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Sarah J. Maas: Kriegerin im Schatten (Throne of Glass #2)

Celaena hat sich in einem unerbittlichen Wettkampf gegen ihre Konkurrenten durchgesetzt und ist nun Champion des Königs. Nach seinen Vorgaben soll sie unliebsame Gegner beseitigen, die dessen grausame Herrschaft beenden wollen. Doch statt sie aus dem Weg zu räumen, warnt Celaena seine Feinde und ermöglicht ihnen so die Flucht. Dieses Geheimnis verbirgt sie zunächst selbst vor Chaol, zu dem sie sich gegen ihren Willen immer mehr hingezogen fühlt. Wie sehr kann sie ihm vertrauen? Schließlich ist Chaol der Captain der königlichen Leibgarde.

Aber auch Celaenas Verbündete Nehemia und Prinz Dorian von Adarlan haben ihre Geheimnisse. Nehemia scheint mit Archer Finn, einem alten Freund von Celaena, in eine Verschwörung gegen den König verwickelt zu sein, hilft der Assassinin aber weiterhin, Wyrdzeichen zu lernen, um dem Mysterium um die Macht des Königs auf die Spur zu kommen. Und Kronprinz Dorian entdeckt, dass er magische Fähigkeiten besitzt – etwas, das seinen Tod bedeuten könnte, wenn jemand davon erfährt …

„Kriegerin im Schatten“ ist Band 2 der „Throne of Glass“-Fantasyserie von Sarah J. Maas. Das Buch hat mich stärker überzeugt als sein Vorgänger „Die Erwählte“. Celaena wurde zwar im 1. Band als die berüchtigste Assassinin des Landes eingeführt, aber spüren konnte ich davon wenig. Auch plätscherte die (nicht wirklich vorhandene) Handlung im Einsteigerroman noch recht vor sich hin. Band 2 hat mich jedoch stärker gepackt. Die Geschichte nimmt jetzt deutlich an Fahrt auf. Sie ist vielfältiger und füllt auch tatsächlich ein so umfangreiches Buch. Sprachlich gibt es immer noch einige unschöne Passagen/Begrifflichkeiten – Sätze, in denen z. B. zweimal das Wort „heute“ vorkommt, und die Autorin/Übersetzerin scheint auch eine nervtötende Vorliebe für das Verb „rasen“ zu haben (könnten wir das bitte so langsam mal durch „eilen“, „hasten“, „stürmen“ oder „rennen“ ersetzen?!) –, aber die Geschichte hat mich so mitgerissen, dass ich darüber hinweglesen konnte. Schön auch, dass man endlich etwas mehr über die Geschichte des Landes erfährt (nachzulesen auf den Seiten 386-389), was aber auch nötig ist, da die Jagd nach den Wyrdschlüsseln ja glaubwürdig motiviert sein muss.

Die Figur der Celaena gibt in diesem Buch eine glaubwürdigere Assassinin ab. Zwar investiert sie ihren Lohn als Champion des Königs immer noch primär in typisch weibliche Dinge („Celaenas Lohn als Champion des Königs war beachtlich und sie gab ihn bis auf den letzten Cent aus. Für Schuhe, Hüte, Tuniken, Kleider, Schmuck, Waffen, Haarschmuck und Bücher. Ganze Stapel. So viele Bücher, dass Philippa ein neues Regal bringen lassen musste.“) und hat eine Schwäche fürs Ausschlafen und Essen, aber durch die Beschreibung unterschiedlicher Einsätze oder Kämpfe bekomme ich zumindest einen besseren Eindruck davon, warum sie so gefürchtet wird. Ihr fehlt zwar immer noch etwas Selbstdisziplin und Verschlagenheit, und sie ist auch oft erstaunlich naiv („Um Erileas Wohl betete Celaena, dass der König nie auch nur von Wyrdzeichen gehört hatte.“ Ähm, ja, an unterschiedlichen Stellen im Schloss finden sich Wyrdzeichen, dass der König diese in all den Jahren noch nicht entdeckt hat oder die Geschichte seines eigenen Landes nicht kennt – eher unwahrscheinlich), aber ihre Reaktion auf einen Todesfall oder einen Verrat (no spoilers …) verschafft mir als Leser eine Ahnung davon, inwiefern sie auch in der Lage ist, ihre Emotionen abzustellen, wenn es darauf ankommt. Allerdings ist sie eine so große Sympathieträgerin, dass sie unter ihren Taten leiden muss, damit sie weiter die edle Heldin bleibt. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass sie etwas mehr Entschlossenheit besäße, da sie zwar ihre Opfer gehen lässt und sich im Auftrag des Königs auf die Spur von Verschwörern begibt, aber damit verfolgt Celaena nicht wirklich ein Ziel … Sie ist sich bewusst, dass sie nicht frei ist – und es auch nie war -, aber selbst wenn sie frei wäre, wüsste sie vermutlich nicht, was sie mit dieser Freiheit anfangen sollte.
Chaol und Dorian bekommen in diesem zweiten Buch etwas mehr zu tun, aber vor allem der Captain der Leibgarde bleibt noch etwas blass. Wir erfahren, dass er täglich mit Celaena joggen geht, dass er die Wachen einteilt und kontrolliert – und dass er (zumindest) edelmütig auf die junge Frau verzichtet, weil er erkennt, dass sein Freund Dorian ebenfalls in sie verliebt hat. Allerdings muss er dann auch den Preis für seine schon penetrante Loyalität zahlen. Zum Ende des Buches hin bekommt man als Leser den Eindruck, dass er endlich aufgewacht ist …
Ein unangenehmes Erwachen erlebt auch Dorian. Er weiß zwar, welche Art Mensch sein Vater ist, wagt es aber zu keiner Zeit, auch nur innerlich dagegen zu rebellieren. Es gibt in „Kriegerin im Schatten“ (endlich) einen kleinen Plottwist, was seine Person angeht, die dazu führt, dass er wenigstens im Verborgenen aus seiner festgelegten Rolle ausbricht. Ich hoffe auch hier, dass er in den Folgebänden weitere Facetten bekommt.
Die letzte interessante Figur ist Prinzessin Nehemia, zu der ich an dieser Stelle allerdings nicht zu viel verraten will. Auch wenn sie die Einzige ist, die wirklich gegen den König aufsteht (Spoiler, ggf. markieren), ist ihr verfrühter Tod eine Verschwendung einer guten Figur. Natürlich war der Tod aus dramaturgischen Grünen notwendig – um Celaena zum Handeln/Aufstand zu bewegen -, aber ich hätte einfach gern mehr über ihre Fähigkeiten, ihre Geschichte erfahren.

