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Robin Schone: The Lady’s Tutor

London, 1886: Elizabeth Petre wurde mit siebzehn Jahren mit ihrem Mann Edward verheiratet. In den sechszehn Jahren ihrer kalten Ehe hat sie ihm zwei Söhne geschenkt und unterstützt den Schatzkanzler in seinen politischen Bestrebungen, in dem sie wohltätige Aufgaben und repräsentative Pflichten erfüllt. Als sie erkennt, dass ihr Mann eine Geliebte hat und weil sie sich auch selbst nach der Berührung eines Mannes sehnt, Edward aber treu bleiben will, beschließt sie, ihn zu verführen. Und sie kennt nur einen Mann, der sie die erotischen Geheimnisse der Liebe lehren kann.
Ramiel Devington, Lord Safyre, ist der Bastard einer englischen Gräfin und eines Scheichs ist sowohl in der britischen als auch der arabischen Kultur zu Hause – doch von der guten Gesellschaft wird er geschnitten. Als eines Tages die Frau des Schatzkanzlers um seine Hilfe bittet, kann er der Versuchung nicht widerstehen, sie mit sinnlichen Vergnügungen bekannt zu machen.
Aber schon bald geschieht, was beide nicht erwartet haben: Obwohl beide aus unterschiedlichen Welten kommen, fühlen sie sich zueinander hingezogen, und Elizabeth muss sich zwischen ihren familiären Verpflichtungen und einer verbotenen Leidenschaft entscheiden …

„The Lady’s Tutor“ ist ein erotischer Roman der amerikanischen Bestsellerautorin Robin Schone, die schon zahlreiche literarische Preise erhalten hat, darunter die Auszeichnung für ihr Lebenswerk im Bereich „Most Innovative Historical Romances“ (2008). Der Roman stammt aus dem Jahr 1999 – einer Zeit, in der die AutorInnen Gott sei Dank noch nicht der Auffassung waren, dass alle Frauen insgeheim das Bedürfnis verspüren, sich dem Mann sexuell unterzuordnen, oder dass die Tatsache, dass ein Mann seine Geliebte rücksichtslos behandelt, in Wahrheit ein Zeichen seiner Zuneigung ist. Im Gegenteil: „The Lady’s Tutor“ erzählt die Geschichte zweier Menschen, die einander Vergnügen bereiten und so auch selbst Vergnügen erleben. Zu sexuellen Handlungen kommt es erst nach knapp 2/3 des Buches, aber die bis dahin geschilderten Gespräche der beiden über das Thema „Lust“ sind imho erotischer als viele explizite Liebesszenen, die man in gängigen Liebesromanen detailliert nachlesen kann. Natürlich gilt das für die dann beschriebenen 6szenen umso mehr. 😉 Die Beschreibungen sind darüber hinaus nicht primitiv und vulgär, sondern ebenfalls sehr sinnlich. In „The Lady’s Tutor“ sind die 6szenen wirklich organischer Teil der Liebesgeschichte; hier gibt es keine Beschreibungen sexueller Vorgänge, um einer schwachen Geschichte noch ein wenig Würze zu verleihen, wie das leider oft in Erotikromanen der Fall ist. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Zwar kann sich die Autorin nicht völlig von Stereotypen freimachen (Ramiel hat natürlich keine sexuellen Begegnungen mehr mit anderen Frauen, nachdem er Elizabeth kennengelernt hat; er ist in gewissr Hinsicht eine gequälte Seele, die durch Elizabeth Heilung findet; die Protagonisten sind durch und durch gut, die Antagonisten sind durch und durch böse etc.), fühlte ich mich so gut unterhalten, dass ich bis tief in die Nacht hinein im Buch gelesen habe, weil ich es einfach nicht aus der Hand legen konnte.

Elizabeth ist eine überaus sympathische Heldin, die – ohne es zu wissen – von den Menschen, den sie am meisten vertraut, zutiefst betrogen wird. Ihr gesamtes Leben ist im Grunde eine Täuschung, ohne dass sie sich dessen bewusst wäre. Obwohl sie den Lebensweg eingeschlagen hat, der ihr aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung vorherbestimmt war (ihr Vater ist britischer Premierminister), und keine Chance hatte, sich ihren Ehemann auszusuchen, erfüllt sie ihre Rolle perfekt. Ihr Mann ist ein aufstrebender Politiker, der von ihrem Vater protegiert wird, und so ist sie gemeinsam mit ihrer Mutter in verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen tätig und nimmt gemeinsam mit  Edward an gesellschaftlichen Anlässen teil. Doch obwohl sie ihrem Mann eine treue Ehefrau sein und ihren Pflichten in jeder Hinsicht nachkommen will, hat er sie seit zwölf Jahren nicht mehr berührt (zwölf Jahre, fünf Monate, eine Woche und drei Tage, um genau zu sein) – seit der Zeugung ihres jüngsten Sohnes. Da ihr Mann nachts oft nicht nach Hause kommt, nimmt sie darüber hinaus an, dass er eine Geliebte hat, von der er das bekommt, was er bei ihr nicht suchen will. Deshalb ist sie bereit, über ihren Schatten zu springen, um den berüchtigten Lord Safyre um Hilfe zu bitten, der – so hat sie gehört – sich auf sexuelle Dinge so gut versteht, dass eine Frau ihrem Mann nie untreu werden würde, wenn er im Bett nur halb so gut wäre wie Ramiel Devington. Dieser lässt sich auf ihre Bitte ein und beginnt, die wohlerzogene Frau mithilfe von The Perfumed Garden von Scheich Nefzaoui (ein real existierendes Buch, offenbar das arabische Kamasutra) mit den sinnlichen Freuden bekannt zu machen. Es war schön zu sehen, wie die gut erzogene Frau sich irgendwann nicht mehr davor fürchtet, offene Fragen zu diesen Dingen zu stellen und ihre Meinung zu bestimmten Praktiken zu äußern. Und genauso, wie ihre falsche Scham in sexuellen Dingen schwindet, wird sie auch in anderen Dingen mutiger und ist bereit, ihr Leben stärker zu hinterfragen. Je selbstbewusster (im besten Sinne selbst-bewusst) sie wird und je mehr sie ihren Wert als Frau erkennt, desto weniger ist sie bereit, alles, was in ihrem Leben vor sich geht, einfach so hinzunehmen. Aber die Wahrheit ist schrecklicher, als sie ahnt.

