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Adrian J. Walker: Am Ende aller Zeiten

Edgar Hill ist Mitte dreißig und er hat sein Leben gründlich satt. Er ist unzufrieden mit sich und seinem Alltag in Schottland als Angestellter, Familienvater und Eigenheimbesitzer. Seinen beiden kleinen Töchtern steht er recht distanziert gegenüber, die Beziehung zu seiner Frau ist abgekühlt. Stattdessen flüchtet er sich in das Feierabendbier und den Fernseher. Er fragt sich: War das sein Leben? Hat das alles irgendwann einmal ein Ende? Er ahnt nicht, dass sich die Katastrophe bereits anbahnt.
Als das Ende kommt, kommt es von oben: Ein dramatischer Asteroidenschauer, den die Regierungen der Welt bis zum Vorabend vor den Menschen geheimgehalten haben, verwüstet (nicht nur) die Britischen Inseln. Das Chaos ist gigantisch, die Katastrophe total. Ganze Städte werden ausgelöscht. Straßen, das Internet, die Zivilisation selbst gehören plötzlich der Vergangenheit an. England liegt in Schutt und Asche. Ist dies der Weltuntergang?
Edgar und seine Familie können sich in ihren Keller retten und werden eine Woche später von militärischen Suchtrupps gefunden. Während es zunächst den Anschein hat, als … , werden die vier während der Evakuierung voneinander getrennt, und ihm bleibt nur eine Wahl: Will er Frau und Kinder jemals wiedersehen, muss er innerhalb von etwa drei Wochen 500 Meilen weit laufen, um das rettende Schiff zur Südhalbkugel zu erwischen – durch ein zerstörtes Land, von Edinburgh nach Cornwall.
Zusammen mit einer Handvoll Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Lauf durch ein sterbendes Land. Doch sein Weg ist gefährlich: Im postapokalyptischen England kämpft jeder gegen jeden ums blanke Überleben.

„Am Ende aller Zeiten“ ist schon rein äußerlich ein Hingucker. Das Buch des Australiers erinnert an ein Notizbuch mit einem schon strapzierten Gummizug, der an mehreren Stellen festgetuckert wurde, und dieser „Gummizug“ wurde auf das Cover des Buches aufgeprägt, was sich sehr schön anfühlt, wenn man darüberstreicht (ja, ich habe es mehrmals getan :-)).

Die Geschichte selbst ist aber auch sehr gut und packend erzählt. Es fiel mir immer wieder schwer, das Buch aus der Hand zu legen, obwohl es zwangsläufig viele unangenehme Szenen enthält. Man glaubt es kaum, dass es sich bei „Am Ende aller Zeiten“ wirklich um einen Erstling handelt! Wenn man wollte, könnte man höchstens kritisieren, dass der Wechsel von grausamen, spannenden Szenen zu Atempausen – für den Leser und für Ed und seine kleine Gruppe – sich zu durchschaubar vollzieht. Walker (wenn hier mal nicht der Name Programm ist!) beschreibt die Umwelt so ausführlich, wie es notwendig ist, aber keinen Satz mehr. Das Gleiche gilt auch für gelegentliche Rückblicke in Eds Kindheit: Der Leser erfährt das, was er über Ed wissen muss (wie er zu dem wurde, der er heute ist, und dass er schon in seiner Kindheit „prophetische“ Träume davon hatte, dass er einmal ganz allein sein würde), aber auch nicht mehr als nötig. Auch die Welt nach dem Einschlag der Asteroiden wird zwar sehr realitätsnah und sehr düster beschrieben, aber nicht mit einer derartigen detaillierten „Freude“ an der Grausamkeit und der Zerstörung, wie man sie bspw. bei The Walking Dead findet. Walker interessiert vielmehr , wie die „Gesellschaft danach“ aussieht: kalt. Grausam.

Was mich immer wieder berührt, wenn ich postapokalyptische Romane lese: Die Autoren sind sich erschreckend einig darin (ja, ich weiß, das macht das Wesen einer Dystopie aus …), dass die Menschheit sich unweigerlich negativ entwickeln wird. Gibt es eigentlich überhaupt einen Autoren, der glaubt, dass in der Menschheit auch nur ein Hauch von Menschlichkeit steckt?! Bei Walker ist dies auch der Fall: Schon bevor das Unglück eintrifft, beginnt der Kampf um Lebensmittel und (Über-)Lebensraum, und daran ändert sich  zwangsläufig auch nach der Katastrophe nichts. Die Menschen rotten sich zusammen, denn in der neuen Welt kann ein Einzelner kaum überleben. Man rottet sich zusammen, um Lebensmittel zu sichern, um stärker zu sein als andere Überlebende, die denselben Kampf ausfechten. Und schnell zeigt sich, dass die Überlebenden vor nichts, aber auch gar nichts zurückschrecken, um ihr neugefundenes Stück vom Kuchen zu verteidigen. Und erstaunlicherweise hat mich noch nicht einmal die Episode mit der Bauernfamilie und ihren Schweinen überrascht – spätestens seit Deadwood wissen wir ja, was man mit Schweinen so alles anfangen kann …

