisingImmer war Darrow stolz darauf, als Minenarbeiter auf dem Mars den Planeten zu erschließen. Bis er herausfand, dass die Oberschicht, die Goldenen, längst in Saus und Braus leben und alle anderen ausbeuten. Unter Lebensgefahr schloss er sich dem Widerstand der Söhne des Ares an und ließ sich selbst in einen Goldenen verwandeln.
Seit zwei Jahren lebt er nun mitten unter seinen Feinden und versucht, die ungerechte Gesellschaft von innen heraus zu stürzen. Doch womit Darrow nicht gerechnet hat: Auch unter den Goldenen findet er Freundschaft, Respekt und sogar Liebe. Zumindest so lange ihn niemand verrät. Und der Verrat lauert überall.

„Im Haus der Feinde“ ist Band 2 der „Red Rising“-Trilogie des Amerikaners Pierce Brown und wieder einmal ein echter Pageturner. Die Geschwindigkeit, mit der Darrow gegen politische Verschwörer kämpft bzw. für seine Sache – sie steht ab einem bestimmten Punkt der Geschichte Band 1 in nichts nach. Im Gegenteil: Der Autor bleibt dem Rezept von „Red Rising“ treu: Es gibt eine Menge Kämpfe auf Leben und Tod, atemberaubende Brutalität und Rücksichtslosigkeit und eine derart derbe Sprache, die in YA-Romanen eher unüblich ist. Die Geschichte ist derart actionreich, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte, da es nur wenige Zeitpunkte gibt, an denen der Protagonist (und damit auch der Leser) einmal kurz durchatmen kann. Doch beschränkte sich die Geschichte des ersten Bandes noch auf das Überleben am Institut, geht es nun auf die nächste Ebene: die Weltengesellschaft und unser Sonnensystem.

Die Geschichte erinnert stärker als der Vorgänger an „Der Wüstenplanet“ von Frank Herbert: Familienclans werden vom regierenden Oberhaupt der Weltengesellschaft – derzeit Octavia au Lune – mit der Herrschaft über einen Planeten und der Ausbeutung seiner Ressourcen beauftragt und müssen dafür sorgen, dass „das Spice fließt“ – oder im Fall von Mars: dass das Helium-3 fließt, auf das die Weltengemeinschaft angewiesen ist.

Während auch im Vorgängerband die SciFi-Elemente relativ dezent einflossen, nehmen sie nun in „Im Haus der Feinde“ eine größere Rolle ein. Es kommt wiederholt zu großen Weltraumschlachten, in deren Rahmen dann die unterschiedlichsten Raumschiffe beschrieben werden. Ganz abgesehen von SciFi-Waffen, die auch hier verstärkt erwähnt bzw. eingesetzt werden. Es ist die Rede von Starshells, Storks, Ripwings, Leechcrafts, Wasps, Speederbikes, Spiders, Hoverskiffs, Railguns, Lurchers und vielen mehr – und da diese Begriffe höchstens bei ihrer ersten Erwähnung in einem (Neben-)Satz erklärt werden, hätte ich mir gewünscht, dass es im Anhang oder in der Klappe des Buches ein kleines Verzeichnis all dieser Begriffe und Kategorien gibt, mit man kurz nachschlagen kann, ob man es gerade mit einem Angriff durch einen kleinen Raumschiffjäger zu tun hat oder einem der gigantischen Ganzkörperschutzanzüge.

Ähnliches gilt übrigens auch für die Personenliste. Da der Fundus an handelnden Personen mittlerweile sehr umfangreich ist, geht dem Roman ein kurzes Verzeichnis voraus, in dem die zentralen Figuren kurz erläutert werden (z. B. Adrius au Augustus/Schakal: Sohn des Erzgouverneurs, Erbe des Hauses Augustus, Zwillingsbruder von Virginia). Dies ist durchaus recht hilfreich – aber da die Anzahl der Figuren in diesem zweiten Band schier explodiert, weil neben all den Goldenen auch zahllose Blaue, Graue, Obsidiane etc. eine zentrale Rolle spielen, hätte ich mir ein umfangreicheres Verzeichnis gewünscht. Das wäre gerade vor dem Hintergrund relevant/hilfreich gewesen, da die Loyalitäten teilweise innerhalb eines Familienclans variieren.

Im Gegensatz zum ersten Buch brauchte ich bei „Im Haus der Feinde“ ein paar Kapitel, um in die Handlung hineinzufinden bzw. mich von dieser packen zu lassen. Der Grund ist vermutlich sehr einfach: Band 1 endet mit einem Sieg des Über-Menschen Darrow. Er hat die Regeln gesprengt, hat sich von seiner Rache antreiben lassen und das „Spiel“ gewonnen: Er hat auf dem Institut gegen die unterschiedlichen Häuser gekämpft, hat einige besiegt, andere als Verbündete gewonnen – aber vor allem hat er die Protektoren, die das „Spiel“ geleitet und manipuliert haben, mit brutaler Gewalt ausgeschaltet. Doch in „Im Haus der Feinde“ stolpert Darrow zunächst von einer Niederlage zur nächsten – das machte mir es etwas schwer, mich mit ihm zu identifizieren oder zumindest mit ihm zu sympathisieren.
Nun ist er Lanzenreiter von Nero au Augustus – dem Erzgouverneur von Mars, der das „Spiel“ zugunsten seines eigenen Sohnen manipuliert hat und die Schuld am Tod von Eo trägt, Darrows Frau. Doch Darrow muss feststellen, dass das Leben auf der Akademie, wo er sich das Zeug verdient, ein Flottenkapitän des Hauses Augustus zu werden, mehr von ihm verlangt, als zu kämpfen. Auch hier ist das „Spiel“ manipuliert, auch hier gibt es mächtige Kräfte, die gegen ihn arbeiten und alles dafür tun, dass er scheitert und damit auch sein Haus. Und dieses Mal unterliegt der Protagonist. Darrow macht auf diese Weise noch stärker als in „Red Rising“ die Bekanntschaft von politischen Verschwörungen, ein Terrain, auf dem er sich (zunächst) nicht zu Hause fühlt. Er muss lernen, sich nicht nur auf seine körperliche Überlegenheit zu verlassen, sondern sich auch mit unterschiedlichsten Personen und Familien zu verbünden. Während es in „Red Rising“ darum ging, im Rahmen des Spiels auf dem Mars die Mitglieder anderer Häuser nicht als Sklaven, sondern als Verbündete auf seine Seite zu ziehen, geht es in „Im Haus der Feinde“ nun stärker darum, die Mitglieder anderer Farben aus ihrer kulturellen Sklaverei zu befreien und zu loyalen Verbündeten zu machen, die aus eigener Entscheidung für ihn kämpfen. Während in „Red Rising“ primär Rache der treibende Motor für Darrows Handeln war, ist es in „Im Haus der Feinde“ zunehmend der Kampf für die Gerechtigkeit.
Einige seiner Pläne werden aufgehen, andere scheitern, weil sowohl Darrow als auch der Leser sich nie sicher sein kann, ob nicht ein Verbündeter ein doppeltes Spiel spielt. Und da auch die Pläne seiner Gegner ebenfalls das eine oder andere Mal scheitern, bleibt es bis zuletzt spannend, wer den Sieg davontragen wird. Denn nicht alle sind auf seiner Seite, als sie seine wahre Identität erkennen – und dass er ihre liebgewordene gesellschaftliche Position aufweichen will.
Der Leser nimmt in diesem Kontext auch gemeinsam mit Darrow Abschied von alten Freunden – niemand ist vor dem literarischen Tod gefeit. Und auch hier ist nicht jede Figur, die das Buch als Verbündeter und Freund beginnt, bis zum Ende auf Darrows Seite. Ich als Leserin war vermutlich am Ende genauso schockiert wie Darrow, als … Ach nein, Spoiler. 🙂

