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Birgit Kelle: Dann mach doch die Bluse zu

kelle dann mach doch die bluse zuWollte ich versuchen, die Thesen und Meinungen, die Birgit Kelle in ihrem Buch „Dann mach doch die Bluse zu“ anführt, aufzulisten, würde am Ende wahrscheinlich ein ebenso dickes Buch herauskommen. Die Autorin bringt ihre Überzeugungen in den neun Kapiteln ihres Buches so „gedrängt“ zu Papier, dass es schwerfällt, sie auf den Umfang einer halbwegs vernünftigen Rezension zusammenzustreichen. Daher habe ich beschlossen, einfach nur einige ihrer Aussagen herauszupicken, die mir persönlich aus dem einen oder anderen Grund am besten in Erinnerung geblieben sind. Und vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Kelle in ihrem Buch eine Lanze für die Hausfrau bricht, die nach ihrer Aussage das Recht hat, sich ohne ein schlechtes Gewissen der Erziehung des Kindes/der Kinder zu widmen, während der Mann das Geld nach Hause bringt, sollte ich wohl vorausschicken, dass ich aus der Perspektive von jemandem schreibe, der keine Kinder hat und voll berufstätig ist. Jemand, der aus Birgit Kelles Sicht „betroffen“ ist, hätte vielleicht andere Gedanken herausgegriffen.

Aufhänger des Buches ist die #aufschrei-Debatte – die Sexismus-Debatte aus dem Frühjahr 2013, als sich auf Twitter und in den Medien Zehntausende von Frauen über die Belästigung durch Männer beklagt haben. Kelle sagt, dass aufgrund „gefühlter“ Belästigung dabei leider das Leid vieler Frauen unter den Tisch gefallen ist, die tatsächlich belästigt werden und wurden. Dass alle Männer plötzlich unter Generalverdacht standen. Und dass sich irgendwie plötzlich alle Frauen belästigt fühlten. Die Autorin sagt, dass sich das aber nicht mit den allgemeinen Erfahrungen der Frauen bzw. der Männer deckt – doch die Debatte wurde/wird so hitzig geführt, dass man es gar nicht wagt(e) zu sagen: Momentan mal, das stimmt aber nicht. Dieses Kapitel basiert auf Kelles gleichnamigem Artikel in „The European“. In ihrem Buch geht sie noch einen Schritt weiter und wirft die Frage auf, was denn wäre, wenn die Rollen umgekehrt wären. Wenn heute von Sexismus die Rede ist, gehen alle davon aus, dass es hier Frauen die Opfer sind, die von Männern unterdrückt und belästigt werden. Aber wer erwähnt denn Ärzte, die von Patientinnen angemacht werden, Professoren, bei denen die Studentinnen halb ausgezogen auftauchen, um eine misslungene Arbeit zu retten, etc.?

Von hier geht Birit Kelle zu einem weiteren für sie sehr wichtiger Punkt über: dem Feminismus. Sie vertritt die Auffassung, dass dieser durchaus sehr viel Gutes für die Frauen erreicht hat, ist aber davon überzeugt, dass die Vorreiterinnen, die (nicht nur) in unserem Land den Feminismus vorandrängen, auf der anderen Seite vom Pferd gefallen sind. Gut ist durchaus, dass sie Frauen die Möglichkeit eröffnet haben, nicht als Hausfrauen zu Hause zu sitzen, sondern auch berufstätig zu sein, politisch vertreten zu werden. Aber dennoch ist es laut Kelle so, dass viele Frauen sich in der Debatte gar nicht wiederfinden, weil sie durchaus zufrieden sind, wenn der Mann (überwiegend) das Geld nach Hause bringt und sie sich um die Kinder kümmern können. Sie fühlen sich gar nicht versklavt, wenn sie (die ersten Jahre) mit der Kindererziehung zubringen und ihr Mann sie finanziell unterstützt. Kelle führt hier ein Zitat von Simone de Beauvoir an: „Keiner Frau sollte es erlaubt sein, zu Hause zu bleiben und ihre Kinder großzuziehen. Die Gesellschaft sollte völlig anders sein. Frauen sollten diese Möglichkeit nicht haben, und zwar genau deswegen, denn hätten sie diese Möglichkeit, dann würden sie zu viele Frauen nutzen.“ Kelle ist es daher wichtig, deutlich zu machen: Es gibt nicht die Frau udn auch nicht den einen „Frauenwillen“. Und hier geht sie ganz scharf mit ihren Geschlechtsgenossinnen ins Gericht:

„Wir schlittern in eine Diktatur des Feminismus, der allen Frauen nur einen einheitlichen Weg zugesteht. Mussten wir uns früher also von Männern erklären lassen, was das Richtige für uns Frauen ist, müssen wir uns das heute von anderen Frauen gefallen lassen. Schon längst verlaufen die Fronten nicht mehr Mann gegen Frau, sondern Frau gegen Frau. Mussten wir einstmals darum kämpfen, aus dem bürgerlichen Leben ausbrechen zu dürfen, müssen wir heute darum ringen, in diesem bleiben zu dürfen. Mussten wir früher darum kämpfen, berufstätig sein zu können, müssen wir heute dafür streiten, bei unseren Kindern bleiben zu dürfen.“ (Seite 51)

Damit verwandt ist die grundsätzliche Geschlechterfrage. Kelle wendet sich in ihrem Buch gegen das Gender-Mainstreaming, mit dem man Männer und Frauen bzw. Männer- und Frauenrollen vereinheitlichen will. Kelle sagt, dass die Geschlechterunterschiede nun einmal nur zum Teil auf Erziehung zurückzuführen sind – dass die Vertreter des GM aber die Biologie gern unter den Tisch fallen lassen. Männer und Frauen sind nun einmal unterschiedlich, da kann man so viel „mainstreamen“, wie man will. Das Schlimme ist für sie, dass GM „von oben“ aufoktroiert wird und nicht aus der Gesellschaft selbst hervorwächst. Diese Theorie, so Kelle, ist im Grunde ein Diktat von oben. Sie wurde uns übergestülpt, obwohl sich gesellschaftliche Veränderungen sonst eigentlich immer in umgekehrter Richtung durchsetzen: von unten nach oben.

Die Autorin wirft denn in einem nächsten Kapitel die Frage nach der Frauenquote auf, ob wirklich deshalb bspw. so wenige Frauen in Leitungsfunktion sind, weil sie gegen die Männercliquen einfach nicht ankommen, oder ob es nicht doch auch etwas damit zu tun haben könnte, dass es auch auf den Einsatzwillen, die Talente, den Charakter, Himmel, die Interessen ankommt. Es sei, so Kelle, nicht einzusehen, warum bspw. im Maschinenbau, wo es etwa nur 10 % Frauenquote gibt, plötzlich 50 % aller Frührungspositionen von Frauen besetzt seien müssten. Würde man das durchziehen, seien ja im Grunde die Männer benachteiligt, da eine ganze Generation bestens ausgebildeter junger Männer bei der Einführung einer Quote aufgrund ihres Geschlechts den Kürzeren ziehen würden. Vielleicht gibt es ja die sogenannte gläserne Decke, die man Staat und Wirtschaft vorwirft, nicht in dem Maße, in dem sich die Befürworter der Quote dies wünschen würden, um mit ihrer Forderung durchzukommen. Ganz abgesehen davon, dass vielleicht doch nicht alle Frauen begeistert sein werden, wenn sie eine Führungsposition nur deshalb erhalten, weil das Unternehmen eine Quote erfüllen muss. Und was ist mit dem Umkehrschluss: In Kindergärten oder Grundschulen gibt es überwiegend KindergärtnerINNEN und LehrerINNEN – stellt das nicht auch eine Form der Diskriminierung dar? Eine Diskriminierung der Männer? Man könnte, so Kelle, auf die Idee kommen, auch hier eine 50%ige Männerquote zu fordern …

Ein letzter, für die Autorin sehr wichtiger Punkt sind Ehe und Familie. Sie wirft die Frage auf, ob der immer weiter gefasste Familienbegriff nicht die Institution Familie und ihren besonderen Schutz aufweicht:

„Folgt man den freien Familiendefinitionen, lässt sich übrigens in letzter Konsequenz nicht einmal die Monogamie unter Erwachsenen noch als zwingende Grundlage für eine Ehe und Familie halten. Neue Lebensgemeinschaften? Das kann alles sein. Wenn sie nicht diskriminiert werden dürfen, wenn sie der Ehe ohne Wenn und Aber gleichgestellt werden müssen, dann auch hier: ganz oder gar nicht. Wer den Familienbegriff derart freigibt und überall dort Familie erahnt, wo es sich ganz doll danach anfühlt, der kann auch Beziehungen mit mehr als zwei Erwachsenen irgendwann den Ehestatus nicht mehr vorenthalten. Denn was geht es den Staat an, ob ich einen Mann, zwei Männer oder zwei Frauen liebe und mit ihnen zusammenleben will? We are family! Wer fordert, dass wir allem mit Ehe und Familie gleichsetzen müssen, wo die Liebe eben hinfällt, der wird sich noch wundern, wo sie dann landet.“ (Seite 164)

Das Zitat, das aber bei mir den bleibendsten Eindruck hinterlassen hat, ist folgendes:

„Was für eine Gesellschaft wird das sein, in der wir alle nur noch marktoptimiert funktionieren? Wo die Zeit für die Familie zum Luxus geworden ist? Stück für Stück lagern wir bisherige familiäre Erziehung, soziales Lernen und damit eine gesellschftliche Selbstverständlichkeit in die Kindergärten und Schulen und somit an den Staat aus. Wohl wissend, dass wir ohne diese Strukturen überhaupt nicht auskommen. Denn was auf der einen Seite zusammenbricht oder absichtlich finanziell ausgehungert wird, muss an anderer Stelle mühsam und kostspielig wieder aufgebaut werden: Die Mutter soll heute nicht mehr zu Hause sein, sondern berufstätig; dafür haben wir jetzt Tagesmütter, die wir bezahlen. Die Väter fehlen zunehmend in den Familien, es gibt immer weniger männliche Vorbilder; dafür haben wir jetzt das Programm ‚Mehr Männer in Kitas‘. Die Kinder haben keine Geschwister mehr; dafür sollen sie jetzt Sozialkompetenzen in der Krippe und in Spielgruppen aller Art lernen. Familien essen immer seltener gemeinsam an einem Tisch; dafür wird das jetzt in kleinen Tischgruppen in der Ganztagsschule vollzogen. Kinder lernen nichts mehr über Lebensmittel und ihre Zubereitung oder gar gesunde Ernährung, weil zu Hause keiner mehr Zeit zum Kochen hat; dafür machen wir jetzt Ernährungs- und Kochkurse in der Schule. Die Kinder kennen immer weniger die Großfamilie; dafür bauen wir jetzt Mehrgenerationen-Häuser. Die Großeltern wohnen weit weg; dafür gibt es jetzt Leihopas und Leihomas, die man engagieren kann. Die Kinder haben zu Hause bei berufstätigen Eltern keine Vorbilder mehr; dafür gibt es jetzt Benimm-Unterricht in der Schule. Wieso unterstützten wir nicht einfach das Original, anstatt Familienersatzstücke künstlich aufzubauen?“ (Seite 178 f.)

Hier spürt man, wie sehr Birgit Kelle Familie und Kinder am Herzen liegen. Ich könnte noch unzählige Themen mehr aufgreifen: Warum Kelle in gewisser Weise dagegen ist, dass gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren. Warum ihrer Auffassung nach der Feminismus dem Kapitalismus in die Hände spielt. Warum es Zeit wird, „Nur-Mütter“ nicht nur im Bereich Betreuungsgeld, sondern auch Rente besser zu fördern. Warum wir doch wieder echte Kerle brauchen und auch wollen. Wenn ihr wissen wollt, was Birgitt Kelle dazu sagt, dann müsst ihr das Buch selbst lesen. 🙂 Ich habe es auf jeden Fall nicht bereut. Vor allem, da ich ihr den Begriff „Schweigespirale“ verdanke, den Elisabeth Noelle-Neumann wohl in den Siebzigerjahren eingeführt hat. Er beschreibt eine Erfahrung, die ich immer wieder mache, von der ich aber nicht wusste, dass sie auch schon erforscht worden ist (man lernt nie aus …). Schweigespirale meint, dass Menschen ihre wahre Meinung lieber für sich behalten, wenn sie nicht der medial verbreiteten Mehrheitsmeinung entspricht. Wer meint, mit seiner Einstellung allein zu sein, hält öffentlich erst mal lieber den Mund. Und das führt bspw. dazu, dass sich zufriedene „Nur-Hausfrauen“ nicht so engagiert zu Wort melden wie Feministinnen, die für das Recht auf (frühe) Wieder-Berufstätigkeit eintreten. Danke auf jeden Fall dafür!
Ich stimme sicher nicht mit allen Punkten überein, die in „Dann mach doch die Bluse zu“ angesprochen werden. Aber die Autorin argumentiert sehr pointiert und nachvollziehbar gegen den Zeitgeist, die den Vertretern des traditionellen Rollenbilds den Mund verbieten will. Sie hat mir definitiv eine Menge Stoff zum Nachdenken mitgegeben, und so habe ich dieses Buch definitiv nicht zum letzten Mal gelesen. Beim nächsten Mal werde ich allerdings einen Stift griffbereit haben …

Kurzer Nachtrag: Ich hatte das Buch bei meinem letzten Friseurbesuch dabei (immer noch besser als „Das Goldene Blatt“ und Co. zu lesen). Interessanterweise unterhielten sich mehrer Frauen exakt darüber, dass sie lieber mehr Zeit bei ihren Kindern verbringen würden bzw. ganz Hausfrau sein würden – wenn sie die Wahl hätten (und natürlich, wenn die Familie das zusätzliche Einkommen nicht brauchte). Diese Frauen brauchen also auch ein Sprachrohr – und nicht nur die ach so emanzipierten Frauen, die in den Medien immer zu Wort kommen.