Ein wenig enttäuscht war ich darüber, wie wenig Raum die Tatsache einnimmt, dass die kleine Gruppe Überlebender, die gemeinsam mit Ed auf dem Weg nach Cornwall ist, die weite Strecke läuft. Ja, das wird erwähnt, und es gibt auch immer einmal kurze Passagen, in denen die Auswirkungen des Laufens auf Ed beschrieben werden. Aber der Werbetext auf der U4 des Buches versprach mehr, oder: „Zusammen mit einigen wenigen Gefährten begibt sich Edgar Hill auf einen Ultra-Marathon durch ein sterbendes Land.“ Ja, die Gruppe muss laufen, um Cornwall bis zum Weihnachtstag zu erreichen, aber für die eigentliche Geschichte ist nur der Zeitfaktor wichtig, aber nicht unbedingt, dass die Gruppe rennt. Korrigiert mich, wenn ich mich irre. Einen viel größeren und wichtigeren Raum nehmen die zahllosen Begegnungen auf dem Weg, der wiederholte Kampf, die Opferbereitschaft der verschworenen Gruppe und Edgars Erkenntnis ein, dass er nun „seinen Hintern hochkriegen muss“, wenn er seine Familie wiedersehen will. Protagonist Ed bietet vor diesem Hintergrund mit seinem Phlegma und seiner Neigung, sich nach der Arbeit mit einem Bierchen vor den Fernseher zu flüchten, hohes identifikationspotenzial – und wenn man sich darauf einlässt auch Gedankenanstöße fürs eigene Leben und die eigenen Prioritäten.

Ein auch sehr nachdenkenswerter Aspekt: Die Asteroideneinschläge betreffen überwiegend die nördliche Halbkugel und die dort lebenden Menschen müssen in Ländern der Südhalbkugel „Asyl“ suchen. Dies kehrt doch die aktuellen Ereignisse sehr anschaulich um – und natürlich ist es auch hier so, dass nur eine begrenzte Menge an Überlebenden dort aufgenommen werden!

Mein Fazit: Ein wirklich packender Erstling, der schon Lust macht, den nächsten Roman des Autors zu lesen, der wohl im September 2017 unter dem Titel „The Last Dog on Earth“ auf Englisch erscheint.

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Justin Cronin: Die Spiegelstadt (Passage-Trilogie #3)

cronin-die-spiegelstadtGut 20 Jahre sind seit dem Tag vergangen, an dem Amy den Zwölfen gegenübergetreten ist und sie gemeinsam mit ihren Freunden vernichtet hat. Die Schreckensherrschaft der Blutsauger und ihrer Abkömmlinge scheint vorbeizusein. Da seither auch keine Virals mehr gesehen wurden, haben sich die Überlebenden nach und nach aus ihrer eng ummauerten Zuflucht gewagt. Die Tore der Stadt stehen offen, die Menschen haben damit begonnen, das Land wieder zu bevölkern. Auf den Ruinen der einstigen Zivilisation wollen sie eine neue, eine bessere Gesellschaft aufbauen: der älteste Traum der Menschheit.
Doch was sie nicht wissen: In der fernen, verlassenen Stadt New York lauert der Eine: Zero. Der Vater der Zwölf, der ursprüngliche Träger des Virus. Einst ein hochbegabter Wissenschaftler namens Timothy Fanning, der, seit er seine große Liebe verlor, nur noch von Rachedurst und Wut erfüllt ist. Sein Ziel ist es, die Menschheit endgültig auszulöschen. Seine Truppen sind bereit. Und der Zeitpunkt ist gekommen.
Nur Amy vermag ihn jetzt noch aufzuhalten, das Mädchen aus dem Nirgendwo, die einzige Hoffnung der Menschheit. Denn was die Menschen ebenfalls nicht wissen: Amy hat den Kampf gegen die Zwölf überlebt und wird seither von einem ihrer Mitstreiter versteckt. Und versorgt. Gemeinsam mit Carter, dem letzten noch Lebenden der Zwölf, wartet sie darauf, dass Zero den ersten Zug macht …

„Die Spiegelstadt“ ist der Abschlussband der „Passage-Trilogie“ von Justin Cronin, ein fast 1.000 Seiten starkes Werk, das die gewaltige Geschichte über den Kampf der Menschheit gegen die Virals zum Abschluss bringt. Und jede Seite des Buches ist ein echter Genuss und das Warten hat sich definitiv gelohnt. Cronins Finale schwächelt im Gegensatz zu den Abschlussbänden vieler anderer Autoren nicht – er hat ein weiteres Mal eine facettenreiche, gut durchkonzipierte Geschichte verfasst, bei der es ein wahres Vergnügen ist, sie zu lesen verschlingen. Als ich abends im Bett lag und Cronins Beschreibungen der Virals und über das neuerliche Verschwinden der Menschen las, wusste ich wieder, warum man die Bücher der Serie nicht unbedingt vor dem Einschlafen lesen sollte. 😉 Cronin ist eben auch ein Könner des versteckten Horrors, der Andeutungen und Auslassungen …

Er fühlte, wie die Luft sich veränderte. Alles um ihn herum schien innezuhalten. Aber im nächsten Moment erregte etwas seine Aufmerksamkeit – ein Rascheln, hoch oben in einem Pecanbaum am Waldrand. Was sah er da? Vögel waren es nicht; die Bewegung war zu stark. Er stand auf. Ein zweiter Baum erschauerte, dann ein dritter.
Er erinnerte sich an eine Redensart aus der Vergangenheit. Wenn sie kommen, kommen sie von oben.                    Seite 534

Cronin wechselt bei der Erzählung seiner Geschichte, aber auch bei der Charakterisierung der Figuren geschickt zwischen den unterschiedlichen Akteuren und Perspektiven, zwischen erzählter Geschichte und Träumen.

Um den Leser in die Handlung des Buches einzuführen und Erzähltes aufzufrischen, leitet Cronin den Abschlussband mit einer kurzen Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse ein, und zwar in einigen bibelartig abgefassten Absätzen. Dies ist angesichts der Tatsache, dass wir etwa vier Jahre auf dieses Buch warten mussten, auch bitter nötig. „Die Spiegelstadt“ enthält zwar ein Personenverzeichnis im Anhang, die jeweiligen Erläuterungen sind jedoch so rudimentär, dass sie meist wenig hilfreich sind.