Im Gegensatz zu ihr kennt Ramiel Devington, Lord Safyre, schon relativ früh die Wahrheit über ihren Mann, hält diese aber vor Elizabeth geheim, um ihr nicht wehzutun. Er ist der Sohn einer britischen Adligen, die als Siebzehnjährige in Italien entführt und schließlich an einen Scheich verkauft wurde; obwohl sich die beiden ineinander verliebten, ging die Countess nach einigen mit ihrem wieder nach England zurück, weil das Leben in einem Harem zu gefährlich für sie war. Dennoch hat sie ihren Sohn, als dieser zwölf war, für einige Jahre zu seinem Vater zurückgeschickt, damit er auch dessen Kultur kennenlernt. Allerdings wurde Ramiel einige Jahre später nach einem schrecklichen Vorfall, über den er mit niemandem spricht, nach England zurückgeschickt. Obwohl er und seine Mutter von der „guten Gesellschaft“ geschnitten werden, ist der exotische Halbaraber bei den Frauen ausgesprochen beliebt und hat sich einen gewissen Ruf erworben, der auch Elizabeth zu ihm führt. 😉 Obwohl der verführerische Ramiel in der Tradition der „echten Kerle“ steht und die wohlerzogene Frau mit einer manchmal provozierenden Offenheit in die sinnlichen Vergnügungen einführt, legt er immer nur Respekt vor ihr und anderen Frauen an den Tag. An keiner Stelle entsteht auch nur der Eindruck, dass er Frauen dazu „missbraucht“, eigene Bedürfnisse zu erfüllen, oder ihnen zeigen will, „wie es geht“ (wie das leider heutzutage bei literarischen Helden der Fall ist).

Der Ausgang von Ramiels „erotischer Ausbildung“ ist der Leserin natürlich von Beginn an klar, aber durch den interessanten Weg dorthin, die Veränderungen, die sich in der Protaginistin vollziehen, und die überaus sympathischen Akteure nimmt man der Autorin dies nicht übel.

Mein Fazit: Wer einen wirklich schönen, geschmackvollen erotischen Roman lesen möchte, dem kann ich dieses Buch von Robin Schone nur empfehlen! Es macht wirklich Lust (pun intended) auf mehr von dieser Autorin.

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Jen McLaughlin: Between us

Mackenzie Forbes ist mit Anfang zwanzig eine erfolgreiche Countrysängerin, studiert nebenbei aber noch Psychologie. Sie hat schon viel erlebt in ihrem Leben: Mit 17 wurde sie berühmt, ihre Mutter hat einen Teil ihres Vermögens mit Drogen durchgebracht, was zu einer Scheidungsschlacht mit Macs Vater führte, der aber wenig später schon bei einem Unfall ums Leben kam.
Und weil sie bereits zwei schreckliche Erfahrungen mit (potenziellen) Freunden und Paparazzi hinter sich hat, will sie während des Spring Break unerkannt in Key West dafür sorgen, dass ihre Jungfräulichkeit Geschichte ist, ohne dass die Presse davon Wind bekommt.
Austin ist Mitte zwanzig und hat ebenfalls eine schreckliche Kindheit hinter sich: Sein Vater war Alkoholiker, misshandelte Frau und Kinder und war für den Tod der Mutter verantwortlich. Nun trägt Austin seit vielen Jahren die Verantwortung für seine jetzt 16-jährige Schwester. Als Barkeeper sorgt er für den Unterhalt seiner kleinen „Familie“.
Doch er kann es kaum glauben, als eines Tages die berühmte Sängerin Mackenzie Forbes vor ihm steht und ihm zu verstehen gibt, dass sie eine Nacht mit ihm verbringen will …

„Between us“ ist Band 1 einer Trilogie mit dem Titel „Sex on the Beach“ zu der drei unterschiedliche Autorinnen eigene Geschichte aus demselben „Universum“ beitragen: Jen McLaughlin (Band 1: Between us; 148 Seiten), Jennifer Probst (Band 2: Beyond me) und Jenna Bennett (Band 3: Before you). Die Kurzgeschichten erzählen die Love Storys dreier Freundinnen, die sich während des Spring Break in Florida amüsieren und unverbindlichen Sex haben wollen. Dass alle drei dabei die große Liebe finden, versteht sich an dieser Stelle von selbst und muss wohl nicht explizit erwähnt werden. Und dass die Figuren nur eindimensionale Schönheiten sind, vermutlich auch nicht.