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Josephine Angelini: Göttlich verliebt

angelini-goettlich-verliebtEin zweiter Trojanischer Krieg steht unmittelbar bevor, da die Akteure der damaligen Auseinandersetzung alle „wiedergeboren“ wurden und sich drei Scions aus unterschiedlichen Häusern in einem Blutbund verbunden haben: Helen, Lucas und Orion. Die 12 großen Götter, die durch diesen Bund den Olymp verlassen können und die Welt mit Katastrophen heimsuchen, können jedoch nicht direkt gegen ihre Abkömmlinge kämpfen. Und so gebrauchen sie ihre Kräfte und Scion-Anhänger, um die verbündeten Häuser und Scions auseinanderzubringen.
Durch den Bund mit Lucas und Orion wächst aber auch Helens Macht und mit ihr das Misstrauen ihrer Freunde. Bis sie irgendwann feststellen muss, dass es selbst in ihrem engsten Kreis Verräter gibt. Dennoch will Helen den letzten Schritt in diesem Kampf nicht gehen – eine eigene Welt erschaffen und so den unsterblichen Zeus herausfordern. Doch dann geschieht etwas, das ihr keine Wahl lässt …

„Göttlich verliebt“ ist der Abschlussband der Göttlich-Trilogie von Josephine Angelini und zugegebenermaßen wieder ein echter page turner. Sprachlich ist der Text sicher keine große Herausforderung, und er zeichnet sich auch nicht durch eine poetische Tiefe aus – aber das erwartet ja auch bei einem All-Age-Roman niemand. Die Autorin verwendet eine klare Sprache, schreibt sehr leicht und locker und verzichtet auf abschweifende Erklärungen oder zu detaillierte Beschreibungen. Ihr Schreibstil ist durchweg spannend und schafft es bis zu einem gewissen Grad, beim Leser die gewünschte Emotionen hervorzurufen. Die letzten Kapitel – die kriegerische Auseinandersetzung am Strand mit göttlichen Zuschauern – kam mir etwas gehetzt vor: Romanfigur A kämpft in einem Duell gegen Romanfigur B – und einen Satz später ist der Kopf eines Kämpfers auch schon ab. Aus diesem angeblich epischen Krieg hätte die Autorin durchaus mehr herausholen können – das Kopfkino funktioniert nur in begrenztem Maße. Ganz zu schweigen vom Duell zwischen Zeus und Helen selbst …
Die Handlung setzt exakt da ein, wo Band 2 „Göttlich verloren“ geendet hat: Helen ist durch den Bund mit Lucas und Orion mächtig genug, um Apoll zu besiegen und in den Tartarus zu verdammen. Aber gleichzeitig bedeutet dies, dass es wieder einmal zu einem großen Krieg kommen wird, den die Hauptfiguren zwar zu vermeiden suchen – allerdings vergebens (wie sollte es auch anders sein). Da nun die Verbündeten aus aller Welt nach Nantucket strömen, wird die Charakterliste immer länger. Ein bisschen Überblick verschafft da durchaus die Personenliste im Anhang – allerdings war es manchmal schon sehr verwirrend, wenn deutlich wurde, dass Romanfigur A dem Akteur B im Trojanischen Krieg entspricht, aussieht wie Gott C, aber doch einige Fähigkeiten von Gott D besitzt. An diesen Stellen muss man entweder besser aufpassen (was gar nicht so einfach ist, da man einfach wissen will, wie es weitergeht) – oder eben akzeptieren, dass gewisse Dinge so sind, wie sie sind. 🙂 Trotz dieses enormen Fundus, aus dem die Autorin schöpft, gelingt es ihr, halbwegs facettenreiche Charaktere zu erschaffen, die eben nicht nur schwarz-weiß sind. Sie irren, stolpern – und manchmal treffen sie Entscheidungen, die ihre Freunde verletzen.
Und was die Dreiecksgeschichte angeht, deren Ausgang uns ja alle interessiert hat: Nun, hat auch nur irgendjemand damit gerechnet, dass es nicht zu diesem Pairing kommt? Achtung, Spoiler (folgende Zeilen einfach markieren): Wenn man in den vorangegangenen Romanen aufgepasst hat, weiß man ja bereits, dass Daphne gelogen hat, was Helens wirklichen Vater angeht. Daher war es mehr als nur logisch, dass Helen und Lucas endlich ihr Happy End bekommen.