Als die eigentliche Handlung beginnt, schildert Cronin zunächst, was etwa acht Monate bzw. gut 20 Jahre nach den Ereignissen im Homeland aus den einzelnen Figuren wird, als sich auch ihre Kinder in der neuen Realität eingerichtet haben. Einige kommen gut zurecht. Peter Jaxon ist nun Präsident des Staates Texas und hat seinen Neffen Caleb an Sohnes Statt großgezogen; Sara Wilson arbeitet weiter als Ärztin und kümmert sich mit ihrem Mann Hollis um die eigene Tochter Kate sowie um die gehörlose Pim; Lore DeVeer arbeitet weiterhin als knallharte Ölhand, trauert aber Michael Fisher hinterher, der ihre Zuneigung nie auf die von ihr erhoffte Weise erwidert hat. Stattdessen gehört er zu jenen, die sich in dem neuen Leben noch nicht eingerichtet haben, weil sie ahnen, dass der Kampf im Homeland nicht das Ende war.
Michael nimmt im Roman viel Raum ein. Er ist ein Einzelgänger, der wochenlang auf seinem Boot über den Golf von Mexico und darüber hinaus segelt. Dabei stößt er schon bald auf den vor Freeport/Texas gestrandeten norwegischen Tanker Bergensfjord. Darauf findet er nicht nur die skeletierten Überreste der Besatzung, sondern auch Zeitungsartikel, die darüber berichten, wie das Virus vor knapp 100 Jahren trotz aller Quarantänemaßnahmen auch die anderen Kontinente heimgesucht – und ihre Bewohner vernichtet – hat. Michael erfährt aber auch, dass es irgendwo im Atlantik eine Insel geben muss, auf der man Zuflucht gesucht hat. Und da er das Gefühl hat, dass der Kampf gegen die Zwölf noch nicht beendet ist, beginnt er mithilfe einiger weniger, die Bergensfjord zu restaurieren und reparieren.
Wie er ist auch Lucius Greer einer derjenigen, die sich von der trügerischen Ruhe nicht täuschen lassen. Er hat nach dem Kampf im Homeland die bewusstlose Amy gerettet und bei Carter (dem einzig Unschuldigen und Überlebenden der Zwölf) in einen Tanker eingesperrt. Seither versorgt er sie und Carter mit Blut und hofft, dass Amy irgendwann ihren Blutdurst besiegen und gemeinsam mit Carter den Kampf gegen Zero aufnehmen kann.
Und schließlich ist da noch Alicia. Peter, der sie liebt, hat sie nach einem Kampf gegen Babcocks Viele, in dem sie tödlich verwundet wurde, mit einer abgewandelten Form des Virus infiziert, sodass sie zwar überlebt und über besondere Kräfte verfügt – aber auch Blut braucht, was sie zu einer Ausgestoßenen macht. In „Die Spiegelstadt“ erfährt sie nun, dass der Virenstamm, den sie in sich trägt, von Zero direkt stammt, sodass sie gewissermaßen ihm gehört. Fanning ruft sie nach New York – und nun bedient sich Cronin eines wirklich gelungenen Kniffs, um auf diese Weise Fanning nicht nur Alicia, sondern auch dem Leser in aller Ausführlichkeit seine Lebensgeschichte und die Beweggründe für sein jetziges Handeln erzählen zu lassen.
Kurz gesagt gibt Fanning seinem ehemals besten Studienfreund Jonas Lear, der Menschheit, dem Universum oder Gott im Besonderen die Schuld an seiner Situation: Fanning war in Liz, die spätere Frau seines Freundes Jonas, verliebt (und diese Zuneigung wurde auch erwidert). Da Liz unheilbar krank war, forschte Jonas wie besessen nach einem Heilmittel und zögerte auch nicht, unkonventionelle Wege einzuschlagen. Nach dem Tod von Liz, durch den sich Fanning um sein Glück gebracht sah, erschlug er in seiner Wut und Trauer eine junge Frau und sah nur einen Ausweg, um seiner Verhaftung zu entgehen: Er begleitete Jonas auf eine Expedition in den bolivianischen Dschungel, wo sich dieser auf die Spur eines Mysteriums begeben wollte: Eine Gruppe von Amerikanern, die an Krebs im Endstadium litten, hatte sich auf ihrer letzten Reise mit einem Virus infiziert – und nachdem die Infektion abgeklungen war, war auch ihr Krebs geheilt. Und obwohl Jonas bei seiner Frau versagt hatte, wollte er die Suche nach einem Heilmittel nicht aufgeben. Doch im Dschungel wurde das Team von Fledermäusen attackiert – einige starben, Fanning aber überlebte. Und veränderte sich. So endete er schließlich in einem geheimen Versuchslabor des US-Militärs, das mithilfe seines Blutes Supersoldaten züchten wollte. Was, wie wir dank der „Passage-Trilogie“ wissen, scheiterte und mit der fast völligen Vernichtung der Menschheit endete. Nun will der überlebende Fanning nur noch eines: Rache. Die Vernichtung der Zwölf und ihrer Virals im Homeland war im Grunde nur sein Weg, um die Wettbewerber auszuschalten. Und jetzt hat er die überlebenden Menschen zwanzig Jahre lang in Sicherheit gewiegt, hat seine eigenen Virals zurückgehalten – doch nun ist seine Zeit gekommen. Der große Showdown in New York hatte definitiv Filmqualitäten – ich konnte vor meinem inneren Auge schon einen Katastrophenfilm von Emmerich vor mich sehen – mit einstürzenden Hochhäusern, Wassermassen und wahnsinnigen Actionszenen. Könnte bitte jemand diese Reihe verfilmen?
Zu Fanning hatte ich als Leser eine etwas zwiespältige Haltung. Einerseits ist er ein großartiger Bösewicht. Er handelt im Verborgenen, scheint seinen Gegnern immer mindestens zwei Schritte voraus zu sein. Im Grunde ist sich niemand seiner Existenz bewusst, stattdessen hat er sich seiner Zwölf und ihrer Virals wie Marionetten bedient. Durch sie hat er die Menschheit fast völlig ausrotten lassen; sie haben für ihn die Drecksarbeit erledigt. Und als die Menschheit die Sicherheit der bewachten Städte verlässt, schlägt er zu. Andererseits musste ich mich einfach fragen, wie … blöd jemand sein muss, über 120 Jahren einem anderen Menschen nachzuweinen und die Schuld am Scheitern des eigenen Lebens anderen in die Schuhe zu schieben – und nicht zu erkennen, dass nicht etwa die Menschheit oder Gott oder das Universum die Schuld an den eigenen schlechten Entscheidungen trägt, sondern man selbst. Nun ja, wäre Fanning etwas vernünftiger, hätten wir jetzt nicht diese großartige Geschichte. 😉

