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Sarah J. Maas: Kriegerin im Schatten (Throne of Glass #2)

Celaena hat sich in einem unerbittlichen Wettkampf gegen ihre Konkurrenten durchgesetzt und ist nun Champion des Königs. Nach seinen Vorgaben soll sie unliebsame Gegner beseitigen, die dessen grausame Herrschaft beenden wollen. Doch statt sie aus dem Weg zu räumen, warnt Celaena seine Feinde und ermöglicht ihnen so die Flucht. Dieses Geheimnis verbirgt sie zunächst selbst vor Chaol, zu dem sie sich gegen ihren Willen immer mehr hingezogen fühlt. Wie sehr kann sie ihm vertrauen? Schließlich ist Chaol der Captain der königlichen Leibgarde.

Aber auch Celaenas Verbündete Nehemia und Prinz Dorian von Adarlan haben ihre Geheimnisse. Nehemia scheint mit Archer Finn, einem alten Freund von Celaena, in eine Verschwörung gegen den König verwickelt zu sein, hilft der Assassinin aber weiterhin, Wyrdzeichen zu lernen, um dem Mysterium um die Macht des Königs auf die Spur zu kommen. Und Kronprinz Dorian entdeckt, dass er magische Fähigkeiten besitzt – etwas, das seinen Tod bedeuten könnte, wenn jemand davon erfährt …

„Kriegerin im Schatten“ ist Band 2 der „Throne of Glass“-Fantasyserie von Sarah J. Maas. Das Buch hat mich stärker überzeugt als sein Vorgänger „Die Erwählte“. Celaena wurde zwar im 1. Band als die berüchtigste Assassinin des Landes eingeführt, aber spüren konnte ich davon wenig. Auch plätscherte die (nicht wirklich vorhandene) Handlung im Einsteigerroman noch recht vor sich hin. Band 2 hat mich jedoch stärker gepackt. Die Geschichte nimmt jetzt deutlich an Fahrt auf. Sie ist vielfältiger und füllt auch tatsächlich ein so umfangreiches Buch. Sprachlich gibt es immer noch einige unschöne Passagen/Begrifflichkeiten – Sätze, in denen z. B. zweimal das Wort „heute“ vorkommt, und die Autorin/Übersetzerin scheint auch eine nervtötende Vorliebe für das Verb „rasen“ zu haben (könnten wir das bitte so langsam mal durch „eilen“, „hasten“, „stürmen“ oder „rennen“ ersetzen?!) –, aber die Geschichte hat mich so mitgerissen, dass ich darüber hinweglesen konnte. Schön auch, dass man endlich etwas mehr über die Geschichte des Landes erfährt (nachzulesen auf den Seiten 386-389), was aber auch nötig ist, da die Jagd nach den Wyrdschlüsseln ja glaubwürdig motiviert sein muss.

Die Figur der Celaena gibt in diesem Buch eine glaubwürdigere Assassinin ab. Zwar investiert sie ihren Lohn als Champion des Königs immer noch primär in typisch weibliche Dinge („Celaenas Lohn als Champion des Königs war beachtlich und sie gab ihn bis auf den letzten Cent aus. Für Schuhe, Hüte, Tuniken, Kleider, Schmuck, Waffen, Haarschmuck und Bücher. Ganze Stapel. So viele Bücher, dass Philippa ein neues Regal bringen lassen musste.“) und hat eine Schwäche fürs Ausschlafen und Essen, aber durch die Beschreibung unterschiedlicher Einsätze oder Kämpfe bekomme ich zumindest einen besseren Eindruck davon, warum sie so gefürchtet wird. Ihr fehlt zwar immer noch etwas Selbstdisziplin und Verschlagenheit, und sie ist auch oft erstaunlich naiv („Um Erileas Wohl betete Celaena, dass der König nie auch nur von Wyrdzeichen gehört hatte.“ Ähm, ja, an unterschiedlichen Stellen im Schloss finden sich Wyrdzeichen, dass der König diese in all den Jahren noch nicht entdeckt hat oder die Geschichte seines eigenen Landes nicht kennt – eher unwahrscheinlich), aber ihre Reaktion auf einen Todesfall oder einen Verrat (no spoilers …) verschafft mir als Leser eine Ahnung davon, inwiefern sie auch in der Lage ist, ihre Emotionen abzustellen, wenn es darauf ankommt. Allerdings ist sie eine so große Sympathieträgerin, dass sie unter ihren Taten leiden muss, damit sie weiter die edle Heldin bleibt. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass sie etwas mehr Entschlossenheit besäße, da sie zwar ihre Opfer gehen lässt und sich im Auftrag des Königs auf die Spur von Verschwörern begibt, aber damit verfolgt Celaena nicht wirklich ein Ziel … Sie ist sich bewusst, dass sie nicht frei ist – und es auch nie war -, aber selbst wenn sie frei wäre, wüsste sie vermutlich nicht, was sie mit dieser Freiheit anfangen sollte.
Chaol und Dorian bekommen in diesem zweiten Buch etwas mehr zu tun, aber vor allem der Captain der Leibgarde bleibt noch etwas blass. Wir erfahren, dass er täglich mit Celaena joggen geht, dass er die Wachen einteilt und kontrolliert – und dass er (zumindest) edelmütig auf die junge Frau verzichtet, weil er erkennt, dass sein Freund Dorian ebenfalls in sie verliebt hat. Allerdings muss er dann auch den Preis für seine schon penetrante Loyalität zahlen. Zum Ende des Buches hin bekommt man als Leser den Eindruck, dass er endlich aufgewacht ist …
Ein unangenehmes Erwachen erlebt auch Dorian. Er weiß zwar, welche Art Mensch sein Vater ist, wagt es aber zu keiner Zeit, auch nur innerlich dagegen zu rebellieren. Es gibt in „Kriegerin im Schatten“ (endlich) einen kleinen Plottwist, was seine Person angeht, die dazu führt, dass er wenigstens im Verborgenen aus seiner festgelegten Rolle ausbricht. Ich hoffe auch hier, dass er in den Folgebänden weitere Facetten bekommt.
Die letzte interessante Figur ist Prinzessin Nehemia, zu der ich an dieser Stelle allerdings nicht zu viel verraten will. Auch wenn sie die Einzige ist, die wirklich gegen den König aufsteht (Spoiler, ggf. markieren), ist ihr verfrühter Tod eine Verschwendung einer guten Figur. Natürlich war der Tod aus dramaturgischen Grünen notwendig – um Celaena zum Handeln/Aufstand zu bewegen -, aber ich hätte einfach gern mehr über ihre Fähigkeiten, ihre Geschichte erfahren.