Mein Fazit: Wer Band 1 und 2 mochte, wird mit diesem Ende sicher sehr zufrieden sein. „Göttlich verliebt“ gehört zweifellos nicht zu den Büchern, die dem Leser noch lange nachgehen, aber es eignet sich sehr gut als Appetithappen für zwischendurch.

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Eric Wilson & Theresa Preston: October Baby

Hannah ist 19 und im ersten Jahr auf dem College, als sie bei einer Theateraufführung einen Anfall erleidet. Schon ihr ganzes Leben lang hat sie unter Albträumen und zunehmenden Panikattacken gelitten, doch erst jetzt erfährt sie von ihren Eltern die Wahrheit über ihre Herkunft: Sie wurde kurz nach ihrer Geburt adoptiert und hat vorher bereits ihre Abtreibung überlebt.
Hannah ist wütend und verwirrt und wendet sich an den einzigen Menschen, dem sie jetzt noch vertraut: ihren Jugendfreund Jason. Dieser ermutigt sie, sich auf die Suche nach ihrer biologischen Mutter zu begeben – und so schließt sie sich einer Gruppe von Studenten an, die auf dem Weg von North Carolina nach New Orleans sind – zum Mardi Gras. Auf diesem Roadtrip kommt sie nicht nur ihrer eigenen Geschichte näher, auch die Beziehung zu Jason wird sich endlich klären.

Bei „October Baby“ handelt es sich um eine sogenannte Novelization – einen Roman zum Buch, d. h. zuerst war der Film, dann kam das Buch. 🙂 Das Thema des Buches (Filmes) ist ungewöhnlich: Es geht um eine misslungene Abtreibung und die Konsequenzen für das Kind. „October Baby“ ist ein christlicher Roman, verzichtet aber – Gott sei Dank – auf den üblichen erhobenen Zeigefinger und das „Abtreibung ist Sünde!“, wenn es im Grunde auch darum geht zu zeigen, dass das Leben wertvoll ist. Jedes Leben. Stattdessen zeigt der Roman, dass eine Abtreibung nie ohne Konsequenzen ist – für die Mutter, aber auch für das Kind, das einer versuchten Abtreibung entgeht. Wenn man ein wenig googelt, stößt man auf erstaunlich viele Fälle, bei denen so etwas passiert, und die Geschichten der Überlebenden sind wirklich erschütternd. Im Fall von „October Baby“ begegnet uns ein junges Mädchen, das sein Leben lang unerklärliche Albträume von einem anderen Wesen hat … von einer Bedrohung … Dunkelheit. Und diese Passagen (diese Vorstellung generell) sind auch sehr erschütternd.
Aber dennoch krankt „October Baby“ an etwas, an dem viele dieser „Romane zum Film“ kranken: Sie bieten nur sehr wenig mehr als den tatsächlichen Film, die Charakterzeichnungen bleiben relativ oberflächlich, und das Buch besteht im Grunde primär aus Dialogen. Intensivere Innenansichten gibt es wenige und auch fast keine darüber hinausgehende Beschreibungen – wie sieht jemand aus? Welche Augenfarbe hat eine Person? Wie sieht die Landschaft aus, durch die die Jugendlichen auf ihrem Roadtrip kommen? Wie Mardi Gras in New Orleans? Wie sieht es in dem jungen Mädchen aus, das sein Kind abtreiben will? In der erwachsenen Frau, als sie vor ihrer unbekannten Tochter steht? U. v. m.
Und die Beschreibungen, die ich als Leser von Hannah erhalte, haben sie mir nicht gerade sympathisch gemacht. Selbstfindungsromane von (alten) Teens sind sowieso nicht so mein Fall, aber Hannah kam mir deutlich unreifer vor als eine Neunzehnjährige, die aufs College geht. Schon nach wenigen Kapiteln dachte ich: Get a grip! Die weibliche Hauptfigur macht einen wirklich unreifen und unselbstständigen Eindruck. Ich habe kein Problem damit, wenn eine Neunzehnjährige während des Studiums zu Hause wohnt und ihre Eltern um Erlaubnis fragt, wenn wenn sie sich deren Auto leiht. Aber in diesem Alter lasse ich mir doch nicht mehr vorschreiben, ob ich mich mit meinem besten Freund treffen darf!? Ich lasse mir doch keinen Hausarrest erteilen!? Respekt vor den Eltern hin oder her … Und als Hannah dann auch noch panisch die Flucht ergreift, als sie gezwungenermaßen ein Zimmer mit Jason teilen muss – meine Güte, der Junge wollte auf dem Boden schlafen! Get a life!
Noch eine Bemerkung zur obligatorischen Love Story: Sie ist vorhersehbar. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.