Das Ganze endete dann mit einem Epilog, zu dem ich ebenfalls ein etwas zwiespältiges Verhältnis hatte: Zum einen bindet er den „Sack“ zu, rundet die Handlung ab. Der Leser erfährt, wie es mit den Überlebenden weitergeht und wie die neue Gesellschaft knapp 900 Jahre später aussieht. Zum anderen empfand ich den Epilog und seine Ausführungen aber als ein wenig zu ausführlich. Eine Rahmenhandlung, wie man sie bspw. aus „Der Report der Magd“ kennt und der dieser Epilog stark ähnelt, hätte ich u. U. besser gefunden. Aber ich klage hier sicher auf hohem Niveau.

Mein Fazit: „Die Spiegelstadt“ ist der fast perfekte Abschluss einer Trilogie, die für mich zu einer der besten Buchreihen gehört, die ich je gelesen habe. Eine wunderbare Mischung aus Horror und Dystopie. Da das Buch vieles erklärt, das die Ereignisse aus Band 1 in einem anderen Licht erscheinen lässt oder besser erläutert, hatte ich nach Beendigung des Buches richtig Lust, die Trilogie gleich noch einmal von vorn zu beginnen. Ein kleiner Tipp: An diesen Büchern muss man „dranbleiben“ – wenn man Abend für Abend höchstens mal ein oder zwei Kapitel liest, findet man erfahrungsgemäß nicht so gut in die Geschichte hinein und empfindet einige Passagen u. U. als etwas langatmig.

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Stephen King: The Stand – Das letzte Gefecht

king-standKalifornien, Juni 1990: Als in einer militärischen Basis ein tödliches grippeartiges Virus freigesetzt wird und die elektronischen Sicherheitsmaßnahmen nur verzögert greifen, gelingt einem der Wachleute die Flucht aus dem Stützpunkt. Gemeinsam mit Frau und Kind tritt er die Flucht durch Nevada an. Doch das Virus erwischt jeden, der mit ihm in Kontakt kommt, und so infiziert der Soldat auf seinem Weg in den Osten immer mehr Menschen. Innerhalb weniger Tage ist die gesamte amerikanische Bevölkerung mit „Captain Trips“ infiziert und die Todesrate liegt bei nahezu 100 Prozent.
Doch es gibt auch Menschen, die gegen dieses Grippevirus immun sind. Noch während sie versuchen, mit der neuen Situation zurechtzukommen, werden sie von Träumen heimgesucht. Träumen, in denen ein mysteriöser dunkler Mann auftritt – der teuflische Randall Flagg – und eine uralte Farbige mit göttlichen Visionen, Mutter Abagail.
Einige der Überlebenden begeben sich auf den Weg nach Westen, nach Las Vegas, wo sie unter der Führung von Randall Flagg, der übernatürliche Fähigkeiten besitzt, eine neue Gesellschaft gründen. Die übrigen machen sich auf nach Nebraska, um die alte Frau zu suchen, die die ersten Ankommenden wie ein moderner Mose nach Boulder, Colorado, führt, wo sie eine neue Zivilisation aufbauen wollen.
Doch auch in Boulder gibt es Menschen, die sich zum dunklen Mann hingezogen fühlen und für seine „Einflüsterungen“ offen sind …

„The Stand – Das letzte Gefecht“ stammt ursprünglich aus dem Jahr 1978. Allerdings war der Verlag damals der Auffassung, dass man den Lesern kein Buch zumuten könnte, das mehr als 12,95 Dollar kosten würde, denn ein Buch von (im Original) über 1 200 Seiten müssten rein kalkulatorisch teurer sein. Daraufhin wurde die Geschichte von Stephen King um 400 Seiten gekürzt. Doch 1990 hatte sich die Buchwelt ein Stückchen weiter gedreht, und man beschloss, die lange Version der Geschichte zu veröffentlichen, in die nun die meisten Kürzungen in der einen oder anderen Weise wieder eingeflossen sind. Die deutsche Taschenbuchausgabe, die im März 2016 in einer Neuausgabe im Heyne Verlag erschien, hat nun schlappe 1 712 Seiten!
Man müsste wohl eine epische Rezension verfassen, um diesem epischen Werk gerecht zu werden, aber ich will mich im Folgenden auf einige wenige Aspekte beschränken.