Auch die Romantik spielt in diesem Buch eine etwas größere Rolle. In Band 1 deutete sich ja eine Verbindung zwischen Celaena und Dorian an. Allerdings schob die Assassinin dieser Zuneigung rasch einen Riegel vor – eine Beziehung zwischen ihr und dem Kronprinzen hätte nie eine Zukunft. Eine erstaunlich erwachsene Einsicht. In diesem Buch wendet sie sich nun Chaol zu, was sich aber ebenfalls in „Die Erwählte“ schon angedeutet hatte. Allerdings bleibt die Autorin hier auch in Stereotypen stecken, wenn sie die beiden Protas sich erst sträuben lässt – und dann bricht die alles verzehrende Liebe aus, die aber nach kürzester Zeit durch einen Schicksalsschlag zerbricht. Man könnte ja miteinander reden, einander vergeben … Eine erwachsene Form der Liebe hat offenbar in dieser Serie (noch) keinen Raum.

Mein Fazit: „Kriegerin im Schatten“ ist m. E. inhaltlich stärker als „Die Erwählte“. Die Entwicklung sowohl der drei zentralen Figuren als auch der Handlung macht mich auf die Fortsetzung wirklich neugierig, obwohl die Wendung/Offenbarum am Ende des Romans nun wirklich keine Überraschung war.

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Sarah J. Maas: Die Erwählte (Throne of Glass #1)

Celaena Sardothien ist jung, schön und schon mit 18 Jahren die berüchtigste Assassinin von Adarlan. Vor einem Jahr wurde sie an ihre Feinde verraten und zur Zwangsarbeit in einem Lager verurteilt – und da die Insassen dort nur noch eine geringe Lebenserwartung haben, ist dies ihr Todesurteil.
Doch dann taucht Chaol Westfall, Captain der Leibgarde, auf und bietet ihr eine einzige Chance zum Überleben. Der König von Adarlan, ein abgrundtief böser Mann, hat seine Vertrauten und Ratsmitglieder aufgerufen, Kandidaten aufzustellen, die sich in einen monatelangen Wettstreit liefern – der Sieger wird schließlich der „Champion“ des Königs werden. Oder mit anderen Worten: für eine bestimmte Zeit als Auftragsmörder arbeiten. Kronprinz Dorian hat für diesen Wettstreit Celaena auserwählt. Beide starten diesen Weg allerdings nicht ganz uneigennützig. Celaena kämpft um ihre Freiheit, Dorian handelt aus Trotz, will aber auch die Anerkennung seines Vaters erlangen.
Beim gemeinsamen Training mit Captain Westfall findet sie immer mehr Gefallen an dem jungen Mann. Und auch der Kronprinz lässt sie nicht kalt. Zeit, über ihre Gefühle nachzudenken, bleibt ihr allerdings nicht. Denn etwas abgrundtief Böses lauert im Dunkeln des Schlosses – und es tötet einen ihrer Konkurrenten nach dem anderen.

„Die Erwählte“ ist Band 1 der „Throne of Glass“-Reihe von Sarah J. Maas und ein durchaus gut zu lesender Fantasyroman – wenn auch sicher nicht der beste, den ich je gelesen habe. Das Buch beginnt – wie oft in Fantasyromanen der Fall – mit einer gezeichneten Karte, in der die unterschiedlichen Länder abgebildet sind, sodass man sich die Welt zumindest ansatzweise vorstellen kann.

Obwohl das Buch, wie gesagt, wirklich gut zu lesen ist, hapert es erzählerisch an der einen oder anderen Stelle. Es werden Begriffe oder Redewendungen benutzt, die m. E. nichts in einem eher mittelalterlich anmutenden Roman zu suchen haben. Ich gehe davon aus, dass ein Teil davon auf die deutsche Übersetzung zurückzuführen ist; spätestens im Lektorat hätte man Begriffe wie „Partys“ oder „ausrasten“ angemessener formulieren müssen. Auch war ich sehr unglücklich darüber, dass Ortsbezeichnungen nicht ins Deutsche übersetzt wurden. Das empfand ich als sehr störend. Die Autorin erfindet ja zahllose Namen für ihre Orte und neuen Wesen, die es sowieso nicht in der Realität gibt. Warum hat sich der deutsche Verlag dann nicht dafür entschieden, auch die englischen Begrifflichkeiten zu übersetzen? Warum nennt man die „Red Desert“ in der deutschen Ausgabe nicht „die Rote Wüste“ oder den „Great Ocean“ nicht das „Große Meer“? Die „Frozen Waters“ nicht „Eiswasser“ oder „Witch Kingdom“ das „Königreich der Hexen“ oder „Hexenreich“? Warum ist Chaol der Captain der Garde und nicht der Hauptmann? Wo liegt da das Problem? In der deutschen Ausgabe von „Der Herr der Ringe“ heißt es ja auch nicht „Shire“, sondern „Auenland“ und „Hobbingen“ statt des Englischen „Hobbington“. Die Begriffe in der deutschen Ausgabe von „Throne of Glass“ zu übersetzen, wäre nun wirklich keine große oder anspruchsvolle Aufgabe gewesen.

Die Beschreibung der Welt Erilea bzw. ihrer Geschichte hätte ebenfalls durchaus breiter geschildert werden können. Ich hätte gern noch mehr politische Hintergründe erfahren oder andere Details, die mir die Welt besser erklärt hätten. Vor allem in High-Fantasy-Büchern spielt der Aufbau einer glaubwürdigen Welt eine große Rolle, wenn es darum geht, ob ich entweder völlig in die Geschichte eintauchen kann oder gar nicht erst hineinfinde. Es gab bei Maas einfach nicht genug Details dafür, dass ich jetzt sagen könnte, ob mir die Welt gefällt oder nicht. Und dass diese Welt eine sehr interessante und faszinierende Geschichte hat, kann man zumindest aufgrund der Elena-Episoden erahnen.