Mein Fazit: Mir bleibt die Luft weg. Ich muss das Ende der Geschichte erfahren! Gott sei Dank habe ich mit dem Lesen der Serie gewartet, bis alle Bände lieferbar waren …

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Pierce Brown: Red Rising (Red Rising #1)

Red Rising 1Darrows Welt ist brutal und dunkel. Wie alle Roten schuftet er in den Minen des Mars, um ein Leben auf der Oberfläche des Planeten möglich zu machen.
Doch dann wird seine große Liebe getötet, und Darrow erfährt ein schreckliches Geheimnis: Der Mars ist längst erschlossen, und die Oberschicht, die Goldenen, leben in dekadentem Luxus.
Darrow schließt sich dem Widerstand an – den Söhnen des Ares -, die ihn in einem monatelangen schmerzhaften Prozess in einen Goldenen verwandeln. Schließlich gelingt es ihm sogar, sich dank einer neuen Identität Zutritt zu einem sagenumwobenen Institut zu verschaffen, in dem die Elite der mächtigen Familien herangezogen wird. Er will einer von ihnen werden – um sie dann zu stürzen …

„Red Rising“ ist der Auftaktband zur gleichnamigen Dystopie des Amerikaners Pierce Brown und im Grunde eine Hardcore-Version von Büchern wie „Harry Potter“, „Die Tribute von Panem“, „Der Herr der Fliegen“ oder „Battle Royale“. Der Autor erfindet also das Rad nicht neu, aber er schildert eine sehr unterhaltsame Geschichte. Eine Geschichte, die definitiv nichts für zarte Gemüter ist!

Ausgangspunkt ist sicher ein Gedanke, der eingangs auch von Erzgouverneur Nero au Augustus – Darrows Erzfeind – in Worte gefasst wird: dass die Geschichte jeder Gesellschaft in drei Stadien verläuft: Zu Anfang herrscht ein unziviliserter Zustand, dann kommen Aufstieg und Niedergang durch Verweichlichung. Diese Erfahrung mussten in der Geschichte der Menschheit schon viele Kulturen machen – und wenn ich raten dürfte, würde ich sagen, dass auch Augustus‘ Herrschaft diesen Weg gehen wird.

Rein äußerlich beinhaltet die Buchausgabe zwei Aspekte, die ich gewöhnlich nicht mag: 1. Der Text ist in einer serifenlosen Schrift abgedruckt, was ich normalerweise nicht so angenehm zu lesen finde. 2. Die Geschichte wird Präsens erzählt. Aber vermutlich ist es gerade dieser Aspekt, durch den die Story zusätzlich an Fahrt gewinnt. Denn die Geschichte legt von Beginn an ein enormes Tempo vor. Einige Rezensenten  berichten davon, dass sie eine Weile gebraucht haben, um in die Handlung bzw. die beschriebene Welt hineinzufinden. Mir ging es nicht so; von Anfang an konnte ich die unterirdische Welt der Roten vor mir sehen. Tiefe, kilometerlange Minenschächte, in denen die Roten unter Einsatz ihres Lebens das wertvolle Helium-3 fördern, von dem sie glauben, dass man es für das Terraforming des Planeten Mars benötigt, damit die Menschheit dort Zuflucht suchen und finden kann.