1. Ich liebe Kings Art, die Ausbreitung des Virus lakonisch und irgendwie distanziert zu beschreiben – aber so, dass man im Grunde beim Lesen schon beinahe lächeln muss:

In der Wüste Kaliforniens hatte jemand, unterstützt vom Geld der Steuerzahler, endlich einen Kettenbrief erfunden, der wirklich funktionierte. Einen ausgesprochen tödlichen Kettenbrief.
Am 19. Juni
[…] machte Harry Trent im östlichen Texas in einem Imbiss namens Babe’s Kwik-Eat Rast, weil er schnell etwas essen wollte. Er bestellte ein Cheeseburger-Menü und als Nachtisch ein Stück von Babes köstlicher Erdbeertorte. Er hatte eine leichte Erkältung, vielleicht eine Allergie, und musste ständig niesen und spucken. Beim Essen steckte er Babe an, den Tellerwäscher, zwei Trucker in der Ecke, den Brotlieferanten, den Mann, der die Schallplatten in der Musicbox auswechseln wollte. Dem süßen Ding, das an seinem Tisch bediente, gab er einen Dollar Trinkgeld, an dem der Tod klebte.
Als er ging, fuhr ein Kombi vor. […] Harry beschrieb dem Mann sehr genau, wie er zum Highway 21 kam. Er stellte gleichzeitig ihm und seiner ganzen Familie die Totenscheine aus, ohne es zu wissen.
(Stephen King: The Stand. Heyne Verlag, München, 2015, S. 125-126)

2. King gelingt es sehr gut, ein riesiges Universum an Figuren glaubwürdig zusammenzuhalten. Er verwebt unzählige Geschichten und Schicksale handelnder Figuren auf meisterhafte Weise. Bei vielen Autoren, die ebenfalls aus einem großen Figurenreichtum schöpfen, wünsche ich mir oft, ein Personenverzeichnis zu haben, um gewisse Dinge nachschlagen zu können. Das ist bei „The Stand“ nicht nötig; hier brennt sich dem Leser jede zentrale Figur so gut ins Gedächtnis ein, dass sie rasch zu alten Bekannten werden, deren Werdegang man immer im Hinterkopf hat. Nie müsste man nachschlagen, wieso sich eine Figur für die dunkle Seite entschieden hat oder warum ein bestimmter Protagonist sich so entwickelt, wie er dies tut.
Auch sind Kings Charaktere keine perfekten Helden, die mit stolzgeschwellter Brust selbstbewusst in die Schlacht ziehen. King schenkt uns reale Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Hoffnungen und Zweifeln, ihren Erfolgen und ihrem Scheitern. Menschen, die versagen und erkennen müssen, dass sie dem falschen Weg gefolgt sind. Menschen, die Dunkelheit oder Licht folgen, aber immer wieder vor der Entscheidung stehen, diese Wahl zu revidieren und doch noch auf die gute respektive böse Seite zu wechseln.

3. Vielfach fühlte ich mich an „The Walking Dead“ erinnert – weniger hinsichtlich der Zombies, sondern vielmehr darum, dass King sich auf die Spur derselben Fragestellung begibt wie viele Jahre später die TWD-Erfinder: Was macht es mit einem Menschen, wenn das, was ihm Halt gibt, plötzlich wegbricht? Wenn die Gesellschaft, in der man seinen Platz hat (auch wenn man mit diesem Platz vielleicht unzufrieden war), von einem Tag auf den anderen nicht mehr da ist? Wird man daran zerbrechen, wie einige Figuren in „The Stand“, oder wird man Stärken und Kräfte entdecken, von denen man vorher keine Ahnung hatte? Werden Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zugunsten von Selbstsucht und dem „Survival of the Fittest“ einen schnellen Tod sterben oder ist die Menschheit doch inhärent gut? (Die Antwort lautet natürlich Nein.) Mit welchen Mechanismen bekommt man es beim Aufbau einer neuen Gesellschaft zu tun – mit welchen Schwierigkeiten ist man konfrontiert? Sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, dazu lädt „The Stand“ sicherlich ebenfalls ein.

4. Und wie es bei einem Roman, in dem es um den alten Kampf Gut gegen Böse, Gott gegen Satan geht, gar nicht anders sein kann, beschäftigt sich King auch mit religiösen Fragen. Allerdings nicht mit den unsympathischen engstirnigen Fanatikern, die Ungläubige in der Hölle schmoren sehen, oder Sonntagschristen, die lediglich  an christlichen Symbolen hängen, sondern ganz zentral mit einer zutiefst gläubigen Frau wie Abagail Freemantle, die keine Symbole braucht, sondern ganz „natürlich“ ihren Alltag mit Gott lebt – und wie ein moderne Mose das auserwählte Volk Israel ins Gelobte Land führt. Und dabei nicht fehlerlos ist. Das „Witzige“ bei dieser Beschäftigung mit Religion ist, dass die übrigen Protagonisten des Romans fast ausnahmslos Atheisten oder Agnostiker sind, in deren Leben der Glaube überhaupt keinen Platz hat. Und die „Werkzeuge“, durch die Gott dann sein Werk tut, sind ausnahmslos alte, zurückgebliebene oder kranke Menschen – und das ist im Rahmen des Romans noch nicht einmal als Kritik zu verstehen. Nach dem Motto: Nur die Alten, die Kranken oder Zurückgebliebenen glauben an etwas so Dämliches wie an einen Gott. Nein, die anderen sind schlicht nicht in der Lage, auch nur in Betracht zu ziehen, dass es um mehr gehen könnte als ein simples fehlgeschlagenes militärisches Experiment.