Band 1 handelt von Mackenzie Forbes, die nach dem Rosenkrieg ihrer Eltern und dem frühen Unfalltod ihres Vaters allein dasteht. Sie hat als Fünfzehnjähre die TV-Sendung Who Sings It Best gewonnen, ihre ersten Musikvideos mit 16 gemacht und ist seither ein erfolgreicher Countrystar – oder auch: America’s Sweetheart. Obwohl sie in ihren Videos nicht allzu zugeknöpft auftritt, ist sie mit 21 immer noch Jungfrau. Ihr Vater hat ihr schon früh eingebläut, wie wichtig ihr Image für das Musikbusiness ist: Never step out of line. Never get caught doing something bad. And never misbehave in public. Schon zweimal hat sie versucht, ihrer Jungfräulichkeit „abzuhelfen“, doch beide jungen Männer haben sie für Geld und Ruhm an die Presse verraten, sodass eigentlich niemand auf den Gedanken kommt, dass sie noch unberührt ist.
Doch jetzt hat sie beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Sie hat ihre zwei besten Freundinnen eingeladen, während des Spring Break mit ihr nach Florida zu reisen – und dort will sie sich (mit gefärbten Haaren, um unerkannt zu bleiben) für einen unverbindlichen One-Night-Stand einen gut aussehenden Mann suchen. Ihre Wahl fällt auf Austin Murphy, der – rein äußerlich – das genaue Gegenteil von ihr ist: groß, muskulös und tätowiert. Eben ein echter Badboy.
Doch Austin ist nicht nur Barkeeper, sondern auch Sänger, und natürlich erkennt er Mackenzie sofort, verrät ihr dies jedoch nicht. Wie sie hat auch er eine schwierige Kindheit und Jugend hinter sich – sogar noch schlimmer als Mackenzie: Sein Vater war ein Schläger und Säufer, der die Schuld am Tod der Mutter trägt. Als er nicht nur Austin verprügelte, sondern auch dessen jüngere Schwester Rachel, setzte dieser sich zur Wehr. Das Ganze eskalierte schließlich im Selbstmord des Vaters, der sich vor den Augen von Rachel eine Kugel in den Kopf gejagt hat – nicht ohne vorher auf sie zu schießen. Da sie damals erst 14 Jahre alt war, kümmert er sich seither um sie. Er hat die Schule abgebrochen, seinen Traum, Sänger zu werden, an den Nagel gehängt und jobbt als Barkeeper in Key West. Trotz all meiner Kritikpunkte an dieser Geschichte konnte ich Ashton durchaus auch sehr positive Seiten abgewinnen. Als es nämlich darum geht, ob er ein gemeinsames Leben mit Mackenzie in Betracht zieht, macht er ihr sofort deutlich, dass seine Schwester für ihn Priorität hat und dass er nicht bereit ist, sie (erneut) aus der gewohnten Umgebung zu reißen.
Als die berühmte Countrysängerin Mackenzie Forbes vor ihm steht und ihm Avancen macht, kann er dennoch sein Glück kaum fassen. Zwar kommt es zum obligatorischen Missverständnis, als sie erfährt, dass Austin ihre Verkleidung durchschaut hat, aber sie beschließt, ihm dennoch zu vertrauen – und ihre Jungfräulichkeit an ihn zu verlieren. In der ersten Nacht lehnt er ihr Angebot heldenhaft ab, denn sie hat schon ein paar Cocktails intus, und er will ihre Willigkeit nicht auszunutzen. In der zweiten Nacht geschieht es dann aber. Und natürlich ist der Sex weltbewegend, Sterne explodieren vor ihren Augen (nope, das habe ich mir nicht ausgedacht – steht so im Buch), und die Nacht ist viel zu kurz für all das, was die beiden alles tun wollen. 🙂 Weshalb sich der One-Night-Stand zu einer More-Nights-Einrichtung mit großartigem Sex und noch viel mehr Spaß und Kennen- bzw. Liebenlernen entwickelt, denn:

He kissed the tip of my nose, then sobered up. „You really love me?“
„I really do. I think I have since the first time you kissed me, but it took me this long to be sure. I didn’t want to rush into anything, or rush you into anything before you were ready.“

Mackenzie ist schon nach drei Tagen bereit, ihr Studium in Chicago und ihre Freunde hinter sich zu lassen, um mit Austin und seiner Schwester ein neues Leben zu beginnen. Höflich gesprochen war ich darüber etwas irritiert, bis mir klar wurde, dass wir es hier ja mit einer für ältere Teens verfassten Kurzgeschichte zu tun haben, und natürlich bricht dort die große Liebe schon beim ersten Blick aus und natürlich hält diese Liebe für alle Zeiten und natürlich zieht man mit Sack und Pack gleich beim Geliebten hat. Sorry, dass ich nicht gleich erkannt habe, dass nicht die Geschichte bzw. die handelnden Figuren ein Problem haben, sondern ich.
Und natürlich ist Austin ja nur rein äußerlich ein echter Badboy, aber in Wahrheit natürlich ein durch und durch vertrauenswürdiger, großherziger [insert noch viele andere positive Adjektive] Bruder, der nur für den Lebensunterhalt als Barkeeper arbeitet, aber in Wahrheit natürlich ein richtig guter Sänger ist, der gleich in Mackenzies Vorprogramm auftreten darf, und noch nie hat er sich einer Frau so geöffnet, wie er sich ihr in den wenigen Tagen öffnet. Was natürlich auf Gegenseitigkeit beruht: There was something in the way he made me feel, the way he treated me, that told me he wasn’t like any other man. He would be the guy I measured every other guy up against in the future, and they’d all be found lacking. Äh, ja, natürlich.