Auch die Romantik spielt in diesem Buch eine etwas größere Rolle. In Band 1 deutete sich ja eine Verbindung zwischen Celaena und Dorian an. Allerdings schob die Assassinin dieser Zuneigung rasch einen Riegel vor – eine Beziehung zwischen ihr und dem Kronprinzen hätte nie eine Zukunft. Eine erstaunlich erwachsene Einsicht. In diesem Buch wendet sie sich nun Chaol zu, was sich aber ebenfalls in „Die Erwählte“ schon angedeutet hatte. Allerdings bleibt die Autorin hier auch in Stereotypen stecken, wenn sie die beiden Protas sich erst sträuben lässt – und dann bricht die alles verzehrende Liebe aus, die aber nach kürzester Zeit durch einen Schicksalsschlag zerbricht. Man könnte ja miteinander reden, einander vergeben … Eine erwachsene Form der Liebe hat offenbar in dieser Serie (noch) keinen Raum.

Mein Fazit: „Kriegerin im Schatten“ ist m. E. inhaltlich stärker als „Die Erwählte“. Die Entwicklung sowohl der drei zentralen Figuren als auch der Handlung macht mich auf die Fortsetzung wirklich neugierig, obwohl die Wendung/Offenbarum am Ende des Romans nun wirklich keine Überraschung war.

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Annis Bell: Die Tote von Rosewood Hall

Rosewood Hall, Februar 1860: Lord Henry Pembroke hat sich alle Mühe mit der Ausrichtung eines Balls für seine geliebte Nichte Lady Jane in Rosewood Hall gegeben. Auf der Gästeliste stehen die begehrtesten Junggesellen der Londoner Gesellschaft, denn der Lord möchte die Zukunft seiner Nichte, die für ihn wie eine Tochter ist, gesichert wissen. Er ist sich bewusst, dass er nicht mehr lange zu leben hat und dass sein einziger Sohn und dessen geldgierige Ehefrau Jane entweder an den nächstbesten „verhökern“ oder auf die Straße setzen werden.
Doch der Abend nimmt einen gänzlich anderen Verlauf als geplant …
Ein schwer verletztes Mädchen stolpert in der winterlichen Ballnacht durch den Park von Rosewood Hall und wird von Lady Jane entdeckt. Jane, eine unkonventionelle und selbstbewusste junge Frau, bringt die Namenlose im Wintergarten unter. Mit ihrem letzten Atemzug bittet die Sterbende Jane darum, ihre Freundin Mary zu finden und vor einem schrecklichen Schicksal zu bewahren. Das Schicksal der gequälten Kreatur geht Jane nah, und sie verspricht, zu helfen.
Unerwartete Unterstützung findet Jane durch Captain David Wescott, einen verschwiegenen, eher düster wirkenden, aber auch attraktiven Mann. Dieser unterbreitet Jane jedoch auch ein Angebot: Da er der dritte Sohn eines einflussreichen Adligen ist, hat der ehemalige Offizier weder Erbe noch Titel zu erwarten. Da Jane einen Titel und einflussreiche Freunde hat, bietet er ihr einen Handel ein: Als seine Ehefrau wird sie weiter ihre Freiheiten (und auch ihr Vermögen) genießen können, soll ihn aber im Gegenzug zu Empfängen begleiten und den gesellschaftlichen Rahmen für Treffen mit Geschäftsfreunden gestalten.

„Die Tote von Rosewood Hall“ ist Band 1 der bislang dreiteiligen Serie um Lady Jane. Der Roman spielt im viktorianischen England, ist der Gattung der Cozy Mystery zuzurechnen und durchaus gut geschrieben. Nachdem ich es begonnen hatte, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Natürlich ist die Geschichte an sich relativ durchschaubar, wenn man schon viele Krimis gelesen hat. Aber nichtsdestotrotz versteht es die Autorin, zwei Handlungsstränge glaubwürdig zu schildern. Zum einen die Geschichte um Jane, ihre Ehe mit dem mysteriösen David Wescott und der Suche nach Mary, zum anderen die Ereignisse um Mary (aus Marys Sicht), ihre Zeit im Waisenhaus – und das, was danach geschieht. Es gibt zwar eine Handvoll Stellen, an denen der Roman sprachlich ausgebessert werden könnte, aber im Großen und Ganzen gelingt es Bell, Cornwall, das Waisenhaus oder auch das viktorianische London vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden zu lassen.
Das Buch hat trotz „schwerer“ Themen (Morphiumsucht, Kinderhandel bzw. Missbrauch/Misshandlung von Kindern) auch einen feinen Humor, der den Leser immer wieder zum Schmunzeln bringt:

Die Kutsche schien ihr viel zu klein, und die Luft war drückend, aber das lag an dem Korsett, das Hettie ihr heute viel zu eng geschnürt hatte.
„Du siehst sehr schön aus, Jane.“
Sie warf ihm unter gesenkten Lidern einen ärgerlichen Blick zu. „Ich bekomme zwar kaum Luft, aber danke. Falls ich in Ohnmacht zu fallen drohe, darfst du mir Riechsalz verabreichen.“