Mit der Protagonistin hatte ich ebenfalls streckenweise meine Probleme. Celaena wird von Beginn an als die gefürchtetste Assassinin des Landes bezeichnet. Vor zehn Jahren hat sie ihre Eltern durch einen schrecklichen Mord verloren. Arobynn Hamel, der König der Assassinen, fand sie halb ertrunken am Ufer eines eiskalten Flusses und nahm sie unter seine Fittiche. Ihr Mentor unterzog sie einer äußerst strengen Ausbildung und machte sie zu dem, was sie heute ist … Doch nur selten konnte ich ihr in dem Buch abnehmen, dass sie wirklich so furchterregend ist, dass man sie mit einem halben Dutzend Wachen umgeben muss. Stattdessen wird sie spätestens nach ihrer Ankunft im Schloss als junge Frau geschildert, die eine unglaubliche Schwäche für schöne Kleider und den Luxus hat, der sie dort umgibt. Sie liebt Partys, ist eine Leseratte und spielt unglaublich gut Klavier. Sie scheint ständig zu erröten, wenn sie Dorian erblickt, und fühlt sich auch zu Chaol hingezogen. Sie kam mir oft nur wie ein Teeniemädel vor, das die üblichen Dinge im Kopf hat. Ich habe dann versucht, über solche Passagen mit dem Gedanken „Na ja, sie ist ja erst 18 und hat vielleicht einiges nachzuholen“ hinwegzulesen. Aber nachdem ich gefühlte tausendmal davon gelesen hatte, dass sie eine höchstgefährliche Mörderin ist, auf die die Männer aber nur mit Gedanken wie „Sie ist so unglaublich schön … Ich glaube, ich bin in sie verliebt … Ich möchte sie küssen …“ reagieren, war ich dann doch etwas genervt. Vor allem nach Passagen wie der folgenden fiel es mir auch schwer, das wirklich zu glauben:

„Süßigkeiten!“ Auf einem Kissen stand eine große Papiertüte, die mit allen möglichen Leckereien gefüllt war. Es war kein Briefchen dabei, der Absender hatte nicht einmal seinen Namen auf die Tüte geschrieben. Mit einem Achselzucken und strahlenden Augen griff Celaena hinein. Sie liebte Süßigkeiten! Sie lachte vergnügt und steckte sich das erste Teil in den Mund. Stück für Stück kaute sie sich durch das ganze Sortiment … (S. 326)

Ähm, ja, essen wir einfach einmal einen Beutel Süßigkeiten, den irgendjemand in unserem Schlafzimmer hinterlassen hat – dass diese vergiftet sein könnten, weil irgendjemand ja auch die Konkurrenz aus dem Weg räumt … Who cares?! Hinzu kam dann noch, dass Celaena ihre kämpferischen Fähigkeiten auch zu wenig einsetzen kann. Ständig weist man den Leser auf ihr Können und ihre Stärke hin, aber wirklich detailliert angewendet werden diese Fähigkeiten nur an ganz wenigen Stellen. Andererseits entpuppt sie sich aber auch als eine überaus sympathische Person (was im Grunde aber erneut dem „Sie ist die schimmste Assassinin, die es in unserem Land gibt!“ widerspricht), die man als Leser durchaus gern kennenlernen möchte. Zumindest ging es mir so. Maas hat mich aber spätestens mit dem abschließenden Kampf zwischen Celaena und ihrem Widersacher Cain neugierig gemacht, was sich wirklich hinter den mysteriösen übernatürlichen Ereignissen verbergen könnte … und darauf, dass es noch eine ganze Menge an Geheimnissen zu entschlüsseln gilt.

Auch die beiden männlichen Protagonisten, Prinz Dorian und Captain Chaol, fand ich nicht wirklich überzeugend. Beide fühlen sich mehr als offensichtlich zu Celaena hingezogen und machen dies auch ständig durch unangemeldete Besuche deutlich. Dorian, der sowieso den Hofdamen zugeneigt ist, tritt hier noch deutlich forscher auf, obwohl sich auch Chaol so seine Gedanken macht … 🙂 Dass diese nächtlichen Besuche auch bei einer „normalen“ Schlossbewohnerin unangebracht wären, lasse ich hier außen vor, und auch, dass solche Besuche angesichts von Celaenas Ruf zu gefährlich wären. Würden die Gespräche, die die beiden mit Celaena bei diesen Gelegenheiten führen, die Beziehungen wirklich nennenswert vertiefen oder die Handlung weiterbringen, wäre das ein Pluspunkt gewesen; tun sie aber nicht wirklich.

Mein Fazit: Ein solider Auftakt zu einer YA-Fantasyreihe. Da einige Aspekte angerissen werden, die (hoffentlich) in den Folgebänden weiter vertieft werden (z. B. Verschwörungen, die Fae, der übernatürliche Kampf Gut gegen Böse) werde ich Band 2 noch eine Chance geben.

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Patrick Rothfuss: Der Name des Windes

Kvothe ist der Sohn fahrender Spielleute. Als er eines Tages – er ist gerade 12 Jahre alt – im Wald für seine Mutter Salbei pflückt und verspätet ins Lager zurückkehrt, findet er dieses verwüstet vor. Seine Eltern und die anderen tot, ermordet von den geheimnisvollen Chandrian. Um ihnen auf die Spur zu kommen, riskiert Kvothe alles. Er lebt drei Jahre als Straßenjunge in der Hafenstadt Tarbean, bis er den Entschluss fasst, um Aufnahme im Arkanum zu bitten, der Universität für hohe Sympathie (Magie). Von einem Namenszauber – dem Namen des Windes -, der ihn als Kind fast das Leben gekostet hätte, erhofft sich Kvothe die Macht, das Geheimnis der sagenumwobenen Dämonen aufzudecken und sich an diesen zu rächen …

„Der Name des Windes“, das Erstlingswerk des Amerikaners Patrick Rothfuss, stand schon seit sieben Jahren in meinem Bücherregal, und seit Jahren sagten mir alle Fantasyfans, dass ich dieses Buch unbedingt lesen müsse … Wahrscheinlich stand es deshalb so lange ungelesen herum, da ich zum einen Respekt vor diesem etwa 850 Seiten dicken Schmöker hatte, zum anderen hatte ich Angst, enttäuscht zu werden. Zu oft habe ich schon erlebt, dass mir jemand (oder mehrere Jemande) begeistert von einem Buch oder einer Reihe erzählt hat und ich dann mit der jeweiligen Geschichte doch nichts anfangen konnte. Schließlich habe ich das Buch von Rothfuss doch zur Hand genommen. Mein erster Gedanke nach den ersten Kapiteln war: Verflixt, ist das gut geschrieben! Der zweite: Verflixt, das ist ja nur der Auftaktband zu einer Trilogie!