Protagonist und Ich-Erzähler ist der 16-jährige Darrow, der als Höllentaucher in den Minen arbeitet und damit den gefährlichsten Job der Bergarbeiter hat. Seit einigen Monaten ist er mit der gleichaltrigen Eo verheiratet, die im Gegensatz zu ihm das Schicksalm der Roten nicht so … romantisch sieht. Während Darrow der Propaganda glaubt, dass die Arbeit der Roten ehrenvoll wichtig ist, dass er und seine Kollegen die Vorhut sind, damit die Menschheit einmal die Planten Erde und Mond hinter sich zu lassen kann, und während er glaubt, dass dieses Schicksal gewissermaßen eine Ehre ist, gibt ihm Eo immer wieder zu verstehen, dass sie eigentlich nicht mehr sind als Sklaven. Sie träumt davon, in einer freien und gerechten Gesellschaft zu leben. Doch Darrow will davon nichts wissen.
Doch dann wird er ein Opfer des Systems – das übliche literarische Mittel, um aus einer Figur dazu zu motiveren, sich gegen das System zu wenden und zum Helden zu werden – und findet sich in einer Verschwörung wieder. Die „Söhne des Ares“ holen ihn aus seiner Unterwelt heraus und zeigen ihm die Wahrheit: Schon seit langer, langer Zeit ist der Mars erschlossen und wird von den Goldenen beherrscht, die alle andere Farben unterworfen haben. Und endlich wacht Darrow auf und ist bereit, sich gegen das System zur Wehr zu setzen. Mithilfe von vielen medizinischen Eingriffen macht man ihn zu einem Goldenen und man trainiert seine geistigen Fähigkeiten; er erhält eine (fiktive) Familiengeschichte und besteht schließlich die Aufnahmeprüfung für das Institut, eine Einrichtung, in der die Elite der Weltengemeinschaft geformt wird.
Nach einer ersten Prüfung werden die Studenten für eines der zwölf Häuser ausgewählt und müssen gemeinsam mit den übrigen Mitgliedern ihres Hauses die übrigen besiegen. Darrow wird aufgrund seiner Fähigkeiten und Eigenschaften dem Haus Mars zugeordnet.
Und er muss erkennen, dass er – und die anderen Auserwählten Schüler – nur unzureichend auf das vorbereitet sind, was sie nun erwartet: Er weiß zwar, wie man sich durchschlägt, und hat eine Ahnung davon, wie man kämpft, aber er muss erst lernen, wie man führt: wie man Menschen auf seine Seite zieht, die nicht zur eigenen Familie bzw. dem eigenen Clan gehören und deren Loyalität man erst erlangen muss. Wie man Menschen motiviert, in den Kampf zu ziehen, die eigene Beweggründe antreiben – die Alphamenschen ebenso wie die vermeintlich Schwachen. Wie man verschlagen kämpft und die Regeln bricht, wie man Dinge tut, die noch nie jemand getan hat, weil die Gesetze von der eigenen Kultur vorgegeben werden. „Der Wert eines Menschen misst sich daran, was er tut, wenn er Macht hat“, sagt Darrow an einer Stelle. Und das ist auch die Erfahrung, die er machen muss. Doch trotz alledem übernimmt Darrow die Schwarz-Weiß-Denke seiner Leidensgenossen nicht. So manches Mal stößt ihn das Handeln seiner Verbündeten ab, und doch ist er sich bewusst, dass man die Gesetze brechen und eigene Grundsätze über Bord werfen muss, um das eigene Ziel zu erreichen. Er ist kein strahlender Held, der bis zum Ende an seinen moralischen Überzeugungen festhält.
Das Schöne und Gute dabei ist, dass er ab einem bestimmten Punkt auch bereit ist, Ratschlägen seiner Verbündeten Gehör zu schenken, bevor er als Anführer eine Entscheidung trifft. Die Interaktion mit seinen Freunden/Verbündeten/Kommilitonen führt dazu, dass er sich als Held weiterentwickelt.
Daber verbündet er sich schon sehr früh mit einer der interessantesten Figuren des Romans: Sevro, der Wolf, der von allen missachtet wird, weil er so gar nicht dem Bild des großgewachsenen, schönen Goldenen entspricht, sondern von Beginn an als Außenseiter kämpft. Ich hoffe sehr, dass er in den Folgebänden wieder auftauchen wird, denn ich könnte mir vorstellen, dass er als Außenseiter der geeignete Verbündeten eines Helden ist, der das System stürzen will.
Im Verlauf der kämpferischen Auseinandersetzungen um Lebensmittel, Waffen und Macht werden aus Feinden Freunde, aus Freunden Feinde – und zu kaum einer Zeit kann man einander wirklich vertrauen. Niemand ist hier wirklich sicher. Vor allem nicht, weil das Spiel manipuliert wird.

Als Leser von „Die Tribute von Panem“ und „Battle Royale“ ist man einiges an Gewalt gewöhnt, aber das, was Brown hier abliefert, setzt dem Ganzen die Krone auf. Viele Studierende verlieren hier ihr Leben. Sie hungern, werden missbraucht und misshandelt, werden verletzt und ermordet … Es fällt schwer zu glauben, dass man es hier mit jungen Menschen zu tun hat, die vermutlich alle zwischen 16 und 20 Jahre alt sind.

Großartig hat mir gefallen, dass Pierce Brown griechische und römische Mythologie in seinen Science-Fiction-Roman einfließen lässt: Die Häuser tragen die Namen der römischen Götter: Jupiter, Minerva, Mars, Venus, Apollo, Diana, Merkur, Ceres, Juno, Neptun, Vesta und Vulcanus. Viele der handelnden Figuren wie z. B. Cassius, Julian, Nexus, Titus oder Pax tragen ebenfalls römische bzw. Namen italienischer Abstammung. Andere Begriffe oder Namen entstammen der griechischen Kultur: Priamos, Ares, die Einteilung in Farben ist angelehnt an Platos Politeia (Der Staat).

Gut gefallen hat mir ebenfalls, dass uns der Autor mit dem obligatorischen Liebesdreieck verschont. Es zeichnet sich zwar eine Liebesgeschichte ab, aber ob daraus mehr wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen.

Zwei Mankos hat das Buch allerdings: Die Geschichte spielt zwar auf einem (terrageformten) Mars, aber die Welt der grasbewachsenen Ebenen, der Wälder mit Wolfen und Bären, der kargen Felsen und Berge, der Sommermonate und Winterkälte könnte sich genau so gut auf der Erde befinden. In den Bereich der SciFi gehören eher einige der Waffen sowie Gravstiefel (die das Fliegen ermöglichen), Schutzschilde oder ein schwebender Olympus, auf dem sich die Vorsteher der Häuser befinden.

Universal Pictures hat sich bereits die Rechte an der Trilogie gesichert; der deutsch-schweizerische Regisseur Marc Forster (u. a. Monster’s Ball, Wenn Träume fliegen lernen, Der Drachenläufer, Ein Quantum Trost) soll Regie führen.

Mein Fazit: Lesen! Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen. Und jetzt ziehe ich los und hole mir gleich den nächsten Band der Reihe!