5. Und schlussendlich wird ein Hardcore-King-Fan sicher einige Aspekte und Personen erkennen, die in späteren Werken des Autors noch eine Rolle spielen werden – wo schon Figuren angedeutet werden, die man aus anderen King-Werken kennt. Randall Flagg ist bspw. die Nemesis der Hauptfigur aus „Der dunkle Turm“. Die Supergrippe „Captain Trips“ wird z. B. auch in der Kurzgeschichte „Nächtliche Brandung“ erwähnt.

Mein Fazit: Ein großartiges, zeitloses Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte! Für das man aber aufgrund seines Umfanges viel Zeit und einen langen Atem braucht.

(via Youtube*)

* Der wahrscheinlich schlechteste Trailer der Welt

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Lyndsay Faye: Der Teufel von New York

faye-teufel-von-newyorkNew York, 1845. Die gerade gegründete Polizei der Stadt ist ein zusammengewürfelter Haufen von Schlägertypen und seltsamen Vögeln. Auch Timothy Wilde gehört dazu – gegen seinen Willen. Bei einem Brand wurden seine Zukunftspläne zerstört, sodass er jetzt jede Arbeit annehmen muss, die sich ihm bietet. Und weil sein Bruder Valentine Captain im neu gegründeten NYPD ist, sorgt dieser dafür, dass Tim ebenfalls eingestellt wird.
Eines Tages läuft ihm im Rahmen einer Patrouille ein völlig verstörtes kleines Mädchen in die Arme, das mit einem blutgetränkten Nachthemd bekleidet ist. Sie will oder kann nicht sagen, wer sie ist. Da sie selbst körperlich unverletzt ist, muss das Blut von einer anderen Person stammen. Kurz darauf findet Tim auf einem entlegenen Gelände neunzehn Kinderleichen. Und das werden nicht die letzten Leichen sein …

„Der Teufel von New York“ ist Band 1 einer Trilogie historischer Kriminalromane von Lyndsay Faye (Band 2: Die Entführung der Delia Wright;  Band 3: Das Feuer der Freiheit) – und diese ist das Beste, das mir seit Langem untergekommen ist!
Zugegebenermaßen brauchte ich einige Seiten, um in die Handlung hineinzufinden, da die Autorin zunächst einmal in aller Breite die Lebensumstände von Timothy Wilde schildert und wie er (nicht nur) seinen Lebensunterhalt verliert.
Darüber hinaus lebt die Geschichte – und das trägt zur Authentizität des Ganzen bei – von der Verwendung von Flash, einer im 19. Jahrhundert von den New Yorkern verwendeten Gaunersprache, die durch entsprechende Begriffe aus der deutschen Gaunersprache dieser Zeit wiedergegeben wird. Ein Teil der Begriffe wird im Glossar im Anhang erläutert, einige jedoch nicht, und dies hindert zumindest zu Beginn den Lesefluss deutlich. Allerdings ist man aufgrund der Handlung ziemlich schnell mit gebeekerten Schratzen und anderen Begriffen vertraut. Dennoch ein großes Lob an die Übersetzerin, die zweifellos keine einfache Aufgabe hatte.
Ein dritter Kritikpunkt wäre sicher noch die Beschreibung von Mercy Underhill. Mercy ist die etwa gleichaltrige Tochter eine Pfarrers; Tim und Valentine sind nach dem Tod der Eltern irgendwann zu den Underhills hinzugestoßen und Tim liebt die junge Frau seit vielen Jahren aus der Ferne. Das ist auch der Grund, warum sie im Roman als eine wahre Lichtgestalt daherkommt. Einerseits stört dies – niemand ist so perfekt; niemand verbringt seine gesamte Lebenszeit damit, sich um die Armen und Benachteiligten zu kümmern, ungeachtet möglicher Infektionskrankheiten. Andererseits wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Timothy erzählt – und für diesen ist Mercy eben eine Lichtgestalt. Sie ist die ideale Frau, eine Madonna, eine Heilige, die sich auch gegen Widerstand um die Armen und Benachteiligten kümmert.

Neben diesen drei Kritikpunkten (und rückblickend kommt es mir so vor, als jammere ich auf hohem Niveau), ist das Buch aber einfach nur großartig. Die Autorin liefert sehr gut recherchierte detaillierte und anschauliche Beschreibungen der gesellschaftlichen, politischen und historischen (religiösen) Zustände der damaligen Zeit: die durch die irischen Einwanderer „verursachte“ Armut in New York, die aus der riesigen Stadt ein politisches und religiöses Pulverfass machen – Demokraten gegen Republikaner, Protestanten gegen Katholiken, alteingesessene New Yorker gegen irische Einwanderer, die vor der Hungersnot in ihrer Heimat flüchten. Diese Gegebenheiten werden von Faye derart gut geschildert, dass man den Schmutz und den Lärm und den Dreck wahrhaft nachempfinden kann; man findet sich wirklich in der damaligen Zeit wieder. Zwischen all dem muss sich Tim behaupten, der privat mit seinem charismatischen Bruder Val (Police Captain, Feuerwehrmann und Trunkenbold) genügend Probleme hat. Die beiden Brüder haben sich übrigens im Laufe der Trilogie für mich zu meinem literarischen Lieblingsbrüderpaar entwickelt.
Auch die Krimihandlung ist sehr glaubwürdig. Obwohl es im Roman um die Ermordung von 20 Kindern geht, erfährt der Leser schlicht, dass man deren Leichen gefunden hat. Im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Autoren meint Faye nämlich nicht, dass man aus Effekthascherei seine Leser mit möglichst entsetzlichen Details „beglücken“ muss. Die Tatsache, dass hier unbemerkt Kinder ermordet und verscharrt werden, ist Schrecken genug – ganz zu schweigen davon, wie diese sich ihren Lebensunterhalt zuvor verdienen mussten und dass im Grunde ihr Tod auch niemanden interessiert. Auch ist man am Ende vom eigentlichen Mörder überrascht. Es gibt viele Sympathieträger, die sich als wenig heilig entpuppen. Und viele Antagonisten, die sich … nicht als Heilige entpuppen.
Bei all dem fehlen auch nicht eine feine Portion Humor und Selbstironie, die den Leser hin und wieder schmunzeln lassen, z. B. wenn es um ein bestimmtes französisches Vergnügen geht: „… in der ich den besonderen Akt zum ersten Mal gesehen hatte, als eine Hure in einer Gasse auf einer Kiste saß und sich mit dem Mund ihr Abendessen verdiente.“ 😉
Ebenfalls ein Highlight, das zusätzlich für Authentizität sorgt: Jedem Kapitel vorangestellt sind echte Auszüge aus Zeitungen und Berichten. Durch diese erfährt man z. B. mehr über die sanitären Bedingungen der arbeitenden Bevölkerung von New York (entsetzlich!) oder über den Hass der amerikanischen Protestanten, die zur „Verteidigung der Bürgerlichen und Religiösen Freiheit gegen den Vormarsch des Papststums“ aufrufen.