Das Buch handelt von dem Musiker, Magier und (offenbar – da im ersten Buch noch nicht thematisiert) Königsmörder Kvothe, der die Geschichte seines Lebens einem Chronisten diktiert. Dies zieht sich augenscheinlich über drei Tage hin, wobei „Der Name des Windes“ den ersten Tag abdeckt. Tag 2 wird in dem Doppelband „Die Furcht des Weisen“ erzählt; Tag 3 ist noch nicht erschienen.
Kvothe ist Mitglied einer fahrenden Truppe, der Sprössling von Menschen, die es verstehen, Geschichten zu erzählen und so die Aufmerksamkeit der Zuhörer und Zuschauer zu fesseln. Und genau das gelingt Rothfuss auch. Sein Roman ist einerseits recht gradlinig erzählt. Damit meine ich, dass er sich nicht in irgendwelchen Nebensächlichkeiten oder Beschreibungen von Dingen verliert, um „mit aller (literarischen) Gewalt“ eine Atmosphäre zu erschaffen. Nur gelegentlich hatte ich das Gefühl, dass Worte verwendet werden bzw. dass es Aspekte gibt, die dieser eher mittelalterlichen Welt einfach nicht angemessen sind. Zum Beispiel die Drogenproblematik. Andererseits versteht Rothfuss es aber, Emotionen auf eine Weise zu beschreiben, dass man ihm nur mit offenem Mund folgen kann. Bestes Beispiel sind sicher die beiden Kapitel über die drei unterschiedlichen Arten von Stille (Prolog und Epilog): Die erste Stille ist die Stille, die entsteht, wenn kein Geräusch zu vernehmen ist. Der Wind weht nicht, es sind keine Menschen versammelt, die fröhlich miteinander plaudern oder Musik machen. Die zweite Stille beschreibt die Stille zwischen zwei Männern, die beisammensitzen, sich zwar unterhalten, aber über das Wesentliche bewusst schweigen, wodurch sie der Stille etwas Mürrisches geben. Die dritte Stille ist tiefer, schweigender, bedeutungsschwanger, aber nicht weniger greifbar; sie schweigt über das Entsetzliche, das geschehen ist, und ist eine Vorbotin des Todes.

Ebenfalls gelungen ist Rothfuss die Charakterisierung der Figuren. Sie sind sehr anschaulich und facettenreich beschrieben, nur wenige sind einfach nur eindimensionale Gestalten. Rothfuss verpasst seinem Protagonisten eine sehr detailreiche und authentische Hintergrundgeschichte, aber diese Beschreibungen werden nicht schlicht als Informationen vermittelt, sondern fließen ungemein organisch in die Handlung ein. Kvothe stammt, wie gesagt, von Spielleuten ab und wächst in den ersten zwölf Jahren in einer Atmosphäre der Liebe und Zuneigung auf; Fröhlichkeit, Herzlichkeit, Kreativität und Wissbegierde zeichnen seine Kindheit. Schon früh bringen ihm seine Eltern und die anderen Mitglieder seiner Truppe auf natürlichem Wege alles bei, was er als Spielmann wissen muss. Als die Truppe dann einen Arkanisten (Wissenschaftler & Magier) aufnimmt, unterweist auch dieser ihn in seinen Fähigkeiten, wobei Kvothe sich als Naturtalent entpuppt. Nach dem Unglück lebt er einige Jahre als Straßenkind in Tarbean, wo er weitere Fähigkeiten entwickelt, die ihm später zugutekommen werden, und wo er sich in der kalten Atmosphäre des täglichen Überlebenskampfes auch rein menschlich weiterentwickelt. Wiederum drei Jahre später gelingt ihm die Aufnahme in das Arkanum, wo er die gelernten Fähigkeiten durch neue Kenntnisse erweitert und sein Charakter durch Herausforderungen und neue Erfahrungen ein weiteres Mal geformt wird. Kvothe entpuppt sich zwar bei all dem als resistenter, hyperintelligenter Überlebenskünstler mit großem Herz, ist aber dennoch nicht perfekt und hat, wie wir alle, seine Schwächen und Makel: Er trifft übereilte Entscheidungen, ist hin und wieder ausgeprochen naiv, stößt Menschen durch seine Art vor den Kopf und macht sich so Feinde etc., womit er in vieler Hinsicht eine erfrischend „normale“ Figur mit hohem Identifikationspotenzial ist.
Die zweite für die Handlung wichtige Figur ist sicher Denna, zu der ich aber ein etwas gespaltenes Verhältnis hatte, weil ich mir ihr Verhalten größtenteils nicht wirklich erklären konnte. Oft habe ich mich gefragt, ob sie schlicht eine Überlebenskünstlerin ist, die eben tut, was sie tun muss, ob sie in vieler Hinsicht naiv und unbedarft ist oder ob es da Informationen gibt, die mir als Leser (und Kvothe ebenfalls) einfach noch nicht zur Verfügung stehen. Sie ist wunderschön, wodurch sie die Aufmerksamkeit aller Männer auf sich zieht und sich so ihr Überleben sichert. Natürlich erobert sie auch Kvothes Herz, dessen sie sich durchaus bewusst ist; andererseits lässt sie ihn aber in gewisser Hinsicht am ausgestreckten Arm verhungern und verschwindet für Wochen, ohne sich bei ihm zu melden – um dann mit einem neuen „Gönner“ aufzutauchen. Da Protagonisten in Romanen oft einfach zu perfekt sind, zu fehlerlos, ist sie damit aber ebenfalls eine erfrischend facettenreiche Gestalt, denn wer von denen, die diese Bücher lesen, ist denn schon so perfekt wie die Figuren in einer Geschichte?

Die hohe erzählerische Qualität des Romans zeigt sich aber nicht nur bei der Charakterzeichnung. Auch die Handlung selbst überzeugt. Rothfuss führt den Leser gemeinsam mit Kvothe an die unterschiedlichsten Orte und erweckt diese regelrecht zum Leben: zu einer Truppe von Spielleuten und auf die schmutzigen Straßen (und Dächer) der Stadt Tarbean, in die „magische Universität“ (die sich beim Bau neuer Gebäude so unerbittlich und chaotisch ausgedehnt hat, dass man einige Räume gar nicht mehr oder nur über sehr verschlungene Wege erreicht), in die unterschiedlichsten Schenken, in denen Kvothe lebt oder sich ein wenig Geld verdient, oder in das Hinterland, wo Kvothe nicht nur Spuren von den Chandrian findet, sondern auch einen Drachen trifft … Überall begegnet er neuen Menschen, steht vor neuen Herausforderungen, erlebt neue Abenteuer, muss um sein Überleben kämpfen.  Und all das wird von Rothfuss so natürlich und gleichzeitig packend geschildert, dass es schwer fällt, das Buch aus der Hand zu legen.