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Tahereh Mafi: Zerstöre mich

In „Ich fürchte mich nicht“ ist Juliette die Flucht aus den Fängen des Reestablishments gelungen – indem sie dessen Anführer Warner eine Kugel in die Schulter jagte. Sie glaubte ihn tot zurückzulassen, doch Warner ist nur schwer verletzt. Und nimmt den Leser in „Zerstöre mich“ mit auf eine faszinierende Reise.
Denn Warner scheint hassenswert – grausam, gefühlskalt, berechnend – und ist doch voller innerer Zweifel, hin- und hergerissen zwischen seiner Erziehung durch seinen grausamen Vater und seiner Liebe zu Juliette, die er unbedingt wiedersehen muss – auch wenn sie ihn offensichtlich verabscheut. Und so kämpft der noch geschwächte Warner zum einen darum, die Disziplin auf der Militärbasis aufrecht zu erhalten, während er andererseits mit aller Macht darauf hinarbeitet, Juliette wieder in seine Gewalt zu bringen. Bis sein Vater, Oberbefehlshaber des Reestablishments, in Warners Basis auftaucht. Und als Warner dessen Pläne für Juliette erfährt, wird ihm klar, dass er sich endgültig entscheiden muss …

Die dystopische Trilogie von Tahereh Mafi war im Herbst 2015 für mich ein großes Lese-Highlight – und Liebe auf den ersten Blick. Meine Rezensionen dazu findet ihr hier: Ich fürchte mich nicht (Band 1), Rette mich vor dir (Band 2) und Ich brenne für dich (Band 3). Da Warner darin einen sehr interessanten Protagonisten abgab, war es keine Frage, dass ich auch die Kurzgeschichte „Zerstöre mich“ lesen würde, die die Ereignisse zwischen Band 1 und 2 aus seiner Sicht schildert. Er bleibt ja in der Trilogie über weite Strecken sehr mysteriös und undurchschaubar, daher war es interessant zu sehen, was in der Interaktion mit Juliette und vor allem mit seinem Vater, dem Oberbefehlshaber, in seinem Kopf vor sich geht. Und genau das erfährt man als Leser auch in dieser etwa 80 Seiten langen Kurzgeschichte.

Dass er trotz seiner Kälte einen gewissen Sinn für Humor hat, wird schon durch den Einstieg deutlich:

Ich wurde angeschossen. Und ich muss sagen: Eine Schusswunde ist wesentlich unangenehmer, als ich vermutet hätte.

Was dann aber auffällt, ist, dass der Schreibstil der Geschichte deutlich von dem der Trilogie abweicht. Und das ergibt ja auch durchaus Sinn. Der überbordende, chaotische Stil der Trilogie  spiegelt sehr schön die Innenwelt von Juliette, der Ich-Erzählerin, wider. Als wir in die Geschichte einsteigen, hat Juliette 264 Tage Einzelhaft hinter sich, wird seit vier Jahren in Anstalten und Gefängnissen gequält, und genau so ist auch ihre Sprache: Halbsätze, Wortfetzen, Gedankensplitter, sehr reduziert. Ihre Zerrissenheit wird darüber hinaus im Roman (bzw. in der kompletten Serie) immer wieder durch durchgestrichene Sätze kenntlich gemacht. Aber je mehr Zeit sie mit Adam und den Rebellen verbringt, desto stärker verwandelt sich auch ihre Sprache und wird zunehmend „normaler“.
Bei Warner ist dies anders. Er ist aufgrund seiner Erziehung und der Umstände ein äußerst strukturiert denkender, fühlender und handelnder Charakter. Unordnung jeder Art kann er nicht ertragen; sie ist für ihn ein persönlicher Angriff auf seine Person. Und da seine Gedanken geordnet, klar strukturiert und schnörkellos sind, ist es sein Stil ebenfalls:

Mein Hirn ist ein Lagerhaus sorgsam geordneter Emotionen. Ich sehe förmlich vor mir, wie es Bilder und Gedanken aussortiert. Was mir nicht weiterhilft, wird weggepackt.

Bei Warner fällt auf, dass sein Erzählstil zunächst sehr geordnet ist, dann aber allmählich etwas unstrukturierter wird – in dem Maße, in dem er auch die Macht über seine Außen- bzw. Innenwelt ein Stückchen weit verliert:

In meinem Gesicht brechen Risse auf, pflanzen sich über die Arme fort, über den Brustkorb, die Beine.

Wichtiger ist aber sicher, dass man durch „Zerstöre mich“ mehr über die Beweggründe seines Handelns erfährt und warum er Juliette eingekerkert und beobachtet hat: Seit seiner Kindheit wird er von seinem Vater misshandelt und missbraucht (emotional und verbal). Auf Juliette wurde er durch ihre Akten aufmerksam, die ihm verrieten, dass sie eine schreckliche Kindheit und Jugend hinter sich hatte und bereits seit über 260 Tagen eingekerkert war, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren; stattdessen wirkte sie äußerlich ruhig und gelassen. Bei seinem Vater und den Männern in seinem Umfeld behauptet er jedoch, sie aufgrund ihrer besonderen Gabe als innovative Waffe nutzen zu wollen.
Doch spätestens, als er (nach ihrer Flucht) ihr Tagebuch liest, erkennt er, wie ähnlich sie einander aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen sind. Und sie hat etwas erkannt, das sonst niemand bislang erkannt hat:

Etwas in ihrem Blick gibt mir das Gefühl, wertlos zu sein – sie als Einzige scheint verstanden zu haben, dass ich innerlich komplett hohl bin. Sie hat die Risse in dem Panzer entdeckt, den ich tagtäglich tragen muss, und das lähmt mich.

