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Tahereh Mafi: Zerstöre mich

In „Ich fürchte mich nicht“ ist Juliette die Flucht aus den Fängen des Reestablishments gelungen – indem sie dessen Anführer Warner eine Kugel in die Schulter jagte. Sie glaubte ihn tot zurückzulassen, doch Warner ist nur schwer verletzt. Und nimmt den Leser in „Zerstöre mich“ mit auf eine faszinierende Reise.
Denn Warner scheint hassenswert – grausam, gefühlskalt, berechnend – und ist doch voller innerer Zweifel, hin- und hergerissen zwischen seiner Erziehung durch seinen grausamen Vater und seiner Liebe zu Juliette, die er unbedingt wiedersehen muss – auch wenn sie ihn offensichtlich verabscheut. Und so kämpft der noch geschwächte Warner zum einen darum, die Disziplin auf der Militärbasis aufrecht zu erhalten, während er andererseits mit aller Macht darauf hinarbeitet, Juliette wieder in seine Gewalt zu bringen. Bis sein Vater, Oberbefehlshaber des Reestablishments, in Warners Basis auftaucht. Und als Warner dessen Pläne für Juliette erfährt, wird ihm klar, dass er sich endgültig entscheiden muss …

Die dystopische Trilogie von Tahereh Mafi war im Herbst 2015 für mich ein großes Lese-Highlight – und Liebe auf den ersten Blick. Meine Rezensionen dazu findet ihr hier: Ich fürchte mich nicht (Band 1), Rette mich vor dir (Band 2) und Ich brenne für dich (Band 3). Da Warner darin einen sehr interessanten Protagonisten abgab, war es keine Frage, dass ich auch die Kurzgeschichte „Zerstöre mich“ lesen würde, die die Ereignisse zwischen Band 1 und 2 aus seiner Sicht schildert. Er bleibt ja in der Trilogie über weite Strecken sehr mysteriös und undurchschaubar, daher war es interessant zu sehen, was in der Interaktion mit Juliette und vor allem mit seinem Vater, dem Oberbefehlshaber, in seinem Kopf vor sich geht. Und genau das erfährt man als Leser auch in dieser etwa 80 Seiten langen Kurzgeschichte.

Dass er trotz seiner Kälte einen gewissen Sinn für Humor hat, wird schon durch den Einstieg deutlich:

Ich wurde angeschossen. Und ich muss sagen: Eine Schusswunde ist wesentlich unangenehmer, als ich vermutet hätte.

Was dann aber auffällt, ist, dass der Schreibstil der Geschichte deutlich von dem der Trilogie abweicht. Und das ergibt ja auch durchaus Sinn. Der überbordende, chaotische Stil der Trilogie  spiegelt sehr schön die Innenwelt von Juliette, der Ich-Erzählerin, wider. Als wir in die Geschichte einsteigen, hat Juliette 264 Tage Einzelhaft hinter sich, wird seit vier Jahren in Anstalten und Gefängnissen gequält, und genau so ist auch ihre Sprache: Halbsätze, Wortfetzen, Gedankensplitter, sehr reduziert. Ihre Zerrissenheit wird darüber hinaus im Roman (bzw. in der kompletten Serie) immer wieder durch durchgestrichene Sätze kenntlich gemacht. Aber je mehr Zeit sie mit Adam und den Rebellen verbringt, desto stärker verwandelt sich auch ihre Sprache und wird zunehmend „normaler“.
Bei Warner ist dies anders. Er ist aufgrund seiner Erziehung und der Umstände ein äußerst strukturiert denkender, fühlender und handelnder Charakter. Unordnung jeder Art kann er nicht ertragen; sie ist für ihn ein persönlicher Angriff auf seine Person. Und da seine Gedanken geordnet, klar strukturiert und schnörkellos sind, ist es sein Stil ebenfalls:

Mein Hirn ist ein Lagerhaus sorgsam geordneter Emotionen. Ich sehe förmlich vor mir, wie es Bilder und Gedanken aussortiert. Was mir nicht weiterhilft, wird weggepackt.

Bei Warner fällt auf, dass sein Erzählstil zunächst sehr geordnet ist, dann aber allmählich etwas unstrukturierter wird – in dem Maße, in dem er auch die Macht über seine Außen- bzw. Innenwelt ein Stückchen weit verliert:

In meinem Gesicht brechen Risse auf, pflanzen sich über die Arme fort, über den Brustkorb, die Beine.

Wichtiger ist aber sicher, dass man durch „Zerstöre mich“ mehr über die Beweggründe seines Handelns erfährt und warum er Juliette eingekerkert und beobachtet hat: Seit seiner Kindheit wird er von seinem Vater misshandelt und missbraucht (emotional und verbal). Auf Juliette wurde er durch ihre Akten aufmerksam, die ihm verrieten, dass sie eine schreckliche Kindheit und Jugend hinter sich hatte und bereits seit über 260 Tagen eingekerkert war, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren; stattdessen wirkte sie äußerlich ruhig und gelassen. Bei seinem Vater und den Männern in seinem Umfeld behauptet er jedoch, sie aufgrund ihrer besonderen Gabe als innovative Waffe nutzen zu wollen.
Doch spätestens, als er (nach ihrer Flucht) ihr Tagebuch liest, erkennt er, wie ähnlich sie einander aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen sind. Und sie hat etwas erkannt, das sonst niemand bislang erkannt hat:

Etwas in ihrem Blick gibt mir das Gefühl, wertlos zu sein – sie als Einzige scheint verstanden zu haben, dass ich innerlich komplett hohl bin. Sie hat die Risse in dem Panzer entdeckt, den ich tagtäglich tragen muss, und das lähmt mich.

Mein Fazit: Es wäre interessant gewesen, diese Geschichte vor Band 2 der Trilogie zu lesen. Aber vermutlich hätte dies ein wenig die Spannung genommen, ob Warner nun einer der Guten oder der Bösen ist. 🙂 Auf jeden Fall macht es mich erneut traurig, dass die Trilogie nach „Ich brenne für dich“ endete …

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Adrian J. Walker: Am Ende aller Zeiten