Mein Fazit: Ehrlich? Dazu muss ich jetzt noch was sagen? Wenn ihr 15 seid, findet ihr die Geschichte bestimmt wahnsinnig romantisch. Wenn ihr älter seid, wisst ihr, dass diese Anhäufung von positiven Stereotypen im wahren Leben nicht vorkommt. Und ich habe mich noch nicht einmal dazu geäußert, dass ich es nicht besonders verantwortungsvoll finde, wenn Autorinnen in Kurzgeschichten für (ältere) Teens anonymen Sex propagieren …

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C. S. Pacat: The Summer Palace (A Captive Prince Short Story #2)

pacat-kurzgeschichte„The Summer Palace“ setzt nach dem Ende der „Prinzen-Trilogie“ ein und fungiert gewissermaßen als eine Art ausführlicher Epilog. Lauren und Damen haben ihre Widersacher besiegt, Letzterer hat sich von seinen schweren Verletzungen erholt, beide beginnen, sich nun in ihrer jeweiligen neuen Stellung einzurichten, und treffen sich nun im Palast am Meer.

Dass die australische Autorin C. S. Pacat sich dazu entschlossen hat, der Trilogie noch eine Kurzgeschichte von ca. 30 Seiten (im englischen Original) anzufügen, war durchaus eine gute Idee. Da die Trilogie nach dem Showdown im letzten Kapitel doch etwas abrupt endet, ohne den Leser noch einmal durchatmen zu lassen, in dem sie ihm auf wenigstens ein, zwei Seiten schildert, was nach dem Showdown in Ios mit den handelnden Personen und in politischer Hinsicht geschieht.

Aber als Kurzgeschichte (und als solche wird sie ja verkauft) funktioniert „The Summer Palace“ meines Erachtens nicht wirklich. Ich hatte mir erhofft, dass die Handlung der Trilogie noch etwas weitergeführt wird oder dass die Darstellung der beiden Protagonisten noch etwas vertieft wird. Aber leider geschieht genau das nicht wirklich. Stattdessen liefert die Autorin nur ausführliche Waschszenen und ein wenig 6 – der allerdings auch nicht besonders … aufregend war.

Mein Fazit: Ich schreibe nur ungern etwas Negatives über eine Trilogie, die ich wirklich mochte. Aber leider kam mir die Kurzgeschichte nur wie austauschbare Fanfiction vor, die auch ein beliebiger Hobbyautor hätte schreiben können.

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H. M. Ward: Christmas Kisses

ward-christmas-kissesSeit Jahren ist Holly Connelly in Ryan Darcy verliebt. Während sie sich von Beginn an keine Chancen ausrechnet, weil er zu den beliebtesten Schülern gehört, gibt sie die Hoffnung spätestens dann auf, als er eine Blondine nach der anderen vernascht. Abgesehen davon, dass sie nicht seinem Beuteschema entspricht, will sie auch keiner seiner One-Night-Stands werden. Schließlich beschließt sie nach dem Schulabschluss, eine Universität zu besuchen, die weit von ihrem Heimatort – und von dem verführerischen Ryan – entfernt ist.
Doch als sie in den Weihnachtsferien nach Hause zurückkehrt, trifft sie ihren Schwarm in einer Bar – und als die Straßen aufgrund eines Schneesturms gesperrt werden, ist sie gezwungen, die Nacht in seinem Studentenwohnheim zu verbringen. Was soll sie tun: Die Nacht mit ihm verbringen und riskieren, dass sie für ihn nicht mehr ist als eine Bettgeschichte – oder ihm widerstehen und diese Entscheidung den Rest ihres Lebens bereuen?

Manchmal braucht man einfach diese billigen E-Books, die wirklich nicht mehr versprechen als ein wenig prickelnder Unterhaltung. Doch leider gibt es gute Geschichten – und weniger gute. Und „Christmas Kisses“ gehört definitiv in die zweite Kategorie. Und eigentlich möchte ich auch nur wenig Lebenszeit auf eine Rezension verschwenden. 😉
„Christmas Kisses“ ist eine Young-Adult-Geschichte, die abwechselnd aus der Perspektive von Holly und von Ryan erzählt wird. Und genau das ist eines der Probleme: Im Grunde liest man eine Szene zunächst aus der Perspektive von Holly – nicht nur das Geschehen selbst, sondern auch ihre Historie mit dem geliebten Menschen, ihre Emotionen, ihre Zweifel … Dann folgt das Ganze aus der Sicht von Ryan: dasselbe Geschehen, die gleiche Historie, die gleichen Emotionen, die gleichen Zweifel … Und da es keinerlei Überraschungen gibt, ist das Ganze ausgesprochen langweilig und vor allem redundant. Beide Charaktere sind natürlich seit Jahren ineinander verliebt, beide bitten ihre Freunde, sie von irgendwelchen Dummheiten abzuhalten (was diese natürlich nicht tun), beide tragen gewisse Minderwertigkeitsgefühle mit sich herum, obwohl ihr Gegenüber natürlich denkt, dass sie vollkommen und so begehrenswert sind, dass sie sich nur unter Mühen davon abhalten können, sich die Kleider vom Leib zu reißen:

There’s no way to refuse him when he’s like this, it’s like he’s the sun, and although I know I’ll never survive, I want to dive straight into him.“

Und natürlich ist der Sex, zu dem es unweigerlich kommen wird, weltbewegend und nie da gewesen, und natürlich kommt es zu dem obligatorischen kurzen Missverständnis, aber sogleich gesteht man sich die große Liebe und wirft sein bisheriges Leben über den Haufen, um mit dem geliebten Menschen zusammen zu sein. Höchstgradig schmalzig: „I let her leave, taking my heart with her.“
Nichts gegen Liebesgeschichten, nichts gegen 6szenen, nichts gegen ein bisschen fluffigen Eskapismus (Es lebe der Eskapismus!), aber diese Geschichte hangelt sich von Klischee zu Klischee und dürfte höchstens Teenagerträume erfüllen oder die von jungen Frauen Anfang zwanzig.

Mein Fazit: Och nö.