Mein Fazit: Es wäre interessant gewesen, diese Geschichte vor Band 2 der Trilogie zu lesen. Aber vermutlich hätte dies ein wenig die Spannung genommen, ob Warner nun einer der Guten oder der Bösen ist. 🙂 Auf jeden Fall macht es mich erneut traurig, dass die Trilogie nach „Ich brenne für dich“ endete …

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Adrian J. Walker: Am Ende aller Zeiten

Edgar Hill ist Mitte dreißig und er hat sein Leben gründlich satt. Er ist unzufrieden mit sich und seinem Alltag in Schottland als Angestellter, Familienvater und Eigenheimbesitzer. Seinen beiden kleinen Töchtern steht er recht distanziert gegenüber, die Beziehung zu seiner Frau ist abgekühlt. Stattdessen flüchtet er sich in das Feierabendbier und den Fernseher. Er fragt sich: War das sein Leben? Hat das alles irgendwann einmal ein Ende? Er ahnt nicht, dass sich die Katastrophe bereits anbahnt.
Als das Ende kommt, kommt es von oben: Ein dramatischer Asteroidenschauer, den die Regierungen der Welt bis zum Vorabend vor den Menschen geheimgehalten haben, verwüstet (nicht nur) die Britischen Inseln. Das Chaos ist gigantisch, die Katastrophe total. Ganze Städte werden ausgelöscht. Straßen, das Internet, die Zivilisation selbst gehören plötzlich der Vergangenheit an. England liegt in Schutt und Asche. Ist dies der Weltuntergang?
Edgar und seine Familie können sich in ihren Keller retten und werden eine Woche später von militärischen Suchtrupps gefunden. Während es zunächst den Anschein hat, als … , werden die vier während der Evakuierung voneinander getrennt, und ihm bleibt nur eine Wahl: Will er Frau und Kinder jemals wiedersehen, muss er innerhalb von etwa drei Wochen 500 Meilen weit laufen, um das rettende Schiff zur Südhalbkugel zu erwischen – durch ein zerstörtes Land, von Edinburgh nach Cornwall.
Zusammen mit einer Handvoll Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Lauf durch ein sterbendes Land. Doch sein Weg ist gefährlich: Im postapokalyptischen England kämpft jeder gegen jeden ums blanke Überleben.

„Am Ende aller Zeiten“ ist schon rein äußerlich ein Hingucker. Das Buch des Australiers erinnert an ein Notizbuch mit einem schon strapzierten Gummizug, der an mehreren Stellen festgetuckert wurde, und dieser „Gummizug“ wurde auf das Cover des Buches aufgeprägt, was sich sehr schön anfühlt, wenn man darüberstreicht (ja, ich habe es mehrmals getan :-)).

Die Geschichte selbst ist aber auch sehr gut und packend erzählt. Es fiel mir immer wieder schwer, das Buch aus der Hand zu legen, obwohl es zwangsläufig viele unangenehme Szenen enthält. Man glaubt es kaum, dass es sich bei „Am Ende aller Zeiten“ wirklich um einen Erstling handelt! Wenn man wollte, könnte man höchstens kritisieren, dass der Wechsel von grausamen, spannenden Szenen zu Atempausen – für den Leser und für Ed und seine kleine Gruppe – sich zu durchschaubar vollzieht. Walker (wenn hier mal nicht der Name Programm ist!) beschreibt die Umwelt so ausführlich, wie es notwendig ist, aber keinen Satz mehr. Das Gleiche gilt auch für gelegentliche Rückblicke in Eds Kindheit: Der Leser erfährt das, was er über Ed wissen muss (wie er zu dem wurde, der er heute ist, und dass er schon in seiner Kindheit „prophetische“ Träume davon hatte, dass er einmal ganz allein sein würde), aber auch nicht mehr als nötig. Auch die Welt nach dem Einschlag der Asteroiden wird zwar sehr realitätsnah und sehr düster beschrieben, aber nicht mit einer derartigen detaillierten „Freude“ an der Grausamkeit und der Zerstörung, wie man sie bspw. bei The Walking Dead findet. Walker interessiert vielmehr , wie die „Gesellschaft danach“ aussieht: kalt. Grausam.

Was mich immer wieder berührt, wenn ich postapokalyptische Romane lese: Die Autoren sind sich erschreckend einig darin (ja, ich weiß, das macht das Wesen einer Dystopie aus …), dass die Menschheit sich unweigerlich negativ entwickeln wird. Gibt es eigentlich überhaupt einen Autoren, der glaubt, dass in der Menschheit auch nur ein Hauch von Menschlichkeit steckt?! Bei Walker ist dies auch der Fall: Schon bevor das Unglück eintrifft, beginnt der Kampf um Lebensmittel und (Über-)Lebensraum, und daran ändert sich  zwangsläufig auch nach der Katastrophe nichts. Die Menschen rotten sich zusammen, denn in der neuen Welt kann ein Einzelner kaum überleben. Man rottet sich zusammen, um Lebensmittel zu sichern, um stärker zu sein als andere Überlebende, die denselben Kampf ausfechten. Und schnell zeigt sich, dass die Überlebenden vor nichts, aber auch gar nichts zurückschrecken, um ihr neugefundenes Stück vom Kuchen zu verteidigen. Und erstaunlicherweise hat mich noch nicht einmal die Episode mit der Bauernfamilie und ihren Schweinen überrascht – spätestens seit Deadwood wissen wir ja, was man mit Schweinen so alles anfangen kann …

Ein wenig enttäuscht war ich darüber, wie wenig Raum die Tatsache einnimmt, dass die kleine Gruppe Überlebender, die gemeinsam mit Ed auf dem Weg nach Cornwall ist, die weite Strecke läuft. Ja, das wird erwähnt, und es gibt auch immer einmal kurze Passagen, in denen die Auswirkungen des Laufens auf Ed beschrieben werden. Aber der Werbetext auf der U4 des Buches versprach mehr, oder: „Zusammen mit einigen wenigen Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Ultra-Marathon durch ein sterbendes Land.“ Ja, die Gruppe muss laufen, um Cornwall bis zum Weihnachtstag zu erreichen, aber für die eigentliche Geschichte ist nur der Zeitfaktor wichtig, aber nicht unbedingt, dass die Gruppe rennt. Korrigiert mich, wenn ich mich irre. Einen viel größeren und wichtigeren Raum nehmen die zahllosen Begegnungen auf dem Weg, der wiederholte Kampf, die Opferbereitschaft der verschworenen Gruppe und Edgars Erkenntnis ein, dass er nun „seinen Hintern hochkriegen muss“, wenn er seine Familie wiedersehen will. Protagonist Ed bietet vor diesem Hintergrund mit seinem Phlegma und seiner Neigung, sich nach der Arbeit mit einem Bierchen vor den Fernseher zu flüchten, hohes identifikationspotenzial – und wenn man sich darauf einlässt auch Gedankenanstöße fürs eigene Leben und die eigenen Prioritäten.