Edgar Hill ist Mitte dreißig und er hat sein Leben gründlich satt. Er ist unzufrieden mit sich und seinem Alltag in Schottland als Angestellter, Familienvater und Eigenheimbesitzer. Seinen beiden kleinen Töchtern steht er recht distanziert gegenüber, die Beziehung zu seiner Frau ist abgekühlt. Stattdessen flüchtet er sich in das Feierabendbier und den Fernseher. Er fragt sich: War das sein Leben? Hat das alles irgendwann einmal ein Ende? Er ahnt nicht, dass sich die Katastrophe bereits anbahnt.
Als das Ende kommt, kommt es von oben: Ein dramatischer Asteroidenschauer, den die Regierungen der Welt bis zum Vorabend vor den Menschen geheimgehalten haben, verwüstet (nicht nur) die Britischen Inseln. Das Chaos ist gigantisch, die Katastrophe total. Ganze Städte werden ausgelöscht. Straßen, das Internet, die Zivilisation selbst gehören plötzlich der Vergangenheit an. England liegt in Schutt und Asche. Ist dies der Weltuntergang?
Edgar und seine Familie können sich in ihren Keller retten und werden eine Woche später von militärischen Suchtrupps gefunden. Während es zunächst den Anschein hat, als … , werden die vier während der Evakuierung voneinander getrennt, und ihm bleibt nur eine Wahl: Will er Frau und Kinder jemals wiedersehen, muss er innerhalb von etwa drei Wochen 500 Meilen weit laufen, um das rettende Schiff zur Südhalbkugel zu erwischen – durch ein zerstörtes Land, von Edinburgh nach Cornwall.
Zusammen mit einer Handvoll Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Lauf durch ein sterbendes Land. Doch sein Weg ist gefährlich: Im postapokalyptischen England kämpft jeder gegen jeden ums blanke Überleben.

„Am Ende aller Zeiten“ ist schon rein äußerlich ein Hingucker. Das Buch des Australiers erinnert an ein Notizbuch mit einem schon strapzierten Gummizug, der an mehreren Stellen festgetuckert wurde, und dieser „Gummizug“ wurde auf das Cover des Buches aufgeprägt, was sich sehr schön anfühlt, wenn man darüberstreicht (ja, ich habe es mehrmals getan :-)).

Die Geschichte selbst ist aber auch sehr gut und packend erzählt. Es fiel mir immer wieder schwer, das Buch aus der Hand zu legen, obwohl es zwangsläufig viele unangenehme Szenen enthält. Man glaubt es kaum, dass es sich bei „Am Ende aller Zeiten“ wirklich um einen Erstling handelt! Wenn man wollte, könnte man höchstens kritisieren, dass der Wechsel von grausamen, spannenden Szenen zu Atempausen – für den Leser und für Ed und seine kleine Gruppe – sich zu durchschaubar vollzieht. Walker (wenn hier mal nicht der Name Programm ist!) beschreibt die Umwelt so ausführlich, wie es notwendig ist, aber keinen Satz mehr. Das Gleiche gilt auch für gelegentliche Rückblicke in Eds Kindheit: Der Leser erfährt das, was er über Ed wissen muss (wie er zu dem wurde, der er heute ist, und dass er schon in seiner Kindheit „prophetische“ Träume davon hatte, dass er einmal ganz allein sein würde), aber auch nicht mehr als nötig. Auch die Welt nach dem Einschlag der Asteroiden wird zwar sehr realitätsnah und sehr düster beschrieben, aber nicht mit einer derartigen detaillierten „Freude“ an der Grausamkeit und der Zerstörung, wie man sie bspw. bei The Walking Dead findet. Walker interessiert vielmehr , wie die „Gesellschaft danach“ aussieht: kalt. Grausam.

Was mich immer wieder berührt, wenn ich postapokalyptische Romane lese: Die Autoren sind sich erschreckend einig darin (ja, ich weiß, das macht das Wesen einer Dystopie aus …), dass die Menschheit sich unweigerlich negativ entwickeln wird. Gibt es eigentlich überhaupt einen Autoren, der glaubt, dass in der Menschheit auch nur ein Hauch von Menschlichkeit steckt?! Bei Walker ist dies auch der Fall: Schon bevor das Unglück eintrifft, beginnt der Kampf um Lebensmittel und (Über-)Lebensraum, und daran ändert sich  zwangsläufig auch nach der Katastrophe nichts. Die Menschen rotten sich zusammen, denn in der neuen Welt kann ein Einzelner kaum überleben. Man rottet sich zusammen, um Lebensmittel zu sichern, um stärker zu sein als andere Überlebende, die denselben Kampf ausfechten. Und schnell zeigt sich, dass die Überlebenden vor nichts, aber auch gar nichts zurückschrecken, um ihr neugefundenes Stück vom Kuchen zu verteidigen. Und erstaunlicherweise hat mich noch nicht einmal die Episode mit der Bauernfamilie und ihren Schweinen überrascht – spätestens seit Deadwood wissen wir ja, was man mit Schweinen so alles anfangen kann …

Ein wenig enttäuscht war ich darüber, wie wenig Raum die Tatsache einnimmt, dass die kleine Gruppe Überlebender, die gemeinsam mit Ed auf dem Weg nach Cornwall ist, die weite Strecke läuft. Ja, das wird erwähnt, und es gibt auch immer einmal kurze Passagen, in denen die Auswirkungen des Laufens auf Ed beschrieben werden. Aber der Werbetext auf der U4 des Buches versprach mehr, oder: „Zusammen mit einigen wenigen Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Ultra-Marathon durch ein sterbendes Land.“ Ja, die Gruppe muss laufen, um Cornwall bis zum Weihnachtstag zu erreichen, aber für die eigentliche Geschichte ist nur der Zeitfaktor wichtig, aber nicht unbedingt, dass die Gruppe rennt. Korrigiert mich, wenn ich mich irre. Einen viel größeren und wichtigeren Raum nehmen die zahllosen Begegnungen auf dem Weg, der wiederholte Kampf, die Opferbereitschaft der verschworenen Gruppe und Edgars Erkenntnis ein, dass er nun „seinen Hintern hochkriegen muss“, wenn er seine Familie wiedersehen will. Protagonist Ed bietet vor diesem Hintergrund mit seinem Phlegma und seiner Neigung, sich nach der Arbeit mit einem Bierchen vor den Fernseher zu flüchten, hohes identifikationspotenzial – und wenn man sich darauf einlässt auch Gedankenanstöße fürs eigene Leben und die eigenen Prioritäten.

Ein auch sehr nachdenkenswerter Aspekt: Die Asteroideneinschläge betreffen überwiegend die nördliche Halbkugel und die dort lebenden Menschen müssen in Ländern der Südhalbkugel „Asyl“ suchen. Dies kehrt doch die aktuellen Ereignisse sehr anschaulich um – und natürlich ist es auch hier so, dass nur eine begrenzte Menge an Überlebenden dort aufgenommen werden!

Mein Fazit: Ein wirklich packender Erstling, der schon Lust macht, den nächsten Roman des Autors zu lesen, der wohl im September 2017 unter dem Titel „The Last Dog on Earth“ auf Englisch erscheint.