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Josephine Angelini: Göttlich verloren („Göttlich“-Trilogie #2)

[Achtung: Hierbei handelt es sich um den zweiten Band einer Trilogie. Der folgende Text könnte also Spoiler enthalten!]

Die 17-jährige Helen muss die Hölle gleich zweifach durchstehen. Als einzige Halbgöttin, die in die Unterwelt hinabsteigen kann, ist sie dazu verdammt, eine fast unmögliche Aufgabe zu bewältigen: Nachts schlägt sie sich durch den Hades und versucht, den erbitterten Rachefeldzug der Furien zu beenden, der wie ein Fluch auf allen Halbgöttern lastet. Aber noch schlimmer quält sie bei Tag, dass Lucas und sie sich nicht lieben dürfen.

Als Helen fast am Ende ihrer Kräfte ist, begegnet sie in der Unterwelt dem jungen Halbgott Orion, der ihr hilft, sich in dieser „Welt“ zurechtzufinden und der Lösung des Problems auf die Spur zu kommen. Je häufiger sie einander treffen, umso näher kommen sie sich. Aber Helen läuft die Zeit davon: Ein skrupelloser Feind hat es auf sie abgesehen und macht sogar vor ihren Freunden nicht Halt. Dann geschieht etwas völlig Unerwartetes, das ausgerechnet Lucas und seinen neuen Kontrahenten zum Zusammenhalten zwingt: Die vier Häuser Scion werden vereint – ein neuer Trojanischer Krieg scheint unausweichlich …

„Göttlich verloren“ ist Band zwei der Trilogie um die vier Häuser der Scions – die verschiedenen Blutlinien des königlichen Adels aus dem alten Griechenland, die wiederum auf die vier Götter Zeus, Aphrodite, Appollon und Poseidon zurückgehen. „Mittelbände“ bergen ja gewöhnlich zwei Probleme: 1. War Band 1 einer Trilogie großartig, bleibt der Autor bei Band 2 (und Band 3) oft hinter den Erwartungenn zurück, weil er sein Pulver bereits verschossen hat. 2. Band 2 einer Trilogie ist lediglich ein Füller. Beides trifft auf „Göttlich verloren“ (fast) nicht zu. Die Autorin Josephine Angelini bleibt ihren nüchternen Schreibstil treu; kein Wort ist zu viel; keine Zeile wird an blumige Beschreibungen verschwendet. Das treibt die Handlung voran, sorgt aber so manches Mal dafür, dass man mit den handelnden Personen nicht wirklich „warm“ wird, weil sie schlicht relativ oberflächlich bleiben. Das ist oft das Problem bei Geschichten, die aus der (Ich-)Perspektive eines Teens erzählt werden, der schlicht keine Nabelschau betreibt.
Was mich jedoch noch mehr geärgert hat, dass wir nicht nur die stereotypen Elemente vorfindet, die ich in meiner Kurzrezi zu „Göttlich verdammt“ erwähnt habe. Nein, jetzt kommt noch die obligatorische Dreiecksbeziehung hinzu: Lucas und Helen können keine Beziehung eingehen, da sie eng verwandt sind – und plötzlich taucht dann noch ein hinreißender Rivale auf. All das findet man heutzutage in jedem zweiten Teenie-/All-Age-Roman, und ich wünschte mir, die AutorInnen würden sich hier langsam einmal etwas anderes einfallen lassen. Dennoch spricht für die „Göttlich“-Trilogie auf jeden Fall, dass Angelini uns vor den obligatorischen Vampiren, Elfen oder Hexen verschont, sondern den Leser in die Welt der Götter entführt. Als hilfreich erweist sich hier das Personenverzeichnis am Ende des Buches, in dem die Personen mit ihren jeweiligen Fähigkeiten und Verwandtschaftsbeziehungen aufgelistet sowie Figuren aus der Mythologie erklärt werden.
Dennoch muss ich gestehen, dass ich mich beim Lesen nur selten gelangweilt habe. Die Autorin liefert genügend Abwechslung und Action, um dafür zu sorgen, dass der Leser am Ball bleibt. Und schließlich kulminiert die Handlung in einem furiosen Finale, was dafür sorgt, dass ich auf jeden Fall zu Band 3 greifen werde („Göttlich verliebt“ erscheint im Mai 2013).