Ein auch sehr nachdenkenswerter Aspekt: Die Asteroideneinschläge betreffen überwiegend die nördliche Halbkugel und die dort lebenden Menschen müssen in Ländern der Südhalbkugel „Asyl“ suchen. Dies kehrt doch die aktuellen Ereignisse sehr anschaulich um – und natürlich ist es auch hier so, dass nur eine begrenzte Menge an Überlebenden dort aufgenommen werden!

Mein Fazit: Ein wirklich packender Erstling, der schon Lust macht, den nächsten Roman des Autors zu lesen, der wohl im September 2017 unter dem Titel „The Last Dog on Earth“ auf Englisch erscheint.

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Justin Cronin: Die Spiegelstadt (Passage-Trilogie #3)

cronin-die-spiegelstadtGut 20 Jahre sind seit dem Tag vergangen, an dem Amy den Zwölfen gegenübergetreten ist und sie gemeinsam mit ihren Freunden vernichtet hat. Die Schreckensherrschaft der Blutsauger und ihrer Abkömmlinge scheint vorbeizusein. Da seither auch keine Virals mehr gesehen wurden, haben sich die Überlebenden nach und nach aus ihrer eng ummauerten Zuflucht gewagt. Die Tore der Stadt stehen offen, die Menschen haben damit begonnen, das Land wieder zu bevölkern. Auf den Ruinen der einstigen Zivilisation wollen sie eine neue, eine bessere Gesellschaft aufbauen: der älteste Traum der Menschheit.
Doch was sie nicht wissen: In der fernen, verlassenen Stadt New York lauert der Eine: Zero. Der Vater der Zwölf, der ursprüngliche Träger des Virus. Einst ein hochbegabter Wissenschaftler namens Timothy Fanning, der, seit er seine große Liebe verlor, nur noch von Rachedurst und Wut erfüllt ist. Sein Ziel ist es, die Menschheit endgültig auszulöschen. Seine Truppen sind bereit. Und der Zeitpunkt ist gekommen.
Nur Amy vermag ihn jetzt noch aufzuhalten, das Mädchen aus dem Nirgendwo, die einzige Hoffnung der Menschheit. Denn was die Menschen ebenfalls nicht wissen: Amy hat den Kampf gegen die Zwölf überlebt und wird seither von einem ihrer Mitstreiter versteckt. Und versorgt. Gemeinsam mit Carter, dem letzten noch Lebenden der Zwölf, wartet sie darauf, dass Zero den ersten Zug macht …

„Die Spiegelstadt“ ist der Abschlussband der „Passage-Trilogie“ von Justin Cronin, ein fast 1.000 Seiten starkes Werk, das die gewaltige Geschichte über den Kampf der Menschheit gegen die Virals zum Abschluss bringt. Und jede Seite des Buches ist ein echter Genuss und das Warten hat sich definitiv gelohnt. Cronins Finale schwächelt im Gegensatz zu den Abschlussbänden vieler anderer Autoren nicht – er hat ein weiteres Mal eine facettenreiche, gut durchkonzipierte Geschichte verfasst, bei der es ein wahres Vergnügen ist, sie zu lesen verschlingen. Als ich abends im Bett lag und Cronins Beschreibungen der Virals und über das neuerliche Verschwinden der Menschen las, wusste ich wieder, warum man die Bücher der Serie nicht unbedingt vor dem Einschlafen lesen sollte. 😉 Cronin ist eben auch ein Könner des versteckten Horrors, der Andeutungen und Auslassungen …

Er fühlte, wie die Luft sich veränderte. Alles um ihn herum schien innezuhalten. Aber im nächsten Moment erregte etwas seine Aufmerksamkeit – ein Rascheln, hoch oben in einem Pecanbaum am Waldrand. Was sah er da? Vögel waren es nicht; die Bewegung war zu stark. Er stand auf. Ein zweiter Baum erschauerte, dann ein dritter.
Er erinnerte sich an eine Redensart aus der Vergangenheit. Wenn sie kommen, kommen sie von oben.                    Seite 534

Cronin wechselt bei der Erzählung seiner Geschichte, aber auch bei der Charakterisierung der Figuren geschickt zwischen den unterschiedlichen Akteuren und Perspektiven, zwischen erzählter Geschichte und Träumen.

Um den Leser in die Handlung des Buches einzuführen und Erzähltes aufzufrischen, leitet Cronin den Abschlussband mit einer kurzen Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse ein, und zwar in einigen bibelartig abgefassten Absätzen. Dies ist angesichts der Tatsache, dass wir etwa vier Jahre auf dieses Buch warten mussten, auch bitter nötig. „Die Spiegelstadt“ enthält zwar ein Personenverzeichnis im Anhang, die jeweiligen Erläuterungen sind jedoch so rudimentär, dass sie meist wenig hilfreich sind.