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Justin Cronin: Die Spiegelstadt (Passage-Trilogie #3)

cronin-die-spiegelstadtGut 20 Jahre sind seit dem Tag vergangen, an dem Amy den Zwölfen gegenübergetreten ist und sie gemeinsam mit ihren Freunden vernichtet hat. Die Schreckensherrschaft der Blutsauger und ihrer Abkömmlinge scheint vorbeizusein. Da seither auch keine Virals mehr gesehen wurden, haben sich die Überlebenden nach und nach aus ihrer eng ummauerten Zuflucht gewagt. Die Tore der Stadt stehen offen, die Menschen haben damit begonnen, das Land wieder zu bevölkern. Auf den Ruinen der einstigen Zivilisation wollen sie eine neue, eine bessere Gesellschaft aufbauen: der älteste Traum der Menschheit.
Doch was sie nicht wissen: In der fernen, verlassenen Stadt New York lauert der Eine: Zero. Der Vater der Zwölf, der ursprüngliche Träger des Virus. Einst ein hochbegabter Wissenschaftler namens Timothy Fanning, der, seit er seine große Liebe verlor, nur noch von Rachedurst und Wut erfüllt ist. Sein Ziel ist es, die Menschheit endgültig auszulöschen. Seine Truppen sind bereit. Und der Zeitpunkt ist gekommen.
Nur Amy vermag ihn jetzt noch aufzuhalten, das Mädchen aus dem Nirgendwo, die einzige Hoffnung der Menschheit. Denn was die Menschen ebenfalls nicht wissen: Amy hat den Kampf gegen die Zwölf überlebt und wird seither von einem ihrer Mitstreiter versteckt. Und versorgt. Gemeinsam mit Carter, dem letzten noch Lebenden der Zwölf, wartet sie darauf, dass Zero den ersten Zug macht …

„Die Spiegelstadt“ ist der Abschlussband der „Passage-Trilogie“ von Justin Cronin, ein fast 1.000 Seiten starkes Werk, das die gewaltige Geschichte über den Kampf der Menschheit gegen die Virals zum Abschluss bringt. Und jede Seite des Buches ist ein echter Genuss und das Warten hat sich definitiv gelohnt. Cronins Finale schwächelt im Gegensatz zu den Abschlussbänden vieler anderer Autoren nicht – er hat ein weiteres Mal eine facettenreiche, gut durchkonzipierte Geschichte verfasst, bei der es ein wahres Vergnügen ist, sie zu lesen verschlingen. Als ich abends im Bett lag und Cronins Beschreibungen der Virals und über das neuerliche Verschwinden der Menschen las, wusste ich wieder, warum man die Bücher der Serie nicht unbedingt vor dem Einschlafen lesen sollte. 😉 Cronin ist eben auch ein Könner des versteckten Horrors, der Andeutungen und Auslassungen …

Er fühlte, wie die Luft sich veränderte. Alles um ihn herum schien innezuhalten. Aber im nächsten Moment erregte etwas seine Aufmerksamkeit – ein Rascheln, hoch oben in einem Pecanbaum am Waldrand. Was sah er da? Vögel waren es nicht; die Bewegung war zu stark. Er stand auf. Ein zweiter Baum erschauerte, dann ein dritter.
Er erinnerte sich an eine Redensart aus der Vergangenheit. Wenn sie kommen, kommen sie von oben.                    Seite 534

Cronin wechselt bei der Erzählung seiner Geschichte, aber auch bei der Charakterisierung der Figuren geschickt zwischen den unterschiedlichen Akteuren und Perspektiven, zwischen erzählter Geschichte und Träumen.

Um den Leser in die Handlung des Buches einzuführen und Erzähltes aufzufrischen, leitet Cronin den Abschlussband mit einer kurzen Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse ein, und zwar in einigen bibelartig abgefassten Absätzen. Dies ist angesichts der Tatsache, dass wir etwa vier Jahre auf dieses Buch warten mussten, auch bitter nötig. „Die Spiegelstadt“ enthält zwar ein Personenverzeichnis im Anhang, die jeweiligen Erläuterungen sind jedoch so rudimentär, dass sie meist wenig hilfreich sind.