Mein Fazit: „Der Name des Windes“ ist tatsächlich einer der besten (Fantasy-)Romane, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe. Jetzt weiß ich, warum alle Fantasyfans schon seit Jahren davon schwärmen, und werde mir auch die beiden Folgebände zu Gemüte führen.

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Julie Kagawa: Drachenzeit (Talon #1)

kagawa-talon1Strand, Meer, Partys – einen herrlichen Sommer lang darf Ember Hill das Leben eines ganz gewöhnlichen kalifornischen Mädchens leben! Danach muss sie in die strenge Welt des Talon-Ordens zurückkehren – und kämpfen. Denn Ember verbirgt ein unglaubliches Geheimnis: Sie ist ein Drache in Menschengestalt, auserwählt, um gegen die Todfeinde der Drachen, die Krieger des Geheimordens St. Georg, zu kämpfen.
Garret ist einer jener Krieger, und er hat Ember sofort als Gefahr erkannt. Doch je näher er ihr kommt, umso mehr entflammt er für das ebenso schöne wie mutige Mädchen. Und plötzlich stellt er alles, was er je über Drachen gelernt hat, infrage …

„Drachenzeit“ ist Band 1 der Talon-Reihe von Julie Kagawa. Lange standen die bislang schon lieferbaren Bücher auf meiner Wunschliste; an Weihnachten bekam ich die ersten 3 Bände geschenkt. Und meine Erwartungen waren hoch. Kagawas „Plötzlich Fee“-Reihe habe ich vor einem Jahr innerhalb weniger Tage verschlungen; ihre „Unsterblich“-Reihe habe ich schon zweimal gelesen, und das wird nicht das letzten Mal gewesen sein. Aber an „Drachenzeit“ bin ich gescheitert.
Ich hatte teilweise das Gefühl, dass es gar nicht Julie Kagawa ist, die mir hier neue Abenteuer über Drachen und Drachenjäger schildert, sondern ein Teeniemädel, das ihre Teeniefantasien zu Papier bringt. Versteht mich nicht falsch: Die Geschichte ist durchaus sehr gut und flüssig geschrieben. Aber die Zeichnung der Figuren und die Welt der Drachen – praktisch Fehlanzeige.
Kagawas Stärke sind eigentlich immer die großartigen (jungen) Frauenfiguren. Echte Kämpferinnen, die ihre Welt erobern, die nicht nur Damsels in Distress sind, sondern selbst zupacken können und nicht von einem Mann gerettet werden müssen. Und vor allem sind sie keine Weibchen, deren Leben sich nur um den Mann ihrer Träume dreht. Zugegebenermaßen sind sie in allen Büchern der Autoren recht perfekt, aber hier war es noch schlimmer. Doch in „Drachenzeit“ wird mir eine Mädchenfigur geliefert, die mehr als nur perfekt ist. Sie ist hübsch, intelligent und innerhalb kürzester Zeit in der Lage, auf einem Surfbrett die tollsten Wellen zu bezwingen. Ich erwarte sicher nicht, dass Ember sich als eine kleine Lara Croft entpuppt, aber da sie ein Drache ist, hätte ich mir hier deutlich mehr Facetten gewünscht. Und als sie Garret kennenlernt, muss ich kapitellang Beschreibungen über ihre Gefühle für den geheimnisvollen jungen Mann durchlesen – seine Augen, sein Körper … Und natürlich ist es Instalove, als Garret sie kennenlernt: Hat er vorher noch unter Einsatz seines Lebens gefährliche Drachen vernichtet, entwickelt er sich hier in einen hormongesteuerten Jungen zurück, der nur noch Augen für „sie“ hat. Und hatte ich schon erwähnt, wie toll und gutaussehend er ist?! Bei beiden Figuren hätte ich mir einfach deutlich mehr Tiefgang erwartet. Und daran ändert sich eigentlich wenig, als Riley auf der Bildfläche auftritt und der obligatorische Love Triangle seinen Anfang nimmt – ein junger Mann, zu dem sich Embers innerer Drache natürlich sofort hingezogen fühlt, denn er ist ja ach so geheimnisvoll und toll und wild und frei …
Die Drachenwelt ist das zweite Problem, das ich mit diesem Roman hatte: Ich meine, hallo!, die Hauptfiguren sind Drachen – also schildere mir bitte eine glaubwürdig konstruierte Drachenwelt: Wie sehen die aus? Welche Fähigkeiten haben die? Wo kommen die her? Was hat sich in ihrer Historie ereignet? Welches gesellschaftliche System haben die? Was macht man als Drache so Hunderte von Jahren lang? Gibt es Kunst und Poesie oder nur Wirtschaft und Politik? Ähnliches gilt auch für die Drachentöter des Geheimordens St. Georg: Wo kommen die her? Gehören die zur Regierung? Wie kommt es, dass die Menschheit nichts von den Drachenkämpfen mitbekommt? All das fehlt mir zum ersten Mal in einem Buch von Kagawa. Stattdessen war das Einzige, das ich immer vor mir sah, ein weißer Sandstrand, die Sonne Kaliforniens und das große Meer; gespickt mit der einen oder anderen Party. Mehr Kopfkino lief bei mir leider nicht.
Und diese fehlende „Romanwelt“ führte dazu, dass auch die Handlung fast nur vor sich hinplätschert. Und jetzt kommt mein Geständnis: Nachdem die Handlung auch nach gut 300 Seiten wirklich nur vor sich hindümpelte und ich abends auch einfach keine Lust hatte, mir noch Dutzende von Seiten mit Teenieschwärmereien anzutun, habe ich beschlossen, das Buch zur Seite zu lesen und mir erst einmal einen anderen Titel von meinem SUB zu schnappen. Ich werde dem Buch sicher noch einmal eine Chance geben, weil ich die Autorin, wie gesagt, sehr schätze. Aber jetzt ist es einfach nicht dran.

Mein Fazit: Julie, was hast du da nur getan?!