Einige Kritikpunkte hätte ich jedoch in erzählerischer (inhalticher) Hinsicht: Die Ereignisse um Janes geldgierigen Vetter Matthew wurden m. E. ein wenig schnell abgehandelt bzw. oberflächlich behandelt. Matthew erbt nach Henry Pembrokes Tod Titel und Besitztümer und versucht unter den Einflüsterungen seiner Ehefrau auch,  in den Besitz eines Hauses in Cornwall zu gelangen, das Jane von ihren verstorbenen Eltern geerbt hat. Im Roman schreibt er Jane einen Brief, in dem er von alten Schuldbriefen ihres Vaters berichtet und ihr deutlich macht, dass das Gesetz auf seiner Seite ist. Jane beschließt daraufhin, ihn auf ihrem Weg nach London aufzusuchen und noch einmal mit ihm zu reden. Doch dieses Ereignis fehlt oder besser gesagt, es wird mit dem schlichten Hinweis abgehandelt, dass sie dies tut – mehr wird nicht berichtet. Da die „Verschwörung“ des Vetters zu Beginn des Buches eine relativ wichtige Rolle spielt und Jane auch in ihrem Entschluss bestärkt, David Wescott zu heiraten, wirkt es wenig befriedigend, dass er im weiteren Verlauf (mit Ausnahme des Briefes) nicht mehr auftaucht.
Weiterhin gibt es auch eine widersprüche Information über David Wescott. Als Janes Freundin Allison ihr diesen (aus der Ferne) vorstellt, erklärt sie, er sei der zweite Sohn des Duke of St. Amand; Lord Henry hingegen berichtet ihr, er sei der dritte Sohn des Duke. Hier scheint der Autorin ein Fehler unterlaufen zu sein, denn ich glaube nicht, dass einer der beiden sich seiner Sache nicht sicher ist. Lord Henry kennt David schon sehr lange – und eine Frau, die einen Ehemann für ihre Freundin sucht, ist erfahrungsgemäß besser über dessen sozialen Status informiert als die NSA über ihre Staatsfeinde. 😉
Ein dritter Kritikpunkt inhaltlicher Art hängt mit folgender Aussage zusammen: „… je öfter Jane inszwischen die Einheimischen sprechen hörte, desto überzeugter war sie, dass Rosie aus dieser Region stammte.“ Da „Rosie“ im Sterben lag und nicht viel gesprochen hat und darüber hinaus nicht in Cornwall, sondern einem anderen County aufgefunden wurde, ist es wenig wahrscheinlich, dass Jane ihre Herkunft kennt. Ganz zu schweigen davon, dass es im Roman auch in Cornwall eine gefühlte unendliche Anzahl an Waisenhäusern zu geben scheint … Zweifellos wird dieser Hinweis nur aus dramaturgischen Gründen eingefügt, denn er muss die Handlung in Gang bringen und Jane ihre ersten Abenteuer erleben lassen.

Neben der erzählerischen Qualität ist aber auch die Protagonistin sehr glaubwürdig geschildert. Lady Jane ist sehr klug, neugierig (wissbegierig?), hat viel Charme, weint vielleicht ein wenig zu häufig für meinen Geschmack (zumindest scheint sie in Wescotts Gegenwart ständig in Tränen auszubrechen) und ist selbstbewusst – aber ohne diese „Ich schaff das schon alleine“-Haltung, die oft bei Figuren in historischen Frauenromanen festzustellen ist. Sie ist auch in der Lage, neue Situationen mutig anzupacken, aber das bedeutet nicht, dass sie sich nicht danach sehnt, ihren Mann an ihrer Seite zu haben, dessen Gegenwart ihren Worten oft Nachdruck (und mehr Glaubwürdigkeit) verleihen würde. Natürlich bringt sie sich auch hin und wieder in Situationen, in denen sie ohne Rücksprache mit ihrem Mann handelt und in die Bredouille gerät. Aber viel häufiger findet man im Roman den Hinweis, dass sie ihren Mann um Rat oder Hilfe bitten will: „Doch Jane vertraute ihrem Instinkt, der ihr sagte, dass es für zwei Frauen ohne bewaffneten männlichen Schutz zu gefährlich war, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Es wäre schlichtweg dumm, eine solche Drohung zu ignorieren.“ Das gefiel mir sehr gut, denn ich habe wenig für penetrant selbstbewusste Frauenfiguren übrig, die meinen, mit dem Kopf durch die Wand zu müssen und alles ohne Hilfe schaffen zu können – vor allem, was historische Romane angeht, in denen ein solches Verhalten undenkbar wäre. Außerdem bringt mir Janes Erkenntnis, dass sie hin und wieder Unterstützung braucht, und ihre Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, diese Figur noch viel näher, denn dadurch wirkt sie sehr lebensecht, müssen wir doch auch immer wieder erkennen, dass wir mit unserer Weisheit am Ende sein und die Unterstützung anderer benötigen.
Captain David Wescott bleibt jedoch ein wenig blass – aber ich nehme zugunsten der Autorin einfach einmal an, dass er so lange für die Leser ein Mysterium bleiben wird, wie er das auch für seine Ehefrau ist. Was man in diesem Roman über ihn erfährt, ist, dass er ein praktischer Zeitgenosse ist, der ständig die Augen zusammenzukneifen, böse zu gucken und die Stirn zu runzeln scheint – zumindest wenn er Zeit mit Jane verbringt. 😉 Er gewährt nur wenigen Menschen Einblick in sein Inneres, ihm gehen aber Ehre und Ehrlichkeit über alles. Nachdem seine militärische Karriere zu Ende ist, scheint er nun eine Karriere im Geheimdienst begonnen zu haben, über die wir in den Folgeromanen zweifellos mehr erfahren werden. Dass die beiden Protagonisten zwar ursprünglich nur eine Vernunftehe führen wollen, sich aber doch ineinander verlieben – damit war zu rechnen, und dieser Aspekt der Handlung wird auch durchaus mit viel Fingerspitzengefühl eingeführt. Hier hätte ich mir sogar noch ein wenig mehr „Prickeln“ gewünscht. 😉
Zwei weitere wichtige Figuren sind in dieser Hinsicht auch Janes Zofe Hetty, die ein wenig zu gern dem süßen Konfekt zuspricht, auf den ersten Blick eher furchtsam wirkt, aber durchaus in der Lage ist, sich zur Wehr zu setzen oder Jane zu verteidigen, wenn es darauf ankommt. Ihr „Gegenspieler“ auf Davids Seite ist dessen Kammerdiener (und wohl ehemaliger Adjutant) Blount, der Jane auf Wescotts Anweisung hin immer wieder im Auge behält und aus brenzligen Situationen rettet.

Und in brenzlige Situationen gerät Jane vor allem aufgrund ihrer Suche nach dem Waisenmädchen Mary. Die 11-Jährige lebt (bis zu dessen Flucht gemeinsam mit ihrem Bruder) unter schrecklichsten Bedigungen in einem Waisenhaus – Misshandlungen sind dort an der Tagesordnung. Mary ist ein sehr ruhiges Mädchen, das leider die Erfahrung machen muss, dass jedes Mädchen, mit dem sie sich eng befreundet – und dabei handelt es sich immer um ausgesprochen selbstbewusste Mädchen -, verschwindet. Zuerst Polly („Rosie“, die dort endet, wo auch Mary sich wenige Monate später wiederfinden wird), die zwar zunächst von Jane gerettet wird, aber dann verstirbt, und dann Fiona (die nach Australien verschifft wird). Doch trotz der schrecklichen Erfahrungen, die sie macht, lässt sie sich nicht unterkriegen, sondern gewinnt durch ihre Freundinnen Mut, sich ihrer schrecklichen Lage zu stellen. Oder vielleicht ist auch ihre Verzweiflung irgendwann so groß, dass sie willens ist, alles zu tun, um ihre Freiheit wiederzuerlangen … Eine sehr berührende Figur!