Als die eigentliche Handlung beginnt, schildert Cronin zunächst, was etwa acht Monate bzw. gut 20 Jahre nach den Ereignissen im Homeland aus den einzelnen Figuren wird, als sich auch ihre Kinder in der neuen Realität eingerichtet haben. Einige kommen gut zurecht. Peter Jaxon ist nun Präsident des Staates Texas und hat seinen Neffen Caleb an Sohnes Statt großgezogen; Sara Wilson arbeitet weiter als Ärztin und kümmert sich mit ihrem Mann Hollis um die eigene Tochter Kate sowie um die gehörlose Pim; Lore DeVeer arbeitet weiterhin als knallharte Ölhand, trauert aber Michael Fisher hinterher, der ihre Zuneigung nie auf die von ihr erhoffte Weise erwidert hat. Stattdessen gehört er zu jenen, die sich in dem neuen Leben noch nicht eingerichtet haben, weil sie ahnen, dass der Kampf im Homeland nicht das Ende war.
Michael nimmt im Roman viel Raum ein. Er ist ein Einzelgänger, der wochenlang auf seinem Boot über den Golf von Mexico und darüber hinaus segelt. Dabei stößt er schon bald auf den vor Freeport/Texas gestrandeten norwegischen Tanker Bergensfjord. Darauf findet er nicht nur die skeletierten Überreste der Besatzung, sondern auch Zeitungsartikel, die darüber berichten, wie das Virus vor knapp 100 Jahren trotz aller Quarantänemaßnahmen auch die anderen Kontinente heimgesucht – und ihre Bewohner vernichtet – hat. Michael erfährt aber auch, dass es irgendwo im Atlantik eine Insel geben muss, auf der man Zuflucht gesucht hat. Und da er das Gefühl hat, dass der Kampf gegen die Zwölf noch nicht beendet ist, beginnt er mithilfe einiger weniger, die Bergensfjord zu restaurieren und reparieren.
Wie er ist auch Lucius Greer einer derjenigen, die sich von der trügerischen Ruhe nicht täuschen lassen. Er hat nach dem Kampf im Homeland die bewusstlose Amy gerettet und bei Carter (dem einzig Unschuldigen und Überlebenden der Zwölf) in einen Tanker eingesperrt. Seither versorgt er sie und Carter mit Blut und hofft, dass Amy irgendwann ihren Blutdurst besiegen und gemeinsam mit Carter den Kampf gegen Zero aufnehmen kann.
Und schließlich ist da noch Alicia. Peter, der sie liebt, hat sie nach einem Kampf gegen Babcocks Viele, in dem sie tödlich verwundet wurde, mit einer abgewandelten Form des Virus infiziert, sodass sie zwar überlebt und über besondere Kräfte verfügt – aber auch Blut braucht, was sie zu einer Ausgestoßenen macht. In „Die Spiegelstadt“ erfährt sie nun, dass der Virenstamm, den sie in sich trägt, von Zero direkt stammt, sodass sie gewissermaßen ihm gehört. Fanning ruft sie nach New York – und nun bedient sich Cronin eines wirklich gelungenen Kniffs, um auf diese Weise Fanning nicht nur Alicia, sondern auch dem Leser in aller Ausführlichkeit seine Lebensgeschichte und die Beweggründe für sein jetziges Handeln erzählen zu lassen.
Kurz gesagt gibt Fanning seinem ehemals besten Studienfreund Jonas Lear, der Menschheit, dem Universum oder Gott im Besonderen die Schuld an seiner Situation: Fanning war in Liz, die spätere Frau seines Freundes Jonas, verliebt (und diese Zuneigung wurde auch erwidert). Da Liz unheilbar krank war, forschte Jonas wie besessen nach einem Heilmittel und zögerte auch nicht, unkonventionelle Wege einzuschlagen. Nach dem Tod von Liz, durch den sich Fanning um sein Glück gebracht sah, erschlug er in seiner Wut und Trauer eine junge Frau und sah nur einen Ausweg, um seiner Verhaftung zu entgehen: Er begleitete Jonas auf eine Expedition in den bolivianischen Dschungel, wo sich dieser auf die Spur eines Mysteriums begeben wollte: Eine Gruppe von Amerikanern, die an Krebs im Endstadium litten, hatte sich auf ihrer letzten Reise mit einem Virus infiziert – und nachdem die Infektion abgeklungen war, war auch ihr Krebs geheilt. Und obwohl Jonas bei seiner Frau versagt hatte, wollte er die Suche nach einem Heilmittel nicht aufgeben. Doch im Dschungel wurde das Team von Fledermäusen attackiert – einige starben, Fanning aber überlebte. Und veränderte sich. So endete er schließlich in einem geheimen Versuchslabor des US-Militärs, das mithilfe seines Blutes Supersoldaten züchten wollte. Was, wie wir dank der „Passage-Trilogie“ wissen, scheiterte und mit der fast völligen Vernichtung der Menschheit endete. Nun will der überlebende Fanning nur noch eines: Rache. Die Vernichtung der Zwölf und ihrer Virals im Homeland war im Grunde nur sein Weg, um die Wettbewerber auszuschalten. Und jetzt hat er die überlebenden Menschen zwanzig Jahre lang in Sicherheit gewiegt, hat seine eigenen Virals zurückgehalten – doch nun ist seine Zeit gekommen. Der große Showdown in New York hatte definitiv Filmqualitäten – ich konnte vor meinem inneren Auge schon einen Katastrophenfilm von Emmerich vor mich sehen – mit einstürzenden Hochhäusern, Wassermassen und wahnsinnigen Actionszenen. Könnte bitte jemand diese Reihe verfilmen?
Zu Fanning hatte ich als Leser eine etwas zwiespältige Haltung. Einerseits ist er ein großartiger Bösewicht. Er handelt im Verborgenen, scheint seinen Gegnern immer mindestens zwei Schritte voraus zu sein. Im Grunde ist sich niemand seiner Existenz bewusst, stattdessen hat er sich seiner Zwölf und ihrer Virals wie Marionetten bedient. Durch sie hat er die Menschheit fast völlig ausrotten lassen; sie haben für ihn die Drecksarbeit erledigt. Und als die Menschheit die Sicherheit der bewachten Städte verlässt, schlägt er zu. Andererseits musste ich mich einfach fragen, wie … blöd jemand sein muss, über 120 Jahren einem anderen Menschen nachzuweinen und die Schuld am Scheitern des eigenen Lebens anderen in die Schuhe zu schieben – und nicht zu erkennen, dass nicht etwa die Menschheit oder Gott oder das Universum die Schuld an den eigenen schlechten Entscheidungen trägt, sondern man selbst. Nun ja, wäre Fanning etwas vernünftiger, hätten wir jetzt nicht diese großartige Geschichte. 😉

Das Ganze endete dann mit einem Epilog, zu dem ich ebenfalls ein etwas zwiespältiges Verhältnis hatte: Zum einen bindet er den „Sack“ zu, rundet die Handlung ab. Der Leser erfährt, wie es mit den Überlebenden weitergeht und wie die neue Gesellschaft knapp 900 Jahre später aussieht. Zum anderen empfand ich den Epilog und seine Ausführungen aber als ein wenig zu ausführlich. Eine Rahmenhandlung, wie man sie bspw. aus „Der Report der Magd“ kennt und der dieser Epilog stark ähnelt, hätte ich u. U. besser gefunden. Aber ich klage hier sicher auf hohem Niveau.

Mein Fazit: „Die Spiegelstadt“ ist der fast perfekte Abschluss einer Trilogie, die für mich zu einer der besten Buchreihen gehört, die ich je gelesen habe. Eine wunderbare Mischung aus Horror und Dystopie. Da das Buch vieles erklärt, das die Ereignisse aus Band 1 in einem anderen Licht erscheinen lässt oder besser erläutert, hatte ich nach Beendigung des Buches richtig Lust, die Trilogie gleich noch einmal von vorn zu beginnen. Ein kleiner Tipp: An diesen Büchern muss man „dranbleiben“ – wenn man Abend für Abend höchstens mal ein oder zwei Kapitel liest, findet man erfahrungsgemäß nicht so gut in die Geschichte hinein und empfindet einige Passagen u. U. als etwas langatmig.