Als die eigentliche Handlung beginnt, schildert Cronin zunächst, was etwa acht Monate bzw. gut 20 Jahre nach den Ereignissen im Homeland aus den einzelnen Figuren wird, als sich auch ihre Kinder in der neuen Realität eingerichtet haben. Einige kommen gut zurecht. Peter Jaxon ist nun Präsident des Staates Texas und hat seinen Neffen Caleb an Sohnes Statt großgezogen; Sara Wilson arbeitet weiter als Ärztin und kümmert sich mit ihrem Mann Hollis um die eigene Tochter Kate sowie um die gehörlose Pim; Lore DeVeer arbeitet weiterhin als knallharte Ölhand, trauert aber Michael Fisher hinterher, der ihre Zuneigung nie auf die von ihr erhoffte Weise erwidert hat. Stattdessen gehört er zu jenen, die sich in dem neuen Leben noch nicht eingerichtet haben, weil sie ahnen, dass der Kampf im Homeland nicht das Ende war.
Michael nimmt im Roman viel Raum ein. Er ist ein Einzelgänger, der wochenlang auf seinem Boot über den Golf von Mexico und darüber hinaus segelt. Dabei stößt er schon bald auf den vor Freeport/Texas gestrandeten norwegischen Tanker Bergensfjord. Darauf findet er nicht nur die skeletierten Überreste der Besatzung, sondern auch Zeitungsartikel, die darüber berichten, wie das Virus vor knapp 100 Jahren trotz aller Quarantänemaßnahmen auch die anderen Kontinente heimgesucht – und ihre Bewohner vernichtet – hat. Michael erfährt aber auch, dass es irgendwo im Atlantik eine Insel geben muss, auf der man Zuflucht gesucht hat. Und da er das Gefühl hat, dass der Kampf gegen die Zwölf noch nicht beendet ist, beginnt er mithilfe einiger weniger, die Bergensfjord zu restaurieren und reparieren.
Wie er ist auch Lucius Greer einer derjenigen, die sich von der trügerischen Ruhe nicht täuschen lassen. Er hat nach dem Kampf im Homeland die bewusstlose Amy gerettet und bei Carter (dem einzig Unschuldigen und Überlebenden der Zwölf) in einen Tanker eingesperrt. Seither versorgt er sie und Carter mit Blut und hofft, dass Amy irgendwann ihren Blutdurst besiegen und gemeinsam mit Carter den Kampf gegen Zero aufnehmen kann.
Und schließlich ist da noch Alicia. Peter, der sie liebt, hat sie nach einem Kampf gegen Babcocks Viele, in dem sie tödlich verwundet wurde, mit einer abgewandelten Form des Virus infiziert, sodass sie zwar überlebt und über besondere Kräfte verfügt – aber auch Blut braucht, was sie zu einer Ausgestoßenen macht. In „Die Spiegelstadt“ erfährt sie nun, dass der Virenstamm, den sie in sich trägt, von Zero direkt stammt, sodass sie gewissermaßen ihm gehört. Fanning ruft sie nach New York – und nun bedient sich Cronin eines wirklich gelungenen Kniffs, um auf diese Weise Fanning nicht nur Alicia, sondern auch dem Leser in aller Ausführlichkeit seine Lebensgeschichte und die Beweggründe für sein jetziges Handeln erzählen zu lassen.
Kurz gesagt gibt Fanning seinem ehemals besten Studienfreund Jonas Lear, der Menschheit, dem Universum oder Gott im Besonderen die Schuld an seiner Situation: Fanning war in Liz, die spätere Frau seines Freundes Jonas, verliebt (und diese Zuneigung wurde auch erwidert). Da Liz unheilbar krank war, forschte Jonas wie besessen nach einem Heilmittel und zögerte auch nicht, unkonventionelle Wege einzuschlagen. Nach dem Tod von Liz, durch den sich Fanning um sein Glück gebracht sah, erschlug er in seiner Wut und Trauer eine junge Frau und sah nur einen Ausweg, um seiner Verhaftung zu entgehen: Er begleitete Jonas auf eine Expedition in den bolivianischen Dschungel, wo sich dieser auf die Spur eines Mysteriums begeben wollte: Eine Gruppe von Amerikanern, die an Krebs im Endstadium litten, hatte sich auf ihrer letzten Reise mit einem Virus infiziert – und nachdem die Infektion abgeklungen war, war auch ihr Krebs geheilt. Und obwohl Jonas bei seiner Frau versagt hatte, wollte er die Suche nach einem Heilmittel nicht aufgeben. Doch im Dschungel wurde das Team von Fledermäusen attackiert – einige starben, Fanning aber überlebte. Und veränderte sich. So endete er schließlich in einem geheimen Versuchslabor des US-Militärs, das mithilfe seines Blutes Supersoldaten züchten wollte. Was, wie wir dank der „Passage-Trilogie“ wissen, scheiterte und mit der fast völligen Vernichtung der Menschheit endete. Nun will der überlebende Fanning nur noch eines: Rache. Die Vernichtung der Zwölf und ihrer Virals im Homeland war im Grunde nur sein Weg, um die Wettbewerber auszuschalten. Und jetzt hat er die überlebenden Menschen zwanzig Jahre lang in Sicherheit gewiegt, hat seine eigenen Virals zurückgehalten – doch nun ist seine Zeit gekommen. Der große Showdown in New York hatte definitiv Filmqualitäten – ich konnte vor meinem inneren Auge schon einen Katastrophenfilm von Emmerich vor mich sehen – mit einstürzenden Hochhäusern, Wassermassen und wahnsinnigen Actionszenen. Könnte bitte jemand diese Reihe verfilmen?
Zu Fanning hatte ich als Leser eine etwas zwiespältige Haltung. Einerseits ist er ein großartiger Bösewicht. Er handelt im Verborgenen, scheint seinen Gegnern immer mindestens zwei Schritte voraus zu sein. Im Grunde ist sich niemand seiner Existenz bewusst, stattdessen hat er sich seiner Zwölf und ihrer Virals wie Marionetten bedient. Durch sie hat er die Menschheit fast völlig ausrotten lassen; sie haben für ihn die Drecksarbeit erledigt. Und als die Menschheit die Sicherheit der bewachten Städte verlässt, schlägt er zu. Andererseits musste ich mich einfach fragen, wie … blöd jemand sein muss, über 120 Jahren einem anderen Menschen nachzuweinen und die Schuld am Scheitern des eigenen Lebens anderen in die Schuhe zu schieben – und nicht zu erkennen, dass nicht etwa die Menschheit oder Gott oder das Universum die Schuld an den eigenen schlechten Entscheidungen trägt, sondern man selbst. Nun ja, wäre Fanning etwas vernünftiger, hätten wir jetzt nicht diese großartige Geschichte. 😉

Das Ganze endete dann mit einem Epilog, zu dem ich ebenfalls ein etwas zwiespältiges Verhältnis hatte: Zum einen bindet er den „Sack“ zu, rundet die Handlung ab. Der Leser erfährt, wie es mit den Überlebenden weitergeht und wie die neue Gesellschaft knapp 900 Jahre später aussieht. Zum anderen empfand ich den Epilog und seine Ausführungen aber als ein wenig zu ausführlich. Eine Rahmenhandlung, wie man sie bspw. aus „Der Report der Magd“ kennt und der dieser Epilog stark ähnelt, hätte ich u. U. besser gefunden. Aber ich klage hier sicher auf hohem Niveau.