 

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Susan Ee: Angelfall – Nacht ohne Morgen

susan ee angelfall nacht ohne morgenVor sechs Wochen sind die Engel auf die Erde gekommen. Doch sie haben nicht Frieden und Freude, sondern Elend und Zerstörung mit sich gebracht: Weltweit liegen die Städte in Trümmern und die Menschen trauen sich vor Angst kaum noch auf die Straße.
Auch die siebzehnjährige Penryn kämpft mit ihrer schizophrenen Mutter und ihrer im Rollstuhl sitzenden Schwester Paige ums Überleben. Als sie eines Nachts unterwegs sind, werden die drei Zeugen, wie ein Engel mit weißen Flügeln von einer Gruppe anderer Engel angegriffen wird. Nachdem diese seine Flügel abgeschnitten haben und ihm den Todesstoß versetzen wollen, greift Penryn wider besseres Wissen ein. Es gelingt ihr zwar, den schwer verletzten Engel zu retten, doch ihre Mutter ist verschwunden – und ihre Schwester wurde von einem der Angreifer entführt.
Penryn macht sich auf den Weg zum Horst, dem Hauptquartier der Engel, in San Francisco, um ihre Schwester zu befreien. Doch dafür braucht sie Hilfe – und die kommt ausgerechnet von Raffe, dem flügellosen Engel. Dieser ist bereit, sich mit einem der verhassten Menschenkinder zu verbünden, um sich vielleicht doch noch mithilfe seiner himmlischen Brüder die abgeschnittenen Flügel wieder annähen zu lassen …

„Angelfall – Nacht ohne Morgen“ ist Teil 1 von Susan Ees „Angelfall“-Trilogie und ein wahrer Pageturner, den ich innerhalb eines Tages verschlungen hatte. Die Autorin wirft uns direkt in die Geschichte hinein. Die Welt von „Angelfall“ ist postapokalyptisch zerbrochen und voller entsetzlicher Schrecken – nur die Stärksten können am Leben bleiben. Die Engel sind aus dem Himmel und der Hölle auf die Erde gekommen – und sie sind alles andere als barmherzige Boten Gottes oder knuddlige Amore. Sie sind erbarmungslose Krieger, die alles vernichten, was sich ihnen in den Weg stellt – was sieh hier wollen, erfährt man übrigens nicht -, und nach dem Tod ihres Anführers in politische Grabenkämpfe verwickelt sind. Actionreich führt uns Ee durch die düstere Handlung, in die aber durch Penryns Opferbereitschaft immer wieder Licht hineinfällt und Hoffnung. Bis, ja bis die Geschichte am Ende nach vielen Überraschungen, actionreichen Begegnungen und unerwarteten Wendungen und Verrate noch einen erschütternden Bruch zum Horror nimmt, als Penryn im Horst eine fürchterliche Entdeckung macht: Wesen, die noch tödlicher sind als die Engel.

Erzählerisch wirft uns Ee ins kalte Wasser: Wir erfahren sofort, was in den vergangenen Wochen geschehen ist – Naturgewalten, Angriffe, Zerstörung, Tod und Leid … Und wir lernen auf diese Weise beinahe nebenbei auch gleich die ersten drei Figuren kennen: die Mutter, die unter paranoider Schizophrenie leidet und einen Bibel-Knacks hat, die eine ganz eigene Sicht der Realität besitzt und überall Dämonen sieht, immer wieder verschwindet und offenbar für die „Behinderung“ ihrer jüngsten Tochter verantwortlich ist. Diese, die siebenjährige Paige, sitzt nach einem … Unfall mit zwei Jahren im Rollstuhl, ist aber ein sehr lieber Mensch mit einem großen Herzen.
Und schließlich die furchtlose, toughe Penryn (aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird), die alles tut, um auch den letzten Rest ihrer Familie am Leben zu halten. Bis sie den Fehler begeht, einem Engel, den seine himmlischen Brüder gerade töten wollen, helfend zur Seite zu stehen.
Raffe ist zwar ein erfahrener Krieger (und wer erkennt hier nicht sofort, dass er es mit einem bekannten Erzengel zu tun hat …) und aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit auch eine Ausgeburt an Arroganz. Doch Penryns Entschlossenheit und Kampfbereitschaft sowie ihre Loyalität nicht nur zu ihrer Familie, sondern auch zu ihm, einem Feind, lässt ihn nicht kalt. Die Ich-Erzählerin erklärt zwar immer wieder, wie sehr sie Engel hasst, aber jeder Leser weiß spätestens nach der zweiten oder dritten Erwähnung seiner überirdischen Schönheit, seines muskulösen Körpers oder seiner dunkelblauen Augen, dass ihn hier (auch) eine Liebesgeschichte erwartet. Aber da ich eine rettungslose Romantikerin mit einer Schwäche für HEA-Geschichten bin und Susan Ee mir diese Love Story in diesem Einsteigerband sehr dezent und überaus unkitschig liefert (endlich schlägt die Liebe mal nicht wieder der Blitz ein), während sie ihr primäres Augenmerk auf dem Horror dieser Welt voller Engel richtet, sehe ich ihr das gerne nach.

Mein Fazit: Hier stimmt alles: das Tempo, in dem die Geschichte erzählt wird. Die vielschichtigen Charaktere. Die Mischung aus Dystopie, Fantasy, Horror, Liebesgeschichte. Die Luft blieb mir in vielen Szenen schlicht weg – ein sehr gelungenes Debüt! Und überhaupt: Es müsste verboten werden, dass Verlage sechs oder zwölf Monate mit der Veröffentlichung einer Fortsetzung warten! Das fällt wirklich schon in die Rubrik Folter!

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Julie Kagawa: The Forever Song (Blood of Eden 3)

kagawa-unsterblich3-englSeit ihrer Verwandlung zum Vampir stand Allison Sekemoto immer wieder vor der Frage, ob sie nun ein gewissenloses Monster ist oder sich nicht doch einen letzten Rest Menschlichkeit bewahren kann. Bislang hat sie sich immer für die Seite der Menschen entschieden. Doch dann muss sie mit anhören, wie Zeke – der Junge, den sie liebt – von dem wahnsinnigen Meistervampir Sarren gefoltert und ermordet wird.
Allie gibt den Kampf auf und entscheidet sich dafür, ihrem inneren Monster freien Lauf zu lassen. Sie ist fest entschlossen, gemeinsam mit ihrem Schöpfer Kanin und ihrem Blutbruder Jackal den Psychopathen zur Strecke zu bringen. Dieser ist auf dem Weg in die letzte reine Menschenstadt Eden, wo er ein mutiertes Virus freisetzen will, das Menschen ebenso vernichtet wie Vampire.
Doch die Spur, die er auf seiner Reise zum Lake Erie hinterlässt, ist blutig und voller tödlicher Fallen …