Mein Fazit: Schöner Schmöker (nicht zu dick), der sich an einem gemütlichen Nachmittag sehr gut verschlingen lässt! Er hat mir gut gefallen – so gut, dass ich gleich wissen möchte, wie es mit Jane und David weitergeht …

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Jen McLaughlin: Between us

Mackenzie Forbes ist mit Anfang zwanzig eine erfolgreiche Countrysängerin, studiert nebenbei aber noch Psychologie. Sie hat schon viel erlebt in ihrem Leben: Mit 17 wurde sie berühmt, ihre Mutter hat einen Teil ihres Vermögens mit Drogen durchgebracht, was zu einer Scheidungsschlacht mit Macs Vater führte, der aber wenig später schon bei einem Unfall ums Leben kam.
Und weil sie bereits zwei schreckliche Erfahrungen mit (potenziellen) Freunden und Paparazzi hinter sich hat, will sie während des Spring Break unerkannt in Key West dafür sorgen, dass ihre Jungfräulichkeit Geschichte ist, ohne dass die Presse davon Wind bekommt.
Austin ist Mitte zwanzig und hat ebenfalls eine schreckliche Kindheit hinter sich: Sein Vater war Alkoholiker, misshandelte Frau und Kinder und war für den Tod der Mutter verantwortlich. Nun trägt Austin seit vielen Jahren die Verantwortung für seine jetzt 16-jährige Schwester. Als Barkeeper sorgt er für den Unterhalt seiner kleinen „Familie“.
Doch er kann es kaum glauben, als eines Tages die berühmte Sängerin Mackenzie Forbes vor ihm steht und ihm zu verstehen gibt, dass sie eine Nacht mit ihm verbringen will …

„Between us“ ist Band 1 einer Trilogie mit dem Titel „Sex on the Beach“ zu der drei unterschiedliche Autorinnen eigene Geschichte aus demselben „Universum“ beitragen: Jen McLaughlin (Band 1: Between us; 148 Seiten), Jennifer Probst (Band 2: Beyond me) und Jenna Bennett (Band 3: Before you). Die Kurzgeschichten erzählen die Love Storys dreier Freundinnen, die sich während des Spring Break in Florida amüsieren und unverbindlichen Sex haben wollen. Dass alle drei dabei die große Liebe finden, versteht sich an dieser Stelle von selbst und muss wohl nicht explizit erwähnt werden. Und dass die Figuren nur eindimensionale Schönheiten sind, vermutlich auch nicht.

Band 1 handelt von Mackenzie Forbes, die nach dem Rosenkrieg ihrer Eltern und dem frühen Unfalltod ihres Vaters allein dasteht. Sie hat als Fünfzehnjähre die TV-Sendung Who Sings It Best gewonnen, ihre ersten Musikvideos mit 16 gemacht und ist seither ein erfolgreicher Countrystar – oder auch: America’s Sweetheart. Obwohl sie in ihren Videos nicht allzu zugeknöpft auftritt, ist sie mit 21 immer noch Jungfrau. Ihr Vater hat ihr schon früh eingebläut, wie wichtig ihr Image für das Musikbusiness ist: Never step out of line. Never get caught doing something bad. And never misbehave in public. Schon zweimal hat sie versucht, ihrer Jungfräulichkeit „abzuhelfen“, doch beide jungen Männer haben sie für Geld und Ruhm an die Presse verraten, sodass eigentlich niemand auf den Gedanken kommt, dass sie noch unberührt ist.
Doch jetzt hat sie beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Sie hat ihre zwei besten Freundinnen eingeladen, während des Spring Break mit ihr nach Florida zu reisen – und dort will sie sich (mit gefärbten Haaren, um unerkannt zu bleiben) für einen unverbindlichen One-Night-Stand einen gut aussehenden Mann suchen. Ihre Wahl fällt auf Austin Murphy, der – rein äußerlich – das genaue Gegenteil von ihr ist: groß, muskulös und tätowiert. Eben ein echter Badboy.
Doch Austin ist nicht nur Barkeeper, sondern auch Sänger, und natürlich erkennt er Mackenzie sofort, verrät ihr dies jedoch nicht. Wie sie hat auch er eine schwierige Kindheit und Jugend hinter sich – sogar noch schlimmer als Mackenzie: Sein Vater war ein Schläger und Säufer, der die Schuld am Tod der Mutter trägt. Als er nicht nur Austin verprügelte, sondern auch dessen jüngere Schwester Rachel, setzte dieser sich zur Wehr. Das Ganze eskalierte schließlich im Selbstmord des Vaters, der sich vor den Augen von Rachel eine Kugel in den Kopf gejagt hat – nicht ohne vorher auf sie zu schießen. Da sie damals erst 14 Jahre alt war, kümmert er sich seither um sie. Er hat die Schule abgebrochen, seinen Traum, Sänger zu werden, an den Nagel gehängt und jobbt als Barkeeper in Key West. Trotz all meiner Kritikpunkte an dieser Geschichte konnte ich Ashton durchaus auch sehr positive Seiten abgewinnen. Als es nämlich darum geht, ob er ein gemeinsames Leben mit Mackenzie in Betracht zieht, macht er ihr sofort deutlich, dass seine Schwester für ihn Priorität hat und dass er nicht bereit ist, sie (erneut) aus der gewohnten Umgebung zu reißen.
Als die berühmte Countrysängerin Mackenzie Forbes vor ihm steht und ihm Avancen macht, kann er dennoch sein Glück kaum fassen. Zwar kommt es zum obligatorischen Missverständnis, als sie erfährt, dass Austin ihre Verkleidung durchschaut hat, aber sie beschließt, ihm dennoch zu vertrauen – und ihre Jungfräulichkeit an ihn zu verlieren. In der ersten Nacht lehnt er ihr Angebot heldenhaft ab, denn sie hat schon ein paar Cocktails intus, und er will ihre Willigkeit nicht auszunutzen. In der zweiten Nacht geschieht es dann aber. Und natürlich ist der Sex weltbewegend, Sterne explodieren vor ihren Augen (nope, das habe ich mir nicht ausgedacht – steht so im Buch), und die Nacht ist viel zu kurz für all das, was die beiden alles tun wollen. 🙂 Weshalb sich der One-Night-Stand zu einer More-Nights-Einrichtung mit großartigem Sex und noch viel mehr Spaß und Kennen- bzw. Liebenlernen entwickelt, denn:

He kissed the tip of my nose, then sobered up. „You really love me?“
„I really do. I think I have since the first time you kissed me, but it took me this long to be sure. I didn’t want to rush into anything, or rush you into anything before you were ready.“

Mackenzie ist schon nach drei Tagen bereit, ihr Studium in Chicago und ihre Freunde hinter sich zu lassen, um mit Austin und seiner Schwester ein neues Leben zu beginnen. Höflich gesprochen war ich darüber etwas irritiert, bis mir klar wurde, dass wir es hier ja mit einer für ältere Teens verfassten Kurzgeschichte zu tun haben, und natürlich bricht dort die große Liebe schon beim ersten Blick aus und natürlich hält diese Liebe für alle Zeiten und natürlich zieht man mit Sack und Pack gleich beim Geliebten hat. Sorry, dass ich nicht gleich erkannt habe, dass nicht die Geschichte bzw. die handelnden Figuren ein Problem haben, sondern ich.
Und natürlich ist Austin ja nur rein äußerlich ein echter Badboy, aber in Wahrheit natürlich ein durch und durch vertrauenswürdiger, großherziger [insert noch viele andere positive Adjektive] Bruder, der nur für den Lebensunterhalt als Barkeeper arbeitet, aber in Wahrheit natürlich ein richtig guter Sänger ist, der gleich in Mackenzies Vorprogramm auftreten darf, und noch nie hat er sich einer Frau so geöffnet, wie er sich ihr in den wenigen Tagen öffnet. Was natürlich auf Gegenseitigkeit beruht: There was something in the way he made me feel, the way he treated me, that told me he wasn’t like any other man. He would be the guy I measured every other guy up against in the future, and they’d all be found lacking. Äh, ja, natürlich.

Mein Fazit: Ehrlich? Dazu muss ich jetzt noch was sagen? Wenn ihr 15 seid, findet ihr die Geschichte bestimmt wahnsinnig romantisch. Wenn ihr älter seid, wisst ihr, dass diese Anhäufung von positiven Stereotypen im wahren Leben nicht vorkommt. Und ich habe mich noch nicht einmal dazu geäußert, dass ich es nicht besonders verantwortungsvoll finde, wenn Autorinnen in Kurzgeschichten für (ältere) Teens anonymen Sex propagieren …

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C. S. Pacat: The Summer Palace (A Captive Prince Short Story #2)

pacat-kurzgeschichte„The Summer Palace“ setzt nach dem Ende der „Prinzen-Trilogie“ ein und fungiert gewissermaßen als eine Art ausführlicher Epilog. Lauren und Damen haben ihre Widersacher besiegt, Letzterer hat sich von seinen schweren Verletzungen erholt, beide beginnen, sich nun in ihrer jeweiligen neuen Stellung einzurichten, und treffen sich nun im Palast am Meer.

Dass die australische Autorin C. S. Pacat sich dazu entschlossen hat, der Trilogie noch eine Kurzgeschichte von ca. 30 Seiten (im englischen Original) anzufügen, war durchaus eine gute Idee. Da die Trilogie nach dem Showdown im letzten Kapitel doch etwas abrupt endet, ohne den Leser noch einmal durchatmen zu lassen, in dem sie ihm auf wenigstens ein, zwei Seiten schildert, was nach dem Showdown in Ios mit den handelnden Personen und in politischer Hinsicht geschieht.

Aber als Kurzgeschichte (und als solche wird sie ja verkauft) funktioniert „The Summer Palace“ meines Erachtens nicht wirklich. Ich hatte mir erhofft, dass die Handlung der Trilogie noch etwas weitergeführt wird oder dass die Darstellung der beiden Protagonisten noch etwas vertieft wird. Aber leider geschieht genau das nicht wirklich. Stattdessen liefert die Autorin nur ausführliche Waschszenen und ein wenig 6 – der allerdings auch nicht besonders … aufregend war.

Mein Fazit: Ich schreibe nur ungern etwas Negatives über eine Trilogie, die ich wirklich mochte. Aber leider kam mir die Kurzgeschichte nur wie austauschbare Fanfiction vor, die auch ein beliebiger Hobbyautor hätte schreiben können.

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H. M. Ward: Christmas Kisses

ward-christmas-kissesSeit Jahren ist Holly Connelly in Ryan Darcy verliebt. Während sie sich von Beginn an keine Chancen ausrechnet, weil er zu den beliebtesten Schülern gehört, gibt sie die Hoffnung spätestens dann auf, als er eine Blondine nach der anderen vernascht. Abgesehen davon, dass sie nicht seinem Beuteschema entspricht, will sie auch keiner seiner One-Night-Stands werden. Schließlich beschließt sie nach dem Schulabschluss, eine Universität zu besuchen, die weit von ihrem Heimatort – und von dem verführerischen Ryan – entfernt ist.
Doch als sie in den Weihnachtsferien nach Hause zurückkehrt, trifft sie ihren Schwarm in einer Bar – und als die Straßen aufgrund eines Schneesturms gesperrt werden, ist sie gezwungen, die Nacht in seinem Studentenwohnheim zu verbringen. Was soll sie tun: Die Nacht mit ihm verbringen und riskieren, dass sie für ihn nicht mehr ist als eine Bettgeschichte – oder ihm widerstehen und diese Entscheidung den Rest ihres Lebens bereuen?

Manchmal braucht man einfach diese billigen E-Books, die wirklich nicht mehr versprechen als ein wenig prickelnder Unterhaltung. Doch leider gibt es gute Geschichten – und weniger gute. Und „Christmas Kisses“ gehört definitiv in die zweite Kategorie. Und eigentlich möchte ich auch nur wenig Lebenszeit auf eine Rezension verschwenden. 😉
„Christmas Kisses“ ist eine Young-Adult-Geschichte, die abwechselnd aus der Perspektive von Holly und von Ryan erzählt wird. Und genau das ist eines der Probleme: Im Grunde liest man eine Szene zunächst aus der Perspektive von Holly – nicht nur das Geschehen selbst, sondern auch ihre Historie mit dem geliebten Menschen, ihre Emotionen, ihre Zweifel … Dann folgt das Ganze aus der Sicht von Ryan: dasselbe Geschehen, die gleiche Historie, die gleichen Emotionen, die gleichen Zweifel … Und da es keinerlei Überraschungen gibt, ist das Ganze ausgesprochen langweilig und vor allem redundant. Beide Charaktere sind natürlich seit Jahren ineinander verliebt, beide bitten ihre Freunde, sie von irgendwelchen Dummheiten abzuhalten (was diese natürlich nicht tun), beide tragen gewisse Minderwertigkeitsgefühle mit sich herum, obwohl ihr Gegenüber natürlich denkt, dass sie vollkommen und so begehrenswert sind, dass sie sich nur unter Mühen davon abhalten können, sich die Kleider vom Leib zu reißen:

There’s no way to refuse him when he’s like this, it’s like he’s the sun, and although I know I’ll never survive, I want to dive straight into him.“

Und natürlich ist der Sex, zu dem es unweigerlich kommen wird, weltbewegend und nie da gewesen, und natürlich kommt es zu dem obligatorischen kurzen Missverständnis, aber sogleich gesteht man sich die große Liebe und wirft sein bisheriges Leben über den Haufen, um mit dem geliebten Menschen zusammen zu sein. Höchstgradig schmalzig: „I let her leave, taking my heart with her.“
Nichts gegen Liebesgeschichten, nichts gegen 6szenen, nichts gegen ein bisschen fluffigen Eskapismus (Es lebe der Eskapismus!), aber diese Geschichte hangelt sich von Klischee zu Klischee und dürfte höchstens Teenagerträume erfüllen oder die von jungen Frauen Anfang zwanzig.

Mein Fazit: Och nö.

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Penelope Ward: Stepbrother Dearest

ward stepbrother dearestGreta freut sich auf das letzte Jahr an der Highschool, denn ihr Stiefbruder Elec, dem sie noch nie begegnet ist, zieht für das Abschlussjahr von Kalifornien zu ihnen nach Boston. Doch Elec stellt sich als rebellischer Macho heraus, der jeden Abend ein anderes Mädchen mit nach Hause bringt – am meisten aber stört Greta die Art, wie ihr Körper auf ihn reagiert. Doch so schnell wie Elec in Gretas Leben getreten ist, so schnell verschwindet er auch daraus – nicht ohne ihr in der letzten Nacht nicht nur ihre Jungfräulichkeit, sondern auch ihr Herz zu rauben.
Als Gretas Stiefvater sieben Jahre später verstirbt, begegnen sich die beiden wieder. Sie muss feststellen, dass aus dem Teenager ein Mann geworden ist, der immer noch die Macht besitzt, ihr Herz in tausend Teile zu zerbrechen … und dass er in festen Händen ist.

„Stepbrother Dearest“ ist Band 1 einer YA-Reihe der amerikanischen Bestsellerautorin Penelope Ward. Ich bin eher zufällig in einem anderen Blog über eine überschwängliche Rezension gestolpert, und auch auf Amazon dann auf eine Unmenge an 5-Sterne-Bewertungen – das Buch schien also genau das Richtige zu sein für einen gemütlchen Abend im Bett (oder woanders :-)). Aber nach dem Lesen muss ich gestehen, dass es mir ein Rätsel ist, wie das Buch zu so guten Bewertungen kommt.

Die Story verspricht gewissermaßen eine „verbotene Love Story“ – aber da die beiden Protagonisten ja nicht miteinander verwandt sind, sondern nur „angeheiratet“, wäre eine Beziehung nicht wirklich ein Skandal. Unangenehm für die jeweiligen Eltern, aber nicht verboten. Darüber hinaus greift die Autorin tief in die Klischeekiste: Er ist ein stereotyper Bad Boy: über und über tätowiert, mit diversen Piercings versehen – natürlich eines an seinem besten Stück -, schleppt gefühlt jede Nacht ein anderes Mädchen ab und kommuniziert ausschließlich durch Grunzlaute und verächtliche Sprüche. Sie ist das nette Mädchen von nebenan, das sich ihre Jungfräulichkeit für den Richtigen aufbewahrt. Aber natürlich ist es von beiden Seiten Liebe auf den ersten Blick – obwohl die beiden nicht ein Wort miteinander gewechselt haben! -, aber da man (Klischeealarm) natürlich nicht miteinander redet, wird die Leserin nahezu 200 Seiten lang mit dem immer selben Schema gequält: Sie treffen sich, sie würden sich am liebsten gleich an die Wäsche gehen, er behandelt sie wie der letzte Arsch, sie bekommt einen Heulkrampf, sie spielen Videospiele, bekriegen sich, sie hat ein Date, das er torpetiert, sie würden sich am liebsten an die Wäsche gehen, er behandelt sie wie der letzte Arsch, sie bekommt einen Heulkrampf, sie essen zusammen Eis, bekriegen sich, sie hat ein Date, das er torpetiert, er behandelt sie wie der letzte Arsch – und bevor er wieder zurück an die Westküste geht, schenkt sie ihm ihre Jungfräulichkeit. Dann folgen 7 Jahre Funkstille, danach treffen sie sich auf der Beerdigung seines Vates wieder, und das Spiel beginnt von vorn. Allerdings kommt jetzt noch der Aspekt „Ich würde dich am liebsten gleich flachlegen, aber ich will meine Freundin nicht betrügen“ dazu. Boring!

Auch die Charaktere sind nicht wirklich interessant oder facettenreich. Über die Eltern erfährt man fast ausschließlich aus der Sicht der beiden Protagonisten; sie bleiben also relativ blass. Was auch für die wenigen „Freunde“ gilt, die im Rahmen der Handlung auftreten. Sie erfüllen eigentlich nur einen Zweck: Sie stoßen eine weitere Runde in dem oben geschilderten „Teufelskreis“ an.
Die einzigen, über die man zwangsläufig mehr erfährt, sind Elec und Greta – und auch hier greift die Autorin tief in die Klischeekiste: Er ist der typische Bad Boy, die Man-Whore,  die eine gesichtslose Menge an willigen Mädchen abschleppt – aber natürlich ist er in Wirklichkeit eine gequälte Seele, die sich aufopferungsvoll um die psychisch kranke Mutter kümmert und Greta nur deshalb nicht verführt, weil er seiner Mutter nicht wehtun will. Und weil Greta die jungfräuliche Unschuld ist, die zu wertvoll ist, um sie ins Bett zu kriegen und dann zu verlassen. Darüber hinaus fällt sie in die Kategorie der weiblichen Protas, die sich mit einer unglaublichen Geduld vom männlichen Helden mies behandeln lassen und höflich und nett bleiben – und das, obwohl er ihr von Beginn an immer wieder zu verstehen gibt, dass sie zu einfach, durchschnittlich ist, und sie einerseits küsst, andererseits aber wieder von sich stößt. Und trotz dieser miesen Behandlung durch Elec würde sie keine Minute zögern, mit ihm ins Bett zu gehen, denn sie weiß ja (woher auch immer), dass er in Wirklichkeit ganz anders ist. Und an all dem hat sich selbst sieben Jahre später nichts geändert – die Protagonisten haben sich selbst sieben Jahre später nicht weiterentwickelt! Und hatte ich schon erwähnt, dass ihre große Vereinigung – und damit meine ich „Vereinigung“ in jedem Sinne des Wortes – in einer Gasse hinter einem Lokal stattfindet, neben Mülleimern und Abfall?! Wann lernen es die Autoren endlich: dass es kein Zeichen für die große Liebe ist, wenn ich den anderen mies behandle oder mich mies behandeln lasse!? Was für ein Frauenbild wird hier vermittelt?! Argh!