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Susan Ee: Angelfall – Nacht ohne Morgen

susan ee angelfall nacht ohne morgenVor sechs Wochen sind die Engel auf die Erde gekommen. Doch sie haben nicht Frieden und Freude, sondern Elend und Zerstörung mit sich gebracht: Weltweit liegen die Städte in Trümmern und die Menschen trauen sich vor Angst kaum noch auf die Straße.
Auch die siebzehnjährige Penryn kämpft mit ihrer schizophrenen Mutter und ihrer im Rollstuhl sitzenden Schwester Paige ums Überleben. Als sie eines Nachts unterwegs sind, werden die drei Zeugen, wie ein Engel mit weißen Flügeln von einer Gruppe anderer Engel angegriffen wird. Nachdem diese seine Flügel abgeschnitten haben und ihm den Todesstoß versetzen wollen, greift Penryn wider besseres Wissen ein. Es gelingt ihr zwar, den schwer verletzten Engel zu retten, doch ihre Mutter ist verschwunden – und ihre Schwester wurde von einem der Angreifer entführt.
Penryn macht sich auf den Weg zum Horst, dem Hauptquartier der Engel, in San Francisco, um ihre Schwester zu befreien. Doch dafür braucht sie Hilfe – und die kommt ausgerechnet von Raffe, dem flügellosen Engel. Dieser ist bereit, sich mit einem der verhassten Menschenkinder zu verbünden, um sich vielleicht doch noch mithilfe seiner himmlischen Brüder die abgeschnittenen Flügel wieder annähen zu lassen …

„Angelfall – Nacht ohne Morgen“ ist Teil 1 von Susan Ees „Angelfall“-Trilogie und ein wahrer Pageturner, den ich innerhalb eines Tages verschlungen hatte. Die Autorin wirft uns direkt in die Geschichte hinein. Die Welt von „Angelfall“ ist postapokalyptisch zerbrochen und voller entsetzlicher Schrecken – nur die Stärksten können am Leben bleiben. Die Engel sind aus dem Himmel und der Hölle auf die Erde gekommen – und sie sind alles andere als barmherzige Boten Gottes oder knuddlige Amore. Sie sind erbarmungslose Krieger, die alles vernichten, was sich ihnen in den Weg stellt – was sieh hier wollen, erfährt man übrigens nicht -, und nach dem Tod ihres Anführers in politische Grabenkämpfe verwickelt sind. Actionreich führt uns Ee durch die düstere Handlung, in die aber durch Penryns Opferbereitschaft immer wieder Licht hineinfällt und Hoffnung. Bis, ja bis die Geschichte am Ende nach vielen Überraschungen, actionreichen Begegnungen und unerwarteten Wendungen und Verrate noch einen erschütternden Bruch zum Horror nimmt, als Penryn im Horst eine fürchterliche Entdeckung macht: Wesen, die noch tödlicher sind als die Engel.

Erzählerisch wirft uns Ee ins kalte Wasser: Wir erfahren sofort, was in den vergangenen Wochen geschehen ist – Naturgewalten, Angriffe, Zerstörung, Tod und Leid … Und wir lernen auf diese Weise beinahe nebenbei auch gleich die ersten drei Figuren kennen: die Mutter, die unter paranoider Schizophrenie leidet und einen Bibel-Knacks hat, die eine ganz eigene Sicht der Realität besitzt und überall Dämonen sieht, immer wieder verschwindet und offenbar für die „Behinderung“ ihrer jüngsten Tochter verantwortlich ist. Diese, die siebenjährige Paige, sitzt nach einem … Unfall mit zwei Jahren im Rollstuhl, ist aber ein sehr lieber Mensch mit einem großen Herzen.
Und schließlich die furchtlose, toughe Penryn (aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird), die alles tut, um auch den letzten Rest ihrer Familie am Leben zu halten. Bis sie den Fehler begeht, einem Engel, den seine himmlischen Brüder gerade töten wollen, helfend zur Seite zu stehen.
Raffe ist zwar ein erfahrener Krieger (und wer erkennt hier nicht sofort, dass er es mit einem bekannten Erzengel zu tun hat …) und aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit auch eine Ausgeburt an Arroganz. Doch Penryns Entschlossenheit und Kampfbereitschaft sowie ihre Loyalität nicht nur zu ihrer Familie, sondern auch zu ihm, einem Feind, lässt ihn nicht kalt. Die Ich-Erzählerin erklärt zwar immer wieder, wie sehr sie Engel hasst, aber jeder Leser weiß spätestens nach der zweiten oder dritten Erwähnung seiner überirdischen Schönheit, seines muskulösen Körpers oder seiner dunkelblauen Augen, dass ihn hier (auch) eine Liebesgeschichte erwartet. Aber da ich eine rettungslose Romantikerin mit einer Schwäche für HEA-Geschichten bin und Susan Ee mir diese Love Story in diesem Einsteigerband sehr dezent und überaus unkitschig liefert (endlich schlägt die Liebe mal nicht wieder der Blitz ein), während sie ihr primäres Augenmerk auf dem Horror dieser Welt voller Engel richtet, sehe ich ihr das gerne nach.

Mein Fazit: Hier stimmt alles: das Tempo, in dem die Geschichte erzählt wird. Die vielschichtigen Charaktere. Die Mischung aus Dystopie, Fantasy, Horror, Liebesgeschichte. Die Luft blieb mir in vielen Szenen schlicht weg – ein sehr gelungenes Debüt! Und überhaupt: Es müsste verboten werden, dass Verlage sechs oder zwölf Monate mit der Veröffentlichung einer Fortsetzung warten! Das fällt wirklich schon in die Rubrik Folter!

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Julie Kagawa: The Forever Song (Blood of Eden 3)

kagawa-unsterblich3-englSeit ihrer Verwandlung zum Vampir stand Allison Sekemoto immer wieder vor der Frage, ob sie nun ein gewissenloses Monster ist oder sich nicht doch einen letzten Rest Menschlichkeit bewahren kann. Bislang hat sie sich immer für die Seite der Menschen entschieden. Doch dann muss sie mit anhören, wie Zeke – der Junge, den sie liebt – von dem wahnsinnigen Meistervampir Sarren gefoltert und ermordet wird.
Allie gibt den Kampf auf und entscheidet sich dafür, ihrem inneren Monster freien Lauf zu lassen. Sie ist fest entschlossen, gemeinsam mit ihrem Schöpfer Kanin und ihrem Blutbruder Jackal den Psychopathen zur Strecke zu bringen. Dieser ist auf dem Weg in die letzte reine Menschenstadt Eden, wo er ein mutiertes Virus freisetzen will, das Menschen ebenso vernichtet wie Vampire.
Doch die Spur, die er auf seiner Reise zum Lake Erie hinterlässt, ist blutig und voller tödlicher Fallen …