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Penelope Ward: Stepbrother Dearest

ward stepbrother dearestGreta freut sich auf das letzte Jahr an der Highschool, denn ihr Stiefbruder Elec, dem sie noch nie begegnet ist, zieht für das Abschlussjahr von Kalifornien zu ihnen nach Boston. Doch Elec stellt sich als rebellischer Macho heraus, der jeden Abend ein anderes Mädchen mit nach Hause bringt – am meisten aber stört Greta die Art, wie ihr Körper auf ihn reagiert. Doch so schnell wie Elec in Gretas Leben getreten ist, so schnell verschwindet er auch daraus – nicht ohne ihr in der letzten Nacht nicht nur ihre Jungfräulichkeit, sondern auch ihr Herz zu rauben.
Als Gretas Stiefvater sieben Jahre später verstirbt, begegnen sich die beiden wieder. Sie muss feststellen, dass aus dem Teenager ein Mann geworden ist, der immer noch die Macht besitzt, ihr Herz in tausend Teile zu zerbrechen … und dass er in festen Händen ist.

„Stepbrother Dearest“ ist Band 1 einer YA-Reihe der amerikanischen Bestsellerautorin Penelope Ward. Ich bin eher zufällig in einem anderen Blog über eine überschwängliche Rezension gestolpert, und auch auf Amazon dann auf eine Unmenge an 5-Sterne-Bewertungen – das Buch schien also genau das Richtige zu sein für einen gemütlchen Abend im Bett (oder woanders :-)). Aber nach dem Lesen muss ich gestehen, dass es mir ein Rätsel ist, wie das Buch zu so guten Bewertungen kommt.

Die Story verspricht gewissermaßen eine „verbotene Love Story“ – aber da die beiden Protagonisten ja nicht miteinander verwandt sind, sondern nur „angeheiratet“, wäre eine Beziehung nicht wirklich ein Skandal. Unangenehm für die jeweiligen Eltern, aber nicht verboten. Darüber hinaus greift die Autorin tief in die Klischeekiste: Er ist ein stereotyper Bad Boy: über und über tätowiert, mit diversen Piercings versehen – natürlich eines an seinem besten Stück -, schleppt gefühlt jede Nacht ein anderes Mädchen ab und kommuniziert ausschließlich durch Grunzlaute und verächtliche Sprüche. Sie ist das nette Mädchen von nebenan, das sich ihre Jungfräulichkeit für den Richtigen aufbewahrt. Aber natürlich ist es von beiden Seiten Liebe auf den ersten Blick – obwohl die beiden nicht ein Wort miteinander gewechselt haben! -, aber da man (Klischeealarm) natürlich nicht miteinander redet, wird die Leserin nahezu 200 Seiten lang mit dem immer selben Schema gequält: Sie treffen sich, sie würden sich am liebsten gleich an die Wäsche gehen, er behandelt sie wie der letzte Arsch, sie bekommt einen Heulkrampf, sie spielen Videospiele, bekriegen sich, sie hat ein Date, das er torpetiert, sie würden sich am liebsten an die Wäsche gehen, er behandelt sie wie der letzte Arsch, sie bekommt einen Heulkrampf, sie essen zusammen Eis, bekriegen sich, sie hat ein Date, das er torpetiert, er behandelt sie wie der letzte Arsch – und bevor er wieder zurück an die Westküste geht, schenkt sie ihm ihre Jungfräulichkeit. Dann folgen 7 Jahre Funkstille, danach treffen sie sich auf der Beerdigung seines Vates wieder, und das Spiel beginnt von vorn. Allerdings kommt jetzt noch der Aspekt „Ich würde dich am liebsten gleich flachlegen, aber ich will meine Freundin nicht betrügen“ dazu. Boring!

Auch die Charaktere sind nicht wirklich interessant oder facettenreich. Über die Eltern erfährt man fast ausschließlich aus der Sicht der beiden Protagonisten; sie bleiben also relativ blass. Was auch für die wenigen „Freunde“ gilt, die im Rahmen der Handlung auftreten. Sie erfüllen eigentlich nur einen Zweck: Sie stoßen eine weitere Runde in dem oben geschilderten „Teufelskreis“ an.
Die einzigen, über die man zwangsläufig mehr erfährt, sind Elec und Greta – und auch hier greift die Autorin tief in die Klischeekiste: Er ist der typische Bad Boy, die Man-Whore,  die eine gesichtslose Menge an willigen Mädchen abschleppt – aber natürlich ist er in Wirklichkeit eine gequälte Seele, die sich aufopferungsvoll um die psychisch kranke Mutter kümmert und Greta nur deshalb nicht verführt, weil er seiner Mutter nicht wehtun will. Und weil Greta die jungfräuliche Unschuld ist, die zu wertvoll ist, um sie ins Bett zu kriegen und dann zu verlassen. Darüber hinaus fällt sie in die Kategorie der weiblichen Protas, die sich mit einer unglaublichen Geduld vom männlichen Helden mies behandeln lassen und höflich und nett bleiben – und das, obwohl er ihr von Beginn an immer wieder zu verstehen gibt, dass sie zu einfach, durchschnittlich ist, und sie einerseits küsst, andererseits aber wieder von sich stößt. Und trotz dieser miesen Behandlung durch Elec würde sie keine Minute zögern, mit ihm ins Bett zu gehen, denn sie weiß ja (woher auch immer), dass er in Wirklichkeit ganz anders ist. Und an all dem hat sich selbst sieben Jahre später nichts geändert – die Protagonisten haben sich selbst sieben Jahre später nicht weiterentwickelt! Und hatte ich schon erwähnt, dass ihre große Vereinigung – und damit meine ich „Vereinigung“ in jedem Sinne des Wortes – in einer Gasse hinter einem Lokal stattfindet, neben Mülleimern und Abfall?! Wann lernen es die Autoren endlich: dass es kein Zeichen für die große Liebe ist, wenn ich den anderen mies behandle oder mich mies behandeln lasse!? Was für ein Frauenbild wird hier vermittelt?! Argh!