Selbst der Erzählstil reißt es nicht raus. Das Buch lässt sich durchaus gut lesen – und ist sicher auch für Leserinnen, die nicht so gut Englisch sprechen, gut zu verstehen. Die 6szenen sind für YA vermutlich skandalös, aber für ältere Leserinnen nicht mehr. Aber das Ganze ist, wie oben schon deutlich wurde, ausgesprochen redundant. Dass Elec ach so sexy ist, hatte ich durchaus schon verstanden, nachdem es zwei- oder dreimal erwähnt wurde. Doch was das Ärgerlichste war: Elec ist – und davon hat natürlich nur Greta Kenntnis – Schriftsteller. Er hat in einem Kinder-/Jugendbuch-Manuskript seine eigene Kindheit in einem zerrütteten Elternhaus bzw. mit ADHS verarbeitet, das – natürlich – so gut ist, dass es Greta zutiefst bewegt. Zweifellos hat sie nie einen Roman bzw. eine Biografie gelesen, der ihre Seele so tief berührt hat (*ironiemodus*). Jahre später sendet Elec dann auch noch seine zweite Biografie zu, in der er die ersten 25 Jahre seines Lebens verarbeitet hat – und natürlich ist Greta auch davon so berührt, dass sie das Buch nicht aus der Hand legen kann, dass sie einen Tag Urlaub nimmt und ihren Kindle sogar mit auf die Toilette eines Lokals nimmt, weil die Geschichte so faszinierend ist. Und im Gegensatz zum ersten Manuskript ist hier ein Teil der Geschichte abgedruckt (in kursiver Schrift), und nachdem sein erstes Werk so hohe Vorschaulorbeeren bekommen hatte, war ich gespannt, wie tief wir jetzt in seine Psyche eintauchen werden, wie poetisch oder analytisch das Ganze jetzt wird. Doch was muss man als Leser feststellen: Die Geschichte ist genauso flach wie Wards Roman selbst und schildert die Ereignisse, die wir ja schon kennen, aus seiner Sicht – mit EXAKT denselben Dialogen. WTH?!

Mein Fazit: Boring! Argh! WTH! Oder mit anderen Worten: Nicht kaufen. Sorry, I had to get it off my chest!

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David Morrell: Inspector of the Dead

morrell-inspector-deadLondon, 1855: Die Briten stehen kurz davor, den Krimkrieg zu verlieren. Aufgrund dieser militärischen Missstände wird die Regierung zum Rücktritt gezwungen und Lord Palmerston wird neuer Primierminister und von Queen Victoria mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftrag. Dennoch stehen immer größere Teile der Bevölkerung ihrer Regentin und Prinz Albert misstrauisch gegenüber.
Dann beginnen die entsetzlichen Morde …
Ein Unbekannter ermordet Mitglieder des britischen Hochadels und ihre kompletten Haushalte. Zurück lässt er zwei Zettel: einen mit dem Hinweis „Young England“, einen weiteren mit dem Namen von Männern, die in der Vergangenheit schon einmal vergeblich versucht haben, Queen Victoria umzubringen. Schnell ist allen klar, dass die Königin das eigentliche Ziel des Täters ist.
Der berüchtigte Opiumesser Thomas de Quincey und seine Tochter Emily versuchen gemeinsam mit den beiden Polizeibeamten Ryan und Becker, diese letztendliche Tat zu verhindern. Dabei stoßen sie auf die Spur eines Mannes, dessen Durst nach Rache seine Seele vergiftet hat. Nichts kann ihn aufhalten.

„Inspector of the Dead“ ist Band 2 der Krimireihe um den bekannten Literaten und Optiumesser Thomas de Quincey und seine Tochter Emily. Und auch hier lässt der kanadische Schriftsteller David Morrell wieder reale historische Ereignisse in brillanter Weise in seine Krimihandlung einfließen:
Zum einen der Krimkrieg und der damit verbundene Schrecken. Soldaten, die aufgrund der Unfähigkeit ihrer Anführer ums Leben kommen. Männer, die traumatisiert aus dem Krieg zurückkehren. Florence Nightingale und ihre Krankenschwestern, die alles taten, um die Verwundeten so gut wie möglich zu versorgen. Der Kriegsberichterstatter William Howard Russell, der – was zu dieser Zeit noch ungewöhnlich war – vor Ort war und den Schrecken hautnah miterlebte – und dann zu Hause von der Unfähigkeit der britischen Offiziere und der unzureichenden Versorgung der Truppen berichtete.
Zum anderen die politischen Unruhen in Großbritannien. Von den gescheiterten Attentaten auf die englische Königin, dem Hass und dem Misstrauen der Bevölkerung gegenüber ihrem deutschen Gatten Prinz Albert bis hin zur neuen Regierungsbildung unter Lord Palmerston. Aber auch die Beweggründe hinter dem Bau des Suez-Kanals oder das Elend der Einwanderer.
Auf diese Weise bekommt der Leser einen sehr guten Einblick in die historischen Vorgänge der damaligen Zeit. Morrell besitzt die beneidenswerte Fähigkeit, gesammeltes Wissen über Historie, Politik, Militär oder Wissenschaft auf eine Weise in die Handlung einfließen zu lassen bzw. zu vermitteln, die unterhaltsam ist und gleichzeitig sehr detailliert und tiefgehend.