Mein Fazit: Lesen! LESEN!

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Tahereh Mafi: Ich fürchte mich nicht

mafi ich fuerchte mich nicht„Regentrophfen erinnern mich daran, dass Wolken einen Herzschlag haben. Dass ich einen habe.
Ich denke immer wieder über Regentropfen nach.
Sie fallen vom Himmel, stolpern über ihre Füße, brechen sich die Beine, vergessen ihre Fallschirme, wenn sie heruntertaumeln, einem ungewissen Ende entgegen. Als entleere jemand seine Taschen über der Erde. Dem es egal ist, dass die Regentropfen zerplatzen, wenn sie auftreffen, dass sie zerspringen, wenn sie den Boden erreichen, dass Menschen die Tage verwünschen, an denen die Tropfen so dreist sind, an ihre Tür zu klopfen.
Ich bin ein Regentropfen.“ (Seite 13)

Die siebzehnjährige Juliette hat nach einem Unglück, bei dem ein kleiner Junge ums Leben kam, vier Jahre Anstalt und Gefängnis hinter sich. Jetzt befindet sie sich in Isolationshaft. Seit 264 Tagen hat sie niemanden mehr gesehen, mit niemandem mehr gesprochen. Denn eine furchtbare Gabe macht sie seit ihrer Geburt zu einem Freak, einer Ausgestoßenen: Niemand kann sie berühren. Ihre Berührung ist tödlich. Und so vertraut sie nur einem gestohlenen Notizbuch ihre Gedanken an.
Bis zu dem Tag, an dem sich ihre Zellentür öffnet und ein junger Mann zu ihr hineingestoßen wird. Nach anfänglichem Misstrauen kommen sich die beiden näher – vor allem, als sie erkennen: Adam kann sie berühren! Doch dann erfährt Juliette, dass sie das Opfer einer Täuschung wurde: Adam ist ein Soldat der Regierung, der sie zu Warner, seinem Befehlshaber, bringen soll. Und Warner hat Großes vor mit Juliette: In der vom Krieg zerstörten und vom Chaos regierten Welt will er sie als lebendige Waffe einsetzen, um die aufrührerischen Rebellen endgültig zu besiegen.
Juliette, die sich für ihre zerstörerische Kraft selbst hasst, sträubt sich gegen Warners Pläne. Dabei klammert sie sich an ihre wachsende Liebe zu Adam, der sie um jeden Preis beschützen will. Und so begeben sich die beiden Liebenden auf die Flucht …