Selbst der Erzählstil reißt es nicht raus. Das Buch lässt sich durchaus gut lesen – und ist sicher auch für Leserinnen, die nicht so gut Englisch sprechen, gut zu verstehen. Die 6szenen sind für YA vermutlich skandalös, aber für ältere Leserinnen nicht mehr. Aber das Ganze ist, wie oben schon deutlich wurde, ausgesprochen redundant. Dass Elec ach so sexy ist, hatte ich durchaus schon verstanden, nachdem es zwei- oder dreimal erwähnt wurde. Doch was das Ärgerlichste war: Elec ist – und davon hat natürlich nur Greta Kenntnis – Schriftsteller. Er hat in einem Kinder-/Jugendbuch-Manuskript seine eigene Kindheit in einem zerrütteten Elternhaus bzw. mit ADHS verarbeitet, das – natürlich – so gut ist, dass es Greta zutiefst bewegt. Zweifellos hat sie nie einen Roman bzw. eine Biografie gelesen, der ihre Seele so tief berührt hat (*ironiemodus*). Jahre später sendet Elec dann auch noch seine zweite Biografie zu, in der er die ersten 25 Jahre seines Lebens verarbeitet hat – und natürlich ist Greta auch davon so berührt, dass sie das Buch nicht aus der Hand legen kann, dass sie einen Tag Urlaub nimmt und ihren Kindle sogar mit auf die Toilette eines Lokals nimmt, weil die Geschichte so faszinierend ist. Und im Gegensatz zum ersten Manuskript ist hier ein Teil der Geschichte abgedruckt (in kursiver Schrift), und nachdem sein erstes Werk so hohe Vorschaulorbeeren bekommen hatte, war ich gespannt, wie tief wir jetzt in seine Psyche eintauchen werden, wie poetisch oder analytisch das Ganze jetzt wird. Doch was muss man als Leser feststellen: Die Geschichte ist genauso flach wie Wards Roman selbst und schildert die Ereignisse, die wir ja schon kennen, aus seiner Sicht – mit EXAKT denselben Dialogen. WTH?!

Mein Fazit: Boring! Argh! WTH! Oder mit anderen Worten: Nicht kaufen. Sorry, I had to get it off my chest!

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Nicole Jacquelyn: Change of Heart

jacquelyn-change-of-heartAnita Martin hat keine große Erwartungen an das Leben. Ihre Mutter hat sich nie viel aus ihr gemacht und so wurde sie in ihrer Kindheit und Jugend von einer Pflegefamilie zur nächsten geschoben.
Bis sie mit sechzehn bei den Evans‘ landet. Dort findet sie wirklich ein Zuhause, obwohl es ihr lange schwerfällt, sich nicht mehr als Außenseiterin zu fühlen.
Die Evans‘ sind eine Großfamilie mit mehreren Pflegekindern, alle sind eng miteinander verbunden sind – alle außerAnita und ihr drei Jahre älterer Pflegebruder Abraham.
Vierzehn Jahre lange streiten sich die beiden über alles – nur in einem sind sie sich einig: dass sie sich nicht leiden können. Bis Anita eines Abends ein Geheimnis lüftet, das Abrahem vor allen verborgen hat. Es kommt zum Streit – und beide landen miteinader im Bett.
Obwohl es nicht bei einem einmaligen Treffen bleibt, streiten beide ab, dass es zwischen ihnen mehr ist als unverbindlicher Sex. Womit die junge Frau auch einverstanden ist. Bis Anitas Leben eine dramatische Wendung nimmt und sie mehr von Abraham braucht, als dieser zu geben bereit ist …

„Chance of Heart“ von Nicole Jacquelyn ist ein Teil der „Fostering Love“-Reihe, in der es – wie der Name schon sagt – um Pärchen geht, von denen zumindest ein Partner zur großen Evans-Pflegefamilie gehört. Bei diesem Roman handelt es sich um Band 2 der Serie, der aber auch für sich stehen kann, da die Protagonisten aus Band 1 lediglich als Nebenfiguren auftauchen und die Autorin die Informationen, die man zu diesem ersten Pärchen benötigt, sehr organisch in die Handlung von „Change of Heart“ einfließen lässt. Das Buch ist sicher nicht das beste, das ich je gelesen habe, gehört aber zu den besseren E-Books, die mir in der letzten Zeit untergekommen sind. Die Geschichte selbst wird abwechselnd aus der Perspektive von Abraham und Anita geschildert, wodurch man einen sehr guten Einblick in ihre Gefühle und Motivationen bekam.
Gefallen hat mir zum einen die nachvollziehbare Charakterisierung der Figuren. Die Familie Evans hat vier Pflegekinder aufgenommen, da sie keine eigenen Kinder bekommen kann. Jeder hat sein eigenes „Päckchen“ mitgebracht, aber jeder hat hier auch ein neues Zuhause gefunden. Darunter Anita. Doch weil sie in ihrer Kindheit und Jugend so oft die Erfahrung gemacht hat, dass sie nicht gewollt war oder nur deshalb gewollt, weil man für sie Geld vom Staat kassieren konnte (oder weil man etwas anderes von ihr wollte …), fällt es ihr noch als Erwachsener schwer, dieser Liebe, die man ihr entgegenbringt, zu vertrauen. Aus diesem Grund hält sie auch immer noch einen Teil von sich vor den anderen zurück, öffnet sich emotional nicht vollständig und ist ein eher spröder Charakter.