„The Forever Song“ ist der Abschlussband von Julie Kagawas „Blood of Eden“ bzw. „Unsterblich“-Trilogie und für mich wieder ein echter Pageturner (Band 1: Tor der Dämmerung; Band 2: Tor der Nacht). Der Roadtrip der drei Vampire Kanin, Jackal und Allie hätte durchaus etwas langweilig werden können, da er sich über knapp 2/3 des Buches hinzieht. Doch durch den beinahe schon konstanten Schlagabtausch zwischen Jackal und Allie fließt zum einen ein humorvolles Element in die Handlung ein. Kagawa gelingt es wunderbar, die bissigen Dialoge von Geschwistern widerzugeben, die einerseits durch ihre Blutsverwandtschaft untrennbar verbunden sind, sich aber andererseits nicht leiden können, weil sie so unterschiedlich sind. Und Kanin kommt die Rolle des leicht genervten Vaters zu, der seine unerzogenen Kinder am liebsten aus dem Auto werfen möchte. Solche Szenen haben mich sehr amüsiert und brachten auch etwas Licht in die ansonsten sehr düstere Handlung. Neben dem verbalen Humor sorgen auch Sarrens blutige Fallen für Unterhaltung. Der Psychopath überfällt auf dem Weg nach Eden alle menschlichen Siedlungen – zum einen, um seine Verfolger auszuhungern, zum anderen, um ihr Fortkommen zu verlangsamen, damit er seine teuflichen Pläne in Eden ungestört umsetzen kann. Ganz zu schweigen davon, dass dies einfach seinem kranken Sinn für Humor entspricht.
Auch als die drei Vampire Eden schließlich erreichen und es zum großen Kampf mit Sarren kommt, behält die Autorin ihr hohes Erzähltempo bei. Sie erweist sich auch hier wieder als großartige Erzählerin. Man glaubt wirklich, mit dabei zu sein, als die drei durch das verlassene Eden schleichen und sich gegen mutierte Verseuchte zur Wehr setzen müssen … Diese Aspekte des Buches haben mir sehr gut gefallen. Besser, als dies z. B. in ihren „Plötzlich Fee“-Romanen der Fall war.
Was mir weniger gefiel (und vermutlich jammere ich hier auf hohem Niveau), war, dass die Charaktere relativ statisch blieben. Achtung, Spoiler! Weiterlesen auf eigene Gefahr! Allie gibt sich nach Zekes vermeintlichem Tod ihrer dunklen Seite hin. Sie übernimmt einige von Jackals Charakterzügen, was diesen begeistert, aber eine Enttäuschung für ihren Schöpfer darstellt. Dennoch kehrt sie schon nach einem „Erziehungsversuch“ von Kanin zu ihrer Menschlichkeit zurück. Als Leser erfährt man zwar, dass ihr inneres Monster sich danach sehnt, freigelassen zu werden, doch wirklich spüren kann man davon nichts. Sie bleibt in dieser Hinsicht relativ statisch.
Ähnlich ist es bei Wirklich, jetzt kommen echte Spoiler! Zeke. Dieser wurde von Sarren nicht getötet, sondern in einen Vampir verwandelt und dazu noch einer Art Gehirnwäsche unterzogen, sodass von dem alten Zeke nichts mehr übrig geblieben ist. Heißt es zumindest. Gemeinsam mit Sarren ist er auf dem Weg nach Eden – und an jedem Blutbad auf dem Weg mit großer Begeisterung beteiligt. Vor allem an der Falle, die unsere drei Retter in Chicago erwartet, wo Zeke als neuer König regiert. Diese bis dato unglaublich angepasste, langmütige Figur hätte wirklich Potenzial gehabt, ein echter Bösewicht zu werden. Doch leider kehrt er schon nach einem heroischen Rettungsversuch von Allie auf die lichte Seite der Macht zurück. Und auch als er gemeinsam mit den drei Vampiren in Eden bei den letzten Überlebenden ankommt, spürt man nichts davon, dass er ein frisch verwandelter Vampir ist, der gerade mit großem Enthusiasmus Dutzende von Menschen vernichtet hat. Er ist wieder der All-American-Boy, ein ausgesprochen zahnloser Tiger. Und am Ende reiten die beiden in den Sonnenuntergang und leben ihr „White Picket Fence“-Leben … Schade.
Mein Favorit auch dieses Buches ist wieder Jackal. Zeke soll vermutlich das Herz der Leserinnen erobern, aber deutlich interessanter war für mich Allies Bruder Jackal, der definitiv zu meinen literarischen Lieblingscharakteren gehört. Er ist schon lange Vampir und hat großen Spaß daran. Und obwohl er immer wieder betont, wie langweilig Kanin und Allie doch (als Vampire) sind, zögert er nicht, sich ihnen auf ihrer Jagd nach Sarren anzuschließen. Er behauptet zwar, dass er dies nur tut, damit sein menschlicher Nahrungsmittelvorrat nicht ausgeht, doch er erweist sich als loyaler Mitstreiter. Und das Schlimme ist: Weder Allie noch Kanin erkennen dies wohlwollend an. Stattdessen bestrafen sie ihn mit Misstrauen (Allie) oder Ignorieren (Kanin). An dieser Stelle tat er mir wirklich leid, denn er ist ja ebenfalls bereit, sein Leben zu opfern, um den Ausbruch des Virus zu verhindern. Und auch hier noch mal ein Appell an Julie Kagawa: Bitte ein Jackal-Spin-off!

„Well, isn’t this fucking hilarious. We saved a bunch of bleating meatsacks, killed a psychopath who is older than dirt, stopped another world-destroying plague … and we still don’t have the cure. God really does hate us after all. Seeing as this is probably my last hurrah, I don’t suppose I could get you two bleeding hearts to massacre a village with me? For old time’s sake.“ (S. 361)

Mein Fazit: Ein würdiger Abschluss einer großartigen dystopischen Trilogie! Mehr davon! Ich habe Kagawas „Talon“-Reihe noch nicht gelesen, frage mich aber, wie sie die „Unsterblich“-Trilogie noch toppen will!

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Julie Kagawa: Unsterblich – Tor der Nacht (Band 2)

kagawa-unsterblich2Die siebzehnjährige Allison Sekemoto lebt in einer Welt, in der die meisten der Menschen, die nach einer schrecklichen Plage noch am Leben sind, von den Vampiren wie Sklaven gehalten werden, im Gegenzug aber relative Sicherheit in befestigten Städten genießen. Nachdem Allie von Verseuchten lebensgefährlich verletzt wurde, hat sie das Rettungsangebot eines Vampirs – Kanin – angenommen und ist ebenfalls zu einem Geschöpf der Nacht geworden.
Doch dann erfährt sie, dass Kanin von seinem Erzfeind Sarren gefangengenommen wurde und gefoltert wird, und macht sich auf die Suche nach ihm. Bald schon muss sie feststellen, dass sie nicht seiner Spur folgt, sondern der ihres Blutsbruders Jackel, dem (ehemaligen) König von Alt-Chicago, der als Kind von Kanin ebenfalls dessen Hilfeersuchen nachkommt. Die beiden schließen einen Waffenstillstand – und Allie findet sich wenig später an dem Ort wieder, der einst ihre Heimat war.
Dort macht sie eine furchtbare Entdeckung: Die Rote Schwindsucht, die den Menschen vor Allies Geburt zum Verhängnis wurde, ist zurückgekehrt. Und diesmal laufen auch die Vampire Gefahr, sich anzustecken. Doch was niemand ahnt: Der Wahnsinnige Sarren, der Kanin gefangen hält, steckt hinter dem Ausbruch des Virus, denn er will die gesamte Welt von Menschen und von Vampiren säubern …