„The Forever Song“ ist der Abschlussband von Julie Kagawas „Blood of Eden“ bzw. „Unsterblich“-Trilogie und für mich wieder ein echter Pageturner (Band 1: Tor der Dämmerung; Band 2: Tor der Nacht). Der Roadtrip der drei Vampire Kanin, Jackal und Allie hätte durchaus etwas langweilig werden können, da er sich über knapp 2/3 des Buches hinzieht. Doch durch den beinahe schon konstanten Schlagabtausch zwischen Jackal und Allie fließt zum einen ein humorvolles Element in die Handlung ein. Kagawa gelingt es wunderbar, die bissigen Dialoge von Geschwistern widerzugeben, die einerseits durch ihre Blutsverwandtschaft untrennbar verbunden sind, sich aber andererseits nicht leiden können, weil sie so unterschiedlich sind. Und Kanin kommt die Rolle des leicht genervten Vaters zu, der seine unerzogenen Kinder am liebsten aus dem Auto werfen möchte. Solche Szenen haben mich sehr amüsiert und brachten auch etwas Licht in die ansonsten sehr düstere Handlung. Neben dem verbalen Humor sorgen auch Sarrens blutige Fallen für Unterhaltung. Der Psychopath überfällt auf dem Weg nach Eden alle menschlichen Siedlungen – zum einen, um seine Verfolger auszuhungern, zum anderen, um ihr Fortkommen zu verlangsamen, damit er seine teuflichen Pläne in Eden ungestört umsetzen kann. Ganz zu schweigen davon, dass dies einfach seinem kranken Sinn für Humor entspricht.
Auch als die drei Vampire Eden schließlich erreichen und es zum großen Kampf mit Sarren kommt, behält die Autorin ihr hohes Erzähltempo bei. Sie erweist sich auch hier wieder als großartige Erzählerin. Man glaubt wirklich, mit dabei zu sein, als die drei durch das verlassene Eden schleichen und sich gegen mutierte Verseuchte zur Wehr setzen müssen … Diese Aspekte des Buches haben mir sehr gut gefallen. Besser, als dies z. B. in ihren „Plötzlich Fee“-Romanen der Fall war.
Was mir weniger gefiel (und vermutlich jammere ich hier auf hohem Niveau), war, dass die Charaktere relativ statisch blieben. Achtung, Spoiler! Weiterlesen auf eigene Gefahr! Allie gibt sich nach Zekes vermeintlichem Tod ihrer dunklen Seite hin. Sie übernimmt einige von Jackals Charakterzügen, was diesen begeistert, aber eine Enttäuschung für ihren Schöpfer darstellt. Dennoch kehrt sie schon nach einem „Erziehungsversuch“ von Kanin zu ihrer Menschlichkeit zurück. Als Leser erfährt man zwar, dass ihr inneres Monster sich danach sehnt, freigelassen zu werden, doch wirklich spüren kann man davon nichts. Sie bleibt in dieser Hinsicht relativ statisch.
Ähnlich ist es bei Wirklich, jetzt kommen echte Spoiler! Zeke. Dieser wurde von Sarren nicht getötet, sondern in einen Vampir verwandelt und dazu noch einer Art Gehirnwäsche unterzogen, sodass von dem alten Zeke nichts mehr übrig geblieben ist. Heißt es zumindest. Gemeinsam mit Sarren ist er auf dem Weg nach Eden – und an jedem Blutbad auf dem Weg mit großer Begeisterung beteiligt. Vor allem an der Falle, die unsere drei Retter in Chicago erwartet, wo Zeke als neuer König regiert. Diese bis dato unglaublich angepasste, langmütige Figur hätte wirklich Potenzial gehabt, ein echter Bösewicht zu werden. Doch leider kehrt er schon nach einem heroischen Rettungsversuch von Allie auf die lichte Seite der Macht zurück. Und auch als er gemeinsam mit den drei Vampiren in Eden bei den letzten Überlebenden ankommt, spürt man nichts davon, dass er ein frisch verwandelter Vampir ist, der gerade mit großem Enthusiasmus Dutzende von Menschen vernichtet hat. Er ist wieder der All-American-Boy, ein ausgesprochen zahnloser Tiger. Und am Ende reiten die beiden in den Sonnenuntergang und leben ihr „White Picket Fence“-Leben … Schade.
Mein Favorit auch dieses Buches ist wieder Jackal. Zeke soll vermutlich das Herz der Leserinnen erobern, aber deutlich interessanter war für mich Allies Bruder Jackal, der definitiv zu meinen literarischen Lieblingscharakteren gehört. Er ist schon lange Vampir und hat großen Spaß daran. Und obwohl er immer wieder betont, wie langweilig Kanin und Allie doch (als Vampire) sind, zögert er nicht, sich ihnen auf ihrer Jagd nach Sarren anzuschließen. Er behauptet zwar, dass er dies nur tut, damit sein menschlicher Nahrungsmittelvorrat nicht ausgeht, doch er erweist sich als loyaler Mitstreiter. Und das Schlimme ist: Weder Allie noch Kanin erkennen dies wohlwollend an. Stattdessen bestrafen sie ihn mit Misstrauen (Allie) oder Ignorieren (Kanin). An dieser Stelle tat er mir wirklich leid, denn er ist ja ebenfalls bereit, sein Leben zu opfern, um den Ausbruch des Virus zu verhindern. Und auch hier noch mal ein Appell an Julie Kagawa: Bitte ein Jackal-Spin-off!

„Well, isn’t this fucking hilarious. We saved a bunch of bleating meatsacks, killed a psychopath who is older than dirt, stopped another world-destroying plague … and we still don’t have the cure. God really does hate us after all. Seeing as this is probably my last hurrah, I don’t suppose I could get you two bleeding hearts to massacre a village with me? For old time’s sake.“ (S. 361)

Mein Fazit: Ein würdiger Abschluss einer großartigen dystopischen Trilogie! Mehr davon! Ich habe Kagawas „Talon“-Reihe noch nicht gelesen, frage mich aber, wie sie die „Unsterblich“-Trilogie noch toppen will!