„Ich fürchte mich nicht“ ist der erste Band einer dystopischen Trilogie der jungen Amerikanerin Tahereh Mafi. Wobei man eine Einschränkung machen muss: Es handelt sich hier eher um eine romantische Liebesgeschichte vor dystopischem Hintergrund, denn die Dreiecksgeschichte von Juliette, Adam und Warner nimmt einen sehr großen Raum in der Handlung ein. Aber da die jeweiligen Liebesgeschichten bzw. Beziehungen für mich als Leser nachvollziehbar waren und die Motivation der Akteure glaubwürdig geschildert werden, verzeihe ich das der Autorin sehr gerne. 🙂
But first things first: „Ich fürchte mich nicht“ ist das Erstlingswerk der jungen Autorin, aber sie erweist sich als exzellente Erzählerin. Ihre Sprache ist eingangs ungewöhnlich. Als wir in die Geschichte einsteigen, hat Juliette 264 Tage Einzelhaft hinter sich, wird seit vier Jahren in Anstalten und Gefängnissen gequält, und genau so ist auch ihre Sprache: Halbsätze, Wortfetzen, Gedankensplitter, sehr reduziert. Ihre Zerrissenheit wird darüber hinaus im Roman (bzw. in der kompletten Serie) immer wieder durch durchgestrichene Sätze kenntlich gemacht. Aber als sie Zeit mit Adam verbringt und sich mit ihr unterhält, verwandelt sich auch ihre Sprache.
Mafis Metaphern gehören ebenfalls zum Besten, was mir jemals untergekommen ist. Sie zeichnet Bilder von Trauer, Einsamkeit, Verzweiflung, aber auch von Liebe, Sehnsucht und Leidenschaft, die ihresgleichen suchen und die ich so noch nirgendwo gelesen habe. Im Roman stehen Sätze, die man sich immer wieder auf der Zunge zergehen lassen möchte, die man auf Poster schreiben und an die Wand hängen möchte! Aufgrund ihrer erzwungenen Einsamkeit und Isolation empfindet Juliette alles sehr stark, und deshalb häufen sich diese Metaphern und die Beschreibungen auch stark. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Die Autorin wird diesen Stil in zukünftigen Romanen vielleicht noch ändern, weil manchmal weniger eben mehr ist, aber da ihre Bilder teilweise so ungewöhnlich waren, empfand ich dies nicht als störend.
Der eigentliche Plot war jedoch weniger innovativ. Dystopien haben seit einigen Jahren Hochkultur. Vor diesem Hintergrund ist die Welt von Mafis Trilogie nicht wirklich ausführlich ausgestaltet. Man bekommt zwar einen kleinen Überblick darin, was zum Scheitern der (Welt-)Gesellschaft geführt hat und wie die (Welt-)Regierung heute funktioniert, aber alles Konkrete bleibt doch recht blass. Und was Menschen mit besonderen Fähigkeiten angeht: In der heutigen Zeit begegnen wir ja durch Marvels Inhumans, die X-Men oder die Fantastischen Vier immer wieder Figuren mit besonderen Eigenschaften wie Unsichtbarkeit (Mafis Kenji bzw. Susan Storm aus den Fantastischen Vier) oder „Unberührbarkeit“ und Lebenskraft-Aussaugen (Juliette bzw. Rogue aus den X-Men). Das kann es also nicht sein, was die Begeisterung für den Roman weckt.
Für mich war – neben Sprache und Metaphern – die Zeichnung von Juliette und – Überraschung – Warner das Interessanteste am Roman bzw. an der Serie (ich habe alle drei Bände hintereinander verschlungen, daher weiß ich, dass Warner noch wesentlich facettenreicher ist, als er uns hier in Band 1 begegnet). Juliette empfindet, wie gesagt, die Interaktion mit anderen sowie die Ereignisse sehr intensiv. Und da sie die Ich-Erzählerin des Buches ist, bekommt der Leser alles hautnah mit und kann auch alles nachvollziehen. In diesem Eingangsband ist sie noch ein überwiegend schwacher Charakter, da sie ihre Fähigkeiten noch nicht ganz ausgelotet und in den Griff bekommen hat – aber wenn sie sich erst einmal bewusst ist, wie stark sie in jeder Hinsicht wirklich ist, dann würfen wir uns auf einiges gefasst machen. In Adam begegnet sie darüber hinaus zum ersten Mal jemandem, auf den ihre Kräfte scheinbar keine Wirkung haben. Kein Wunder also, dass sie sich sofort zu ihm hingezogen fühlt – menschlich, aber auch körperlich. Das ist vielleicht auch der Grund, warum die Figur des Adam bzw. die Beziehung zwischen ihm relativ blass bleibt; alles ist sehr vorhersehbar. Wenn man ihm im Roman zum ersten Mal begegnet, weiß man sofort, dass dies der Love Interest der Protagonistin sein wird. Darüber hinaus ist der junge Soldat schlicht zu eindimensional, um wirklich interessant zu sein. Sorry …
Im Gegensatz zu Warner. Bei diesem handelt es sich um den Gegenspieler der Protagonisten, den Herrn über Sektor 45, der Juliette gefangen hält und sich ihre Kraft zunutze machen will. Ein eiskalter Psychopath, unglaublich gutaussehend, mit blonden Haaren und leuchtend grünen Augen. Der Leser hasst ihn genauso leidenschaftlich, wie Juliette es tut, als er sie aus der Isolation holt, sie Versuchen unterzieht und ihr von seinen (vermeintlichen) Plänen erzählt. Doch immer wieder blitzt durch, dass vielleicht doch nicht alles so ist, wie es scheint. Dass ihn mit Juliette doch mehr verbindet als ihre Nützlichkeit für seine Sache. Und so hofft der Leser nach Juliettes und Adams Flucht, dass dieser Mörder ihm in der Romanreihe nicht das letzte Mal begegnet ist. Wenn ihr wie ich eine Schwäche für den Bad Boy der Geschichte habt, werdet ihr sicher auch Team Warner sein.
Was übrigens dieses Buch bzw. diese Trilogie von anderen dystopischen Serien für Young Adults oder All Age unterscheidet, die ich in den letzten Jahren gelesen habe: Während Love Triangles sehr beliebt sind bzw. die Liebesgeschichte zwischen Protagonistin und Protagonisten einfach ein Muss ist, gelingt es den meisten Autoren und Autorinnen nicht, mich die Zuneigung der Figuren zueinander wirklich nachvollziehen bzw. empfinden zu lassen. Sie beschreiben zwar, dass sich zwei Figuren lieben, aber meist gelingt es mir nicht, das emotional wirklich nachzuempfinden. Doch bei Tahereh Mafi prickelt es ohne Ende. Hier weiß ich und kann auch wirklich nachvollziehen, wie die Figuren füreinander empfinden (zumindest bei Juliette und Warner; Adam bleibt, wie gesagt, etwas blass) – und die Beziehung bleibt auch nicht beim harmlosen Kuss stecken, ohne dass wir jedoch in den FSK18-Bereich abrutschen. 😉

Mein Fazit: Das beste Geschenk, das ich seit Langem bekommen habe! 😉 Wenn die Autorin weitere Bücher schreiben würde, würde ich sie ohne zögern kaufen!