I’d like to think that I could have moved past the fantastic sex, but it was the caring that shut me up quicker than a republican during a gay sex scandal. (Posi 652)

Aufgrund ihrer Erfahrung ist sie zwar einerseits entschlossen, keine Kinder zu bekommen – denn wie kann jemand, der bis zu seinem 16. Lebensjahr nie Liebe erfahren hat, Liebe weitergeben? -, doch als sich diese Tür dann für sie schließt (dazu später mehr), ist sie dennoch zutiefst traurig. Und auch bereit, dem Ganzen doch noch eine Chance zu geben, als etwas geschieht, dass ihre Entscheidung über den Haufen wirft (dazu nicht mehr :-)):

I was a mom. I had a daughter.
Those might have been the most beautiful words in the English language. (Posi 2036)

Alle außer Abraham. Abraham und sein Zwillingsbruder Alex sind schon seit ihrer Kindheit Teil der Familie Evans und beide auf dem College resp. beim Militär, als Anita dort eintrifft. Und von Anfang an gibt es immer wieder Streit zwischen den beiden. Daran hat sich auch vierzehn Jahre später nichts geändert. Auch Bram liebt seine Pflegegeschwister, -cousins und -cousinen sowie Nichten und Neffen über alles, doch ein Vater werden, das will er aufgrund seiner schwierigen Geschichte nicht. Wie Anita so arbeitet auch er im Familienunternehmen mit, ist auch er eng mit der Familie verbunden. Mit allen außer Anita, mit der ihn eher eine Hassliebe verbindet. Was beide (natürlich) nicht erkennen: dass ihre bissigen Wortwechsel im Grunde eine Art Vorspiel sind. Denn als Anita ihm eines Abends folgt, kommt sie dahinter, dass er seit langer Zeit heimlich als Sänger in einer Kneipe auftritt, und das recht erfolgreich. Es kommt zum Streit zwischen den beiden … der in Anitas Bett endet. Die beiden einigen sich darauf, dass sie niemandem von dieser „Beziehung“ erzählen. Und dass diese sich ausschließlich auf Sex beschränkt. Doch natürlich kommt alles ganz anders … Bram liebt ebenfalls Kinder, will aber keine eigenen haben. Während dies bei Anita auf die mangelnde Zuneigung in ihrer Kindheit zurückzuführen ist, will Bram keine Kinder, da er schon als Siebenjähriger erlebt hat, wie viel Leid der Tod eines Elternteils oder eines geliebten Menschen überhaupt mit sich bringt. Und das will er eigenen Kindern ersparen.
Doch nicht nur die beiden Protagonisten werden von Jacquelyn glaubwürdig beschrieben, auch der Rest der Familie wird sehr anschaulich dargestellt. Der Umgang miteinander ist humorvoll und loyal. Jeder spielt eine Rolle im Leben der anderen, man ist aufs Engste miteinander verbunden. Es gibt zwar auch Schmerz und Kummer, aber die Hoffnung geht nie verloren und die Liebe zueinander hilft ihnen, alle Schicksalsschläge zu ertragen. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum dieser Roman mir so sympathisch war: In dieser Familie finden die Zerbrochenen ein neues Zuhause, hier wird jeder so angenommen, wie er ist, man hilft nicht nur einander, sondern allen, die Hilfe brauchen – und wer wünscht sich nicht eine solche Familie?

Neben der wirklich guten Charakterisierung der Figuren gefielen mir an diesem Roman auch einige ungewöhnliche Themen. Es werden Dinge angesprochen, die ich so noch nicht in einem Liebesroman gelesen habe. Zum einen natürlich der Aspekt der Pflegefamilien und die Schwierigkeiten, mit denen die Kinder konfrontiert werden, wenn sie immer wieder in neue Familien abgeschoben werden. Das schildert Jacquelyn sehr anschaulich und glaubwürdig – wenn die Familie Evans auch vielleicht etwas zu perfekt ist, aber das war schlicht auch sehr wohltuend. Die Kinder haben zwar, wie gesagt, trotz der Liebe, die sie dort bekommen, noch ihre (emotionalen) Probleme, aber alles andere wäre auch sehr unrealistisch.
Zum anderen bekommt die Protagonistin in den ersten Kapiteln aus gesundheitlichen Gründen eine Hysterektomie und muss erst einmal damit fertigwerden, keine eigenen Kinder mehr zu bekommen. Letzteres ist natürlich ein dramaturgischer Kniff und passt auch zum Pflege-Thema allgemein, aber dass eine Frau unter Myomen leidet, habe ich noch nie in einem Roman gelesen, entspricht aber dem, was ich aus dem realen Leben kenne – die Menschen sind eben auch körperlich nicht so vollkommen, wie uns das die meisten Liebesromane einreden wollen. Das Ganze wird sehr glaubwürdig geschildert – die Protagonistin leidet weder während des kompletten Buches unter Depressionen, noch kann sie diesen Verlust einfach so abtun. Alles braucht seine Zeit, wie es in der Realität eben so ist – aber ohne dass der Roman dadurch allzu schwermütig würde.

Mein Fazit: Ein wirklich schöner Liebesroman! Genau das Richtige für alle, die ein HEA brauchen – mit einem Schuss Dramatik.