„Unsterblich – Tor der Nacht“ ist Band 2 von Julie Kagawas „Unsterblich-Trilogie“ (Band 1: Tor der Dämmerung, Band 3: Tor der Ewigkeit). Leider kommt es ja bei Trilogien häufig vor, dass nach einem sehr packenden ersten Teil mit Band 2 ein „Füller“ folgt, eine riesige Enttäuschung, und etwas Ähnliches hatte ich aufgrund von einigen negativen Erfahrungen mit anderen Dystopien auch bei der „Unsterblich“-Trilogie befürchtet. Doch es ist beinahe das Gegenteil der Fall: Band 2 gefiel mir fast noch besser als sein Vorgänger. Julie Kagawa zeigt sich auch hier als exzellente Erzählerin, der es schon nach wenigen Seiten gelingt, mich in die Handlung hineinzuziehen – und sie lässt mich durch die gesamte actionreiche Handlung hindurch auch nicht mehr los. Ich bange mit, amüsiere mich über den Schlagabtausch der Protagonisten, folge ihnen in die Unterwelt des Abwassersystems der Vampirstadt, halte die Luft an, als sie von Kannibalen angegriffen werden, hoffe, dass ihnen Kanins Rettung gelingt, bin geschockt, als sich ein Freund als Feind entpuppt, und kann selbst am Ende des Buches nicht verdient aufatmen, da es mit einem fiesen Cliffhanger endet. Gott segne den Erfinder des E-Books! Band 3 befindet sich nämlich wohlweislich schon auf meinem E-Book-Reader! 🙂

In meiner Rezension zu Band 1 hatte ich mich bereits zu den Besonderheiten der Serie und zur Welt und den zentralen Charakteren von „Unsterblich“ geäußert, deshalb verzichte ich an dieser Stelle darauf, das noch einmal zu tun.
Die Besonderheit – zumindest für mich – von Band 2 ist Jackal, der ebenfalls von Meistervampir Kanin erschaffen wurde und somit Allies Blutsbruder ist, allerdings schon einige Jahrzehnte älter als das junge Mädchen. In Band 1 trat er als der machtgierige König der Banditen von Alt-Chicago auf, der Allies Mitreisende entführte, um ihrem Anführer Jeb Crosse Informationen über das Virus abzupressen. Crosse war Nachkomme eines Wissenschaftlers, der beim Ausbruch der Seuche an deren Erforschung beteiligt war, und im Besitz eines USB-Sticks, der alle wissenschaftlichen Informationen darüber enthält. Doch Allie und ihrem Menschen-Freund Zeke war es gelungen, den Stick in ihren Besitz zu bekommen, einige der Gefangenen zu befreien und aus Chicago zu flüchten. Nachdem Allie ihre Freunde am Ende von Band 1 in die Sicherheit der letzten reinen Menschenstadt Eden geführt hat, muss sie als Vampir dieses „Paradies“ wieder verlassen und sich von Zeke und den anderen verabschieden. Sie folgt nun schon seit vier Monaten Kanins „vampirischen Hilferufen“ (da er ihr Schöpfer ist, ist sie auf besondere Weise mental mit ihm verbunden) und findet sich schließlich in Washington, D.C., wieder. Dort stößt sie jedoch nicht auf Kanin:

„Hallo, Schwesterchen“, begrüßte mich Jackal. Seine goldenen Augen funkelten im Halbdunkel. „Wurde auch Zeit, dass du endlich auftauchst.“

Die beiden beschließen, sich nicht an die Kehle zu gehen, sondern sich zu verbünden, um ihren Schöpfer zu finden und zu befreien. Allie, weil sie sich Kanin verpflichtet fühlt; Jackal, weil er sich noch immer auf der Suche nach dem Gegenmittel für die Seuche befindet – schließlich will er als Vampir ja nicht, dass sein „Nahrungsmittelvorrat“ ausgeht. Und damit beginnt ein Roadtrip der ganz besonderen Art. Beide hassen sich zutiefst. Zumindest hasst Allie Jackal, da er einige ihrer Freunde getötet hat; Jackal behandelt sie eher mit der amüsierten Überlegenheit eines älteren Bruders, und so ist der konstante Schlagabtausch der beiden unglaublich bissig und humorvoll. Allie wurde bereits in Band 1 als überaus sympathischer Charakter mit hohem Identifikationspotenzial eingeführt, und daran ändert sich auch in Band 2 nichts; ihre Authentizität und Gradlinigkeit verstärken sich weiter. Doch Jackal gleicht dies mühelos aus. Der dystopische Roman hätte aufgrund seines düsteren Settings und der teilweise tragischen Geschichten durchaus schwermütig werden können, aber Jackal lockert die Stimmung durch seine sarkastische Art und seine gelegentlich brutale Rücksichtslosigkeit immer wieder auf. Wenn Kagawa sich entschließen würde, ihm einen Spin-off zu gönnen, würde ich diesen ohne zu zögern kaufen. 😉
Noch interessanter wird das Ganze, als ein alter Freund auftaucht … Aber an dieser Stelle möchte ich nicht spoilern …

Mein Fazit: Handy und Fernseher ausschalten, und dann: Lesen! Mit „Unsterblich – Tor der Nacht“ zementiert Julie Kagawa ihre Position als meine aktuelle Lieblingsautorin!

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Julie Kagawa: Unsterblich – Tor der Dämmerung (Band 1)

kagawa-unsterblich1Grenzen, Mauern und Verbote gehören zum Alltag der 17-jährigen Allison, seit sie denken kann. Nach einer Seuche, die Menschen getötet oder in Ungeheuer verwandelt hat, haben sich die meisten Bewohner der Erde zum Schutz in große abgeriegelte Städte zurückgezogen. Regiert werden diese von Vampiren, grausamen Fürsten der Nacht. Diese lassen ihre Gefangenen, die ihnen regelmäßig Blutzoll schulden, dafür aber in relativer Sicherheit leben, für sich schuften. Auch der kleinste Verstoß gegen die Regeln wird geahndet. Und wer nicht bereit ist, das Brandmal der Vampire zu tragen, kämpft ums Überleben. Allison, die sich gegen das Zeichen entschieden hat, lernt schon früh, dass ihr Leben nicht viel wert ist. Gemeinsam mit anderen Kindern muss sie stehlen, um nicht zu sterben.
Als sie vor den Toren der Stadt von Verseuchten angegriffen und schwer verletzt wird, stellt Kanin, ein mysteriöser Vampir, sie vor die Wahl, entweder zu sterben oder ihren Unterdrückern gleich zu werden. Sie entscheidet sich für den Weg der Unsterblichkeit. Doch damit wird sie zum Feind der Menschen … Sie verlässt ihre Heimat und zieht ziellos umher, bis sie sich – ohne sich zu erkennen zu geben – einer kleinen Gruppe anschließt. Diese ist auf der Suche nach Eden, der letzten vampirfreien Stadt …