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Susan Meissner: Hinter weißen Zäunen

Als ihr einziger Bruder – das schwarze Schaf der Familie – spurlos verschwindet und die Oma stirbt, nimmt Amanda Janvier ihre sechzehn Jahre alte Nichte Tally bei sich auf. Das Mädchen ist praktisch eine Waise: Seine Mutter ist schon vor Jahren gestorben; sein Vater ist ein Herumtreiber und im Grunde auch ein Kleinkrimineller, den es nie lange an einem Ort hält. Deshalb ist Amanda fest davon überzeugt, dass sie, ihr Ehemann Neil und ihre beiden Teenies dem Mädchen ein stabileres, normales Leben bieten können.
Doch was sie nicht weiß bzw. was sie fleißig ignoriert: Auch ihre heile Welt beginnt zu bröckeln. Zum einen ist das darauf zurückzuführen, dass ihr Mann eher ein Schweiger ist und sich in seine Holzwerkstatt zurückzieht, um für Gott und die Welt Möbel zu zimmern. Das wiederum führt dazu, dass Amanda Gefahr läuft, eine Affäre mit einem Kollegen einzugehen. Zum anderen hat Amandas Sohn Chase in seiner Kindheit ein Feuer im Haus seiner Tagesmutter überlebt, und die Erinnerungen daran verfolgen ihn noch heute. Aber vor allem kommt langsam eine Ahnung in ihm hoch, dass er für den Brand verantwortlich sein könnte, bei dem damals auch ein anderes Kind ums Leben gekommen ist. Da seine Familie aber in einer heilen Welt lebt, wagt er es nicht, mit seinen Eltern darüber zu reden. Und auch diese antworten ausweichend, wenn er dann doch einmal nachhakt, denn: Wenn ich über ein Problem nicht spreche, existiert es ja auch nicht, und alles ist in Ordnung.

Die Geschichte hat aber noch einen zweiten Handlungsstrang: Gemeinsam mit ihrem Cousin Chase spricht Tally für ein Schulprojekt mit Holocaust-Überlebenden. Dabei erfahren die beiden, dass auch ihre eigene Familie eine interessante Vergangenheit hat – ihre Urgroßeltern haben nämlich im Warschauer Ghetto gelebt und der Großvater ist eines von den Kindern, die damals aus dem Ghetto geschmuggelt wurden und dann bei fremden Menschen aufwuchsen.

Susan Meissners Bücher zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie besonders actionreich sind. Aber sie ist eine tolle Erzählerin, die lebensnahe Figuren kreiert. Und ihre Geschichten haben viel Tiefgang. Sie schauen hinter den Vorhang. Beschäftigen sich mit den Dingen, die Menschen nur zu gern unter den Teppich kehren. Aber sie zeigen, dass gerade diese Brüche in unserem Leben das Leben so interessant und vor allem ehrlich machen. Dass es wichtig ist, authentisch zu sein und den anderen an den Gefühlen ehrlich teilhaben zu lassen.

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Josephine Angelini: Göttlich verdammt

Schicksalhafte Liebe, antike Fehde, göttliches Erbe: Die 16-jährige Helen lebt bei ihrem Vater auf Nantucket und langweilt sich. Ihre beste Freundin Claire hofft, dass nach den Ferien endlich etwas Aufregendes passiert. Der Wunsch geht in Erfüllung, als die Familie Delos auf die Insel zieht. Alle sind hin und weg von den äußerst attraktiven Neuankömmlingen. Nur Helen spürt von Anfang an großes Misstrauen und sogar einen unerklärlichen Hass. Gleichzeitig plagen sie plötzlich düstere Albträume, in denen drei unheimliche Frauen Rache nehmen wollen. Es scheint eine Verbindung zwischen ihnen und Lucas Delos zu geben. Was dahintersteckt, erfährt Helen erst nach und nach: Lucas und sie stammen von Halbgöttern ab und sind dazu verdammt, den Untergang der Welt herbeizuführen, indem sie sich ineinander verlieben und so einen großen Krieg auslösen. Wie ihre antiken Vorbilder Paris und Helena in Troja …

