Veröffentlicht in Sachtitel

Boeer/El Ouassil: Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg

boeer ouassil vegetarier essen meinem essen das essen wegBei Rot über die Ampel gehen, Pommes mit Ketchup essen, Faulenzen, Trash-Fernsehen gucken – alle tun es, aber keiner gibt es gerne zu. Denn irgendwo steht immer ein Emörungsbeauftragter, der uns ein schlechtes Gewissen macht, weil wir am Wochenende schon wieder kein Tierheim gerettet, nebenbei einen Dreitausender bestiegen und eine Vernissage mit Benefizaktion besucht haben. Auch der gekaufte Geburtstagskuchen und das saftige Steak werden von ihm missbilligend betrachtet und der USA-Urlaub sowieso. Aber keine Panik! Manchmal dürfen wir die Moral ruhig anderen überlassen. Gönnen wir den schlecht gelaunten Tugendwächtern ihren Applaus und genießen stattdessen unkorrekt das Leben! (U4-Text)

Ich bekam das Buch im vergangenen Jahr zum Geburtstag und mit seinen kurzen Essays/Texten war es genau das richtige für das abendliche „Nur noch ein Kapitel vor dem Einschlafen“. Aber am Ende wurden es dann doch noch zwei oder drei … Ich habe mich selten beim Lesen eines Sachtitels so köstlich amüsiert – und leider fand ich mich bzw. meine Erfahrungen tatsächlich in dem einen oder anderen Kapitel wieder. Auch ich habe die Kollegin, die mittags auf meinen Teller schielt und diesen mit „Oh, Gewärmtes von gestern? Weißt du eigentlich, wie viele Kalorien so ein Nudelauflauf hat?“ kommentiert, während sie in ihrer Schüssel mit frisch gedünstetem, glücklichem Gemüse (weil direkt vom Bauern) pickt und diesen mit einem „Mmh, lecker“ bedenkt. Oder den Freund, der auf meinen Hinweis „Sorry, aber ich kann nicht fahren, denn in mein Auto passen höchstens drei Personen – und der, der hinten sitzt, sollte klein und schlank sein“ entgegnet: „Ich kann gar nicht verstehen, warum du dir so ein Ego-Auto gekauft hast.“ Aber selbst kein Auto besitzt und auf andere angewiesen ist, weil er meint, er käme (nicht nur) der Umwelt zuliebe ohne aus. Solche und ähnliche Geschichten gibt es in „Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg“ zu lesen – und noch wesentlich extremere. Es geht um Menschen mit einem unglaublichen Sendungsbewusstsein, die jeden zu Ökoessen bekehren wollen, oder politisch überkorrekte Intellektuelle, die allem und jedem mit Toleranz begegnen – außer denen, die ihre Meinung nicht teilen. Natürlich sind die Beschreibungen überzogen; die Autoren zeichnen Stereotype und bedienen Klischees. Aber wenn man dies im Hinterkopf behält und nicht alles so ernst nimmt …

Lesenswert: „In 30 (Fehl-)Schritten zu einem glücklicheren Menschen“ – 30 Tipps für mehr authentisches Verhalten, auch wenn man damit aneckt. Darunter z. B. „Geben Sie bei Ihrem nächsten Job-Interview zu, dass Sie die Stelle gerne hätten, weil sie einfach unglaublich gut bezahlt wird“, „Stehen Sie ruhig offen und selbstbewusst zu Ihrer Heterosexualität“ oder „“Sie dürfen ruhig zugeben, dass Ihnen mit Ketchup alles besser schmeckt“.

Das Buch ist definitiv nichts für Menschen, die zum Lachen in den Keller gehen … 🙂