„Unsterblich – Tor der Dämmerung“ ist Band 1 der „Unsterblich“-Trilogie (Band 2: Tor der Nacht, Band 3: Tor der Ewigkeit) der US-amerikanischen Jugendbuchautorin Julie Kagawa; die Serie entstand nach Kagawas „Plötzlich Fee“-Reihe. Ich hatte sie bereits auf Englisch gelesen, habe mir aber nach Erscheinen der Taschenbuchausgabe der beiden ersten Bände auch diese zugelegt – und war wieder begeistert. Die Autorin entwickelt sich immer mehr zu meiner (zeitgenössischen) Lieblingsschriftstellerin. Nach all den bereits erschienenen (unzähligen!) Vampirroman gehört schon eine Menge Mut und Selbstbewusstsein dazu, dem Ganzen eine weitere Vampirgeschichte an die Seite zu stellen. Und mich hat sie mit ihrer Mischung aus richtig guter Vampirgeschichte und Dystopie wirklich überzeugt. Sie verschont uns dabei vor eindimensionalen sexy Vampiren, die in schwarzer Ledergarderobe herumlaufen und nur auf der Suche sind nach der (menschlichen) Frau fürs Leben. Die Welt der „Unsterblich“-Trilogie ist düster, dreckig, brutal und ausgesprochen bedrückend – hier glitzert nichts (:mrgreen:), hier heißt es „Fressen oder gefressen werden“. Kagawas Vampire sind keine kuschligen Teddybären mit Fangzähnen. Menschen sind für sie nur gesichtslose lebende Blutkonserven (oder „Blutsäcke“, wie Allies Bruder im Blute Jackal gern sagt), denen sie im Austausch für deren Blut ein wenig Sicherheit garantieren. Diese wiederum sind bereit, fürs tägliche Überleben ihre Familie zu verraten. Also eine in jeder Hinsicht ausgesprochen düstere Welt.
Julie Kagawa hat mich aber nicht nur durch die erschaffene Welt überzeugt. Ich schätze auch ihren Erzählstil sehr.  Die Storyline der Geschichte ist sehr gradlinig. Sie erschafft mit wenigen Strichen eine eigene dystopische Welt mit einer gut durchdachten Historie und erklärt auch das Handeln der Figuren sehr glaubwürdig. Es ist ihr auch in diesem Fall gelungen, mich sofort in die actionreiche Geschichte hineinzuziehen – und dann konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Und als ich die letzte Seite erreicht hatte, war ich froh, dass Band 2 „Tor der Nacht“ bereits in meinem Regal stand, sprich: Das Ganze endet mit einem Cliffhanger.
Heldin der Geschichte ist die 17-jährige Allison Sekemoto, die sich zunächst im sogenannten Saum – den Randbezirken der großen Vampirstadt New Covington – als (hungriger) Mensch durchschlägt und nach ihrer Verwandlung in der großen weiten Welt der ehemaligen USA als Vampir. Sie ist tough, besitzt einen großen Wissensdurst, einen ausgeprägten Überlebenswillen und viel Mitgefühl für ihre Mitmenschen – obwohl sie dies nie zugeben würde. Und die beiden letztgenannten Eigenschaften sind es auch, die den Meistervampir Kanin dazu bewegen, sie nach einem Angriff durch Verseuchte in einem Blutsauer zu verwandeln. Während sie bis dahin „nur“ vor der Frage stand, ob sie die wenigen vorhandenen Lebensmittel mit anderen teilt, muss sie nun entscheiden, ob sie willens ist, für ihr eigenes Überleben andere zu töten – oder zumindest „anzuzapfen“. Diese Frage – Was macht meine Menschlichkeit aus? – begleitet sie durch den gesamten Roman. Obwohl sie immer wieder zögert, anderen zu vertrauen und sich ihnen zu öffnen, sehnt sie sich doch zutiefst genau danach – und leider wird sie auch immer wieder von den Menschen, für die sich aufopfert, vor den Kopf gestoßen. Vor diesem Hintergrund fand ich es sehr interessant, dass sie dennoch nicht aufgibt – weder andere Menschen noch ihr Vertrauen und ihre Hilfe.
Nicht nur Allie steht immer wieder vor einem Scheideweg. Auch Zeke, der im Laufe der Geschichte eine immer größere Rolle spielen wird, ist im Verlauf des Romans gezwungen, seine Überzeugungen zu überdenken. Er reist schon seit Jahren mit seinem Ziehvater Jeb und einer kleinen Gruppe Menschen durch die ehemaligen Vereinigten Staaten, immer auf der Suche nach Eden, der letzten freien Menschenstadt. Viele Freunde hat er schon durch Angriffe von Verseuchten oder Vampire verloren – und deshalb hält er an einer Wahrheit fest, die ihm auch Jeb immer wieder einprügelt: Vampire sind Monster, denen man unter keinen Umständen vertrauen kann. Als Allie zu seiner Gruppe dazustößt und ihren Beitrag zum Überleben der Gruppe leistet, dauert es gar nicht so lange, bis er sich in sie verliebt – auch wenn sie ihn auf Distanz hält. Doch als er dann erfährt, was sie wirklich ist, stürzt sein gesamtes Weltbild in sich zusammen, und er muss nun für sich selbst entscheiden, ob es auch Monster gibt, denen man vertrauen kann. Hier kommt natürlich die in YA-Romanen übliche kleine Liebesgeschichte ins Spiel. Diese wird in den Folgebänden deutlich mehr Raum einnehmen; hier fließt sie ganz dezent in die eigentliche dystopische Handlung ein, worüber ich sehr glücklich war.

Da ich die Trilogie im englischen Original gelesen habe, darf ich an dieser Stelle schon andeuten, dass die weiteren Bände uns sehr viel bissiges Geplänkel zwischen Allie und Jackal, einen stärken Einblick in die Vampirgesellschaft – und noch mehr vampirisches Blutvergießen bescheren wird. Vor allem auf den Humor, der durch Jackal in die Handlung einfließen wird, freue ich mich jetzt schon.

Fazit: Ein toller Start in eine neue Trilogie. Die Amerikanerin Julie Kagawa ist für mich ein absolutes Highlight in der Jugendbuchszene.