„Göttlich verdammt“ ist Band 1 einer Jugendroman-Trilogie der Amerikanerin Josephine Angelini. Band 2 „Göttlich verloren“ erscheint im Mai 2012, Band 3 aller Voraussicht nach im Frühjahr 2013. Der Autorin gelingt es durchaus, eine packende, actionreiche Geschichte zu erzählen, sodass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen möchte, hat man einmal mit dem Lesen begonnen. Die Story an sich ist so interessant und die Figuren sind so glaubwürdig und „rund“, dass man sich nicht langweilt, sondern viel Spaß hat.
ABER: Die Autor war dann doch etwas, drücken wir es freundlich aus, inspiriert, denn es fallen so viele Elemente ins Auge, die man schon von anderen berühmten Jugendromanen kennt (Twilight, Chroniken der Unterwelt, Percy Jackson etc.), dass man sich streckenweise doch fragt, warum ihr nicht etwas Eigenes eingefallen ist, denn fantasievoll schreiben kann die Autorin eigentlich: Ein junges Mädchen wächst bei seinem alleinerziehenden Vater auf. Im Ort selbst lebt eine ungewöhnliche Familie, deren Mitglieder überirdisch gutaussehend sind und sich entschieden haben, anders zu leben als die anderen Mitglieder ihres „Clans“. Sie sind zwar keine Vampire (thank God), aber wenigstens Halbgötter. Obwohl das Mädchen sich für nichtssagend und wenig hübsch hält, stellt sich heraus, dass sie (natürlich) doch etwas Besonderes ist; „besonderer“ als die anderen. Und natürlich verliebt sich der schönste Delos-Sohn in sie. Es ist die große Liebe, doch sie können zueinander nicht kommen, Das Wasser war viel zu tief da [nein, ich will dann doch nicht zu viel spoilern]. Und obwohl sie eigentlich die Finger nicht voneinander lassen können, dürfen sie sich noch nicht einmal küssen. Vermutlich weil die amerikanischen Sittenwächter dann einen Herzinfarkt bekommen hätten.
Fazit: ein keuscher, verkitschter „Nackenbeißer“ eben. Besser als andere derartige Jugendromane, in denen sich zwei durchs Schicksal getrennte Teens anschmachten, aber auch nichts Neues.

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John Steinbeck: Jenseits von Eden

„Jenseits von Eden“ ist einer von drei Filmen, durch die James Dean in den 1950er Jahren Kultstatus erlangte – im wahrsten Sinne des Wortes ein großer Film, aber nur eine Facette einer großartigen Familiensaga.

Die Geschichte beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts in Conneticut und erzählt von den Halbbrüdern Charles und Adam Trask, die beide auf ihre Weise um die Liebe des Vaters kämpfen. Charles ist der Harte, der die elterliche Farm bewirtschaftet und dem scheinbar alles zufällt, während der eher zarte Adam von seinem Vater zum Militär geschickt wird, damit aus ihm ein „richtiger“ Mann wird. Nach dem Tod des Vaters bewirtschaftet Charles die Farm jahrelang alleine, während Adam zunächst seine Militärzeit verlängert und dann lange Zeit durch das Land reist, auf der Suche nach sich selbst und einem Sinn.Dann kehrt er auf die Farm zurück, und die beiden Brüder arrangieren sich mehr schlecht als recht miteinander. Der wacklige Frieden wird gestört, als die schwerverletzte wunderschöne Cathy bei den beiden auftaucht. Doch Cathys Äußeres täuscht, denn was die beiden Brüder nicht wissen: Die junge Frau hat das Haus ihrer Eltern angezündet und die beiden darin verbrennen lassen, während sie geflohen ist, um ein neues Leben zu beginnen. Als Geliebte eines reichen Mannes. Doch als sie diesem zu gefährlich wird, schlägt er sie brutal nieder und läßt sie einfach liegen.
Adam und Charles verlieben sich in Cathy, doch während Adam über ihr schönes Äußeres nicht hinausschauen kann, erkennt sein Bruder, daß Cathy ein zutiefst schlechter Mensch ist, eine verwandte Seele. Adam und Cathy heiraten und ziehen nach Kalifornien, wo sie eine Farm kaufen. Cathy wird schwanger. Doch was Adam nicht erkennt: Seine Frau haßt ihn zutiefst. Als sie Zwillinge zur Welt gebracht hat, packt sie ihre Sachen, schießt ihren Mann nieder und reist in eine nahegelegene Stadt, wo sie in einem Bordell als Hure arbeitet. Adam braucht einige Jahre, um über die Ereignisse hinwegzukommen, doch zweien seiner Freunde gelingt es, ihn in die Wirklichkeit zurückzuholen.
Aron und Caleb, die Zwillinge, wachsen nun ähnlich wie die Brüder Charles und Adam auf – in Haßliebe miteinander verbunden, im Wesen völlig verschieden und immer buhlend um die Liebe des Vaters. Und auch wenn Adam sich aufgrund der biblischen Vorlage geweigert hat, seine Söhne Abel und Kain zu nennen, können die beiden ihrem Schicksal nicht entgehen.

„Jenseits von Eden“ ist einer der besten Romane, die ich seit langem gelesen habe. Der Autor schildert eine packende Familiengeschichte, und obwohl einige der Figuren zutiefst schlecht sind, gelingt es Steinbeck beim Leser Verständnis und Sympathie zu wecken. Auch die Umsetzung der biblischen Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies, von den beiden Brüdern Kain und Abel ist faszinierend und wirft einen neuen Blick auf die altbekannte Geschichte der Menschheit.
Fazit: Unbedingt lesen.