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Julie Kagawa: Unsterblich – Tor der Nacht (Band 2)

kagawa-unsterblich2Die siebzehnjährige Allison Sekemoto lebt in einer Welt, in der die meisten der Menschen, die nach einer schrecklichen Plage noch am Leben sind, von den Vampiren wie Sklaven gehalten werden, im Gegenzug aber relative Sicherheit in befestigten Städten genießen. Nachdem Allie von Verseuchten lebensgefährlich verletzt wurde, hat sie das Rettungsangebot eines Vampirs – Kanin – angenommen und ist ebenfalls zu einem Geschöpf der Nacht geworden.
Doch dann erfährt sie, dass Kanin von seinem Erzfeind Sarren gefangengenommen wurde und gefoltert wird, und macht sich auf die Suche nach ihm. Bald schon muss sie feststellen, dass sie nicht seiner Spur folgt, sondern der ihres Blutsbruders Jackel, dem (ehemaligen) König von Alt-Chicago, der als Kind von Kanin ebenfalls dessen Hilfeersuchen nachkommt. Die beiden schließen einen Waffenstillstand – und Allie findet sich wenig später an dem Ort wieder, der einst ihre Heimat war.
Dort macht sie eine furchtbare Entdeckung: Die Rote Schwindsucht, die den Menschen vor Allies Geburt zum Verhängnis wurde, ist zurückgekehrt. Und diesmal laufen auch die Vampire Gefahr, sich anzustecken. Doch was niemand ahnt: Der Wahnsinnige Sarren, der Kanin gefangen hält, steckt hinter dem Ausbruch des Virus, denn er will die gesamte Welt von Menschen und von Vampiren säubern …

„Unsterblich – Tor der Nacht“ ist Band 2 von Julie Kagawas „Unsterblich-Trilogie“ (Band 1: Tor der Dämmerung, Band 3: Tor der Ewigkeit). Leider kommt es ja bei Trilogien häufig vor, dass nach einem sehr packenden ersten Teil mit Band 2 ein „Füller“ folgt, eine riesige Enttäuschung, und etwas Ähnliches hatte ich aufgrund von einigen negativen Erfahrungen mit anderen Dystopien auch bei der „Unsterblich“-Trilogie befürchtet. Doch es ist beinahe das Gegenteil der Fall: Band 2 gefiel mir fast noch besser als sein Vorgänger. Julie Kagawa zeigt sich auch hier als exzellente Erzählerin, der es schon nach wenigen Seiten gelingt, mich in die Handlung hineinzuziehen – und sie lässt mich durch die gesamte actionreiche Handlung hindurch auch nicht mehr los. Ich bange mit, amüsiere mich über den Schlagabtausch der Protagonisten, folge ihnen in die Unterwelt des Abwassersystems der Vampirstadt, halte die Luft an, als sie von Kannibalen angegriffen werden, hoffe, dass ihnen Kanins Rettung gelingt, bin geschockt, als sich ein Freund als Feind entpuppt, und kann selbst am Ende des Buches nicht verdient aufatmen, da es mit einem fiesen Cliffhanger endet. Gott segne den Erfinder des E-Books! Band 3 befindet sich nämlich wohlweislich schon auf meinem E-Book-Reader! 🙂

In meiner Rezension zu Band 1 hatte ich mich bereits zu den Besonderheiten der Serie und zur Welt und den zentralen Charakteren von „Unsterblich“ geäußert, deshalb verzichte ich an dieser Stelle darauf, das noch einmal zu tun.
Die Besonderheit – zumindest für mich – von Band 2 ist Jackal, der ebenfalls von Meistervampir Kanin erschaffen wurde und somit Allies Blutsbruder ist, allerdings schon einige Jahrzehnte älter als das junge Mädchen. In Band 1 trat er als der machtgierige König der Banditen von Alt-Chicago auf, der Allies Mitreisende entführte, um ihrem Anführer Jeb Crosse Informationen über das Virus abzupressen. Crosse war Nachkomme eines Wissenschaftlers, der beim Ausbruch der Seuche an deren Erforschung beteiligt war, und im Besitz eines USB-Sticks, der alle wissenschaftlichen Informationen darüber enthält. Doch Allie und ihrem Menschen-Freund Zeke war es gelungen, den Stick in ihren Besitz zu bekommen, einige der Gefangenen zu befreien und aus Chicago zu flüchten. Nachdem Allie ihre Freunde am Ende von Band 1 in die Sicherheit der letzten reinen Menschenstadt Eden geführt hat, muss sie als Vampir dieses „Paradies“ wieder verlassen und sich von Zeke und den anderen verabschieden. Sie folgt nun schon seit vier Monaten Kanins „vampirischen Hilferufen“ (da er ihr Schöpfer ist, ist sie auf besondere Weise mental mit ihm verbunden) und findet sich schließlich in Washington, D.C., wieder. Dort stößt sie jedoch nicht auf Kanin:

„Hallo, Schwesterchen“, begrüßte mich Jackal. Seine goldenen Augen funkelten im Halbdunkel. „Wurde auch Zeit, dass du endlich auftauchst.“

Die beiden beschließen, sich nicht an die Kehle zu gehen, sondern sich zu verbünden, um ihren Schöpfer zu finden und zu befreien. Allie, weil sie sich Kanin verpflichtet fühlt; Jackal, weil er sich noch immer auf der Suche nach dem Gegenmittel für die Seuche befindet – schließlich will er als Vampir ja nicht, dass sein „Nahrungsmittelvorrat“ ausgeht. Und damit beginnt ein Roadtrip der ganz besonderen Art. Beide hassen sich zutiefst. Zumindest hasst Allie Jackal, da er einige ihrer Freunde getötet hat; Jackal behandelt sie eher mit der amüsierten Überlegenheit eines älteren Bruders, und so ist der konstante Schlagabtausch der beiden unglaublich bissig und humorvoll. Allie wurde bereits in Band 1 als überaus sympathischer Charakter mit hohem Identifikationspotenzial eingeführt, und daran ändert sich auch in Band 2 nichts; ihre Authentizität und Gradlinigkeit verstärken sich weiter. Doch Jackal gleicht dies mühelos aus. Der dystopische Roman hätte aufgrund seines düsteren Settings und der teilweise tragischen Geschichten durchaus schwermütig werden können, aber Jackal lockert die Stimmung durch seine sarkastische Art und seine gelegentlich brutale Rücksichtslosigkeit immer wieder auf. Wenn Kagawa sich entschließen würde, ihm einen Spin-off zu gönnen, würde ich diesen ohne zu zögern kaufen. 😉
Noch interessanter wird das Ganze, als ein alter Freund auftaucht … Aber an dieser Stelle möchte ich nicht spoilern …

Mein Fazit: Handy und Fernseher ausschalten, und dann: Lesen! Mit „Unsterblich – Tor der Nacht“ zementiert Julie Kagawa ihre Position als meine aktuelle Lieblingsautorin!