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Sharon Page: Blutrot – die Farbe der Lust

page-blutrotYorkshire, 1818: Die junge Vampirjägerin Althea Yates ist erst kürzlich mit ihrem Vater – ebenfalls ein Vampirjäger – aus den Karpathen nach England zurückgekehrt. Dieser will dort den uralten Vampir Zayan zur Strecke bringen, einen der mächtigsten Blutsauger überhaupt. Dabei helfen sollen ihm die Vampirzwillinge Bastien und Yannick de Wynter. Allerdings liegt Letzterer aufgrund eines Fluches in einem todesähnlichen Schlaf, und niemand weiß genau, wo.
Kaum in Yorkshire angekommen, erfüllen Träume voller Wolllust die Nächte von Althea. Träume, in denen sie von zwei Männern gleichzeitig geliebt wird. Träume, die plötzlich wahr zu werden scheinen, als zuerst der faszinierende Bastien in Altheas Schlafkammer steht und wenige Tage später auch Yannick, der dank der Yates‘ endlich erwacht ist. Doch wie kann die junge Frau zwei Wesen in ihr Bett lassen, auf die sie doch eigentlich Jagd macht, dämonische Bestien, die Althea geschworen hat zu vernichten …

Ich liebe gut geschriebene Historienromane, lese auch gern Vampirgeschichten, und erotische Szenen geben einer Story oft die besondere Würze. Doch was Sharon Page hier abgeliefert hat, ist so unterirdisch schlecht, dass ich das Buch nur aus einem Grund beendet habe: um anschließend eine vernichtende Rezension zu verfassen.
Sharon Page ist mir bereits von ihren Romanen um die Hamilton-Schwestern ein Begriff – erotischen Historienromanen, die sprachlich gut geschrieben (und übersetzt) sind, mit einer gut konzipierten, „runden“ Story und recht ausführlich beschriebenen 6zenen, die aber an unterschiedlichen Stellen organisch in die Handlung einfließen. Die Bücher sind recht „süffig“, die Charakterisierungen der Figuren nachvollziehbar und ausführlich genug, auch wenn man natürlich von Beginn an weiß, dass das Paar zuerst im Bett harmonieren und am Ende zueinanderfinden wird. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen Hoffnungen bei „Blutrot – die Farbe der Lust“. Doch leider tanzt Sharon Page mit dem literarischen Anspruch und ihren sprachlichen Werkzeugen auch noch unter der niedrigsten Limbo-Stange hindurch. Oder anders gesagt: Die Leserin sollte eigentlich ihr Geld zurückfordern.
Es krankt in diesem Buch an so ziemlich allem:
Die Story ist praktisch nicht vorhanden. PWP (Plot what Plot)???, fragt sich die geneigte Leserin. Man erfährt im Laufe des Romans das, was in der obigen Inhaltsangabe steht. Was man nicht erfährt: Warum können nur die beiden Zwillinge den uralten Vampir vernichten? Warum wurde Yannick mit einem Fluch bestraft? Warum findet Yates senior den Untoten innerhalb kürzester Zeit und der eigene Bruder nicht? Was ist eigentlich so schlimm an diesem Zayan – der zwar junge Mädchen anknabbert, aber doch eigentlich nur eines vernaschen will: Yannick? Warum kümmert sich die mächtige Vampirkönigin nicht um ihn, wenn er offenbar doch die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Blutsauger lenkt – und was zum Teufel hat Luzifer mit dieser ganzen Sache zu tun? Fragen, denen die Autoren nicht eine Zeile widmet. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass mir eine ganze Menge Infos fehlen …
Auch die Charaktere sind nicht mehr als Schemen, zweidimensionale Figuren, austauschbar und nicht wirklich sexy: Natürlich tragen die Vampire schwarz, sind durchtrainiert und haben einen sexy Körper, müssen Althea einfach verführen und die Ewigkeit mit ihr verbringen (nach gerade mal wie vielen Tagen des Kennenlernens? Drei?). Und Althea? Ist nach eigenen Aussagen eine knallharte Vampirjägerin, die gemeinsam mit ihrem Vater schon viele Blutsauger zur Strecke gebracht hat und sich nicht davor fürchtet, auch den angeblich mächtigsten von ihnen zu jagen. Und natürlich ist sie mit Anfang zwanzig noch eine Jungfrau – die aber gleich beim ersten Treffen mit Bastien im Bett landet und so ziemlich alles ausprobiert, was es da auszuprobieren gibt. Ihr Weg von einer angeblich knallharten Vampirjägerin zu einer schamlosen Sexbesessenen war ausgesprochen kurz. Apropos: Hatte ich schon erwähnt, dass sich diese Vampire natürlich in Fledermäuse verwandeln können und praktischerweise nach der Zurückverwandlung dann auch gleich nackt in Altheas Kammer stehen?!

„So dachte er über sie? Sie kämpfte nicht länger gegen seinen harten Griff und starrte in sein unbewegtes Gesicht. Er hatte nicht mal vor ihr als Jägerin Respekt. Er glaubte, dass sie nicht mehr war als eine dumme Frau. Gut genug, um auf dem Rücken zu liegen und ihm Lust zu schenken.“

Sorry, Schätzchen, das Gleiche denke ich auch von dir.
Last, but not least die erotischen Szenen des Romans: Eine Aneinanderreihung von freizügigen Bettszenen, in denen drei wunderschöne Menschen allerlei sportliche Verrenkungen machen, genügt leider nicht, um auch einen guten Erotikroman zu verfassen. Ob es nun one on one ist oder two on one oder Frauen mit Frauen oder Männer mit Männern – hier ist für jeden etwas dabei. Aber wirklich erotisch ist das Ganze nicht. Manchmal ist eben doch weniger mehr. Hinzu kommt, dass bei der Beschreibung des Aktes herabwürdigende Begriffe für die weibliche Anatomie verwendet werden, die ich einfach in einem Buch nicht lesen will … Ein absolutes No Go.

Mein Fazit: Bittebittebitte macht einen Bogen um diesen Roman!