Mein Fazit: „Die Spiegelstadt“ ist der fast perfekte Abschluss einer Trilogie, die für mich zu einer der besten Buchreihen gehört, die ich je gelesen habe. Eine wunderbare Mischung aus Horror und Dystopie. Da das Buch vieles erklärt, das die Ereignisse aus Band 1 in einem anderen Licht erscheinen lässt oder besser erläutert, hatte ich nach Beendigung des Buches richtig Lust, die Trilogie gleich noch einmal von vorn zu beginnen. Ein kleiner Tipp: An diesen Büchern muss man „dranbleiben“ – wenn man Abend für Abend höchstens mal ein oder zwei Kapitel liest, findet man erfahrungsgemäß nicht so gut in die Geschichte hinein und empfindet einige Passagen u. U. als etwas langatmig.

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Susan Ee: Angelfall – Nacht ohne Morgen

susan ee angelfall nacht ohne morgenVor sechs Wochen sind die Engel auf die Erde gekommen. Doch sie haben nicht Frieden und Freude, sondern Elend und Zerstörung mit sich gebracht: Weltweit liegen die Städte in Trümmern und die Menschen trauen sich vor Angst kaum noch auf die Straße.
Auch die siebzehnjährige Penryn kämpft mit ihrer schizophrenen Mutter und ihrer im Rollstuhl sitzenden Schwester Paige ums Überleben. Als sie eines Nachts unterwegs sind, werden die drei Zeugen, wie ein Engel mit weißen Flügeln von einer Gruppe anderer Engel angegriffen wird. Nachdem diese seine Flügel abgeschnitten haben und ihm den Todesstoß versetzen wollen, greift Penryn wider besseres Wissen ein. Es gelingt ihr zwar, den schwer verletzten Engel zu retten, doch ihre Mutter ist verschwunden – und ihre Schwester wurde von einem der Angreifer entführt.
Penryn macht sich auf den Weg zum Horst, dem Hauptquartier der Engel, in San Francisco, um ihre Schwester zu befreien. Doch dafür braucht sie Hilfe – und die kommt ausgerechnet von Raffe, dem flügellosen Engel. Dieser ist bereit, sich mit einem der verhassten Menschenkinder zu verbünden, um sich vielleicht doch noch mithilfe seiner himmlischen Brüder die abgeschnittenen Flügel wieder annähen zu lassen …

„Angelfall – Nacht ohne Morgen“ ist Teil 1 von Susan Ees „Angelfall“-Trilogie und ein wahrer Pageturner, den ich innerhalb eines Tages verschlungen hatte. Die Autorin wirft uns direkt in die Geschichte hinein. Die Welt von „Angelfall“ ist postapokalyptisch zerbrochen und voller entsetzlicher Schrecken – nur die Stärksten können am Leben bleiben. Die Engel sind aus dem Himmel und der Hölle auf die Erde gekommen – und sie sind alles andere als barmherzige Boten Gottes oder knuddlige Amore. Sie sind erbarmungslose Krieger, die alles vernichten, was sich ihnen in den Weg stellt – was sieh hier wollen, erfährt man übrigens nicht -, und nach dem Tod ihres Anführers in politische Grabenkämpfe verwickelt sind. Actionreich führt uns Ee durch die düstere Handlung, in die aber durch Penryns Opferbereitschaft immer wieder Licht hineinfällt und Hoffnung. Bis, ja bis die Geschichte am Ende nach vielen Überraschungen, actionreichen Begegnungen und unerwarteten Wendungen und Verrate noch einen erschütternden Bruch zum Horror nimmt, als Penryn im Horst eine fürchterliche Entdeckung macht: Wesen, die noch tödlicher sind als die Engel.

Erzählerisch wirft uns Ee ins kalte Wasser: Wir erfahren sofort, was in den vergangenen Wochen geschehen ist – Naturgewalten, Angriffe, Zerstörung, Tod und Leid … Und wir lernen auf diese Weise beinahe nebenbei auch gleich die ersten drei Figuren kennen: die Mutter, die unter paranoider Schizophrenie leidet und einen Bibel-Knacks hat, die eine ganz eigene Sicht der Realität besitzt und überall Dämonen sieht, immer wieder verschwindet und offenbar für die „Behinderung“ ihrer jüngsten Tochter verantwortlich ist. Diese, die siebenjährige Paige, sitzt nach einem … Unfall mit zwei Jahren im Rollstuhl, ist aber ein sehr lieber Mensch mit einem großen Herzen.
Und schließlich die furchtlose, toughe Penryn (aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird), die alles tut, um auch den letzten Rest ihrer Familie am Leben zu halten. Bis sie den Fehler begeht, einem Engel, den seine himmlischen Brüder gerade töten wollen, helfend zur Seite zu stehen.
Raffe ist zwar ein erfahrener Krieger (und wer erkennt hier nicht sofort, dass er es mit einem bekannten Erzengel zu tun hat …) und aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit auch eine Ausgeburt an Arroganz. Doch Penryns Entschlossenheit und Kampfbereitschaft sowie ihre Loyalität nicht nur zu ihrer Familie, sondern auch zu ihm, einem Feind, lässt ihn nicht kalt. Die Ich-Erzählerin erklärt zwar immer wieder, wie sehr sie Engel hasst, aber jeder Leser weiß spätestens nach der zweiten oder dritten Erwähnung seiner überirdischen Schönheit, seines muskulösen Körpers oder seiner dunkelblauen Augen, dass ihn hier (auch) eine Liebesgeschichte erwartet. Aber da ich eine rettungslose Romantikerin mit einer Schwäche für HEA-Geschichten bin und Susan Ee mir diese Love Story in diesem Einsteigerband sehr dezent und überaus unkitschig liefert (endlich schlägt die Liebe mal nicht wieder der Blitz ein), während sie ihr primäres Augenmerk auf dem Horror dieser Welt voller Engel richtet, sehe ich ihr das gerne nach.

Mein Fazit: Hier stimmt alles: das Tempo, in dem die Geschichte erzählt wird. Die vielschichtigen Charaktere. Die Mischung aus Dystopie, Fantasy, Horror, Liebesgeschichte. Die Luft blieb mir in vielen Szenen schlicht weg – ein sehr gelungenes Debüt! Und überhaupt: Es müsste verboten werden, dass Verlage sechs oder zwölf Monate mit der Veröffentlichung einer Fortsetzung warten! Das fällt wirklich schon in die Rubrik Folter!