Aber auch die eigentliche Krimi-/Thriller-Handlung lässt auch dieses Mal nicht zu wünschen übrig. Die Handlung setzt einige Wochen nach den Ereignissen von „Der Opiummörder“ ein. Skandalliteratur de Quincey und seine Tochter Emily leben seither bei Lord Palmerston, der dadurch verhindern will, dass die skandalösen Ereignisse um den Nachahmungstäter der „Ratcliffe Highway“-Morde ans Licht kommen. Doch nun hat er genug von der Unruhe in seinem Londoner Haus und ist froh, als die beiden – gezwungenermaßen – wieder nach Edinburgh zurückkehren wollen. Doch als sie zuvor noch einen Gottesdienst in der St.-James-Kirche besuchen, wird in der Nachbarloge Lady Cosgrove auf brutale Weise ermordet – ohne dass sich jemand erklären kann, wie der Täter aus der Loge flüchten konnte. Zurück bleibt ein Zettel mit den Worten „Young England“. Als man ihren Mann darüber in Kenntnis setzen will, stellt sich heraus, dass nicht nur der komplette Haushalt, sondern auch Lord Cosgrove auf entsetzliche Weise ermordet wurde, und in der Hand hält er einen Zettel mit der Aufschrift „Edward Oxford“. Dabei handelt es sich um den Mann, der den ersten (vergeblichen) Attentatsversuch auf die britische Königin Victoria verübt hat und seither in der Anstalt Bedlam einsitzt, nachdem die Untersuchungen ergeben haben, dass die Verschwörergruppe „Young England“, deren Mitglied er angeblich ist, nur in seiner Fantasie existiert. Das Gleiche geschieht auch bei den nächsten Morden: Immer bleibt beim Primäropfer der Name eines gescheiterten Attentäters zurück und bei seinem Ehepartner die Worte „Young England“.
Nachdem de Quincey und seine Tochter sowie die beiden befreundeten Beamten Ryan und Becker Zeuge der Ereignisse geworden sind, verschiebt der Schriftsteller seine Abreise und beginnt zum Entsetzen Palmerstons zu ermitteln. Dabei erhält er sogar die Unterstützung der Königin, die von de Quinceys Ansichten eher geschockt, aber von denen seiner Tochter sehr angetan ist. Auch hier entpuppt sich de Quincey wieder als Mann, der seiner Zeit weit voraus ist. Durch seine Fähigkeit (und überhaupt Bereitschaft), hinter die Dinge zu sehen, erkennt er Zusammenhänge, wo niemand sonst sie zu sehen vermag. Und auch mit seinem Einblick in die menschliche Psyche ist er der Wissenschaft seiner Tage um Jahrzehnte voraus und durchschaut Bezüge, die später erst ein Freud erkennen wird. Aber gerade durch diese Fähigkeiten kommt er auf die Spur des Täters. Und gerade das macht ihn auch für den modernen Leser zu einer so faszinierenden Figur!

„Mr. De Quincey, I take it that you are not a physician. While your theories are amusing, they have no basis in science. Dreams and nightmares are merely phantoms created by electricity.“
„How foolish of me to think otherwise. Then let us forget about interpreting dreams. Consider that Edward Oxford was frequently beaten by his father and often saw his mother beaten. The shock of this persistent violence could explain why he was too unstable to hold jobs, why he frequently burst out into hysterical laughter, and why he enjoyed tormenting others.“
„Surely you’re not suggesting that because Oxford’s father beat him and his mother, he felt compelled to inflict violence on others until at last he focused his anger by shooting at the queen.“
„Doctor, you express the idea far better than I ever could,“ De Quincey said.
„The idea is nonsense. Are you seriously proposing that by being encouraged to discuss the violence inflicted upon him in his youth, Oxford would understand his motives for shooting at the queen and no longer wish to do it?“

Dem Mörder ist der Leser – wie schon in „Der Opiummörder“ – in einer Parallelhandlung gefolgt. Erneut gelingt es Morrell, eine Balance zu schaffen zwischen dem Schrecken der (relativ anschaulich beschriebenen) Taten und den Beweggründen des Täters. Sehr detailliert bekommt man Einblick in das Elend der unteren Gesellschaftsschicht und vor allem der Kinder, die aufgrund der damaligen Wertvorstellungen und Gepflogenheiten missbraucht, misshandelt und ignoriert werden – ohne dass jemand etwas dagegen unternimmt. Auf diese Weise entschuldigt der Leser am Ende die Taten zwar nicht, aber er kann zumindest sehr gut nachvollziehen, wie ein Mensch derart innerlich zerbrechen kann, dass er zu so schrecklichen Morden in der Lage ist.

Bei all dem zeigt sich meines Erachtens, dass eine Kenntnis von Thomas De Quinceys Skandalessay „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“ durchaus von Vorteil ist. Dadurch versteht der Leser einfach besser, welche Faszination diese nicht nur brutal, sondern auch großartig durchdachten Morde auf den Schriftsteller De Quincey ausüben.
Übrigens gibt es auch in diesem zweiten Band der Reihe nur wenig Romance. Die Freundschaft zwischen Emily und Ryan sowie Emily und Becker hat sich ein wenig vertieft, sodass man sich mit Vornamen anspricht. Es wird deutlich, dass die junge Frau sich stärker zu Ryan hingezogen fühlt, der jedoch fast doppelt so alt ist wie sie. Becker hingegen deutet an, dass er die Beziehung zu ihr gern vertiefen möchte. Sie ahnt, dass er einen Antrag im Sinn hat, was sie jedoch ablehnt. Die Liebe zu ihrem Vater lässt keinen Raum für andere Liebesbeziehungen. Und gerade das macht diese weibliche Figur so faszinierend. Sie ermahnt ihn zwar immer, wenn er zu häufig zum Laudanum oder zu Opiumkugeln greift, und erzählt Becker auch, wie belastend es für sie in ihrer Kindheit und Jugend war, ihren Vater vor den Behörden zu schützen. Gleichzeitig bewundert sie ihn aber für seinen brillanten Geist und seinen schnellen Verstand. Und während alle davon überzeugt sind, dass er von seiner Sucht loskäme, wenn er nur mehr Willenstärke besäße, erkennt sie, dass es sich bei dieser Sucht (aber auch z. B. dem Alkoholismus) um eine physische Abhängigkeit handelt, der man mit ein bisschen mehr Willen leider nicht abhelfen kann:

„I wonder if someday we might learn that it’s possible for a drug to control someone’s mind and body so completely that only death seems to offer a release from its domination.“

Mein Fazit: Wer die typisch englische „Cozy Mystery“ sucht oder abends vor dem Einschlafen eine nette Geschichte lesen will, sollte um „Inspector of the Dead“ einen Bogen machen. Dazu ist der Bodycount einfach zu hoch und der Täter zu blutdurstig. Wer aber einen sehr gut geschriebenen und recherchierten historischen Thriller sucht sowie spannende, actionreiche Unterhaltung, dem kann ich diesen zweiten Roman um De Quincey und seine Tochter nur empfehlen! Allerdings muss ich eine Warnung  mit auf den Weg geben: Die Nächte werden kurz sein. 😉